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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Zur Instandsetzung des Gruftgebäudes von Haselberg auf dem Alten Friedhof in Greifswald

Der Alte Friedhof an der Wolgaster Straße in Greifswald wurde 1818 nach Entwurf von Johann Gottfried Quistorp (1755 –1835), dem Zeichenlehrer von Caspar David Friedrich (1774 –1840), als Vier-Felder-Anlage eingeweiht. Damit bezog er sich sichtlich auf den mustergültigen um 1787 bis 1789 errichteten Neuen Begräbnisplatz in Dessau, der ganz dem aufklärerischen Programm jener Zeit entsprach. Um begüterte Greifswalder Bürger zu bewegen, ihre jahrhundertealten Erbbegräbnisstätten in den Kirchen aufzugeben, bedurfte es eines städtischen Entschädigungsprogramms. Dieses beinhaltete eine "unentgeltliche Überlassung einer verhältnismäßigen Stelle" an der Friedhofsmauer, unter der Prämisse einer individuellen Gestaltung.1 Für den Fall der Errichtung eines Grabgebäudes musste zuerst ein Antrag beim Magistrat eingereicht werden. Außerdem ließ Greifswald als einzige Stadt in Mecklenburg-Vorpommern 1819 eigens für die potenziellen Bauherren einen Muster-Gruftbau auf dem Friedhof errichten, der eine klar gegliederte Schaufront mit mittigem Portal und seitlich flankierenden Pilastern oder Halbsäulen besaß.2 Das Pultdach gewährleistete ein Abfließen des Regenwassers entlang der Außenmauer ohne nebenstehende Grabstätten zu beeinträchtigen. Die Dissertation von KRETSCHMER ergab, dass zwischen 1821 und 1900 ca. 25 Gruftbauten und Grabkapellen auf dem Alten Friedhof errichtet worden sind, von denen heute noch sieben existieren und Einblick geben in die stilistischen Modeerscheinungen der verschiedenen Epochen.3

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Die Grabgruft von Haselberg 2008. Foto: A. Kretschmer

Baugeschichte und Baubeschreibung

Der Entstehungszeitraum der wohl ältesten noch erhaltenen Grabgruft in Greifswald ist zwischen 1821 und 1832 anzunehmen. Die ursprünglichen Gestaltungsrichtlinien der Stadt sind sehr deutlich ablesbar: Auf rechteckigem Grundriss ist ein verputzter Ziegelbau mit Pultdach entstanden, dessen Schaufront ein mittiges Rundbogenportal und je zwei seitlich flankierende dorische Halbsäulen auf gemeinsamen Sockel besitzt. Zwischen den Säulen, die einen glatten Architrav tragen, befinden sich drei kassettenartige Nischen, die zur Luftzirkulation im oberen Drittel mit einem Kreuzstockfenster versehen wurden. Bei der zweiflügeligen Segmentbogentür handelt es sich um eine Zweifüllungstür, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts – in Anlehnung an Portalgestaltungen städtischer Bürgerhäuser – bei Grabgrüften kontinuierlich Verwendung fanden.4 Das dreifach profilierte Gesims folgt dem Schwung der oberen Türgrenze und bildet somit eine portalähnliche Umrahmung. Ein schmuckloses Tympanon leitet zum Fassadenabschluss über, der von einem kleinen gedrungenen Dreiecksgiebel und Eckakroterien bekrönt wird.

Der Innenraum besteht aus einem offenen unterirdischen Gruftraum, welcher bis unter das Tonnengewölbe reicht und mit einer Eisenstangenkonstruktion zur Sargaufbahrung ausgestattet ist.

Besonders der Bauabschluss und die Türverzierung waren aufgrund des desolaten Zustands nicht mehr ersichtlich, weshalb die historische Aufnahme aus den 1930er Jahren wertvolle Hinweise für die Sanierung lieferte.

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Historische Aufnahme der Grabgruft von Haselberg, Stettin. Foto: A. Kretschmer

Baustilistisch ist die Grabgruft dem Klassizismus zuzuordnen, wobei barocke Nachklänge in der schwingenden Architekturgliederung zu finden sind, die sie zu einem einzigartigen Bauwerk der Sepulkralkultur deklarieren.

