OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wenn Steine sprechen… Zur Präsentation der historischen Grabsteine auf dem Friedhof der St. Clemens-Kirche in Nebel auf Amrum

 - November 2013
Ausgabe: 
Nr. 123, IV, 2013

Die im 13. Jahrhundert erbaute Kirche St. Clemens in Nebel auf Amrum ist von einem alten Friedhof umschlossen. Friesenwälle aus Feldsteinen fassen das Areal ein – mit Ausnahme der Nordseite, wo bis Ende 2012 ein mit Gehölzen bewachsener Erdwall die Abgrenzung zur angrenzenden Grünanlage ("Haus des Gastes") darstellte. Auf dem Friedhof werden über 150 Grabsteine und Stelen aus alter Zeit aufbewahrt. Die Steine stammen aus den Jahren 1678 bis 1858 und bestehen überwiegend aus Sandstein. Die Grabsteine sind als wertvolle Zeugnisse der Grabmalkultur des Nordseeraumes zu betrachten. Sie zeugen von einer weltumspannenden Seefahrt und dem Tod am und im Meer, der zum Alltag der Inselbewohner gehörte – die Todesrate unter den Seefahrern war so hoch, dass fast jede Familie betroffen war. Die Sandstein-Stelen sind mit ausführlichen Inschriften versehen, teilweise ganzen Lebensläufen, und weisen kunstvolle Bilddarstellungen auf.

Im Laufe der Zeit waren die Grabsteine von Witterungseinflüssen stark angegriffen worden. Durch ungünstige Standorte auf dem Friedhof drohte der sich beschleunigende Verfall; ein großer Teil der Stelen diente als "Stützwand", angelehnt mit Erdkontakt an die Friedhofswälle.

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Schräg an den Erdwall angelehnt waren die wertvollen Steine jahrzehntelang dem Verfall ausgesetzt. Foto: Muhs 2010

Mit erheblichem Aufwand konnten die teilweise unleserlichen wertvollen Kulturgüter geborgen und restauriert werden. Dies gelang nur durch umfangreiche Unterstützung, unter anderem durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die 40.000 Euro zur Restaurierung der Amrumer "sprechenden Grabsteine" beisteuerte.
Doch mit der Restaurierung allein war es nicht getan – wie sollten die Steine unter Berücksichtigung konservatorischer Belange aufgestellt, wie der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden? Eine engagierte Projektgruppe um Christa Langenhan, Frank Hansen und Kurt Tönissen kümmerte sich im Auftrag der Kirchengemeinde und in Abstimmung mit der Kommunalverwaltung auch um die Neuaufstellung der Grabsteine.

Die ehemalige Anordnung der historischen Grabsteine auf dem Friedhof ließ eine öffentlichkeitswirksame Präsentation nicht zu. Zwar präsentierten sich die vermeintlich wertvollsten Stücke in auffälliger Zusammenstellung seitlich des Friedhofs-tores vor dem Ehrenmal für die Weltkriegsopfer, doch um die meisten der Steine betrachten zu können, mussten Besucher über frische Grabstellen steigen. Ein nicht hinnehmbarer Konflikt mit aktueller Trauerkultur!

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Einige der vermeintlich wertvollsten Steine standen in auffälliger Zusammenstellung - eingegraben und teilweise mit Inschriften unterhalb der Geländeoberfläche. Foto: Muhs 2010

Die sogenannten "sprechenden Grabsteine" sollten so aufgestellt werden, dass sie "vermittelbarer erzählen" – und zwar durch eine Friedhofs-Erweiterung. Dazu wurde von der Kommune ein "Zwickelgrundstück", das im Nordwesten einen Einschnitt in den Friedhofsgrundriss darstellte und bisher als Fahrradparkplatz genutzt wurde, sowie zusätzlich ein 4 m breiter Geländestreifen entlang der nördlichen Friedhofsgrenze zur Verfügung gestellt. Um Möglichkeiten für die Gestaltung dieses ungünstig geschnittenen, schlauchförmigen Grundrisses auszuloten, wurde im Spätherbst 2010 ein Ideenwettbewerb mit Beteiligung mehrerer Landschaftsarchitektur-Büros durchgeführt. Den Zuschlag erhielt das Büro MUHS LandschaftsArchitekten aus Schönberg/Kiel.

