OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Alexis de Chateauneuf. Über den Architekten des Torhauses in Bad Oldesloe und seine Entwürfe

 - Februar 2007
Ausgabe: 
Nr. 96, I, 2007

Alexis de Chateauneuf war gerade 25 Jahre alt, als er den Auftrag zum Bau des Torhauses für den neuen Friedhof vor dem Bestetor von Oldesloe 1824 ausführte.1

Als junger angehender Architekt stand er am Anfang seiner beruflichen, später internationalen Karriere. Er war am 18. Februar 1799 als Sohn des aus Frankreich emi-grierten Gesandten Pierre Basile Francois Delespine de Chateauneuf und seiner Ehefrau Marie Elisabeth Schniebes in Hamburg geboren.2 Sein Vater, der französischer Generalkonsul in Tunis und später Gesandter in Genf gewesen war, hatte seit 1794 in Hamburg als Verlagsbuchhändler für fremdsprachige Literatur versucht, den Lebensunterhalt zu verdienen. Er verstarb im Mai 1799, der Sohn Alexis war noch nicht einmal ein halbes Jahr alt. Die Mutter heiratete 1805 den Drucker und Verleger Johann August Meissner. Als 18-Jähriger besuchte Alexis de Chateauneuf die Abendschule des Architekten und Stadtbaumeister Adjunkt Carl Ludwig Wimmel und ging auch in die Lehre beim Zimmermeister Nicolas Jacob Fersenfeldt.3 Um 1818 hielt sich Chateauneuf in Paris bei dem Architekten Achille Francois Leclère in Paris auf. Es folgte ein Studium von 1818 bis 1822 bei dem angesehenen Architekten und Stadtbaumeister Friedrich Weinbrenner in Karlsruhe.4 Chateauneuf unternahm ausgedehnte Studienreisen in Europa, insbesondere nach Italien. Damit durchlief er eine für seine Zeit übliche Ausbildung zum Architekten.

A. de Chateauneuf
Alexis de Chateauneuf (1854, Lithographie von Otto Speckter nach einem Gemälde von Robert Schneider)

Gerade 22-jährig meldet er sich mit einem "kleinen Paukenschlag" in der Architektur-Welt zu Worte. Er reicht einen Entwurf für kein geringeres Objekt als die neu geplante Singakademie in Berlin bei dem Singakademie-Leiter Carl Friedrich Zelter ein. Dazu hatte er ein kompliziertes inneres Gefüge für das gewünschte Raumprogramm der Singakademie von Eingangsbereich, Konzertsaal, Übungsraum und Wohnung entwickelt. Damit trat er in Konkurrenz zum preußischen Oberbaurat und damaligen "Stararchitekten" Karl Friedrich Schinkel (1781–1843), der bereits ebenfalls einen Entwurf für die Singakademie geliefert hatte.5

Schinkel hatte 1816 mit der Neuen Wache, einen streng klassizistischen Bau im Berliner Stadtzentrum, Unter den Linden 4, großes Aufsehen erregt.6 Sein 1818 bis1821 in Berlin errichtetes Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt hatte ihm zusätzlich allgemeine Anerkennung verschafft.7 Schinkel seinerseits kritisierte nun den Entwurf des Konkurrenten Chateauneuf hart aus der Sicht des strengen preußischen Klassizismus. Er warf ihm insbesondere die unzureichende Lichtführung im Konzertsaal, schlechte Säulenverhältnisse und Proportionen der Hauptfassade sowie das unruhige Äußere vor.8 Was mag den angehenden Architekten Chateauneuf bewogen haben, den Entwurf für die Singakademie einzureichen? Sicher sah er die Chance, sich mit einem eigenen Beitrag zu profilieren. Es zeugt von nicht geringem Selbstbewusstsein, diesen Kontakt in die preußische Metropole zu suchen und sich in den öffentlichen Diskurs für einen wichtigen Repräsentationsbau einzubringen. Chateauneufs Entwurf wurde ebensowenig realisiert wie der von Schinkel. Vielmehr führte Carl Theodor Ottmer (1800–1843) den Neubau der Singakademie aus, damals ein ebenfalls junger Architekt, der seine Ausbildung an der Universität und der Bauakademie in Berlin gerade abschloss und am Anfang seiner Karriere stand. Später wurde er der anerkannte Hofbaumeister von Braunschweig.9

