OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Vom Saulus zum Paulus oder: Wie ich Denkmäler lieben lernte

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Am 15. April 1977 begann ich meine Tätigkeit als Verwalter des Alten St. Matthäus-Kirchhofs in Berlin mit Überlegungen einen, nach skandinavischen Vorbildern "grünen, pflegeleichten und arbeitsextensiven Rasenfriedhof" zu schaffen.

In diesem "Skandinavischem Rasenfriedhof" störten die arbeitsintensiven Hecken verschiedener Gehölzarten und vor allem die teils kriegsbeschädigten, teils vernachlässigten Erbbegräbnisse, Wandgräber und Mausoleen. Aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Katastrophenschutz hatte ich Kontakt zum Technischen Hilfswerk (THW) und kannte deren Einsatzmöglichkeiten. In mehreren Gesprächen wurde die Frage geklärt, ob nicht das THW durch Sprengungen oder Sauerstofflanzen die Erbbegräbnisse und Mausoleen abtragen könne. Nur der Tatsache, daß der Alte St. Matthäus-Kirchhof unmittelbar von Wohnhäusern umstellt ist, ist es zu verdanken, daß das THW die Mausoleen nicht sprengen und die Erbbegräbnisse nicht abtragen konnte.

Andere angedachte Beseitigungen scheiterten an den immens hohen Kosten, die eine Beseitigung in Handarbeit erfordert hätte, weil schwerer Maschineneinsatz auf dem immer noch in Betrieb befindlichen Kirchhof mit rund 400 Bestattungen jährlich nicht möglich gewesen wäre. So zeugt der Alte St. Matthäus-Kirchhof noch heute von der ihm eigenen Vitalität, hat er doch die Speer'sche Stadtplanung des Dritten Reiches, den Zweiten Weltkrieg, die Abrißmentalität der Nachkriegsjahre und die "moderne Friedhofsplanung" überstanden.

Obwohl die Satzung für die evangelischen Kirchhöfe in Berlin-Brandenburg bis 1976 den Kirchhofsträgern zwingend vorschrieb, künstlerisch und historisch bedeutende Grabmale der Nachwelt zu erhalten wurden in den 50ger und 60ger Jahren viele alte Grabstätten abgerissen, deren Kunstwerke verscherbelt oder zerschlagen und die Eisengitter verschrottet. "Berliner Eisen" hatte einmal Weltruf! Gold gab ich für Eisen! Aber das Alte war nichts wert. Insbesondere nach dem Mauerbau 1961 mußten in West-Berlin Grabstätten geschaffen werden, weil die Friedhöfe in Ost-Berlin und im Umland plötzlich nicht mehr zur Verfügung standen. Ohne ein Gesamtkonzept wurden wahllos Grabflächen geschaffen und dabei oft Historische Anlagen abgeräumt.

Dies änderte sich erst als der damalige Leiter der Skulpturengalerie Berlin Herr Prof. Dr. Peter Bloch die Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts auf den Berliner Friedhöfen inventarisieren ließ und 1976 im Berliner Forum Heft 9/76 die Skulpturen des Alten St. Matthäus-Kirchhofes veröffentlichte. Damit war der Grundstein für eine denkmalpflegerische Gesamtbetrachtung des Alten St. Matthäus- Kirchhofes zu Berlin gelegt worden. Es begann eine bis heute andauernde kooperative Zusammenarbeit zwischen der Gartendenkmalpflege Berlin, dem Landeskonservator und der Kirchen- gemeinde als Kirchhofsträger. Ab 1978 erfolgten Restaurierungen mit finanzieller Unterstützung der Denkmalpflege.

Schon bald zeigte sich aber, daß die öffentlichen Mittel allein nicht ausreichten, um auch nur annähernd die erforderlichen Arbeiten in einem überschaubaren zeitlichen Rahmen erfüllen zu können. Waren bei der Bestandsaufnahmen 1978 noch 10 Jahre à 100.000,-- DM veranschlagt worden, so sind in der Zwischenzeit weit über 6,5 Mio. DM Fördermittel verbaut worden und ein Ende ist immer noch nicht abzusehen.

Es mußten also neben den Mitteln der Denkmalpflege weiter Geldquellen erschlossen werden. Hier boten sich zunächst Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit an um in einfachen Beschäftigungsmaßnahmen Wildwuchs zu beseitigen, Wege zu säubern und Grabstrukturen frei zu legen. Nach den Hausbesetzungen folgten dann Maßnahmen für arbeitslose Jugendliche ohne Schulabschluß um diese in den Arbeitsprozeß einzugliedern. Hier wurden erste Sicherungsarbeiten an Gräbern in Angriff genommen, Einhausungen für Skulpturen gefertigt, Notdächer hergerichtet, Grabeinfassungen wieder hergestellt und alte Grabbepflanzungen rekonstruiert.