Die neue Präsentationsfläche mit ihrem hohen Besucheraufkommen – nahezu jeder Gast auf Amrum besucht die "sprechenden Steine" – kommt durch die in sich geschlossene Gestaltung nicht allzu sehr mit der Trauerkultur auf dem Friedhof in Berührung. Trotz dieser Trennung der Funktionen wirkt der Präsentationsbereich aber als selbstverständlicher Bestandteil des Friedhofes. Bei der Erweiterung wurde die Besonderheit des Ortes als Schnittstelle zwischen Kultur und Natur berücksichtigt. Zur Anwendung kamen überwiegend Materialien, die sich in die besondere Situation des Ortes einfügen.
Als neuer räumlicher Abschluss, und als Ersatz für den abgetragenen bewachsenen Erdwall, wurde im Norden eine Weißdorn-Hecke gepflanzt. Eine Zugangsmöglichkeit vom Nachbargrundstück wird als Option berücksichtigt.

Entrée

Der Entrée-Bereich der neu gestalteten Präsentationsfläche stellt sich als platzartige Aufweitung dar. Nach Durchschreiten des Friedhofstores hat der interessierte Besucher die Möglichkeit, diesen Bereich ohne Umwege über den Friedhof zu betreten. Hier können besondere Grabsteine in Szene gesetzt werden, welche von beiden Seiten beschriftet und somit erlebbar sind.

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Beidseitig beschriftete Grabsteine im Entree-Bereich können von den Besuchern betrachtet und entziffert werden. Foto: Muhs 2013

Durch eine immergrüne Eiben-Hecke (Taxus) wird dieser Bereich vom eigentlichen Friedhofsgelände mit seiner Trauerkultur getrennt. Auch das Ehrenmal für die Weltkriegsopfer wurde auf den historisch durch alte Darstellungen verbürgten Standort umgesetzt und in die Hecke integriert.

Platz für Besuchergruppen

Die auf den Entrée-Bereich folgende Fläche bietet Raum für eine Gruppe von mindestens 20 Personen, die sich hier auch im Rahmen von geplanten fachkundigen Führungen versammeln kann. Dabei bewegen sich die Besucher zwischen den diagonal positionierten Reihen aus Grabsteinen.

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Neu aufgestellte Grabsteine im Erweiterungsbereich des Friedhofs. Foto: Hansen 2013

Die Steinreihen werden durch eingestreute Heckenelemente (Buxus) aufgelockert. Es entsteht ein besonderer Raumeindruck, bei dem die Vergangenheit (alte Grabsteine) im spannungsreichen Kontrast zu etwas Neuem und Lebendigem (Heckenpflanzen) steht.

Weg als 'Allee der Steine'

Der Geländestreifen parallel zur Nordgrenze bietet ausreichend Fläche zur Aufstellung der übrigen Stelen. Wie eine Allee reihen sich die in Stein verewigten Geschichten beidseitig eines Weges aneinander. Unterbrochen wird diese "Allee der Steine" von Aufweitungen, die mit Sitzgelegenheiten ausgestattet sind und zum Innehalten einladen – immer mit Blick sowohl auf die Grabsteine als auch auf die Kirche. Zum alten Friedhofsgelände hin sollen die Grabsteine in einem Kiesbett zweireihig versetzt angeordnet werden. Dadurch wird zugleich eine Abgrenzung zum Friedhofsbereich mit seiner Trauerkultur bewirkt. Von der Kirche aus gesehen wirken die alten Grabsteine dabei als selbstverständlicher Bestandteil des Friedhofsensembles.

An zwei Stellen wird die lineare Anordnung der Steine unterbrochen, um Wegeverbindungen zur Kirche und dem Friedhofsgelände zu ermöglichen und eine Verzahnung zwischen altem Friedhof und neuer Präsentationsfläche zu bewirken.