Chateauneuf versuchte, sich auch in seiner Heimatstadt Hamburg möglichst durch einen öffentlichen Repräsentationsbau als Architekt und Städteplaner zu profilieren. Um 1820 hatte sich ein Aktienverein für den Neubau eines "Stadttheaters" gegründet. Ein Mitglied dieses Vereins bat 1821 Chateauneuf um ein Gutachten. Insbesondere ging es dabei um die Auswahl eines geeigneten Bauplatzes. Chateauneuf formulierte am 13. Januar 1822 in seinem Gutachten einleitend: "Ein jeder Einwohner Hamburgs fühlt wohl das Bedürfnis eines neuen und geräumigeren Schauspielhauses, und jeder mögte wohl gerne sein Scherflein, durch Rat und Tat, dazu beitragen, den allgemeinen Wunsch zu befriedigen."10

In einem ausführlichen Diskurs stellte er sieben mögliche Bauplätze für ein städtisches Theater vor. Hierbei diskutierte er auch grundsätzlich, welche städtebaulichen Anforderungen an ein Theater zu stellen seien, und verweist allgemein auf historische Beispiele bei den Römern und Griechen. Auch lässt er seine persönlichen Kenntnisse, die er auf seinen Reisen in Deutschland und Frankreich gewonnen hat, von den "vorzüglichsten Stätten" einfließen, wo er "die Theater den öffentlichen Spaziergängen, je nachdem es mehr oder minder das Lokal zuließ, angereiht fand".11 Sein Gutachten "über die Ausmittlung des schicklichsten Platzes zur Errichtung eines Schauspielhauses in Hamburg" weist ihn als umsichtigen Städtebauer aus. Er berücksichtigt verkehrstechnische und wirtschaftliche Aspekte, wie er auch bauästhetische und stadträumliche gestalterische Anforderungen formulierte. Ähnlich wie beim Entwurf für die Berliner Singakademie ging es ihm bei seinem städtebaulichen Gutachten für den besten Bauplatz eines Hamburger Schauspielhauses sicher ebenfalls darum, sich als Architekt einen Namen und mögliche öffentliche und private Auftraggeber auf sich aufmerksam zu machen.

Über welche Wege Chateauneuf im Jahr 1824 den Bauauftrag für das Torhaus des neuen Oldesloer Friedhofes erhielt, ist (bisher) nicht bekannt. Das Stadtarchiv der Stadt Bad Oldesloe verwahrt drei Entwurfszeichnungen, die jeweils einen eigenen speziellen architektonischen Charakter besitzen.12 Der Entwurf, den ich mit Nr. 1 bezeichnen möchte, zeigt ein traditionelles klassizistisches Tor, das in seiner Strenge und seinen gedrungenen Proportionen Anklänge an die Revolutionsarchitektur wachruft. Das Blatt ist 36,5 cm breit, 19,5 cm hoch, Papier auf Leinen aufgezogen, mittig gefaltet, Feder, farbig laviert in braunen abgestuften Tönen von ganz hellbraun für die Wandflächen bis dunkelbraun für die Schattenzonen, mit einer bläulich gefärbten Zone in offenem Rundbogenfeld, das einen blauen Himmel suggeriert, sowie mit einer rosagefassten Grundrisszeichnung. Vervollständigt wird das Blatt durch eine Maßstabslinie von 20 Fuß. Die Entwurfszeichnung ist nicht signiert oder datiert.

