OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Seebestattung: Ein Ausdruck von Vielfalt in unserer Bestattungslandschaft

 - Dezember 2014
Ausgabe: 
Nr. 127, IV, 2014

Wenn wir über die Möglichkeiten und Vielfältigkeit von Bestattung nachdenken, kommen wir meistens nicht umhin, diese in Beziehung zum Leben eines Menschen zu bringen.

So denke ich z. B. an meinen Opa, der in seinem Dorf geboren wurde, dort in seiner Jugend meine Oma heiratete, und mit ihr genau an diesem Platz Erde fast jeden einzelnen Tag seines Lebens verbrachte. Verreisen mochte er nur ungern. Nach dem Krieg und der Gefangenschaft, die ihn gewaltsam bis ans Ende der Welt nach Russland brachten, verreiste er noch widerwilliger. Als er starb, bekam er einen Platz auf dem Kirchfriedhof dieses Dorfes, der fünf Meter von seinem Haus entfernt war und wurde dort bestattet. ERD-bestattet. WAS DENN SONST? Ein Ausdruck von Verwurzelung, von Heimatgefühl. Ein Ausdruck davon, immer den Platz an der zentralen Stirnseite des Esstisches zu haben und das Tischgebet zu sprechen, wenn die große Familie da war. Ein Ausdruck von Kontinuität, aber auch von Verbundenheit. Wenn ich an ihn zurück denke, sehe ich einen stattlichen riesigen Baum vor mir, dessen Wurzeln im Erdreich genau so weit reichen, wie seine Krone. Majestätisch. Und unverrückbar. Genau so war er. Seine Ansichten und Meinungen waren ein Leben lang in Fels gehauen und deswegen auch genau so wenig flexibel wir ein Fels. Er ist für mich in allem, was zu seinem SEIN gehörte ein Beispiel für das Element Erde. Und noch heute muss ich bei dem Satz "ERDE zu ERDE" assoziativ an meinen Opa denken.

Das absolute Gegenbeispiel dazu sind meine Eltern. Wir haben als Kinder irgendwann aufgehört nachzurechnen, wie oft sie in ihrem Leben wohl umzogen, ihren Wohnsitz veränderten. Und das quer durch Deutschland. Allein in den letzten acht Jahren waren es vier Mal. Ein Lebensentwurf, der sie jung und fit hält. Jeder, der schon einmal umgezogen ist, ahnt, was dies für eine logistische und nervliche Meisterleistung ist. Mein Vater meisterte das mit 75 Jahren ohne Probleme. "Das ist Übung" war seine Standard-Erklärung dafür. Als mir meine Eltern in diesem Jahr erzählten, dass sie eine Seebestattung wünschen, dachte ich: WAS DENN SONST? Würde man für jeden Wohnsitz einen Punkt in der Deutschlandkarte setzen, und diese miteinander verbinden, wäre das so eine Art Lebensfluss, der sich von Süd nach Nord durch die Landschaft schlängelt... und irgendwann – in hoffentlich weiter Ferne – ins tiefblaue Meer mündet. Ihr Leben ist geprägt von Beweglichkeit, Austausch, Wandlungsfähigkeit, Flexibilität und Veränderung. Alle diese Eigenschaften stehen für das Element Wasser.

Doch nun kommen wir zu einem Paradox. Als mein Opa starb, musste meine Oma keine Erklärung unterschreiben, in der sie (wem denn eigentlich?) versicherte, dass Opa sich der Erde verbunden fühlte und deswegen eine Erdbestattung wünschte. Ich werde dies – zumindest nach jetziger Bestattungsgesetzlage in Hamburg (Bestattungsrecht ist Ländersache) – irgendwann einmal tun müssen und dabei hoffen, dass niemandem auffällt, dass beide mindestens 700 km von der Ostsee entfernt geboren wurden, keiner von beiden jemals zur See fuhr, dass sie auch nie ein Segelschiff besaßen oder (bis jetzt) eine Kreuzreise machten und auch niemals vorhatten, Matrose oder Kapitän zu werden. Warum muss ich eine Selbstverständlichkeit begründen, meine Oma hingegen nicht?

Ist das nicht seltsam? Für mich gibt es darauf nur eine schlüssige Antwort: Wenn sich Ansichten, Prägungen oder Wertvorstellung in einer Gesellschaft erst einmal etabliert haben, werden sie vom kollektiven Bewusstsein nicht mehr hinterfragt, sondern als gegeben hingenommen.

