OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Lachen inmitten der Trauer

 - Februar 2015
Ausgabe: 
Nr. 128, I, 2015

Jan Möllers und Carmen Tillmann aus Berlin arbeiten beide mit sterbenden und trauernden Menschen und denen, die sie begleiten: der Kulturanthropologe Jan Möllers als Bestatter und die Diplom-Pädagogin Carmen Tillmann als Mentorin für Hospiz- und Palliativbegleitung.

Die folgenden Gedanken basieren auf ihren professionellen Erfahrungen. Sie entspringen auch ihrer Haltung, die Vielfalt des Lebens dankbar wahrzunehmen und dadurch auch der Freude und dem Humor Raum zu geben und diese mit anderen zu teilen.

"Wir sterben, wie wir leben, daher sollte man sich bereits im Leben einen gesunden Humorvorrat anlegen." Harald Alexander Korp

Mit dem Lachen und dem Tod ist es nicht viel anders als mit dem Lachen und dem Leben: Es gehört dazu. Im Leben ist es für uns selbstverständlich, dass wir lachen. Aber wie ist es, wenn der Tod in unser Leben tritt? Schwere Erkrankungen, der nahe Tod, Begleitung und Verlust eines geliebten Menschen, Abschiednehmen und Bestattung, Trauer und Neuorientierung im Leben sind enorme Herausforderungen und Stressfaktoren. Bei der Schwere des zu Bewältigenden kommt man kaum auf die Idee, dass es in diesen Situationen "etwas zu lachen" gibt, dass Freude und Humor erlebt werden dürfen. Und doch gibt es dieses Erleben und, wenn es gewürdigt und nicht bewertet oder tabuisiert wird, dann wirkt es als stärkende Quelle und Bereicherung. Für eine kleine Weile tritt das Schwere in den Hintergrund, kann sogar vergessen werden, alles scheint leichter. Diese Ereignisse sind meist spontan und kaum planbar. Sie sind ein "Geschenk des Himmels".

Menschen reagieren entsprechend ihrer emotionalen Ausstattung und ihrer Lebenserfahrungen unterschiedlich auf schwere Situationen. Aufmerksamkeit und Interesse, Ärger, Angst und Ängstlichkeit, Traurigkeit und Verzweiflung und schließlich die Freude, die unsere Fähigkeit zum Erleben von Humor und Lachen beinhaltet, wirken als Orientierung, als Signal und Brücke zwischen der Innenwelt der Person und den äußeren Anforderungen.

Bei einem Seminar mit Hospizbegleitern führten wir eine Übung durch, sich auf die eigenen Wünsche für die Bestattung einzulassen. Eine Teilnehmerin las ihren Hauptwunsch vor: mit ihren geliebten gelben Stöckelschuhen beerdigt zu werden! Das ausgelöste Lachen in der Runde erleichterte spürbar die durchaus angespannte Situation.

Eine Ärztin berichtet von einem Patienten, der bettlägerig und den Tod vor Augen auf einen Hospizplatz wartet. Auf die routinierte Frage nach dem Befinden antwortete er mit einem verschmitzten Lachen auf den Lippen: "Na, det blühende Leben, Frau Doktor, det sehn Se doch!" Sich jetzt zu trauen zu lachen, das kann ein Lebenselixier sein, für den Betroffenen und für die begleitende Person.

Humor wirkt lebensbejahend, durchaus auch kritisch und antiautoritär. Es ereignet sich somit immer ein kleiner Sieg über Furcht und Abhängigkeit. Unser Denkvermögen wird stimuliert, sodass wenigstens vorübergehend andere Perspektiven auf Widersprüche und Ausweglosigkeiten eingenommen werden können. Humor und Lachen stärken die Fähigkeit zum Mitgefühl, für uns selbst und für die Unzulänglichkeiten und Fehler anderer. Voraussetzung ist eine herzliche, offene und tolerante Beziehung zu der Person, mit der gelacht wird oder der eine humorvolle Bemerkung gilt. Humor verbindet Gegensätze, schafft Befreiung und Entspannung. Humor sensibilisiert Beziehungen und schafft oft ein kurzes fröhliches Chaos, in dem wir uns wohlfühlen. Andererseits gibt es kaum etwas Entmachtenderes, als wenn wir ausgelacht oder der Lächerlichkeit preisgegeben werden. In der Verletzlichkeit, die in der Konfrontation mit dem Tod entsteht, ist es wichtig, Sorge dafür zu übernehmen, dass Lachen nicht verletzend, auf "Kosten anderer", sarkastisch, zynisch, herabsetzend, "unterhalb der Gürtellinie" erfolgt.

Die Konfrontation mit dem Tod führt bei vielen Menschen zu Erstarrung und in Verbindung mit einer entemotionalisierten Abschieds- und Trauerkultur ist dann weder Platz für Lachen und Freude noch für (unversöhnliche) Traurigkeit und Verzweiflung. Lediglich eine "pietätvolle" Anteilnahme scheint erwünscht. Ein menschlicher Umgang mit Sterben, Tod und Trauer bedeutet, die mit dem Sterben und Trauern verbundenen Gefühle zu erobern: neben Traurigkeit und vielen anderen Gefühlen eben auch Humor.

In der Begleitung sterbender und trauernder Menschen ist Lachen und Humor wichtig, weil es eine menschliche Grundregung ist. Humor als respektvolle und anteilnehmende Haltung des Begleiters wirkt in der Begegnung und hilft, dass Realitäten wie Schwäche, Verletzlichkeit und Sterblichkeit als zu jedem Leben zugehörig angenommen werden können. Manchmal werden die Begleitenden auch und gerade vom Humor der Sterbenden oder Trauernden seltsam berührt. Dies ist eine Chance, sorgfältig auf sich zu hören und das eigene Humorverständnis nicht auf den anderen Menschen zu übertragen.

Wir können somit formulieren, dass Humor zur Würde eines jeden Menschen gehört. Auch wenn Freude, Humor und Lachen nicht gelehrt werden, kann man sich einen Sinn für Humor aneignen, indem die eigene Wahrnehmung sich ausrichtet auf das Erkennen und Zulassen von Freude und Humor im Alltag. Es gilt, die vorhandenen Ressourcen und Stärken aufzuspüren. Die Erinnerungen an freudige Erlebnisse sind dabei eine besonders kraftvolle Quelle. Respekt für das Sein und Leiden des Anderen heißt seine Bedürfnisse, Grenzen und Lösungen zu akzeptieren.

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