OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Gedanken zum Ohlsdorfer Friedhof: Nicht nur der größte Parkfriedhof der Welt, sondern auch einer der schönsten Arbeitsplätze

 - Juni 2002
Ausgabe: 
Nr. 77/78, II/III, 2002

Wenn ich im Rahmen meiner Arbeit im Zyklus eines Jahres auf dem Ohlsdorfer Friedhof bin, dann geht es mir immer so, dass ich froh und dankbar bin, in so einer schönen Umgebung tätig sein zu können. Ich glaube, jeder, der einmal seine Arbeitszeit in einem grauen Büro zugebracht hat, wird mir da beipflichten können.

Vielleicht werden solche Betrachtungen angesichts der Bestimmung dieses Areals von einem Außenstehenden als zynisch empfunden. Ich denke aber, dass das "Park" im Parkfriedhof auch einmal sein Recht bekommen sollte. Und das gar nicht ohne Grund: Da fährt man durch die Tore dieses Friedhofs und ist wie in einer anderen Welt - vom großstädtischen Verkehr auf der Fuhlsbüttler Straße taucht man plötzlich ein in einen Landschaftspark.

Im Frühjahr oder Herbst frühmorgens, zum Wechsel der Jahreszeiten kann man das geradezu auf der Haut spüren. Dann ist die Luft über dieser gewaltigen Grünanlage frischer, kühler - eine atmende Lunge für die ganze Stadt. Gleich am Haupteingang auf der Cordesallee begegnet mir auf der rechten Seite der Südteich, eine kleine Anlage im Stil eines englischen Gartens. Zu jeder Jahreszeit wirkt diese kleine Idylle anders auf mich. Im Winter schneebedeckt wie eine Landschaft von Caspar David Friedrich, bedrohlich, als sei man der Natur ausgeliefert. Im Sommer entfaltet sich dort eine urwaldverdächtige grüne Blätterpracht und im Herbst, wenn die vielen gelben Blätter über die Oberfläche des Wassers treiben, ist es ein Ort der Besinnlichkeit und der Ruhe geworden. Solche grünen Oasen findet man viele auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Klein und versteckt kommen sie nur dann zum Vorschein, wenn man sie aus einer bestimmten Richtung betrachtet, ganz wie einen japanischen Garten. Da ist zum Beispiel der Bereich um den Nordteich zwischen Kapelle 7 und 8. Malerisch sieht man vereinzelte Gräber zwischen hohen Bäumen und dichtem Gestrüpp. Oder die Wiese links neben der Kapelle 11, auf der alles nach Belieben zu wachsen scheint und immer zu einem kleinen Rundgang einlädt, wenn die Zeit es zulässt. Kleine beschauliche Idyllen, die ihre Stimmungen mit den Jahreszeiten wechseln. Schützenswert und schön auch die alten Eichen- und Buchenbestände im Bereich der Kapelle 1 oder der Kapelle 12, die noch aus der Zeit vor der Gründung des Friedhofes stammen und Teil alter Wallhecken der Stadt gewesen sind.

Dann sind da natürlich die verschiedenen Kapellen, die dem Friedhof sein ganz eigenes Gepräge geben, jede für sich so individuell wie die Menschen, die in ihnen arbeiten. Zum Beispiel die von Cordes entworfenen Kapellen 3 und 4, noch romantische Werke aus einer Übergangszeit von sakraler Tradition und Neuorientierung. Ihr Gegenstück ist vielleicht die nüchterne Kapelle 1, die dafür hell und intim im Inneren gestaltet wurde. Dann sind da die monumentalen Schumacher-Bauten, die letzten, die er noch gebaut hat: das Krematorium und die Kapelle 13 am Ende der Mittelallee. Wenn ich auf sie zufahre und sie langsam vor mir größer werden sehe, will es mir scheinen, dass Schumacher Gedanken an den eigenen Tod verdrängt haben muss. Trotz der wunderschönen Einzelelemente, die sich in dem Bau befinden, kommt sie mir eher vor wie eine formale Auseinandersetzung mit dem Thema Tod.

