OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die friedhofskulturelle Hintertreppe - Bürgerinitiativen, die dritte Kraft

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Bürgerbeteiligung und Bürgerinitiativen lautet das politische Postulat von heute.

In der Friedhofspraxis ist es für viele eine willkommene Herausforderung, andere warnen vor der Öffnung der Büchse der Pandora. Warum auch? Die Bürger sind vertreten in Kommunen durch die Ratsmitglieder und in Kirchen über die Kirchenvorstandsmitglieder bzw. Presbyter. Die repräsentative Demokratie hat ihre Organe und Instrumente: Satzungen, Richtlinien und die Kontrolle über deren Einhaltung. Ideal ist die Einhaltung der Beschlüsse, Verstöße werden geahndet. Gerechtigkeit und Gleichbehandlung sichern das friedhofskulturell Errungene und schützen vor Innovationen, deren Folgen und Nebenwirkungen störend wirken könnten.

BürgerInnen wollen sich mehr als bisher angenommen beteiligen und engagieren. Wie eine Repräsentativerhebung im Auftrag von Aeternitas in 1998 belegt, suchen im Bundesdurchschnitt 12 % (Nord-Süd-Gefälle von 30 % bis 8 %) aller Grabstelleninhaber andere Formen der Grabgestaltung. Modernere Grabmale und abwechslungsreichere Bepflanzungen werden ebenso präferiert wie die Auflockerung der teilweise als trostlos empfundenen Friedhofsanlagen und Gräberfelder. Einige noch folgende Beispiele werden zeigen, wie Bürger und -initiativen ihre Wünsche auch in die Tat umsetzen. Im Protest gegen "das System" stellen sie eine Einheit, neben Politik und Verwaltung die neue dritte Kraft.

Natürlich ist bekannt, daß diese "Aufklärer" das Komplexitätsproblem oft laienhaft unterschätzen. Seitens der Offiziellen dies gleich mit dem Wort "Krise" zu belegen, würde dem Engagement nicht gerecht. So zu tun, als ob die Initiatoren gleichsam an einem archimedischen Punkt außerhalb der Gesellschaft gegen die Gesellschaft wären, hieße mit einem negativ dialektischen Zaubertrick Front machen.

Der Platz gehört den Reformern des Systems, die auch die Friedhofskultur als "Versuchsfeld" für den allgemein geforderten gesellschaftlichen Wandel achten, der eine stärkere Einbeziehung und Eigenverantwortung von Initiatoren zum Ziele hat, ohne Gemeinwohl, soziale Gerechtigkeit und Solidarität für obsolet zu erklären. In diesem Sinne hat der Kulturausschuß des Deutschen Städtetages in der "Hanauer Erklärung" schon 1997 gefordert, öffentliche Kultureinrichtungen sollten
- sich vielfach vorhandene kulturelle, künstlerische und soziale Kompetenz der Bürgerschaft zunutze machen,
- engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur gestaltenden Mitwirkung in Kultureinrichtungen geben,
- die freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeit von Bürgerinnen und Bürgern suchen und fördern.

Was in den Papieren des Städtetages noch theoretisch klingt, ist vielfach umgesetzt. Welche Kraft aus der Gemeinschaft zwischen "System" und Bürgerinitiative erwächst, berichten hunderte positiver Beispiele, von denen nur einige namentlich genannt werden sollen.

1. Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte sanierte den Stadtfelder Friedhof (1995). In knapp einjähriger Arbeit haben Mitarbeiter der städtischen Gärtnerei sowie der Steinmetzen in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt dem Friedhof ein natürliches autentisches Aussehen verliehen.

2. In Detmold-Nienhagen pflegt eine Bürgerinitiative seit über 150 Jahren die Friedhöfe.

3. Per Bausteinaktion finanzieren die Bürger von Störnstein in der Oberpfalz und der Bürgerverein von Bocklemünd/Mengenich ihre Leichenhallen.

4. Zwei Berliner bringen die Pop-Art auf den Friedhof: Party statt Trauerfeier. Ihr Ziel: Den Umgang mit dem Tod modernisieren.

