OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Denkmalschutz und Politik auf Ohlsdorf – Hamburger Verhältnisse?

 - Februar 2016
Ausgabe: 
Nr. 132, I, 2016

Was Christine Behrens in ihrem Artikel der Zeitschrift für Trauerkultur Nr. 132 sehr persönlich berichtet und was sie und andere Aktive aus dem Förderkreis für die Rettung von Grabmalen vor allem aus der Zeit nach 1950 leisten (für diese Epoche bis zur Gegenwart gibt es bundesweit keine Erhebung der erhaltenswerten Bestände!) – das ist ein schönes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement.

Aber in einer im Anspruch gut regierten Stadt wird politisch gesehen eine Form von behördlicher Untätigkeit verschleiert: Schöne Gesetze zum Denkmalschutz werden mit Applaus beschlossen – aber für den Vollzug werden die Mittel nicht gegeben.

Warum dieses harte Wort?

1. Denkmalschutz ist eine öffentliche Aufgabe. Seit 2013 haben wir ein neues Denkmalschutzgesetz (Prinzip des "ipsa lege"), durch das sich die Zahl der als erhaltenswert "erkannten" Denkmale (Einzelgebäude und Bauwerksgruppen/Ensembles) in der Stadt enorm vergrößert hat. Der Ohlsdorfer Friedhof ist 2013 weitergehend sogar als Ganzes mit seinen Bauten und als Parkanlage unter Schutz gestellt – aber die damit vermachten organisatorischen und rechtlichen Folgen hat man in der Kulturbehörde offenbar nicht bedacht. Lob für ein schönes Gesetz ist nur verdient, wenn dessen Zusagen auch mit Mitteln zur Erfüllung hinterlegt sind, das heißt konkret mit Personal und Geld.

2. Auch die Zeit ab 1950 hat erhaltenswerte Bauten hervorgebracht und der Streit um die (eigentlich geschützten!) City-Hochhäuser aus den 1950er Jahren, strahlend weiß erbaut, später in den 1970er Jahren hässlich grau verkleidet, zeigt, dass sich der Blick auf Zeittypisches, das als solches zu erhalten ist, erst langsam bildet. Eben dies gilt auch für Grabmale auf dem Friedhof – nur hat sich das Amt für Denkmalschutz dieser seiner amtsgemäßen Aufgabe nicht gestellt.
Als etwas außenstehender Liebhaber des Ohlsdorfer Friedhofs, eines schon von der Größe her weltweit einzigartigen Denkmals, hat man den Eindruck, dass die Geschäftsführung des Ohlsdorfer Friedhofs (als AöR) unter erheblichem betriebswirtschaftlichem Druck steht. Sie soll bei sinkenden Einnahmen ihren Haushalt ausgleichen, darüber wacht rollenrichtig die zuständige Umweltbehörde. Für die denkmalschützerische Seite ist die Kulturbehörde zuständig – und die gibt der Verwaltung des Friedhofs offenbar weder fachliche noch materielle Unterstützung. Zügiges Abräumen ohne Prüfung der Denkmalwürdigkeit heißt gegen den Geist des Denkmalschutzgesetzes handeln – und wenn die Kulturbehörde erklärt (SKA [Schriftliche Kleine Anfrage] 21/1660, Ziff. 6.d.), dass der Förderkreis ja eine Sichtung vornehmen und die Rettung von abgelaufenen Denkmalen (diese gelten als aufgegeben und gehen deshalb in das Eigentum der FHH über, was aber auch juristisch nicht abgesichert sein soll…), auf eigene Kosten erledigen dürfe, dann ist das eine schockierende Aussage: Wie weit soll Privatisierung öffentlicher Aufgaben gehen?

3. Der Verfasser dieser Zeilen rät Friedhofsfreunden in Hamburg wie in anderen Bundesländern dringlich zur Lektüre der förmlichen Antworten der Kulturbehörde an das Parlament vom 14.8.15 und 29.9.15. Technisch sind sie leicht zugänglich per Suchmaschine im Internet: Bürgerschaft SKA 21/1236 und 21/1660 – eine ganz besondere Prosa. Mein Lieblingszitat ist: „Es liegen derzeit keine Hinweise darauf vor, dass erhaltenswerte Substanz in erheblichem Umfang zerstört werden könnte.“ (21/1660, Ziff. 5.c.), während an anderer Stelle zugegeben wird, dass eine behördliche Prüfung nicht erfolgt ist.