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Die "Allee der Steine" führt zu einem Aussichtspunkt mit Blick auf das Wattenmeer. In das Kiesbett rechts im Bild werden die Steine in zweireihiger Anordnung aufgestellt. Foto: Muhs 2013

Auf der Nordseite bildet eine ca. 180 cm hohe geschnittene Hecke aus Weißdorn (Crataegus) sowohl einen grünen, lebendigen Hintergrund für die Steine als auch die optische Abgrenzung zum angrenzenden Grundstück. Zum Nachbargrundstück hin wird der Heckenstandort durch eine niedrige Trockenmauer aus Findlingen/Feldsteinen gefasst; diese gleicht den Unterschied des Geländeniveaus aus und nimmt Bezug auf das Material der vorhandenen historischen Friedhofsmauer. Aufgrund der zu erwartenden hohen Besucherzahl und der Benutzerfreundlichkeit, z.B. für Rollstühle oder Kinderwagen, wurde der Weg mit Pflasterklinkern befestigt. Das Pflasterband "führt" den Besucher und erschließt den Präsentationsstreifen auch optisch.

Kubus als Aussichtspunkt

Den Zielpunkt des Weges und – nachdem die Steine ihre Geschichten erzählt haben – Abschluss des Präsentationsgeländes bildet eine Rahmenkonstruktion aus Stahl, die ein Holzdeck überspannt. Dem Besucher eröffnet sich von diesem Punkt aus ein weiter Blick auf das Wattenmeer – ein Ausblick mit Bezug zum Meer, den es vorher vom Friedhof aus nicht gegeben hat! Der Kubus bietet als leerer Raum vielfältige Interpretationsmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem Blick nach Nordosten, dem Meer, dem Himmel – und dem Tod.

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Übersichts-/Lageplan als "Ideenskizze für die Neuordnung der historischen Grabsteine in Nebel auf Amrum". Zeichnung: Muhs Landschafts-Architekten

Materialien

Bei der Materialwahl im Ausstellungsbereich wurde auf Materialien zurückgegriffen, die auf die Besonderheiten des Ortes eingehen. Der Erschließungsweg wird mit Pflasterklinker in der Farbe rotbunt befestigt (in Anlehnung an den Weg vom Friedhofstor zur Kirche). Die platzartigen Flächen sind als wassergebundene Decke aus Kies ausgeführt worden.

Die neu aufgestellten Grabsteine stehen in einem Kiesbett, sowohl aus gestalterischen als auch aus konservatorischen Gründen. Die Holzterrasse als Aussichtspunkt zum Wattenmeer wurde aus europäischer Lärche hergestellt. Die Abgrenzung des Erweiterungsbereiches erfolgt durch Hecken, wobei nach innen, zum "aktiven" Friedhof, die Eibe (Taxus) verwendet wird und nach außen Weißdorn (Crataegus). Die Grenze der Friedhofserweiterung wird durch eine niedrige Trockenmauer aus Feldsteinen/Findlingen markiert.

Fazit

Die Grabsteine wurden, soweit möglich, nach intensiven Überlegungen der Projektgruppe thematisch geordnet aufgestellt. So ist ein Präsentationsbereich entstanden, der didaktischen und musealen Ansprüchen gerecht wird. Die Neuaufstellung der Steine nach deren Restaurierung trägt zur möglichst langfristigen Erhaltung dieser unschätzbar wertvollen historischen Zeugnisse bei, da die Oberflächen schnell abtrocknen können. Licht und Luft sind auch gut für die Besucher, die diese herausragenden Zeugnisse vergangener Jahrhunderte seit Mai 2013 aus nächster Nähe betrachten können, ohne die Trauerkultur auf dem Friedhof zu beeinträchtigen.
Der museale Bereich der Präsentation unterscheidet sich deutlich vom alten Friedhof, alt und neu sind auch für den unbedarften Betrachter eindeutig zu unterscheiden. Zugleich fügt sich der Präsentationsbereich derart selbstverständlich in das Gesamtbild ein, dass kein störender Eindruck entsteht.
Die bisherigen Reaktionen der Besucher haben gezeigt, dass das Konzept der an den Friedhof "angedockten" musealen Präsentation überwiegend auf Zustimmung stößt. Das „steinerne Gedächtnis der Insel“ bleibt erhalten, die Steine sprechen weiterhin.

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