Familiengeschichte

Über die Grenzen von Mecklenburg-Vorpommern hinaus erlangten die Gebrüder Lorenz Wilhelm und Gabriel Peter von Haselberg auf juristischem und medizinischem Gebiet Bedeutsamkeit. Gabriel Peter von Haselberg wurde am 4. August 1763 in Greifswald geboren und studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Greifswald und Göttingen.5 An Letzterer promovierte und lehrte er als Privatdozent, bevor er 1797 als Oberappellationsrat an das Tribunal nach Wismar berufen wurde und mit diesem 1803 nach Greifswald wechselte.6 1832 wurde er vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) zum Präsidenten des Oberappellationsgerichts ernannt.7 Seine beruflichen Verdienste wurden derart anerkannt, dass er im November 1810 zusammen mit seinem Bruder, Lorenz Wilhelm von Haselberg, von König Karl XIII (1748-1818) von Schweden in den erblichen Adelsstand erhoben wurde.8 1789 heiratete er Johanna Friederike Conradine Luther (1769-1833), Tochter des Generalsuperintendenten in Clausthal, die 1833 nach längerem schwerem Leiden starb und in der Grabgruft beigesetzt wurde.9 Der Präsident Gabriel Peter von Haselberg starb am 28. Oktober 1838 an Brustwassersucht und wurde am 1. November 1838 in der Grabgruft beigesetzt.10

Der Arzt und Medizinprofessor Lorenz Wilhelm von Haselberg wurde am 15. Dezember 1764 in Greifswald geboren und studierte an den Universitäten in Greifswald und Göttingen.11 1786 kehrte er nach Greifswald zurück und wurde 1789 Assessor.12 1799 erhielt er die Würde eines königlich-schwedischen Archiaters (Hofarzt)13 .Seine herausragenden medizinischen Leistungen sind vor allem mit der Durchführung der ersten Pockenimpfung in Schwedisch-Pommern 1801 zu belegen.14 Seit 1789 war er mit Barbara Liboria Weißenborn (1769 –1847) verheiratet und hatte mit ihr einen Sohn, Wilhelm Ernst von Haselberg (1790 –1858) sowie eine Tochter, Friederike Caroline Louise (1791 –1832), die als erste aus der Familie in der Grabgruft beigesetzt wurde.15

Greifswald besaß zur damaligen Zeit nur 8000 Einwohner und eine verhältnismäßig starke Oberschicht,16 zu der zweifelsohne die Familie von Haselberg gehörte. Allerdings gab es weder anständige Hotels noch andere Unterbringungen für hohe Gäste,17 sodass der königliche Hof bei Familien aus geachteten gesellschaftlichen Stellungen Quartier nahm. Das Wohnhaus von Lorenz Wilhelm von Haselberg, Am Markt 17, in dessen Obergeschoss sich ein großer Saal befand, war Schauplatz etlicher politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Anlässe. So stand es dem schwedischen König Gustav IV. Adolf sowohl zur Übernachtung als auch zur Abhaltung von Paraden und Verordnungen zur Verfügung.18 Als dann letztendlich 1815 das Land doch an Preußen fiel, nahmen sowohl König Friedrich Wilhelm III. (1770 –1840) als auch 1825 sein Sohn, der Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. (1795 –1861), in seinem Hause mehrmals Quartier.19 Am 9. Januar 1844 starb Lorenz Wilhelm von Haselberg an Schlagfluss20 und wurde am 13. Januar 1844 in der Grabgruft auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Weitere in der Grabgruft beigesetzte Personen aus der Familie waren die Frau des Archiaters Barbara Liboria Weißenborn (19. 9.1769 – 15. 1. 1847); die Schwester von Gabriel Peter und Lorenz Wilhelm, Margarethe Dorothea Ulrike Schwarz (7. 10. 1761 – 11. 8. 1850) mit ihrem Sohn Georg Wilhelm Schwarz (17. 11. 1788 – 1. 7. 1852).