4. Dabei gibt die Kulturbehörde selbst zu, dass die Kenntnisse über Grabmale der 1950er bis 1980er Jahre "sehr gering" sind, kündigt aber Erkenntnisse von einer Fachtagung der Landesdenkmalpfleger im Oktober 2015 an, auch zu Beurteilungskriterien (21/1236, Ziff. 9.c.). Von konkreten Resultaten ist allerdings nichts zu erfahren.

5. Anderswo macht man es besser: Als Förderkreis haben wir im Oktober 2015 bei einer Fachexkursion den Kasseler Hauptfriedhof besucht: Dort werden erhaltenswerte Steine des letzten Jahrhunderts von Fachkundigen der Verwaltung und Mitgliedern des dortigen Freundeskreises ausgesucht und „von Amts wegen“ auf ein museal gestaltetes Areal umgesetzt.

6. Hamburg hat erfreulicherweise "als Flaggschiff" Bundesmittel erhalten für ein Projekt zur Erforschung künftiger Entwicklungsmöglichkeiten für große Friedhöfe in Zeiten schrumpfender Flächenbedarfe – das ist erfreulich. Aber ich kann nicht glauben, dass eine offene Diskussion gut vorbereitet werden kann durch vorangehendes intensives Abräumen, „tabula rasa“ ohne Rücksicht auf den Denkmalschutz. Dies Verfahren kann nicht Vorbild für die vielen anderen Friedhöfe in Deutschland mit denselben Problemen sein.

7. Die Diskussion über die Entwicklung des Ohlsdorfer Friedhofs, unter dem Titel "Ohlsdorf 2050" mit Recht angeschoben, gehört in die Bürgerschaft als unser Parlament – denn unser Friedhof ist weltweit ein Alleinstellungsmerkmal unserer Stadt und für viele Bürger ein Ort, an dem Heimat erlebt wird.

8. Ein erster Erfolg ist zu verbuchen: Mindestens mit dem Aspekt des Denkmalschutzes in Ohlsdorf wird sich der Kulturausschuss der Bürgerschaft beschäftigen (Antragstext: Bürgerschaft Drucksache 12/2748 vom 6.1.2016). Das sollte bedeuten, dass bis zu einer Meinungsbildung der Abgeordneten der Schutz erhaltenswerter Steine sicher sein muss.

9. Was sollte im Hamburger Parlament beschlossen werden: Es wird anerkannt, dass der Denkmalschutz auf dem Friedhof eine öffentliche Aufgabe ist, die in der Verantwortung der Stadt betrieben werden muss. Dazu muss:

a. eine kompetente Sichtung der Bestände erfolgen, deren Kosten die Stadt oder eine Stiftung übernehmen. Sicher können und wollen Mitglieder des FOF dabei mitarbeiten. Das Ergebnis ist ein weiterer Katalog von erhaltenswerten Grabmalen.

b. Diese Grabmale müssen als geschützt gelten und bleiben ungestört an ihrem Orte stehen oder werden, sobald entsprechende Beschlüsse, auch im Rahmen von Ohlsdorf 2050, gefasst sein werden, in dafür vorgesehene museale Zonen versetzt und mit Schildern erklärt.

Es wäre utopisch, angesichts des demographischen und des kulturellen Wandels zu glauben, dass unser Friedhof in hundert Jahren noch so wie heute aussehen könnte. Aber der imponierende Zusammenklang von (Toten-)Ruhe, Parklandschaft sowie Bauten und Grabmalen, die für unsere Kulturgeschichte stehen, wird von den Menschen noch für viele Jahrzehnte gefordert sein – und sicher weit über den Zeitraum der 34 Jahre bis 2050 hinaus.

Stand 19.1.16

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