So ist es in Hamburg im Jahr 2014 normal, dass eine "Paragraph-10-Bestattung" (das ist die Bestattung, die von der Kommune vorgenommen werden muss, wenn es keine Angehörigen gibt, die einen Bestattungsauftrag erteilen) eine Seebestattung in der Praxis ausschließt, selbst dann, wenn diese ausdrücklich testamentarisch verfügt wurde und es keine Mehrkosten für den Steuerzahler bedeutet. Müssten nicht alle dafür verantwortlichen Organe/Behörden/Menschen schamrot werden angesichts solcher Missstände? Begründet wurde dies uns gegenüber von offizieller Seite damit, dass man sich doch nur "an das Gesetz hält", in dem steht, dass die zuständige Behörde eine Beisetzung in einer Reihengrabstätte veranlassen kann. Der Paragraph 11, in dem steht, dass sich die Art der Bestattung nach dem Willen des Verstorbenen richtet, scheint dabei unberücksichtigt. Nun bin ich kein Jurist. Aber genau als solcher, nämlich als nicht-juristischer Mensch, ist es nicht nachvollziehbar, warum irgendein Paragraph den letzten Willen eines Menschen bezüglich seines legalen Bestattungswunsches brechen könnte, wenn es keinen finanziellen Nachteil für den Steuerzahler bedeutet.

Ist also die Seebestattung auch in einer Hansestadt noch eine Bestattungsart, die sich noch nicht als "normale" Bestattungsform im gesellschaftlichen Bewusstsein eingebürgert hat?

Schaue ich mir unsere Bestattungs-Statistik an, fällt mir auf, dass die Seebestattung die klassische Erdbestattung schon vor einigen Jahren überholt hat und dass sie im Gegensatz zur Waldbestattung in den letzten 3 Jahren jedes Jahr deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Genau genommen nimmt sie nach der klassischen Urnenbestattung auf einem "normalen" Friedhof den Platz 2 ein.

Richtig: Platz 2 in der Liste aller gewünschten Bestattungsarten in unserem Bestattungshaus!

Vielleicht hat sich also die Seebestattung im gesellschaftlichen Bewusstsein klammheimlich eingebürgert, ohne dass sich dies im Bewusstsein der Bestattungsgesetze widerspiegelt?

In den verschiedenen Bundesländern gibt es immer noch verschiedene gesetzliche Vorgaben für die Ausführung einer Seebestattung. Die meisten Bundesländer verlangen eine behördliche Ausnahmegenehmigung, die mit einer Gebühr berechnet wird. Dabei handelt es sich um eine Ausnahme von der Friedhofspflicht, die in Deutschland nicht nur für Särge, sondern auch für Urnen besteht. In Hamburg reicht eine formlose Erklärung der Angehörigen. Von meinen Kollegen aus anderen Bundesländern erfahre ich immer wieder, dass bei einer Seebestattung die Krematoriumswahl entscheidend ist. So werden in der Praxis die Krematorien der Bundesländer gemieden, in denen eine Seebestattung noch mit schwierigen Reglementarien belegt wird. Statt dessen wird im Einvernehmen mit den Angehörigen ein Krematorium eines nahen benachbarten Bundeslandes gewählt, um dem Wunsch der Angehörigen entsprechen zu können.

Der Wunsch von Angehörigen nach einer Seebestattung hat oft die unterschiedlichsten Gründe. Einige davon sind im Folgenden aufgeführt:

• die Verbundenheit oder Liebe zum Meer (egal ob beruflich oder privat)

• die Ehrfurcht vor der Last einer 25-jährigen Grabpflege ("das wollen wir unseren Kindern nicht zumuten")

• eine gewachsene Familientradition, in der Friedhöfe, Gräber und "Plätze des Abschieds" unwichtig sind

• das Bestattungs-Budget (eine anonyme Seebestattung kostet bei uns weniger als die Hälfte einer anonymen Urnen-Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof)

• das Erleben einer Seebestattung als Trauergast ("Das war so wunderschön, dass wir uns direkt auch dafür entschieden haben")

• es gibt keine Angehörigen, die sich um ein Grab kümmern könnten

• das Zusammengehörigkeitsgefühl z.B. innerhalb von Familien bzw. die Seebestattung als "Familiengrab" ("mein Mann war Kapitän und wurde in der Lübecker Bucht bestattet, hier Frau Winkler sind die Koordinaten, genau dort möchte ich auch hin" Oder: "Ich will zu meinem Sohn")

• das Unwohlsein bei dem Gedanken, "in die Erde" zu kommen

• aus ökologischen Gründen (alles löst sich im Wasser auf, verteilt sich über den gesamten Planeten und geht in den Kreislauf der Natur über)

