OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Friedhof Ohlsdorf 2002: Im Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und wirtschaftlicher Notwendigkeit

 - Juni 2002
Ausgabe: 
Nr. 77/78, II/III, 2002

Der Friedhof Ohlsdorf - ein Gesamtkunstwerk von internationalem Rang - feiert seinen 125jährigen Geburtstag. Ein Grund zur Freude! Ich meine ja, in jedem Fall. Er hat sich bis in die heutige Zeit seinen eigenen, einmalig schönen Charakter erhalten.

Die gelungene Verbindung der Friedhofsschöpfer Johann Wilhelm Cordes (1840-1917) sowie Otto Linne (1869-1937) sind bis in die heutige Zeit an allen Ecken und Enden des Friedhofs sichtbar. Sein Handeln und Tun richtete Cordes stets nach seinem Motto aus: "Suche die Wahrheit, tue das Gute, freue dich am Schönen."

Die einmalig gelungene Synthese zwischen bestehenden Landschaftselementen und dem Einbringen und Umsetzen neuer Ideen ist den Friedhofsschöpfern bis in die heutige Zeit nachhaltig gelungen. Der Friedhof sollte der Erbauung dienen und seinen "Schrecken" verlieren. Ich denke auch, das ist es, was diesen Friedhof so besonders auszeichnet. Trotz zum Teil schwieriger Bedingungen (allein zwei Weltkriege) ist es erstaunlich, wie beispielhaft die kulturelle Friedhofsentwicklung anhand der Kunstwerke, wie z.B. Grabmale, zeittypische Bauten, Inschriften, schmiedeeiserne Portale, Grabzeichen und Sprüche auch heute noch abzulesen ist.

Die Inanspruchnahme des Friedhofes durch diejenigen, die in Ohlsdorf ihren letzten Ruheplatz suchen, hat sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Waren es im Jahre 1982 noch über 10.000 Menschen, die sich jährlich in Ohlsdorf beerdigen ließen, so wurden es ab dem Jahre 1985 stetig weniger. In 2000 waren es noch knapp 6.500 Beerdigungen pro Jahr.

Dieser rückwärtige Trend, der unter anderem durch die Kriegsjahre und weniger Sterbefälle begründet ist, lässt sich auch auf den meisten anderen Friedhöfen in Hamburg und Umgebung beobachten. Zudem wurden in den Jahren 1994/95 die Zuschüsse zum öffentlichen Grünanteil des Friedhofs seitens der Stadt erheblich reduziert.

Die Kunst bestand nunmehr darin, mit erheblich weniger Haushaltsmitteln einen Konsolidierungskurs einzuschlagen, der zum einen hinsichtlich des Personalbestandes erhebliche Einbußen forderte und zum anderen den sehr guten Gesamteindruck des Friedhofs aufrechterhalten sollte. Hier galt es vertretbare Abwägungen zwischen dem Diktat der Ökonomie und dem kulturellen Anspruch einer ganzen Gesellschaft Rechnung zu tragen. Der Friedhof sollte und wollte seine führenden Positionen hinsichtlich der Friedhofsentwicklungsplanung und Anpassung an vorhandene Trends in der Bestattungskultur auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus behalten.

Die Gratwanderung zwischen dem Anspruch der Bewahrung und Fortführung der Kultur (für die jedoch niemand die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen will) einerseits und dem Diktat der Ökonomie andererseits ist stets von Spannungen begleitet und fordert von den Verantwortlichen sowohl intern als auch extern eine Menge Mut, im Einzelfall auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen und den Blick für das Realisierbare zu behalten. Dennoch kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass trotz geringerer Mittel der Friedhof nach Anstaltsgründung (Anstalt öffentlichen Rechts) im Jahre 1995 in einem besseren Pflegezustand ist als er es vorher war. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass heutzutage auf unabdingbare Notwendigkeiten und Erfordernisse kurzfristig flexibler reagiert werden kann.