Entwurf 1 Oldesloe
Entwurf 1 für das Torhaus Oldesloe, Chateauneuf zugeschrieben(Staatsarchiv Bad Oldesloe, Bestand 1, Acta XXII Nr. 150a)

Das Tor macht einen strengen, abweisenden, fast wehrhaften Eindruck. Dazu tragen seine gedrungenen Proportionen bei. Das Hauptgebälk liegt auf einer Höhe von lediglich 19 Fuß, und wird von einem Attika ähnlichen abgestuften Dreiecksfeld bekrönt, der Rundbogen ist gestaucht, die Ecklösungen wirken wie Türme, die zudem an den Außenseiten nach oben schräg wie Pylonen verlaufen. Im Vergleich hierzu schlägt der zweite Entwurf einen ganz anderen architektonischen Klang an. Hier besitzt der Rundbogen des Tores nahezu die gleiche Scheitelhöhe wie im Entwurf 1, ist jedoch als Halbrundbogen gestaltet. Seine Breite beträgt nur 12 Fuß und ist im Vergleich zu Entwurf 1 schmaler. Das Haupttor wird an beiden Seiten jeweils von einer Mauer begleitet, in der jeweils eine kleinere Doppelarkade das Motiv des Rundbogens des Haupttorbogens wieder aufnimmt. Die Rundbögen der Doppelarkaden werden seitlich von Konsolen und mittig von Pilastern aufgefangen. Der Hauptrundbogen des Tores wird ebenfalls von Pilastern aufgefangen, die die Bewegung bis in die Sockel herunterleiten. Herausragendes Kernstück des Entwurfs ist der Hauptrundbogen mit Giebelfeld und flachem Dach, das wiederum von einem auf einem kleinen Sockel stehenden Kreuz bekrönt wird. Das im Entwurf blau lavierte, 14 Fuß hohe Torgitter kontrastiert in einer leicht konkaven oberen Randbewegung den Hauptrundbogen. Das Blattpapier ist 52 cm breit und 34 cm hoch; die Zeichnung in Feder über Bleistift ausgeführt, farbig laviert: in abgestuften Gelbtönen das Mauerwerk, blau das Torgitter, rosa eine Fundamentszone und schwarz der Grundriss. Vervollständigt wird der Entwurf durch eine Maßstabslinie von 10 einzelnen Füßen, fortgesetzt in einer Maßkette von 1 bis 60 Fuß.

Entwurf 2 Oldesloe
Entwurf 2 für das Torhaus Oldesloe, Chateauneuf zugeschrieben(Staatsarchiv Bad Oldesloe, Bestand 1, Acta XXII Nr. 150a)

Die dritte Entwurfszeichnung, ebenfalls Feder auf Papier, rot, schwarz und orangegelb laviert, 51 cm breit und 68,4 cm hoch, ist von Chatauneuf signiert und mit dem 16. September 1824 datiert. Zeigten die zwei bisher genannten Entwürfe lediglich eine Hauptansicht mit Grundriss, so zeigt dieser dritte Plan eine Hauptansicht, einen Erdgeschossgrundriss, ergänzt mit einem aufgeklebtem Blatt als linker Teil des Obergeschossgrundrisses, sowie zwei Querschnitte und einen Konstruktionsquerschnitt durch das Hauptsatteldach. Das Hauptmotiv des Rundbogens mit bekrönendem Satteldach und Kreuz ist in seinem Grundzug identisch mit den Proportionen des Entwurfes 2. Im Vergleich dazu ist allerdings auffallend, dass die Torfronttiefe nach unten erweitet wurde und der Entwurf auf die tatsächliche Topographie mit dem nach links und rechts ansteigenden Gelände Rücksicht nimmt. Der zentrale Torhausbogen wird dadurch noch höher und wirkt dynamischer. Die strengrahmenden Pfostenpilaster des Entwurfs 2 sind entfallen, stattdessen wird der das Wandfeld gliedernde Rundbogen bereits im Wandfeld von Konsolen aufgefangen. Das Giebelfeld akzentuiert ein Tondo. Der Entwurf sieht rechts und links von dem Haupttorbogen ein zweigeschossiges Gebäude vor.

