OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Leben mit dem Friedhof

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Als Kind ging ich oft auf einen großen aufgelassenen Friedhof im Norden Düsseldorfs, auf dem der Großvater täglich seinen Spaziergang machte.

Auf alten Grabsteinen entzifferte ich die Lebensdaten und Schicksale und versuchte, mich hineinzudenken. Im Kriege dann kam hinzu die Plötzlichkeit des Endes von vertrauten Menschen, die ich erlebte: in Bombenangriffen, an der Front. Und später begleitete ich in meinem kirchlichen Amt auf vielen Friedhöfen in München und Hamburg Menschen zur letzten Ruhe. Immer gehörte der Tod zum Leben, zu seiner Begrenztheit, dem Unbegreiflichen des Geschicks, zu dessen Bewältigung wohl die christliche Tradition helfen sollte.

Als ich nach Jahrzehnten zum Ruhestand an den Rand des Ohlsdorfer Friedhofs zog, der mir durch die Familiengräber meiner Frau seit langem vertraut war, sah ich das als eine Aufforderung, mich noch einmal mit der Begrenztheit des Lebens, mit dem Blick auf das eigene Ende zu konfrontieren. Der Geist der Zeiten und das Denken der Menschen hatte sich nun offenbar verändert: der Tod hatte sich aus dem Leben zurückgezogen. Die Millionenstadt der Toten inmitten der Millionenstadt Hamburg schien kaum gegenwärtig, allenfalls in den zahlreichen Anzeigen des Beerdigungsgeschäftes. Offenbar hatte die inzwischen geschehene wirtschaftliche und technische Entwicklung dabei eine große Bedeutung für den Wandel des Geistes. Während in früheren Zeiten der Kampf um das Leben, die Gesundheit, das Überleben auch die Grenzen der Kraft immer wieder vor Augen brachte, verstellte nun die immer größere Fülle von Gütern und Waren, die man haben kann, das Verlangen nach immer mehr Besitz, den Blick auf die Unmöglichkleit, Leben endgültig zu sichern. Und die Herrschaft der Technik, der technischen Produkte und Hilfsmittel auch im Alltag, die dieses Lebensgefühl der Warenfülle hervorgebracht hatten, trieb nun dazu, auch die fatale Frage nach dem Ende alles dessen durch technische Veranstaltungen zu vertreiben. Organisationen entlasteten die Menschen vom Umgang mit dem Sterben: in Kliniken, Pflegeheimen, Bestattungsinstituten.

Es ist offenbar, daß sich damit das Verhalten zum Tod und d.h. zugleich zum Leben als etwas Begrenztem veränderte. Verleugnen von Realitäten, ohne daß die Fragen, vor die sie uns stellen, angehört werden, macht jene Realitäten erst recht wirksam, wenn auch im Hintergrund oder im Unbewußten. Und das Wegblicken vor Aufgaben, die sich nicht durch den Knopfdruck einer Fernbedienung lösen lassen, beschädigt am Ende auch die Lebensführung selbst.

Das alles bewegte mich auf den täglichen Gängen im Ohlsdorfer Parkfriedhof und ließ mich immer wieder fragen, wie das Verhalten früherer Generationen angesichts des Todes, das hier so deutlich erfahrbar ist, heutigen Menschen wieder vernehmbar gemacht werden könnte und zu einem gelösten Umgang mit dem Lebensende und damit zugleich mit dem Leben selbst helfen könnte. Dabei nun begegnete ich Barbara Leisner und ihrer großen Arbeit über und am Ohlsdorfer Friedhof. Sie war dabei wohl zu ähnlichen Empfindungen gelangt. Und als Antwort auf das Erfahrene entstand der Plan zur Gründung eines Förderkreises, der vielen Menschen die Möglichkeit zum Umgang mit der Botschaft eröffnen sollte, die "Ohlsdorf" zu geben vermag.

Der Ohlsdorfer Friedhof erscheint durch seine Schönheit, durch die Eindruckskraft seiner Anlage und der Bildsprache seiner Monumente besonders geeignet, einer von Bildern übersättigten Gegenwart dennoch die Kunst des Umgangs mit dem begrenzten Leben nahezubringen, ja einzuüben.

Das weckt den Wunsch, Menschen mit diesem Wunderwerk bekannt zu machen. Der Förderkreis begann so mit regelmäßigen kundigen Führungen - ergänzt durch informative Vorträge und Austellungen, Archivsammlungen, museale Präsentationen, schließlich Gedenkveranstaltungen (wie zu dem großen Sterben im Bombenkrieg). Aber nicht nur Kennenlernen erschließt, was hier zu erfahren ist. Mitarbeit in Gruppen u.a. zur Erhaltung von Anlagen führt zu einem praktischen "Lernen durch Tun". Schließlich entstehen auch Anleitungen für Schulen, in denen die Schüler durch Beschäftigung mit den Aussagen und Botschaften der Monumente den Umgang mit dem Tod und dem dadurch geprägten Lebensverständnis erwerben können; denn es geht ja nicht um Nostalgie, um wehmütige Erinnerung. Es sind vielmehr die lebendigen Menschen selbst, die in der Bemühung um die Toten an ihrem eigenen Leben arbeiten und das Leben neu sehen lernen. Das Verhalten zu den Toten beeinflußt das Verhalten zum Leben selbst.