Die Instandsetzung

2009 legte die Autorin zusammen mit einem Architekten eine denkmalpflegerische Zielstellung für die Grabgruft von Haselberg vor. In dieser erfolgte neben einem Bauaufmaß eine Schadenserfassung, die von einer detaillierten Fotodokumentation veranschaulicht wurde. Die Grabgruft befand sich in einem derart gefährdeten Zustand, dass sie kurz vor dem Einsturz stand. Der größte Schaden entstand durch den jahrzehntelangen Efeubewuchs, der das Bauwerk oberhalb des Portals gesprengt hatte. Ferner gefährdete das Wurzelwerk des nebenstehenden Baumes das Bauwerk. Im April 2009 wurde die Gruft geöffnet, die Särge ausgebettet und das Gewölbe von den Folgen jahrelangen Vandalismus‘ befreit.

Nachdem die Autorin 2008 mit dem Archäologen und Sargforscher Andreas Ströbl Kontakt aufgenommen hatte, konnte eine stilistische Einordnung der Holzsärge erfolgen. Diese sind demzufolge der Zeit des Biedermeiers zuzuordnen. Die Erhaltung sowie der kunstgeschichtliche Wert sprachen für eine Instandsetzung und Wiederherstellung der historischen Gruftausstattung. Eine Vor-Ort-Beratung mit der Unteren Denkmalbehörde, dem Architekten, der Friedhofsverwaltung und dem Verein fand im Anschluss an die denkmalpflegerische Zielstellung statt. Zu diesem Termin wurde Regina Ströbl von der damaligen Forschungsstelle Gruft im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Schwerin hinzugezogen, um mit ihr einen fachgerechten Umgang sowie die Ausbettung der Särge zu besprechen. Bei der Räumung der Gruft, unter Begleitung der Greifswalder Rechtsmedizin, kamen insgesamt sieben Eichensärge zutage, die systematisch nummeriert wurden. Die Ausbettung beinhaltete eine Erfassung jedes einzelnen Sarginhalts sowie die daran anschließende Aufbewahrung in sterilen Leichensäcken und in zwei Verbrennersärgen. Bei der Grufträumung wurde ersichtlich, dass jeder Sarg ursprünglich über eine reiche Verzierung verfügt hatte. Neben Namensplaketten, filigranen Zierbändern an Ober- und Untersarg waren alle Metallteile wie Nägel und Griffe mittels Zierkränzen und Rosetten in Einklang mit der Plakettengestaltung betont. Erkennbar war, dass einige Särge über Löwentatzen verfügt hatten, wie sie seit dem 17. Jahrhundert gern zur Anwendung kamen.21 Bedauerlicherweise befanden sich die Särge in einem derart schlechten Zustand, dass nur zwei Oberteile erhalten und restauriert werden konnten.

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Grabgruft von Haselberg nach der Restaurierung. Foto: A. Kretschmer

Kurz nach Beginn der Bauarbeiten Ende 2009 erwies sich das Mauerwerk und insbesondere das Gewölbe als stabil und tragfähig, sodass sich die Arbeiten auf den Austausch sämtlicher schadhafter und maroder Steine beschränkte sowie auf die Erneuerung von Portalbogen, Tympanon, Giebel und Eckakroterien und dem Farbanstrich, der 2012 nach Befund erfolgte.

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Wiederbestattung der Särge in der Grabgruft von Haselberg, 2012. Foto: A. Kretschmer

Ein Holzrestaurator wurde mit der Instandsetzung der Eichentür und Särge beauftragt. Hinsichtlich der Sargrestaurierung mussten zwei vollständige Unterkästen neu hergestellt werden, wobei aus Kostengründen auf die Verzierungen und die Löwentatzen verzichtet werden musste. Ziel der Instandsetzung war es, die erhalten gebliebenen Teile zu sichern und zu konservieren, sowie das umfangreiche Zierwerk, das unvollständig vorlag, zur Anschauung ansatzweise am Sarg anzubringen. Ebenso sollten die Plaketten an Kopf- und Fußende der beiden Särge wieder montiert werden. Nach der Restaurierung wurden die Särge zurück auf den Friedhof überführt, die sieben Skelettteile in die Särge gelegt und die Deckel verschlossen.