Entwurf 3 Hauptansicht
Entwurf 3: Torhaus, Hauptansicht, von Chateauneuf signiert und datiert 16. September 1824 (Staatsarchiv Bad Oldesloe, Bestand 1, Acta XXII Nr. 150a)

Zur rechten Seite vom Tor bezeichnet der Plan den Raum als "Zimmer zur Beysetzung von Leichen". Dieser Raum ist, wie der Querschnitt zeigt, von dem Torraum durch eine hohe, repräsentative kassierte Doppelflügeltür getrennt, begleitet von zwei Säulen und zwei seitlichen Kassettenfeldern, bekrönt von einem breiten ebenfalls von vier querrechteckigen Kassetten gegliederten Türsturzfeld. Alles überragt eine lünettenhafte sechsstrahlige und in drei Radialfelder gegliederte halbrunde Fensterzone. Dieser Raum war zweigeschosshoch geplant. Der Maler Erwin Speckter bezog sich wahrscheinlich auf ihn, den er im August 1824 in einem Brief an Carl Julius Milde als "Kapelle", für die er "einen Engelskopf zeichnete" bezeichnete.13

Zur Linken des Tores sah der Plan eine zweigeschossige Wohnung vermutlich für den Friedhofswärter vor. Das Erdgeschoss bestand aus einem Vorplatz und einer Treppe sowie einer Stube und Küche mit Kamin. Das Obergeschoss beinhaltete eine Galerie und eine Kammer. Die Außenfassade der Gebäudeseitenflügel waren durch Rundbogenfenster gegliedert, die einfach in die Wand geschnitten waren. Für den Raum der Leichenhalle waren nur zwei Fenster im Obergeschoss geplant, die Wärterwohnung sollte zusätzlich zu den zwei Fenstern im Obergeschoss auch zwei im Untergeschoss für die Küche erhalten. Das Gebäude insgesamt sollte mit Ausnahme der Schmuckelemente Tondo und Gliederungsbogen keine Dekorations- oder bauplastischen Elemente erhalten. Der Plan besticht durch seine Schlichtheit und Einfachheit.

Entwurf 3 Grundrisse
Entwurf 3: Torhaus, Grundrisse, von Chateauneuf signiert und datiert 16. September 1824 (Staatsarchiv Bad Oldesloe, Bestand 1, Acta XXII Nr. 150a)

An den drei vorgestellten Entwürfen lässt sich sehr gut nachvollziehen, wie der Architekt im Laufe der Beschäftigung mit dem Projekt jeweils eine neue Lösung sucht. Der erste Entwurf entspricht eher einer schulbuchmäßigen, traditionellen Auffassung, wie sie die klassizistisch ausgebildeten Studenten in Kopenhagen, Berlin oder in Karlsruhe wie selbstverständlich fertigen konnten. Der zweite Entwurf, der den Rundbogen thematisiert, löst sich von diesen klassizistischen strengen Formen und Gestaltungsregeln. Im dritten Entwurf setzt sich dieser moderne Geist fort, indem das zentrale Tor weiter von fast allem klassischen architektonischen Dekor entkleidet wird und als blanker Ziegelbau erdacht wird. Das beschattende Kranzgesims am Dach und das Tondofeld sind die einzigen Schmuckelemente zusammen mit dem aus dem Mauerwerk wachsenden doppelten Rundbogenfries, der den Torbogen überfängt. Der dritte Entwurf wurde nur zum Teil realisiert. Lediglich das Kernstück, das Tor, ist ausgeführt worden als "stattlicher querrechteckiger Backsteinkörper mit flachem Giebeldach, nach allen vier Seiten mit weitem Rundbogen geöffnet".14 Die rechts und links anschließenden Gebäudeteile, d.h. die Leichenhalle und die Wärterwohnung, wurden nie realisiert.

Entwurf 3 Schnitte und Seiten
Entwurf 3: Torhaus, Schnitte und Seitenansicht, von Chateauneuf signiert und datiert 16. September 1824 (Staatsarchiv Bad Oldesloe, Bestand 1, Acta XXII Nr. 150a)