Dabei ist es zuvörderst sicher der Eindruck "liebevoller Familien-beziehungen" (Ariès), der an den Grabmalen beeindruckt, sonderlich an den Gräbern von Kindern, die im östlichen Teil beieinanderliegen. Auch die Inschriften, auch die ständig wahrnehmbare Pflege der Gräber durch Angehörige bieten viele Beispiele dafür, wie der Verlust von Entschlafenen angenommen, bewältigt werden kann.

Aber nicht nur die individuellen Schicksale sind hier bedeutsam. Ohlsdorf bietet eine große Zahl von Erfahrungen, wie die Gemeinschaft der Menschen mit dem Gedächtnis verdienter Mitbürger, aber auch mit den gemeinschaftlich erlittenen Schicksalen umgegangen ist und umgeht. Da sind die Gemeinschaftsgrabstätten für die Feuerwehrleute und Polizeibeamten, die in Ausübung ihres Dienstes ihr Leben gegeben haben. Da sind vor allem die großen Gedenkstätten der im Kriege Gefallenen und Umgebrachten, nicht nur der deutschen Soldaten, auch der Engländer, der Russen, der Angehörigen anderer Nationen und nicht zuletzt die Opfer von Katastrophen: Bombenkrieg, Flutkatastrophen und über allem die Opfer der Konzentrationslager. Sie sprechen eine eindringliche Sprache - nicht die der heute verbreiteten Suche nach Schuldigen, sondern der Ehrfurcht vor den Opfern und der Mahnung zu Frieden und Solidarität unter den Lebenden.

Aus den zahllosen Monumenten und Bildwerken kann in den darin gezeigten Symbolen ein ganzes Lesebuch über den Weg des Menschen entstehen, entsprechend der alten Weisheit der Philosophen: Lebenlernen ist Sterbenlernen - das Wissen um die Grenzen muß nicht bedrücken, sondern kann gerade dem gegenwärtigen Augenblick Glanz und Tiefe geben. Das mag beginnen mit der Erfahrung, wie Trauer und Schmerz über Trennung und das Fragmentarische allen Lebens bewältigt werden kann und damit einen gelösten Blick auf die Wechselfälle menschlicher Sachen freigibt. Dem steht gegenüber die unaufhörliche Frage nach dem "was dann?" Die Vielzahl der Hoffnungen, die am Rätsel der Lebensgrenzen entspringen und die sich an den Monumenten zeigen, kann von keiner Theorie und keiner Dogmatik über das "Jenseits" aufgelöst werden. Doch der Glaube, der sich in den Bildern ausspricht: das Eingehen in die "ewigen Hütten" oder die Rückkehr zur Mutter, die Hoffnung auf etwas Bleibendes, ja auf ein "Wiedersehen", zeugt von einer Zuversicht, die sich durch das Ende nicht zum Schweigen bringen läßt. Sie wirkt, wie Motive auf den Grabmälern zeigen, zurück auf das Leben selbst: auf die Bereitschaft, Türen ins Unbekannte zu durchschreiten, auf die Enthüllung des noch Verborgenen zu hoffen, auf das Verlangen, von guten Mächten, von Engeln begleitet und bewahrt zu werden.

Am Ende aber sind es zwei große Gesamtbilder der Lebenszuversicht, die in merkwürdiger Weise die beiden Teile des Ohlsdorfer Friedhofs prägen: In dem Park- und Waldteil der Westhälfte ist es wohl die Hoffnung der Rückkehr ins Paradies oder in das elementare Leben der Natur, das in vieler Lyrik zum Ausdruck kommt. In dem nach dem 1.Weltkrieg gestalteten Osten erscheint dagegen die seitdem unaufhörlich erneuerte Hoffnung auf eine befriedete Gemeinschaft der Menschen, auf Frieden in der Welt: Gräber liegen in Reihen und Gruppen, an Treppen und Terrassen, um Hecken und Brunnen wie in einer friedlichen Siedlung beieinander.

Der große Ohlsdorfer Friedhof mit seinen stillen Bewohnern faßt dies alles zusammen: hier ist überschäumend vielfältige Vegetation und Kunst vieler Epochen, traumhafte Blüte und kühle Architektur, Vogelgesang und Plätschern von Brunnen unter alten Eichen, ein Fluß, auf dem wie auf einem Acheron im Herbst die gefallenen Blätter langsam dahintreiben, ein Gralstempel, dessen Gewölbe durch dunkle Laubkronen leuchtet - und zu jeder Jahreszeit die tätigen Menschen, die sich an den Gräbern zu schaffen machen und ihre Gaben bringen. Wer sich dort hineinbegibt, betritt wahrhaft einen "Hof des Friedens". Er empfängt den Mut, den hier erfahrenen Frieden immer wieder auch in das Leben des Alltags da "draußen" mitzunehmen, mitzubringen.

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