Was hat ein Friedhof im Hamburger Hafen zu suchen? So manch einer wird sich diese Frage stellen und dann vielleicht an gestrandete Seeleute denken, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben -aber weit gefehlt.
Im Hamburger Süderelbe-Raum zwischen Hafenbahn und Containerterminal mit seinen großen Logistikhallen befindet sich in einer Senke der Altenwerder Friedhof. In der Mitte des Kirchhofgeländes erhebt sich die im Backsteinbau 1831 errichtete Kirche St. Gertrud, die mit ihrem 62 m hohen Kirchturm aus dem Hafengelände emporragt und von der Autobahn A 7 aus gut sichtbar ist. Der Altenwerder Friedhof dürfte jedoch viel älter sein als die heutige Kirche, denn es ist bereits die vierte oder sogar fünfte Kirche, die in dem Dorf Altenwerder errichtet wurde. Alte Schriften über die Errichtung eines Pfarrlandes gehen zurück bis ins Jahr 1420. Um 1430 wurde dann auf dem heutigen Kirchengelände die erste Kirche errichtet und damit verbunden wohl auch die Friedhofsanlage.

Das Dorf Altenwerder sucht man jedoch vergeblich, denn es fiel der Hafenerweiterung zum Opfer. Bereits 1963 wurden die ersten Bewohner umgesiedelt, 1998 verließen die letzten Einwohner ihr Dorf. Als einziges Bauwerk hat die Kirche mit ihrem Friedhof überlebt, das hoffentlich auch in Zukunft noch von der bewegten Dorfgeschichte Zeugnis ablegen kann.
Nachdem im Zuge der Hafenerweiterung Kirche und Friedhof in den Besitz der Stadt Hamburg übergegangen sind, wurde die Gemeinde Altenwerder Ende 1978 aufgelöst und indie Thomas-Gemeinde Hamburg-Hausbruch integriert. Der Kirchenvorstand hatte jedoch in intensiven Verhandlungen erreichen können, dass der Friedhof als Ruhestätte der ehemaligen Dorfbewohner erhalten bleibt, und auch die Kirche in ihrem Bestand zu schützenist. So wurde sie 2024/25 unter Federführung der Hafenbehörde HPA umfangreich renoviert. Weitere Kosten, insbesondere für die Malerarbeiten in der Kirche, trug der Förderverein zur Erhaltung der Altenwerder Kirche. Heute können in der Kirche wieder Gottesdienste, Taufen, Trauungen sowie Konzerte stattfinden.
Beerdigungen sind jedoch nicht mehr möglich. Der einst mit seinen zahlreichen Gräbern gut genutzte Friedhof gleicht heute einer Parklandschaft, umgeben von Windkraftanlagen, Hafenkränen, der Hafenbahnund dem Geräuschpegel der Autobahn. Viele Gräber wurden inzwischen aufgegeben, aber einige werden auch heute noch von den Angehörigen gepflegt und mit Blumen geschmückt. Alle weiteren Landschaftsarbeiten werden von der HPA ausgeführt.
Von den restlichen Gräbern sollen hier nur zwei erwähnt werden: die Grabstätte des Marinemalers Johannes Holst (1880-1965) und das Grab der Familie Lippmann (Abb. 5 und 6). Von Johannes Holst geschaffene Bilder vom Meer und den Segelschiffen erlangten internationalen Ruhm. Daneben baute er sein Segelschiff und Geigen, die auch im Hamburger Orchester Verwendung fanden. In der Grabstätte Lippman wurden der Gründer der Seilerei Lippmann und seine Nachfolger begraben. Seit 175 Jahren werden Seile und Tauwerke im Ursprungswerk Altenwerder und heute noch in Hamburg-Hausbruch produziert.
Auf dem Friedhofsgelände wurde 1959 auch eine achteckige Kapelle mit einem Kupferdach errichtet. Diese wurde jedoch abgerissen, da die letzte Beerdigung 2018 stattgefunden hat. Dazu noch einmal zurück in die Geschichte Altenwerders, zu der der ehemalige Dorfbewohner Gustav Wülfken Folgendes berichtet (gekürzt wiedergegeben:
Die Verstorbenen wurden in Altenwerder im Hause, in der besten Stube aufgebahrt. Die Haustürdrücker wurden mit einem Trauerflorbehängt, die Fenstervorhänge zur Straße hin zugezogen. Nachbarn und Verwandte hielten die Totenwache und konnten im Wohnhaus von dem Verstorbenen Abschied nehmen. Im Leichenwagen, der von Pferden gezogen wurde, die einen schwarzen Umhang trugen, wurde derTote über die Dorfstraßen zur Kirche mit ihrem Friedhof transportiert. Unmittelbar hinter dem Leichenwagen ging der Pastor, dann die nächsten Angehörigen, gefolgt von der übrigen Trauergemeinde. Wenn der Leichenzug in den Kirchweg einbog, begannen die Kirchenglocken zu läuten. Nach dem Begräbnis versammelten sich Verwandte und engere Freunde im Trauerhaus bei Kaffee und Butterkuchen. Andere fanden sich zum Umtrunk in der Gastwirtschaft zusammen, der nicht selten in einem "Fellversupen", einem Besäufnis, endete. Leider hat die Wohnungsnot nach dem Krieg dazu beigetragen, dass diese alte Tradition immer mehr verschwand. So musste letztendlich auch der damalige Pastor Kunig dem Bau einer Friedhofskapelle mit Leichenkammer schweren Herzens zustimmen.
Zurück zur Gegenwart: Im Abstand von 2 Jahren findet auf der Grünanlage vor der Kirche ein ganz besonderes Ereignis statt: der "Altenwerder Klönsnack". Hierzu treffen sich dann die ehemaligen Dorfbewohner sowie zahlreiche Besucher zum Gottesdienst mit anschließendem Gedankenaustausch und den Erinnerungen an das untergegangene Dorf. Diese Veranstaltungen verursachen regelmäßig auch eine "Wiederbelebung" des Friedhofs.
In mehreren Tourenbeschreibungen, insbesondere für Wanderer und Radfahrer, wird Altenwerder mit seiner Kirche und dem Friedhof als besonderer Anlaufpunkt empfohlen. Dies wird auch weiterhin dazu beitragen, dass dieser Ort und damit die Geschichte zum verschwundenen Dorf Altenwerder für die Nachwelt erhalten bleibt.
Birgit van Oosting geb. Harms, aufgewachsen in Altenwerder,
Hamburg-Neugraben im Dezember 2025