Die 750-Jahrfeier Berlins 1987 brachte die Möglichkeit Firmen auf die Grabstätten ihrer Gründer anzusprechen und für deren Instandsetzung zu werben. Auch die Spendenliste des Senats von Berlin förderte einige Restaurierungen und Konservierungen. Die gewaltigen Anforderungen, die der einzelne Kirchhofsverwalter bei der Erfüllung dieser Aufgaben zu bewältigen hat führten 1989 zu der Erkenntnis, daß diese Aufgeben nur im Verbund aller Träger Historischer Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin zu bewältigen sei. Durch die Vorarbeit des Alten St. Matthäus-Kirchhofes kam es im April 1989 zur Gründung der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin. Ziel der Stiftung ist es, daß Staat und Kirche gemeinsam die anstehenden Probleme bewältigen, die Mittel gemeinsam bündeln und zielgerichtet einsetzen. In einem ersten "Lottoprogramm" 1989 konnten 3 Mio. DM für die Instandsetzung von Grabstätten auf den Historischen Kirchhöfen in West-Berlin eingesetzt werden. Nach der Wende wurde dieses Programm um 3 Mio. DM für die Friedhöfe in der Mitte Ost-Berlins erweitert.

Die Vorarbeiten dazu lieferte eine weitere ABM-Maßnahme, die die Kirchhofsverwaltung St. Matthäus unmittelbar in der Wende zur Rettung der seit 1970 geschlossenen und vor der Auflösung stehenden Kirchhöfe im Bezirk Mitte angeregt und ausgearbeitet hatte. Da bekanntlich Platz in der kleinsten Hütte ist, fanden auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof 12 wissenschaftliche Mitarbeiter für zwei Jahre ein neues Betätigungsfeld. Architekten, Bauingenieure, Historiker, Künstler und Informatiker waren mit der Erfassung und Dokumentation der Kirchhöfe am Prenzlauer Berg beschäftigt und schufen die Grundlagen für Restaurierungsmaßnahmen der Denkmalpflege. In zwei weiteren Jahren haben Biologen, Chemiker, Landwirte umweltrelvante Daten auf den Historischen Kirchhöfen in der Mitte Ost-Berlins erhoben. In 16 Ausstellungen wurde der Aspekt der Ökologie auf den Kirchhöfen der Bevölkerung näher gebracht. Diese Forschungstätigkeit hat entscheidende Hinweise zum Grünflächenwert der Historischen Friedhöfe, zur Artenvielfalt der innerstädtischen Friedhöfe und zum Verständnis der Friedhöfe als "Orte des Lebens" gegeben.

Die Beschäftigung Ost-Berliner Wissenschaftler brachten Kontakte zur Humboldt-Universität Berlin ein, deren gärtnerischen Fakultät intensive Beziehungen nach Budapest pflegt. 1996 stand dort der Friedhofsgartenbau im Mittelpunkt der Gartenbautage. Auf dieser Tagung konnten wir vor einem Auditorium junger Gartenbaustudenten und erfahrener Garten- und Landschaftsplaner von unseren Berliner Erfahrungen berichten und die Bandbreite heutiger Tätigkeiten eines Kirchhofsverwalters vorstellen. Fast zwangsläufig führten diese ersten internationalen Kontakte zur Planung der Internationalen Tagung "Friedhöfe am Rande des Vergessens" 1998 anläßlich der "Denkmal 98 - Europäische Messe für Stadterneuerung und Denkmalpflege" in Leipzig. Von York (England) im Nordwesten bis Wien im Südosten reichte der Bogen der Referenten, die über Restaurierungserfahrungen und Umgehensweisen in den einzelnen europäischen Regionen berichteten. Das Echo auf diese internationale Tagung war so positiv, daß bereits wieder die Vorarbeiten für die Denkmal 2000 angelaufen sind. Im Rahmen einer ca. 100 m² großen Ausstellung in der Messehalle Leipzig sollen die Bemühungen der Fördervereine und Freunden Historischer Friedhöfe dargestellt werden. Kontakte hierfür gibt es bereits zur polnischen Denkmalpflege, über die Universität Budapest nach Siebenbürgen, zur Stadtverwaltung Wien, zum Highgate Friedhof in London, zum Friedhof in York, so daß die europäische Dimension der Friedhofsproblematik deutlich wird.

In allen Städten und Regionen bemühen sich Bürger um die Erhaltung der Historischen Friedhöfe ihrer Gemeinden zum Nutzen der nachfolgenden Generationen, damit diese in den aufgeschlagenen Geschichtsbüchern ihrer Orte lesen, die Frage nach den Sinn des Lebens erfahren können. Durch die Diskussion um ein humanes selbstbestimmtes Sterben, Hospizbewegung u.a.m. setzt langsam auch eine Rückbesinnung auf das eigenen Leben und den Umgang mit Sterben, Tod und Trauer ein.

Friedhöfe sind die einzigen Orte, an denen trauernde Hinterbliebene allein mit ihrer Hände Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes "begreifen" daß der Mensch tot ist und mit der Hände Arbeit die letzten Dinge richten können. Fehlt dieses "begreifen", so nimmt der Mensch häufig Schaden an seiner Seele, werden sie mit dem Tod eines Menschen nicht fertig, brauchen ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe, weil die Trauer nicht zugelassen wird.

Der Friedhof wandelt sein Bild im Rhythmus der Jahreszeiten. Aus dem herbstlichen Sterben und Vergehen wird gewiß eine neues Erwachen und Erblühen im kommenden Frühjahr. So vollzieht sich allein auf dem Friedhof der ewige Kreislauf der Natur in den sich alle Menschen und Geschlechter einreihen. Diese Bild vom ewigen Kreislauf der Natur mag vielleicht ein Trost sein, für alle Trauernden. Es ist gewiß ein Symbol für alle die auf dem Friedhof tätig sind.

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