Die verantwortlichen Mitarbeiter des Friedhofes haben diesem Rechung getragen, in dem z. B. bisher weit über 150 Grabmalpatenschaften für besonders erhaltenswerte Grabmale vergeben wurden. Für eine Vielzahl der zum Teil bereits erheblich verfallenen Mausoleen wurden neue Nutzungsberechtigte gefunden, die zum Erhalt der Kunst und Kultur beigetragen haben. Es wurden im Rahmen eines Friedhofsentwicklungskonzeptes neue Flächennutzungskonzepte erarbeitet, die sowohl dem wirtschaftlichen Druck des Friedhofs als auch dem Anspruch an Kunst und Kultur in besonderem Maße dienen.

Der Friedhof ist den Nutzern hinsichtlich der Grabmalgestaltung entgegengekommen und hat die Vorschriften in den Bereichen gelockert, in denen es gesamtgestalterisch verträglich durchgeführt werden konnte, jedoch die Vorschriften in den Bereichen strenger gefasst, in denen es galt, Kulturgut zu erhalten (z.B durch "Ensembleschutz"). Neue Grabstätten werden angeboten wie z.B. das Löwengrab, die Schmetterlingsgrabstätte, also themenbezogene Grabstätten mit besonderem Charakter. Ökowiesen wurden anteilmäßig erhöht, dem Naturschutz damit Rechnung getragen. Auch die Einrichtung eines Grabfeldes mit so genannten "Baumgräbern" (die Verstorbenen werden in Urnen im Wurzelbereich von Bäumen beigesetzt, ähnlich eines Friedwaldes) wird derzeit diskutiert, da es diesbezüglich Nachfragen gibt.

Die in einigen Medien und Organisationen geforderte Aufhebung des Friedhofszwanges wird jedoch kategorisch abgelehnt. Dieses würde nicht nur dem Pietätsgefühl vieler Menschen widersprechen, sondern würde auch die viele jahrtausendalte begründete Bestattungskultur aller menschlicher Kulturen ad absurdum führen. Bestattungskultur, Bestattungsriten, Bestattungsplätze hat es immer gegeben. Sie dienten den Menschen als eine der wichtigsten Grundlagen ihres Daseins. Von der Steinzeit bis heute haben alle Lebensgemeinschaften Begräbnisplätze in den unterschiedlichsten Formen. Ein wichtiger Grund ist dabei, dass die Menschen zu allen Zeiten nicht nur Spuren ihres Lebens hinterlassen wollten, sondern auch Spuren des Sterbens, bzw. des Todes als wichtigen Bestandteil ihrer Kultur. Es kann und darf einfach nicht sein, dass die heutige überwiegend junge "Selbstverwirklichungsgeneration" sich als Richter über die Bestattungskultur aufführen und den Bestattungszwang aufheben will. Das bedeutet nicht, dass das Thema nicht diskutiert werden sollte. Die Auflösung jeglicher Bestattungskultur jedoch kann und darf nicht das Ziel solcher Diskussion sein.

Die Verantwortlichen des Friedhofes werden - wie auch in der Vergangenheit - alle Möglichkeiten nutzen, die Bewahrung des Friedhofes Ohlsdorf als Kulturgut und würdigen Bestattungsplatz zu erhalten. Diese Aufgabe sehe ich persönlich aus einer sehr wertkonservativen Sicht. Damit meine ich, dass nicht jedem Trend sofort gefolgt werden muss. Hier ist eine sorgfältige und weitreichende Beobachtung der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen und Notwendigkeiten angezeigt. Dabei hat sich die Friedhofsleitung gegenüber Vorschlägen von Dritten stets aufgeschlossen gezeigt. Die Entwicklung des Friedhofes muss sicher auf breiter Ebene ständig neu diskutiert werden. Die zuständigen Stellen der Freien und Hansestadt Hamburg müssen sich jedoch finanziell zur Bewahrung der Kultur bekennen und diese entsprechend unterstützen.

Einen ganz besonderen Dank an dieser Stelle auch noch einmal den Mitgliedern des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof, die mit großem und kompetentem Einsatz in Form von Führungen, Informationsveranstaltungen, der Betreuung des Museums und Gestaltungsvorschlägen zur Erhaltung des Gesamtkunstwerkes Ohlsdorfer Friedhof beitragen.

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