OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Welche Grabmale stellen wir in 30 Jahren unter Denkmalschutz?

 - Februar 2003
Ausgabe: 
Nr. 80, I, 2003

Über den Sinn und die Perspektiven von Friedhofsordnungen in Bezug auf die Genehmigungen von Grabmalen, deren Gestaltung und die Auswirkung auf die Grabmalkultur.

Die Veränderung ist kaum übersehbar, das Verhältnis zwischen industriell hergestelltem, veredeltem, individuellem und gar keinem Grabmal hat sich verschoben, kontinuierlich und unaufhaltsam. Das ist gut so, denn es ist ein Spiegel unseres heutigen Lebens.

Die Zeichen der Globalisierung und der Großmarktkultur, in Bezug auf weltweit zu beziehendes Material und Herstellung, mit allen Begleiterscheinungen ist wohl als erstes zu nennen. Die Denkmalpflege und der Naturschutz bemühen sich um den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und ihrer inhaltlichen Aufgabe. Als Beispiel mag hier angeführt sein, dass die Unterhaltung von Steinbrüchen in Deutschland sich zunehmend schwieriger gestaltet und dadurch ein Abbau von Natursteinen im Ausland gefördert wird. Die Familiensituationen haben sich verändert, die Kinder bleiben oft nicht in ihrem Heimatort, die Pflege des Grabes wird vergeben oder besonders pflegeleicht gestaltet. Anonymbestattungen, zunehmend als Urnenbestattungen, sind die logische Konsequenz.

Die Friedhofsordnungen stecken den Rahmen für die Entwicklung im kulturellen Bereich der Sepulkralkultur. Die schwierige Aufgabe der Behörden ist Verbindung von Verwaltungsakt und Kultur. Die möglichen Probleme in Bezug auf die Gestaltung eines Grabmales zwischen Angehörigen, Steinmetzen und Behörden sind so alt wie die Friedhofsordnungen. Die Festsetzung von Material, Größe und Ausführungsart fördert einerseits eine Standardisierung der Grabmale, andererseits blockiert sie Auswüchse.

Die Steinindustrie und ein großer Teil der Steinmetzen hat sich sehr schnell darauf eingestellt. Die Wirtschaftlichkeit ist durch die Standardisierung zwar größer, die Entwicklung der Grabkultur läuft allerdings dagegen. Zunehmend anonym und Urnenbestattungen mindern die Umsätze, der Konkurrenzkampf wird stärker. Für die Betriebe, die sich mit der Veredlung und Herstellung von individuellen Grabmalen beschäftigen, ist die Situation schwieriger. Angefangen bei neuartigen Materialkombinationen, wie auch bei Proportionen der Grabmale, stellen die Friedhofsordnungen oft Blockaden dar. Zunehmend findet zwar eine Öffnung und Lockerung der Friedhofsordnungen statt, aber es liegt ausschließlich an den Menschen, die damit arbeiten. Friedhofsverwaltungen sind zunehmend auf dem Weg, Dienstleister zu werden. Aber der Weg ist mancherorts noch weit. In nahezu jeder Friedhofsordnung sind Ausnahmegenehmigungen möglich, nur der Weg dahin ist oft sehr beschwerlich.

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"Grabstein, Entwurf: Joachim Kreutz" (Foto: Kreutz)

Zukunftsansätze einer veränderten Sepulkralkultur sind heute schon zu erahnen, schauen Sie sich die Bestrebungen in Bezug auf Grabfelder für nicht bestattungspflichtige Kinder an, oder Grabfelder für Interessengruppen. Wie können wir heute unterstützend tätig sein für eine sinnvolle zukunftsorientierte Kultur in diesem Bereich? Die Qualifizierung der Mitarbeiter bei Behörden sowie die Weiterentwicklung des Verantwortungsbewusstseins der Steinmetzen und der Industrie stellen wohl mit die wichtigsten Parameter dar. Meine wichtigste persönliche Erfahrung bei meiner Grabmal- und Trauerarbeit möchte ich Ihnen als Letztes mitgeben: Hinterbliebene mit einem tiefen Seelenverständnis und der Bereitschaft, ihre Trauer zuzulassen und zu verarbeiten, werden in Zukunft eine große Stütze unserer Sepulkralkultur sein.

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"Bildhauer Joachim Kreutz" (Foto: Kreutz)

Über Joachim Kreutz:

Joachim Kreutz war ursprünglich Flugzeugbauer. Nach einer Krankheit jedoch brachte ihn die Begegnung mit einem Bildhauer zu seinem heutigen Beruf: Er ließ sich bei einem Frankfurter Meister zum Steinmetzen ausbilden und arbeitete in diesem Beruf als Betriebsleiter in Frankfurt und Stuttgart. Heute ist er selbstständig als Bildhauer und Grabmalgestalter tätig und betreibt eine offene Bildhauerwerkstatt, in der jeder einmalig oder regelmäßig unter seiner Anleitung arbeiten kann. Darüber hinaus arbeitet er als Werklehrer an der Frankfurter Waldorf-Schule und führt dort mit den Schülerinnen und Schülern handwerklich-künstlerische Projekte durch. Die Arbeit mit Menschen jeden Alters ist ihm mindestens ebenso wichtig wie der Stein, seinem wichtigsten Material.

Anm. d. Red.: Stephan Stockmars Text zum beruflichen Werdegang von Joachim Kreutz hat die Redaktion mit freundlicher Genehmigung des Verlages der Zeitschrift für Anthroposophie in Wissenschaft, Kunst und sozialem Leben "die Drei" entnommen. Er ist in der Ausgabe vom November 2001 einem Gespräch mit dem Bildhauer Joachim Kreutz vorangestellt unter der Thematik "Den Schmerz des Verlierens in die Kraft des Entstehens umwandeln - Grabmalgestaltung und Trauerarbeit".

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