OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Sepulkrales aus Hinterpommern

 - Mai 2015
Ausgabe: 
Nr. 129, II, 2015

Ihrer inzwischen 23jährigen Tochter, die dort ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte, schenkte eine Mutter Erinnerungen aus "Lauenburg in Pommerland" (heute Lbork in Polen), wo ihr Mann ab 1917 jahrelang Landrat war.

In diesem mit Liebe zu Weihnachten 1940 hergestellten Buch – ein kleiner Schatz, den sie selber tippte und illustrierte – beschreibt also Ilse Kressmann (1890–1971) die Gegend und das Leben in der Stadt nach dem ersten Weltkrieg, erzählt von besonderen Persönlichkeiten und dabei auch folgende Geschichte:

"Ein anderes Original der Gegend war leider schon seit annähernd 100 Jahren nicht mehr unter den Lebenden, aber seltsamerweise noch wohlerhalten und auf Wunsch sogar sichtbar! Dies war ein alter Arzt, namens Wollmer, der eine solche Furcht vor dem Scheintod gehabt hatte, dass er die Bestimmung getroffen hatte, seine Leiche sollte in einem offenen Sarg gebettet, der Sarg auf dicken eichenen Pfählen über die Gruft gestellt und nicht früher beigesetzt werden, ehe die Pfähle nicht durchfaulten.

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So war es geschehen! Der Sarg steht noch heute in einem eigens dafür erbauten Häuschen neben dem Sommerhaus des alten Herrn in einem von Hecken eingefassten Garten. Aber das Seltsamste kommt noch! Das Testament enthielt eine sehr lang ausgeführte Bestimmung über eine Festlichkeit, die jedes Jahr am Geburtstag des Verblichenen stattzufinden habe und wofür die Kosten aufs Genaueste festgelegt und aus dem Nachlass gedeckt waren. Da der zweite Pastor der Gemeinde Haus und Garten zur Benutzung erhielt, musste er dies seltsame Fest auch leiten, den Bürgermeister und alle Honorationen mit Kaffee und Sträusselkuchen (sic) traktieren, abends eine Bowle verabfolgen, und selbst der Nachtwächter und die Wächter am Stadttor waren mit Trinkgeldern bedacht, wenn die Herren – bezecht von diesem seltsamem Erinnerungsfest – nachts ihre Hilfe beanspruchen sollten. So wurde der Geburtstag alljährlich froh begangen und dem toten Gastgeber auch jedes Mal ein Besuch in seiner stillen Klause abgestattet, wobei man nicht vergass, ihm in Dankbarkeit einen neuen Schlips zu seinem schwarzem Gehrock und steifen Kragen anzulegen und eine frische Blume ins Knopfloch zu stecken. Als ich ihn sah, hatte man eine rote Nelke gewählt, – vielleicht in Anbetracht der freisinnigen Zeiten! – "

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Heft-Rubrik: 

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