5. Die Konrad-Adenauer-Stiftung vergibt (1993) den Lokaljournalistenpreis zum Thema “Die letzte Reise” betreut von der Bundeszentrale für politische Bildung.

6. Auch die Ärmsten der Armen sollen nicht vergessen werden. Die Selbsthilfegruppe "Oase" in Köln (1995) pflegt Gräber von Obdachlosen und ruft zur Mithilfe auf.

7. Neues aus Dortmund: 1997 hat die Stadt Dortmund die Friedhofsbesucher befragt, um deren Wünsche kennenzulernen. Heute verfügt Dortmund über einem Kinderspielplatz auf dem Südfriedhof.

8. Greenpeace startete eine Aktion "Grabpflege".

9. Sargträger und ein Leichenzug mitten in der Großstadt? Geht es nach dem Bremer Pastor Klaus Dirschauer, soll dieses Bild aus vergangenen Zeiten wieder Alltag werden.

10. Initiator Harry Kramer: Künstlerinnen und Künstler von documenta-Rang entwerfen und realisieren zu Lebzeiten ihr eigenes Grabmal an einem Rundweg um den "Blauen See" im Naturpark Habichtswald bei Kassel.

11. Für die Städte Köln, Hamburg und Berlin wurden von der Verbaucherberatung Aeternitas sogenannten “Preisspiegel” aufgelegt. Medien und Bürger sind dankbar für diese Art der Transparenz von Friedhofsgebühren und Bestatterpreisen.

12. Künstlerkreise veranstalten vielerorts Ausstellungen und schaffen damit Orte der Diskussion über Sterben, Tod und Trauer.

13. Für den Erhalt historischer Friedhöfe engagiert sich so mancher Förderverein.

14. In einer Stadt in NRW verhinderte eine Bürgerinitiative die Schließung eines zentral gelegenen alten Friedhofs.

15. Sterbenotgemeinschaften sammeln von ihren Mitgliedern Beiträge, um damit anläßlich von Beisetzungen die Hinterbliebenen unterstützen zu können.

16. Ein Förderverein in Geesthacht übernahm für seine Mitglieder die Wortführung bei der Überarbeitung der Gebührenordnung gegenüber der Stadt.

17. Der Förderkreis Ohlsdorf selbst könnte diese Liste erheblich verlängern aufgrund der vielen von ihm erfolgreich durchgeführten Aktionen der letzten Jahre. An dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch zum 10jährigen Bestehen.

Alle Initiatoren haben schon einmal die Erfahrung gemacht: Es ist oft schwer sich offiziell dem "System" zu nähern. Aber es gibt immer auch eine "Hintertreppe". Und wenn man Glück hat, trifft man dort die politischen Spitzen wie sie sind, zugänglich verständnisvoll und ebenfalls besorgt um die richtigen Initiativen für die Zukunftsentwicklung, froh über den Rückenwind der einen oder anderen Bürgerinitiative.

Die Untersuchungen der amerikanischen Politologen Brennan und Lomaksy haben gezeigt, daß die BürgerInnen bei Abstimmungen nicht bloß ihren Eigeninteresse folgen, sondern vielmehr auch bereit sind unparteilichen und Gruppeninteressen Rechnung zu tragen. Nicht zuletzt dies erhöht die Legitimität direkt-demokratischer Entscheidungsverfahren. Sie sind nicht als die unfehlbare Instanz anzusehen. Sie erhöhen aber die Akzeptabilität friedhofskultureller Entscheidungen nur, wenn sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen. So sollen die betroffenen Bürger öffentlich von den Planungen informiert und nach ihren Wünschen befragt werden und sich so nicht von einer politischen Klasse übergangen fühlen.

Durch bürgerliche Projekte ergibt sich eine produktive Konkurrenz zu den etablierten Interessen. Es öffnen sich Wege von der "verordneten" zur erstrittenen Demokratie. Die zum Teil kultivierte Passivität wird gelockert. Wie wir alle hoffen, im Sinne der Entwicklung des gemeinsamen Ganzen.

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