OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

"Forschungsstelle Gruft" – Aktuelle Projekte

 - August 2013
Ausgabe: 
Nr. 122, III, 2013

Seit 2011 gibt es die "Forschungsstelle Gruft", zu der die Wissenschaftler Regina Ströbl, Dana Vick und Andreas Ströbl gehören. Die Gruppe hat sich der Sepulkralarchäologie verschrieben und widmet sich vornehmlich der interdisziplinären Dokumentation und Untersuchung von neuzeitlichen Bestattungen von Grüften und Mausoleen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert. Als Grüfte können sowohl ein- oder mehrstellige, ausgemauerte Gräber auf einem Friedhof, als auch Grabkammern unterhalb von Kirchen wie die Wolgaster Fürstengruft oder die Gruft unter dem Hamburger "Michel" verstanden werden. In letzterem gibt es beispielsweise 268 Gruftkammern mit über 2.000 Bestattungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Es liegt nahe, dass besonders Bestattungen des Adels Ziel von Grabräubern aber auch Vandalismus waren. Vielfach wurden sie ausgeraubt und beschädigt, menschliche Überreste auf den Boden geworfen und Särge sinnlos zertrümmert. Häufig wurden Gruftfenster auch zur Entsorgung von Abfall benutzt. Meist wurden Grüfte daraufhin vermauert und luftdicht verschlossen. In der Folge bildete sich durch die Feuchtigkeit Schimmel und Schwamm, die nicht nur die Gruft, sondern auch das darüberstehende Gebäude gefährdeten. Die Störung der Totenruhe und die Würdelosigkeit des Zustands sind ein weiterer gravierender Aspekt.

Bevor sich die drei Wissenschaftler zusammenfanden, hatten sie bereits in unterschiedlichen Konstellationen an verschiedenen Dokumentations- und Restaurierungsprojekten in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen gearbeitet. In der jetzigen Gruppierung werden die Befunde unter archäologischen, anthropologischen, kunstgeschichtlichen, volks- und textilkundlichen (inkl. laborativer Begutachtung) Aspekten untersucht. Zudem existiert mittlerweile ein gutes Netzwerk sowohl zu Nachbarwissenschaften wie Botanik, Geschichte und Theologie als auch zu Textil-, Holz- und Metallrestauratoren.

Die jeweils zu bearbeitende Grablege wird umfassend dokumentiert und der Gesamtbefund archäologisch aufgenommen. Es folgen vorübergehende Umbettungen der Leichname, verschiedene Probenentnahmen und Untersuchungen. Je nach vorhandener Finanzierung können dann einfache konservatorische Maßnahmen bis hin zu umfassenden Restaurierungen erfolgen. Schließlich werden die sterblichen Überreste in die gesäuberten Särge rückgebettet. Wichtigstes Ziel der Maßnahmen ist immer die Wiederherstellung der Würde und der Totenruhe. Mit den Arbeiten gehen aber auch die Säuberung des Raumes von Schutt und Abfall sowie die Öffnung verschlossener Belüftungsanlagen oder Fenster einher. Schon sehr bald kann so das Klima verbessert und die Feuchtigkeit verringert werden.

Gruft
Die untere Gruft nach der Restaurierung mit den Särgen der weiblichen Mitglieder der herzoglichen Familie in der Kirche St. Petri, Wolgast, Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Ströbl
Greifenkapelle
Die neu gestaltete Greifenkapelle mit den Särgen der letzten regierenden Herzöge von Pommern-Wolgast in der Kirche St. Petri, Wolgast, Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Ströbl

Mittlerweile hat die Forschungsstelle auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen Grüfte und Mausoleen dokumentiert und teilweise an der Restaurierung mitgewirkt. Über 20 Objekte konnten bisher erfasst und ihr Inventar meist erhalten werden. Die Befunde sind dabei so unterschiedlich wie das Spektrum der beigesetzten Personen: wer über die entsprechenden pekuniären Mittel verfügte, konnte sich oder seiner Familie eine Gruft kaufen oder bauen lassen. Dies konnten wohlhabende Bürger und Kaufleute sein, es gibt aber auch Grüfte im rein kirchlich-klösterlichen oder universitären Kontext. Noch relativ zahlreich sind die Familiengrüfte des Landadels; am bekanntesten jedoch dürften die Grablegen des Hochadels sein. Hier sind als abgeschlossene Projekte die Mecklenburger Fürstengrüfte in Wolgast, Schwerin und Mirow zu nennen; in Vorbereitung sind die Grüfte derer von Anhalt-Zerbst in Zerbst, derer von Schaumburg-Lippe in Stadthagen und derer von Schleswig-Gottorf in Schleswig. Eine kleinere Adelsgrablege wird im sächsischen Burkhardswalde bei Pirna im August begonnen.

Grufthaus
Das Jacobi-Grufthaus auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz, Sachsen. Foto: Ströbl

Im Juli dieses Jahres haben die Autoren die Jacobigruft auf dem St. Nikolaifriedhof in Görlitz bearbeitet. Die Grablege ist eines der überregional bekannten Grufthäuser auf dem Nikolaifriedhof, den Ricarda Huch als einen der schönsten Bergfriedhöfe Deutschlands rühmte. Wie auch die anderen Grufthäuser, die teilweise einzeln auf diesem Friedhof verteilt sind, aber auch in einer veritablen Häuserzeile an der nördlichen Hangbegrenzung des ursprünglichen Friedhofsareals stehen, verfügt die Jacobigruft über zwei Geschosse. Die Baugeschichte ist noch nicht völlig geklärt; mit Sicherheit aber wurde das kleine Mausoleum schon in der Renaissance als Grab-lege genutzt, wovon die jüngst restaurierten Ausmalungen zeugen. Im Barock wurden Ober- und Untergeschoss von der Familie Jacobi erweitert und umgebaut; letzter Besitzer war wahrscheinlich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Familie Koebe.