Durchbrochen wird dieses Gelände von vielen Straßen. Dabei wird mir wieder bewusst, wie groß dieser Parkfriedhof eigentlich ist. Zwei Busse verkehren hier! Das lässt sich leider nicht ändern. Der Verkehr ist nicht nur störend für einen Park. Ganz besonders unangenehm sind die rabiaten Durchgangsfahrer, die sich nicht mal durch einen Trauerzug von ihrer Raserei abhalten lassen. Das ist nicht bloß gefährlich, wenn sich ein Auto millimeterbreit an einer Gruppe von Trauernden vorbei quetschen will, es ist in hohem Maße rücksichtslos diesen Menschen gegenüber. Wer glaubt, es im Leben so eilig haben zu müssen, macht etwas grundlegend falsch, denke ich. Wenn ich auf den Haupt-Alleen fahre, so fallen mir auch die vielen Gedenkstätten und Kriegsgräber, an denen man vorbeikommt ins Auge: an der Krieger-Ehrenallee die Soldatengräber von 1914-1918, bei der Kapelle 9 dann die Soldatengräber aus dem zweiten Weltkrieg und die Gräber der russischen Kriegsgefangenen, vor der Kapelle 13 die Bombenopfer, dahinter die holländischen, polnischen und russischen Ehrenanlagen, die Commonwealth-Angehörigen bei der Kapelle 12, die Anlage der Geschwister-Scholl-Stiftung am Eingang Bramfeld, die jüdischen Opfer in der Nähe der Kapelle 13, am Ende der Eichenallee und viele mehr. Alles in allem über 52.000 Gräber, die meisten von ihnen im Alter zwischen 19 und 30 Jahren. Lange gleichförmige Grabreihen, die immer wieder daran erinnern, was Krieg eigentlich bedeutet: die überflüssige Vernichtung von Menschenleben. So kann man natürlich auch bei einem Rundgang über den Ohlsdorfer Friedhof seine eigentliche Bestimmung nicht unberücksichtigt lassen. Für etwa 1,4 Millionen Menschen ist der Friedhof in 125 Jahren eine letzte Ruhestätte geworden - das sind 1,4 Millionen Einzelschicksale, fast so viele wie die Stadt Hamburg an lebenden Bewohnern hat. Und dennoch ist der Friedhof sehr lebendig, mehr als es diesem friedlichen Ort anzusehen ist. Da sind all die Menschen, die seit Anbeginn auf diesem Friedhof arbeiten, Bestatter, Pastoren, Friedhofsgärtner und -planer, Dekorateure und das Kapellenpersonal. Ein Kosmos für sich.

An dieser Stelle möchte ich meinen Dank an all die Menschen, mit denen ich hier zusammen arbeite, ausdrücken. Sie haben mir oft in heiklen Situationen geholfen. Und damit eigentlich nicht mir, sondern all denen, die den Verlust eines Menschen zu beklagen haben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ihnen wichtiger als all die technischen Errungenschaften, die diese manchmal schwere Arbeit erleichtern können, vor allem eines ist: Menschlichkeit im Umgang mit den Betroffenen. Das heißt auch, sich auf diese Menschen einzulassen, eigene emotionale Beteiligung am Schmerz anderer nicht zu verdrängen. Hier zeigt diese Natur, das Wechselspiel der Jahreszeiten, vielleicht seine wichtigste und erholsamste Wirkung. Vielleicht ist auch gerade dem trauernden Menschen die Nähe zur Natur, die er hier haben kann, wichtig. Vielleicht hilft sie ihm, sich auch wieder als Teil der Natur zu begreifen - auch in dem Ausgesetztsein dieser Natur - als Ausdruck des Eingebundenseins in den Kreislauf dieser Welt des Vergänglichen und in den Prozess der Erneuerung.

Meine Wünsche für dieses Kulturdenkmal wären der Ausbau und Erhalt dieser historischen Anlage mit ihrem Charakter als Park und das Achten auf Umwelt gerechten Umgang mit diesem Stück Hamburger Natur. Das kann nur im Sinne aller sein, der Bestatter, der Stadt und der Familien, die hierher kommen, um ihre Verstorbenen zu besuchen.

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