Am Tag des Denkmals, dem 9. September 2012, konnte die erfolgreiche Instandsetzung einer der ältesten Grabgrüfte in Vorpommern mit der Überführung der restaurierten Särge offiziell abgeschlossen werden. Mit sechs Sargträgern der Friedhofsverwaltung wurden die Särge zum Gruftgewölbe Haselberg überführt.

Bereits vor der Anfertigung der denkmalpflegerischen Zielstellung wurde im Friedhofsverein darüber debattiert, wie eine zukünftige Nutzung der Grabgruft aussehen sollte. Neben der Möglichkeit eines Kolumbariums waren auch museale Zwecke zur Sprache gebracht worden. Doch erst bei der Sichtung und Ausbettung der Särge wurden konkretere Pläne laut. Dadurch dass trotz Vandalismus und Verwitterungseinfluss alle Gebeine und Sargplaketten sowie einige Sargteile erhalten waren, sollte der Gruftbau seinem ursprünglichen Zweck als Grablege weiterhin dienen. Aus diesem Grund setzte sich der Verein für die Restaurierung der Särge ein, damit die Gebeine der Familie von Haselberg wieder an ihrem ursprünglichen Ort ihre letzte Ruhe finden konnten.

Die Grabgruft besitzt damit Vorbildcharakter für andere Grabbauten in Mecklenburg-Vorpommern und dient als Anschauungsobjekt bei Führungen und Veranstaltungen.
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1 StA HGW Rep. 5 Nr. 1538, Bd. 2 Chronik der Stadt Greifswald, Materialiensammlung
2 StA HGW Rep. 5 Nr. 6295, Bl. 2.
3 KRETSCHMER 2012, S. 167.
4 Vgl. KIESSELBACH 1942, S. 55f.
5 BIEDERSTEDT 1822, S. 51.
6 HÄCKERMANN 1879, S. 731 sowie NEUE JAHRBÜCHER für Philologie und Paedagogik 1838, S. 425. Ab 1810 führte das Tribunal den Namen Oberappellationsgericht.
7 StA HST Rep N Has 101, Stralsundische Zeitung vom 27. November 1838, Nr. 20, S. 4.
8 BIEDERSTEDT 1822, S. 51.
9 Vgl. NOBBE 1846, S. 8.
10 StA HST Rep N Has 101 Sowie N HAS 89. Sein Sohn Ernst begleitete ihn die letzten Tage und berichtete von seinem Ableben: „Er ist nicht gern, aber ruhig gestorben mit gutem Gewissen und keinen Anzeichen, dass er irgend etwas auf dem Gewissen habe.“ Vgl. StA HST Rep N Has 102, Bd. 1, S. 112
11 BIEDERSTEDT 1822, S. 53. Zu seinen Greifswalder Dozenten gehörte u. a. der Universalgelehrte Prof. Christian Ehrenfried von Weigel (1748-1831), der auf dem Alten Friedhof in einer Grabgruft neben dem Schütze-Mausoleum beigesetzt wurde. Heute erinnert eine Holzstele an seine Grabstätte
12 Ebd. Mit 24 Jahren war er somit 1788 der jüngste ordentliche Professor in Greifswald, vgl. SCHÖNROCK 2004, S. 81.
13 HÄCKERMANN 1879, S. 731.
14 KNUTH 2011, S. 397. sowie HASELBERG 1801, St. 29.
15 StA HST Rep N Has 32, S. 8 sowie 88, S. 12f.
16 StA HST Rep N Has 102, Bd. 1, S. 42.
17 Ebd., S. 65.
18 StA HST Rep N Has 102, Bd. 1, S. 41.
19 Ebd., S. 65.
20 StA HST N Has 88, S. 12.
21 Nach freundlicher Auskunft von Andreas Ströbl.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Grabmale - restaurieren und präsentieren (November 2013).
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