Sieben
Sieben des Schutts und Bergen von Funden, Jacobigruft. Foto: Ströbl
Reinigen
Reinigung von Sargbeschlägen, Jacobigruft. Foto: Ströbl

Die Särge sind durch Vandalismus und vor allem Feuchtigkeit sehr stark beschädigt worden, so dass nur ein Teil erhalten und durch einfache konservatorische Maßnahmen gesichert werden konnte. Die menschlichen Überreste, Beigaben und andere Funde wurden in neu angefertigte Untersärge umgebettet und darauf die noch erhaltenen, gereinigten und gefestigten Deckel gelegt. Es zeigte sich, daß bereits durch einfache konservatorische Sicherungsmaßnahmen gute Ergebnisse zu erzielen sind. Nachdem die Holzoberflächen durch Absaugen und behutsames Abbürsten von Staub und anhaftenden organischen Materialien, z.B. von bereits zu Humus gewordenen Holzteilen und Hobelspänen aus der Polsterung, gereinigt worden waren, trat die ursprüngliche Fassung bzw. der Lack wieder eindrucksvoll hervor. Die Tränkung mit einem Holzfestigungsmittel sorgte für eine Stabilisierung derjenigen Bereiche der Sargdeckel, die mit dem Boden in Berührung gekommen und angefault waren. Eiserne und Weißmetallbeschläge wurden mit einem speziellen Öl vor weiterer Korrosion geschützt bzw. sorgfältig gesäubert. Bei der Untersuchung konnte von den frühneuzeitlichen Bestattungen nichts mehr ausgemacht werden. Die 12 Särge bzw. das, was von ihnen übriggeblieben ist, datieren sämtlich in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zwar sind die Corpora handgetischlert, die Beschläge aber bereits industriell gefertigt. Dennoch waren die Särge individuell verziert; der einstige Glanz der Zierbeschläge aus Weißmetall und Messing war an vor Korrosion geschützten Stellen noch zu erahnen. Bislang kaum erforscht sind sehr viele Grüfte in Süddeutschland. In den nächsten Jahren soll sich dies ändern, Kontakte zu Fachkollegen in Bayern und Baden-Württemberg sind bereits hergestellt.

Jacobigruft
Der Zustand in der Nordhälfte der Jacobigruft vor Beginn der Arbeiten. Foto: Ströbl
Jacobigruft2
Die Aufstellung der Särge in der Nordhälfte der Jacobigruft nach Abschluss der Arbeiten. Foto: Ströbl

Die Dokumentationen der vergangenen Jahre geben auch Anlass, die theologischen und soziohistorischen Hintergründe der Gruftbestattungen neu zu überdenken. Nach Luther gelangt die Seele bis zum Jüngsten Gericht in die Ruhekammer ("Abrahams Schoß") und der Körper ruht im Schlafkämmerlein des Grabes. So ging die Forschung bisher davon aus, dass Grüfte, also mehrfach belegbare Grablegen, eine Erscheinung erst seit der Reformation darstellen. Neuere Forschungen zeigen aber, dass viele dieser Anlagen bereits in katholischer Zeit, vor allem im 15. Jahrhundert, entstanden sind und sich unter anderem auch aus einem renaissancezeitlichen Repräsentationsbedürfnis erklären lassen. Die bessere Erhaltung des Leibes in Hinsicht auf die Auferstehung dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Nicht zu unterschätzen ist fürderhin der Aspekt, nach dem Leben in den Schoß der Ahnen, in die Familie zurückzukehren. Zudem wird weiterhin zu untersuchen sein, inwieweit derartige, meist opulente und über viele Jahre belegte Anlagen den Herrschaftsanspruch der Familie auf das jeweilige Gebiet widerspiegeln.

Dornum
Besichtigungsmöglichkeit der Häuptlingsgruft durch eine Glastür in der St. Bartholomäuskirche in Dornum, Ostfriesland. Foto: Ströbl

Die Forschungsstelle Gruft verbindet somit die praktische Arbeit in Form von Dokumentation, Untersuchung und Sanierung vor Ort mit der Erforschung des Phänomens Gruft in allen Facetten. Bei allen Arbeiten in Grüften und Mausoleen steht die Wahrung bzw. die Wiederherstellung der Würde der Verstorbenen im Vordergrund. Verschlossene Särge werden nicht geöffnet, Photos von Leichnamen nicht gezeigt und Rückbestattungen sorgsam durchgeführt. Wo dies möglich ist, werden Grüfte und Inventare durch Einsetzen einer Glastür der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ohne dabei Leichname zur Schau zu stellen oder die Särge neuen Beschädigungen auszusetzen. Als Beispiele können unter anderem die Dornumer Häuptlingsgruft, die Wolgaster Fürstengruft sowie die Herzogliche Grablege unter der Schelfkirche in Schwerin angeführt werden. Wichtig ist die Erkenntnis, dass jede Gruft neue oder ergänzende Informationen über Kunsthandwerk, Traditionen, Rituale und die Menschen selbst in sich birgt und daher unbedingt gerettet und bewahrt werden sollte.

Kontakt zu Autorinnen und Autor: stroebl.andreas@web.de; dana_vick@gmx.de

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