Dieses monumentale, freistehende Torhaus in Backstein muss für viele Zeitgenossen, für die der antikisierende Klassizismus als der Repräsentationsstil angesehen und als vorherrschend erlebt wurde, wie ein aktueller, moderner Stilbruch empfunden worden sein. In Oldesloe z.B. hatte bekanntlich nach dem großen Stadtbrand von 1798 Christian Friedrich Hansen (1756 - 1845) das streng klassizistische Marktplatzensemble mit Rathaus, Waage-, Wache- und Spritzenhaus (als dreibogige Loggia) sowie das Bürgermeisterwohnhaus geschaffen.15 Klassizistische Elemente setzte auch das neue Apothekenhaus in der Hindenburgstraße 9, das ebenfalls nach dem Brand für den Apotheker Friedrich August Lorentzen entstand.16 Klassizistisch geprägt war ferner ein oktogonaler säulenumkränzter Pavillon für den 1813 begründeten Badebetrieb sowie das 1823 auf einer Anhöhe über dem Brunnen und dem Kurpark errichtete Logierhaus für Badegäste (auf dem Platz, an dem sich jetzt das Hauptgebäude der Kreisverwaltung Stormarn befindet. Die Granitsockelquader sind noch heute am stadtseitigen Eingang des Kreishauses vorhanden.)17 In Altfresenburg, vor den Toren der Stadt Oldesloe, hatte Hansen bereits 1791 das schlicht klassizistische Herrenhaus für Hugo von Buchwald erbaut.18 Die klassizistischen Landhäuser an der Elbchaussee – nicht nur von Hansen – und für die Stadt Altona sind gut erforscht und dürften allgemein bekannt sein.19

Nicht nur bei Neubauten, sondern auch bei Restaurierungen von historischen Gebäuden erfolgte der "klassizistische Zugriff". In Bargteheide beispielsweise restaurierte Friedrich Christian Heylmann 1817, als Bauinspektor für Holstein unter dem Landbaumeister Hansen tätig, die Kirche in klassizistischen Formen.20 Für Schloss Reinbek hatte Heylmann im September 1816 den Abbruch des Nord- und des Südflügels geplant, um aus dem restlich verbliebenen Ostflügel ein streng symmetrisches "klassisches" Landhaus zu schaffen. Diese klassizistisch geplante Umwandlung des Renaissanceschlosses machte allerdings Hansen zunichte und sorgte für den Erhalt der dreiflügeligen Anlage in seiner überlieferten Gestalt.21

Torhaus NW
Das Oldesloer Torhaus von Nordwesten (Foto: Spallek)

Chateauneuf setzte sich mit seinem "radikalen" Backsteintorhaus über das Regelwerk des Klassizismus mit seinen antik griechisch-römische Gestaltungselementen hinweg. Das realisierte Tor vom Friedhof in Oldesloe lebt stark von den Proportionen des Gesamtgebäudes, der präzisen schönen Führung der Gebäudelinien, der unverdeckten Ansicht des "lebendigen" Backsteinmauerwerks und vom gezielten Einsatz einzelner Gliederungs- und Dekorelemente. Die Platzierung des monumentalen Torhauses im aufsteigenden Gelände steigerte seine Wirkung. Der Zuweg von der heutigen Bahnhofstraße, ehemals Landstraße nach Ratzeburg, erfolgte zwischen einem niedrigen Steinwall durch eine Pforte auf einem schnurgeraden Weg mit einer Steigung von "21 Fuß auf einer Linie von 300 Fuß Länge", wie der 2. Friedhofsplan vom 13.11.1823 verzeichnet.22

Chateauneuf wirkte in den nachfolgenden Lebensjahren als freier Architekt hauptsächlich in Hamburg. Bestimmte Projekte führten ihn nach Sierhagen in Holstein, Lübeck, London und Oslo.23 1826 erbaute er z.B. in der Hamburger ABC-Straße 31–35 ein Doppelhaus und das benachbarte Haus für M.H. Hudtwalcker als unverputzten Backsteinbau. Diese Architekturauffassung, die die "Wahrheit" des Materials im Gegensatz zum verdeckenden klassizistischen verputzten Weiß zeigte, fand nicht nur Anhänger, im Gegenteil: Es wurde als "rotes ABC" verspottet und kritisiert.24

