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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Kapellen als wichtiger Bezugspunkt für Trauerfeiern

Die Kapellen des Ohlsdorfer Friedhofes sind für mich als Redner ein wichtiger Bezugspunkt für die Trauerfeier.

Im Laufe der Zeit habe ich eine besondere Beziehung zu ihnen entwickelt: zu ihrer äußeren Gestalt und der ihr innewohnenden Atmosphäre. Im Gespräch mit den Angehörigen eines Verstorbenen spreche ich darum gern auch die jeweilige Räumlichkeit an, in der die Trauerfeier stattfindet. Manchmal höre ich dann, wer bereits dort von der Familie verabschiedet wurde; so, wie mir unlängst ein Witwer erzählte, die Trauerfeier für seine verstorbene Frau fände in derselben Kapelle statt wie jene für seine Eltern. Bei allem Schmerz war ihm die Vertrautheit des Ortes, der Kapelle und des nahe liegenden Grabes etwas Tröstliches; etwas, das im Fremdheitsgefühl des Abschiedes für Vertrautes steht.

Mir wurde durch dieses Gespräch noch einmal deutlich, wie wichtig ein Ort des abschiedlichen Gedenkens für die Angehörigen sein kann. Für den Tag der Trauerfeier ist die Kapelle der Ort, wo wir zum letzten Mal physisch mit dem Verstorbenen in einem Raum sind. Es ist diese Tatsache, welche die Erfahrung von Trauer und Abschied handgreiflich und damit begreifbar macht. Wir sind von dem Verstorbenen getrennt und doch auf besondere Weise mit ihm verbunden: dies wird uns durch die Situation des Abschiedes in der Kapelle schmerzhaft, aber zugleich auch tröstlich vor Augen geführt. Der Innenraum der Kapelle wird sozusagen zum Innenraum unserer Psyche, die den Verstorbenen vermisst und doch bewahrt. In der Kapelle nehmen wir den Verstorbenen noch einmal in unsere Mitte, um den Verlust sinnfällig und die Brücke spürbar werden zu lassen, die uns mit ihm verbindet.

Ein solcher gemeinschaftlicher Abschiedsraum scheint gerade deshalb umso wichtiger, als eben viele Trauerrituale in unserer Zeit an Bedeutung verloren haben. Ein ritueller Verhaltenskodex, der kulturell tradiert wird, existiert in dieser Form nicht mehr.

Der Verlust an stützenden und schützenden Eigenschaften eines solchen Rahmens befreit uns jedoch zugleich von dessen Einengungen und Festlegungen. Immer stärker rücken daher individuelle Formen des Abschieds. Es ist unser persönlicher Weg der Trauer, der uns die Verarbeitung des Verlustes ermöglichen und uns von fremdbestimmten Konventionen und Erwartungen befreien kann.

Hierzu ermutigt uns eine zunehmend individueller gewordene Trauerfeierkultur, bei der die Spuren vergangenen Lebens und Zusammenlebens im Mittelpunkt stehen.

Die Kapelle ist ein Schutzraum, der uns diese Erfahrung machen und miteinander teilen lässt. Dort, wo der Abschied ausgesprochen und öffentlich ausgedrückt wird, können die uns bewegenden Gefühle zueinander finden. In dem durch das gemeinsame Gedenken eröffneten Raum machen wir uns die Geschichtlichkeit des zu Ende gegangenen wie auch des eigenen Lebens bewusst. Die Kapellen des Ohlsdorfer Friedhofes sind der Rahmen dafür: Baudenkmäler, die schon zu ihrer Entstehungszeit moderne mit traditionellen Elementen zu einer Einheit verbanden und die jeder von ihnen einen besonderen Charakter verleiht. Dieser Charakter spricht uns heute in besonderer Weise an. Denn bei allem Wandel, bei allen Neuerungen und Renovierungen, die gerade im Innenbereich einiger Kapellen vorgenommen wurden und die ihre wohltuende Wirkung auf das Gemüt verstärken, wirken rückblickend manchmal jene Veränderungen am stärksten, die Vergangenes wieder sichtbar werden lassen: wie etwa jene in ihrer Schlichtheit schöne Holzdecke der Kapelle 12, auf deren blauem Grund rote und beige Sterne zu sehen sind.

* Der Autor studierte Philosophie an der Universität Hamburg und ist Trauerredner bei einem Hamburger Bestattungsunternehmen

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Kapellen in Ohlsdorf Orte des Abschieds (August 2007).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).