Wahrscheinlich gibt es jedoch exakt so viele verschiedene Gründe wie Menschen, die sich für diese Bestattungsform entscheiden. Zusammenfassend kann man jedoch sagen: Für viele Menschen steht das Wasser als Symbol für ein überall erreichbares und allgegenwärtiges Element, welches somit in vielfältigster Weise – egal wo wir uns befinden – vorhanden ist. Trauer, aber auch Erinnerung und Dankbarkeit sind somit nicht punktuell an einen Ort gebunden, sondern überall möglich. Das Wasser als Elixier des LEBENS steht außerdem an sich für etwas, was dem Tod entgegensteht. Denken wir an all die Bilder, die wir mit Wasser in Verbindung bringen: Fluss des Lebens, übers Wasser gehen, wo Wasser ist, ist Leben, Quelle des Lebens…

Seebestattung
Seebestattung. Foto: horizont-Bestattungen 2014

Dies – ich möchte es mal als Lebens- bzw. Trauergefühl bezeichnen – konnte ich vor 15 Jahren im Zusammenhang mit Seebestattungen nicht in dieser Deutlichkeit beobachten. Vielleicht ist also die immer größer werdende Bedeutung der Seebestattung ein Ausdruck von Wandel und Veränderung unserer Trauerkultur?

Als Bestatterin werde ich oft gefragt, was sich hinter dem bekannten Schlagwort: "Wandel der Bestattungskultur" verbirgt. Für mich gibt es inzwischen darauf nur eine Antwort. Wir leben in Deutschland in einer von Globalisierung, Toleranz, Meinungsfreiheit und Akzeptanz geprägten multikulturellen Gesellschaft. Wenn sich die Vielfältigkeit von Kulturen, Religionen und Lebensentwürfen in der Art und Weise, wie wir unsere Angehörigen verabschieden, und in den Gesetzen, die dies regeln, wiederfinden darf, dann werden wir alle Zeuge des Wandels der Bestattungskultur. Ich möchte es noch etwas deutlicher ausdrücken:

Eine Gesellschaft, die (zumindest manchmal) groß, frech, ungewöhnlich, schräg, rebellisch, kreativ, frei, überraschend, unvorhersehbar, innovativ, frisch und himmelsstürmend denken und handeln kann, wird sich (zumindest manchmal) nicht wiederfinden in tausendmal erlebten, kleinkarierten, zähen und ermüdenden Begrenzungen und einer antrainierten und vorgegebenen Trauer-, Friedhofs- bzw. Bestattungsnorm. Wenn wir unsere Toten in Übereinstimmung mit unserem heutigem Lebensgefühl verabschieden können, wächst Trauerkultur von ganz allein. Das Bedürfnis nach Trauer ist nichts, was man einem Menschen lehren müsste. Nein, es ist ein menschliches Grund-Bedürfnis.

Eine Bestattungslandschaft, die das Lebensgefühl einer vergangenen, uns also fremden Zeit wiederspiegelt, nährt dieses menschliche Grundbedürfnis nicht. Sie nährt allenfalls die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach etwas Anderem. Die Sehnsucht nach dem, was mich wirklich trösten könnte, nach dem, was mir wirklich gut tut. Weil es mich zu kennen scheint, weil es mir vertraut ist. Weil es in meinem "echten" Leben vorkommt. Und nicht nur in den Arealen von Friedhöfen oder Bestattungsbüros. Und so begeben sich trauernde Menschen auf die Suche. Nach Bestattungsinstituten, Friedhöfen, Angeboten und Möglichkeiten … nach MENSCHEN, die es wirklich gut mit ihnen meinen.

Und so wünsche ich mir für die Zukunft:

1. Dass das Jahr 2014 als das letzte Jahr in die Geschichte Hamburgs eingeht, in dem die sogenannten Paragraph-10-Bestattungen (Zwangsbestattungen der Stadt Hamburg) gegen den Willen der Verstorbenen ausschließlich in Reihengrabstätten durchgeführt werden und nicht auf See.

2. Dass Seebestattungen nicht mehr ausnahme- und genehmigungspflichtig sind.

3. Dass sich die Vielfalt der Menschen und ihrer Bestattungswünsche immer mehr in einer Vielfalt von Angeboten und Möglichkeiten wiederfinden kann.

Und ich wünsche allen Trauernden ein unerschütterliches, tiefes Vertrauen in die schöpferische Lebenskraft ihrer ureigensten Bedürfniswelt.

"Kommt an den Rand des Abgrunds", sagte er.
Sie sagten: "Wir haben Angst."
"Kommt an den Rand des Abgrunds", sagte er.
Sie kamen.
Er stieß sie.
Und sie flogen… (Guillaume Apollinaire)

Redaktioneller Hinweis: Die Autorin gründete und führt zusammen mit ihrem Mann Volker Winkler seit 2006 das Bestattungsinstitut "Horizont – Bestattung-Beratung-Begleitung" in Hamburg

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