Weitere Privataufträge für repräsentative Land- bzw. Stadthäuser z.B. von Syndikus Karl Sieveking in Hamm25 und Bürgermeister August Abendroth26 folgten. Eine repräsentative Zimmereinrichtung im pompejanischen Stil des Hauses Abendroth verwahrt das Museum für Kunst und Gewerbe. Neben seinen Aufgaben in Hamburg reiste Chauteauneuf 1824 nach Frankreich und England und 1831 erneut nach Italien.27 1838 nahm er am Wettbewerb für die Gestaltung des Trafalgar-Squares in London und für den Neubau der Royal Exchange teil. Beide Entwürfe wurden zwar preisgekrönt, aber nicht ausgeführt.28

In Zusammenarbeit mit William Lindley (1808-1900) errichtete er 1839 – 1842 die Bahnhofsgebäude und das Hotel Frascati der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn.29 Nach dem Großen Brand im Mai 1842, der große Teile der Hamburger Altstadt zerstörte, wurde er Vorsitzender der Planungskommission zum Wiederaufbau des Hamburger Stadtkerns.30 Im Zuge dieses Wiederaufbaues erhielt er Aufträge zu großen und wichtigen Projekten: Wiederaufbau der Petrikirche zusammen mit H. Fersenfeld, Neubau und Konzeption der Alsterarkaden, Konzeption des Neuen Rathauses, Bau der Neuen Post (1846) und etwa zeitgleich für den Ausbau des kleinen Bahnhofs der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn zum Großbahnhof der Hamburg-Berliner Eisenbahn und für den Neubau der Stadtwasserkunst in Rothenburgsort. Daneben erfolgten Privataufträge.31 Chateauneuf war sein Leben lang als freier Architekt rastlos tätig und schuf in rund 25 Berufsjahren ein Gesamtwerk von über 130 Bauwerken und Projekten.32

1846 heiratete Chateauneuf Caspara Möller, eine Norwegerin, und lebte und arbeitete zeitweilig in Christiania (seit 1925 Oslo).33 Hier plante er den großzügigen Umbau der Erlöserkirche und einen Neubau der Apostelkirche.34 Auch erstellte er einen Entwurf für das Storting, d.h. für ein Parlamentsgebäude. Dieses Projekt war sein letzter großer Entwurf für ein öffentliches Repräsentationsgebäude.35 Bereits im Jahre 1849 hatten sich Anzeichen einer Gemütskrankheit gezeigt, die sich im Laufe der nächsten Jahre verstärkte. Chateauneuf starb am 31.12.1853 in Hamburg.

David Klemm hat die Lebensleistung des Architekten wie folgt zusammenfassend charakterisiert: "Seine weitgespannte Sachkompetenz zeigt sich nicht nur in seinen Hauptbetätigungsfeldern, dem Wohn- und Städtebau, sondern auch bei der Errichtung von Kirchen sowie Geschäfthäusern, Industrie- und Verkehrsbauten. ... Für viele seiner Bauten entwarf er die Innenausstattung einschließlich der Möbel. ... Aufgrund seiner zahlreichen qualitätsvollen Entwürfe und Bauten zählt Chateauneuf unbestritten zu den herausragenden in Hamburg tätigen Architekten."36 Chateauneuf, der im Klassizismus ausgebildet und groß geworden ist, war einer der deutschen Architekten von höchsten Rang, der historisierende Stile meisterlich beherrschte und zugleich überwandt und für neuzeitliche Bauaufgaben eine zeitgemäße "Sachlichkeit" mit hohem künstlerischen und architektonischen Anspruch entwickelte.

Epilog 1

Nach Fertigstellung des Manuskriptes entdeckte der Verfasser, dass im Archiv des ev.-luth. Kirchenkreises Segeberg ein weiterer Entwurf (Ansicht, Schnitt und Grundriss) Alexis de Chateauneufs für den Neuen Kirchhof Bad Oldesloe existieren. Die Blätter sind auf den 30. Dezember 1823 und den 22. Januar 1824 datiert (Archivgut Oldesloe Nr. 74). Für freundliche Auskunft sei Frau Ingrid Schories gedankt.

