OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

125 Jahre Friedhof Ohlsdorf - Ein Grußwort

 - Juni 2002
Ausgabe: 
Nr. 77/78, II/III, 2002

125 Jahre Friedhof Ohlsdorf, das heißt auch 125 Jahre Zeugnis Hamburger Kulturgeschichte. Dieser Friedhof ist mit der Geschichte der Hansestadt Hamburg im letzten Jahrhundert eng verbunden und gibt an vielen Orten Zeugnis von den Leiden dieser Stadt während zweier Weltkriege.

Er gibt auch Zeugnis mit seinen Mausoleen und anderen großzügig gestalteten Grabmälern von einer stets prosperierenden Wirtschaftsmetropole Deutschlands.

Die Gestaltung der Gräber auf dem Friedhof sind wie aufgeschlagene Lebensbücher, in denen der interessierte Besucher etwas über Familien- und Zeitgeschichte erfahren kann, und das ist etwas, was Ohlsdorf für Hamburger und auswärtige Besucher spannend macht.

Unser Friedhof Ohlsdorf, der zu Hamburg gehört wie Rathaus und Michel ist ein unverzichtbarer Baustein Hamburger Kulturgeschichte, den es zu pflegen und erhalten gilt, etwas um das man sich kümmern muss, wie es gerade der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof tut.

Als jemand, der täglich auf diesem Friedhof tätig ist, beobachte ich seit über zwanzig Jahren, wie sich das Bild dieses Friedhofes verändert hat. Die Selbstverständlichkeit, seinen verstorbenen Angehörigen einen schönen Grabplatz zu geben und ihr Lebenswerk mit einem entsprechenden Grabstein und einer Blumenbepflanzung zu ehren, ist heute einer gewissen Schlichtheit gewichen. Grabfelder nur in Rasen gelegt und anonyme Beisetzungen sind inzwischen zur Normalität geworden und haben in Ihrer Größenordnung einen festen Platz in der deutschen Friedhofskultur eingenommen.

Da ein Friedhof in seiner Gestaltung auch immer eine stumme Aussage über die Gesellschaft macht, die auf ihm begraben ist, muss man wohl zugestehen, dass Teile der Hamburger Gesellschaft durch Fehler in der Stadtbebauung vereinsamt und isoliert sind, d.h. ehemals bestehende Familienverbände sich mehr und mehr aufgelöst haben, denn anders lässt sich die enorme Zunahme anonymer Bestattungen kaum erklären. Hier müssen wir alle uns wirklich fragen, ob wir nach einem langen Lebensweg, auf dem wir stets darauf geachtet haben, dass unsere Persönlichkeit und Individualität von unseren Mitmenschen geachtet wird, im Tod plötzlich null und nichtig wird und nichts mehr von unserem Lebenswerk dokumentationswürdig ist, also unsere sterblichen Überreste namenlos unter den Rasen gebettet werden sollen.

Nicht nur die Kirchen sehen diese Entwicklung mit einer gewissen Sorge, auch wir, die wir täglich Verantwortung für Verstorbene und deren Familien übernehmen, fragen uns, ob Trauerarbeit ohne einen festen Platz auf dem Friedhof wirkungsvoll und effektiv durchgeführt werden kann. Das Grab auf dem Friedhof war immer einer fester Platz, um mit den Verstorbenen stille Zwiesprache zu halten. Hier konnte man Kraft sammeln, um sich den Alltagsproblemen anschließend wieder zu stellen. Wir sollten also für die Zukunft uns bemühen, dem Ort Friedhof und der individuellen Grabstelle wieder mehr Gewicht in unserer Gesellschaft zu geben, denn unsere verstorbenen Familienmitglieder haben Anspruch auf eine entsprechende Würdigung ihrer Person, auch nach dem Tod.

In diesem Zusammenhang muss man auch die Frage klären, was für uns Menschen eigentlich mit dem Begriff "Heimat" verbunden wird. Ist Heimat nicht der Ort, wo wir geboren wurden und aufgewachsen sind? Und ist Heimat nicht auch der Ort, wo unsere Eltern begraben liegen und wo wir selbst eines Tages begraben sein möchten? Wenn uns unsere Heimat also wichtig ist und wir sie wie ein Kleinod behandeln, dann sollten wir auch darauf Wert legen, dass unsere Friedhöfe eine Zukunft haben, einen festen Platz in unserer Gesellschaft und in unserem gesellschaftlichen Leben.

Ob die Betreiberform zukünftig noch in der Obhut der öffentlichen Hand, oder der Kirchen sein muss, ist dabei nicht von Bedeutung. Wenn wir unsere gesellschaftlichen Strukturen in den nächsten Jahren neu ordnen und mehr Verantwortung von bisher staatlichen Aufgaben in die Hände privater und damit wirtschaftlicher Betreiber geben, muss dies für das Friedhofswesen kein Nachteil sein. Neue wirtschaftliche Impulse können auch einen Synergieeffekt im kulturellen Bereich mit sich bringen.

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass der Friedhof Ohlsdorf im Wandel der Zeit ein Fels der Ruhe bleiben wird, an dem wir entspannen können.

Heft-Rubrik: 

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