OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Alte Grabmale – moderne Medien

 - Mai 2015
Ausgabe: 
Nr. 129, II, 2015

Nichts bleibt so, wie es ist! Diese banale Weisheit gilt auch für Friedhöfe.

Auch wenn sie anscheinend immer gleich geblieben sind, so zeigt ihre Erforschung doch, dass sie stets den allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen unterlagen, auch wenn es manchmal etwas längere Zeit brauchte, bis diese Veränderungen sozusagen am "letzten Ende", dem Ort des Todes ankamen.

Seit etwa zwanzig Jahren findet gerade wieder ein grundlegender Wandel in unserer Gesellschaft statt. Die neue Kommunikationstechnologie vernetzt inzwischen nicht mehr nur Menschen sondern mit wachsender Geschwindigkeit auch Dinge. Mit dem Internet ist die Möglichkeit entstanden, sich über weite Entfernungen hinweg in Echtzeit, also "live", mit anderen Menschen zu verbinden. Zugleich stellt es anscheinend unendlich viel Raum zur Verfügung, um Inhalte jeder Art – vom Text über Bilder bis zu Filmen und Stimmen – für "alle Ewigkeit" aufzubewahren und zu jeder Zeit wieder abzurufen.

Das Interesse, das Andenken an Mitmenschen und ihre außergewöhnlichen Taten zu veröffentlichen und die Erinnerung an sie über einen langen Zeitraum zu bewahren, verbreitete sich schon im 19. Jahrhundert immer mehr, als man begann, Denkmäler nicht mehr nur für Fürsten und Feldherren, sondern auch für Dichter und Denker und andere bedeutende Persönlichkeiten zuerst im öffentlichen Raum und bald auch auf Friedhöfen zu errichten. Der Alte Südfriedhof in München, der Melatenfriedhof in Köln oder der Ohlsdorfer Friedhof, um nur einige Beispiele zu nennen, legen davon ein beredtes Zeugnis ab und werden gerade aus diesem Grund von vielen Menschen besucht.

Die Informationen, die Denk- und Grabmäler über die Zeiten transportieren können, sind allerdings beschränkt: Mehr als Namen und Lebensdaten, ein Porträt, ein Motto, eine kurze Inschrift lassen sich dort nicht anbringen. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Friedhofstourismus immer mehr entwickelt. Führungen, bei denen die Geschichte jener Menschen erzählt wird, vor deren Gräbern man steht, sind beliebt geworden. Friedhöfe werden so als Teil der jeweiligen Stadtgeschichte wahrgenommen und haben damit eine zusätzliche Bedeutungsschicht zurückgewonnen, die seit dem Zweiten Weltkrieg verschüttet gewesen war. Denn nach dem Trauma von Diktatur und Krieg wurden Begräbnisplätze nur noch als Orte des Todes gesehen und wegen der damit verbundenen fast unerträglichen Trauer gemieden und tabuisiert.

Wie groß das Interesse an historischen Friedhöfen inzwischen geworden ist, zeigt unter anderem die Einrichtung der Europäischen Friedhofsroute durch die ASCE (Association of Significant Cemeteries in Europe – Verband bedeutender Friedhöfe in Europa). Um Informationen über diese Kulturroute breit zu streuen, gibt es zum einen die zugehörige Website , die mit der des Verbandes verlinkt ist. Dort kann man sich eine Broschüre mit Beschreibungen aller Friedhöfe kostenlos herunterladen. Zum anderen wurde eine App für mobile Geräte entwickelt, so dass man den Inhalt der Broschüre inzischen für einige der großen Friedhöfe auch direkt vor Ort aufrufen kann.
Doch die neuen Technologien ermöglichen noch viel mehr. Mit ihnen kann sozusagen das ganze Leben in den Blick genommen werden. Ausführliche Lebensgeschichten können zusammen mit Bildern, Tondokumenten und Filmen mit einem Grabmal verbunden werden und sowohl zuhause am Computer wie vor Ort über mobile Geräte abgerufen werden. Für die historischen Friedhöfe in Deutschland wurde die neue Friedhofsapp "Wo-sie-ruhen" entwickelt. Diese Website bietet zurzeit allgemeine Informationen zu 37 national bedeutsamen historischen Friedhöfen in Deutschland mit rund 1.000 kulturhistorisch interessanten Grabmalen. Das Besondere daran ist, dass man die Texte nicht nur lesen und die Bilder ansehen kann, sondern sie sich vor Ort auch anhören und damit sozusagen einer persönlichen Führung lauschen kann.

QR-Code
QR-Code Aschersleben. Dieser Code lässt sich mit einer App auf einem Smartphone lesen und führt zu der Internetseite mit Informationen über die Grabmale in Aschersleben. Abb.: B. Leisner

Noch ist die Anzahl der in dieser App vorgestellten historischen Friedhöfe begrenzt. Wer für seine Anlage trotzdem die Chancen der neuen Medien nutzen will, sei auf das Beispiel Aschersleben hingewiesen. Die älteste Stadt in Sachsen-Anhalt hat auf ihrem Friedhof in Eigenregie einen Erinnerungspfad angelegt und die Grabstätten bekannter Persönlichkeiten mit QR-Codes versehen. Auch hier kann man die Informationen vor Ort und zuhause auf der Seite des zugehörigen Internetportals nachlesen. Außerdem gibt es einen Flyer, der über die Aktion informiert.

Twitter
Die Website von Twitter mit dem Hashtag "#Friedhofsspaziergang" (aufgerufen am 11.4.2015). Foto: B. Leisner

Mit Hilfe der neuen Medien lässt sich also die Aufmerksamkeit für das erhaltenswerte Kulturgut auf historischen Friedhöfen erhöhen, und man kann damit auch jüngere Menschen ansprechen. Aber auch mit Aktionen, die gezielt die sozialen Netzwerke nutzen, kann man ein Publikum ansprechen, das seltener auf Friedhöfen zu finden ist. Als Beispiel seien hier Führungen genannt, zu denen Menschen eingeladen werden, die aktiv und mobil den Kurznachrichtendienst Twitter nutzen. Als Entgelt für die kostenlose Führung werden sie gebeten, live unter einem vorher festgelegten Hashtag (das ist ein Wort, vor das ein Doppelkreuz # gesetzt wird und das damit als Schlagwort dient) Kurznachrichten und Bilder von dem Ereignis zu senden und/oder später über das Ereignis auf ihrem Weblog oder in ihrem bevorzugten sozialen Netzwerk zu berichten. Im Internet können sich die Informationen rasch und weit verbreiten, da die Nachrichten innerhalb des Netzwerks von vielen Menschen gesehen und über die Funktion des Teilens verbreitet werden können. Den neuen Ideen sind hier übrigens keine Grenzen gesetzt und sicher kann man noch viele neue Formate entwickeln, die dafür sorgen, dass historische Friedhöfe in einer breiten Öffentlichkeit als erhaltenswertes Kulturgut gesehen und gefördert werden.

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