Epilog 2

Für die zweite Jahreshälfte 2007 ist in Bad Oldesloe eine Ausstellung geplant, die die Geschichte des Torhauses und Chateauneufs Wirken in der Travestadt darstellt.

1 Vgl. den Beitrag von Norbert Fischer in diesem Heft. - Dr. Sylvina Zander, Stadtarchiv Bad Oldesloe, gilt Verdienst und Dank, Chateauneufs Urheberschaft an dem Torhaus entdeckt zu haben.

2 David Klemm, Hartmut Frank (Hg.): Alexis de Chateauneuf 1799-1853, Hamburg 2000, S.111.

3 ebenda und Günther Lange: Alexis de Chateauneuf. Ein Hamburger Baumeister 1799-1853. Hamburg 1965.

4 Ebd.

5 Klemm S.111 und S. 153/154. - Wolfgang Büchel: Karl Friedrich Schinkel, Reinbek, 2005 S.68.

6 Büchel S. 72f. - Martin Steffens: K.F.Schinkel, Köln u.a. 2003, S. 24-27.

7 Büchel S. 7-9, 77-81. - Steffens S.32-35. - Oswald Hederer: Klassizismus, München 1976, S.82 f.

8 Klemm S. 153 f.

9 Klemm S. 154

10 Klemm S. 154 f

11 ebenda

12 Stadtarchiv Bad Oldesloe, Bestand I, Acta XXII Nr. 150 a.

13 Klemm S. 157, Stadtbibliothek Lübeck, Milde-Nachlaß, Brief von Speckter an Milde 20.08.1824

14 Kunsttopographie Schleswig-Holstein. Neumünster 1982, S. 844

15 Bernd A. Blank: Christian Frederik Hansen, 1756 bis 1845. Zeugnisse seines Wirkens in Oldesloe, in: Jahrbuch für den Kreis Stormarn 15, 1997, S. 57-69.

16 Ebenda S.63.

17 Ebenda S.65.

18 Ebenda S.57-60, Burkhard von Hennigs: Herrenhaus Altfresenburg, in: Stormarner Hefte 9, 1983, S.123-128.

19 zuletzt : Julia Berger, Bärbel Hedinger (Hg.): Franz Gustav Forsmann (1795-1878) Eine Hamburger Architektenkarriere, Neumünster 2006.

20 Kunsttopographie S. 845 f.

21 Johannes Spallek: Unbekannte Pläne von Friedrich Christian Heylmann und Gutachten von C.F. Hansen zum Reinbeker Schloß, in: Nordelbingen, Band 53, Heide 1984, S. 85-95.

22 Burkhard von Hennigs: Das Torhaus des Alten Friedhofs in Bad Oldesloe, in: Stormarner Heft 9, 1983, S.134.

23 Klemm S.112-116.

24 Klemm S. 159 f, Daniel Tilgner: Chateauneuf, In: Hamburg Lexikon, Hamburg 1998, S. 105 f.

25 Klemm S. 173 f.

26 Klemm S. 185-192.

27 Klemm S. 112 f.

28 Klemm S. 113 , 217-222. - Stephan Tschudi-Madsen ebenda S. 56-65.

29 Klemm S. 234-238, Johannes Spallek: Planung und Bau der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn S. 15-32.

30 Klemm S.114, Hartmut Frank, ebenda. 92-110, Fritz Schumacher: Wie das Kunstwerk Hamburg nach dem großen Brand entstand. Ein Beitrag zur Geschichte des Städtebaus. Berlin 1920.

31 Klemm S. 114-116, 225-314.

32 Klemm S. 115, Derselbe: Hamburgische Biografie. Personenlexikon, Band 1 Hamburg 2001, S. 72 f.

33 ebenda.

34 Klemm S. 116, 298-302, 303-311. - Ebenda: Ole Petter Bjerkek: Alexis de Chateauneufs Wirken in Christiana, S. 66-75.

35 Klemm S. 311-313.

36 Klemm, S. 11- 23 , und derselbe: (hier zitiert) Hamburgische Biografie, S. 73.

Erstveröffentlichung: Jahrbuch für den Kreis Stormarn 25, 2007, S. 17-28.

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