Geschichte
80 jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg und 40 jüdische Friedhöfe im Westen der Republik Polen sind stumme Zeugen einer kulturellen Minderheit, die seit dem Mittelalter in der heutigen Metropolregion Berlin-Brandenburg gelebt hatte. Obzwar 1571 vom Kurfürsten Johann Georg "auf ewig" aus dem Land gejagt, holte sein Nachfolger Friedrich Wilhelm -der spätere Große Kurfürst -Juden genau einhundert Jahre später wieder zurück. Denn die Kurmark war nach Ende des Dreißigjährigen Krieges verheert, entvölkert und lag ökonomisch am Boden. Daher bedurfte es gezielter Wirtschaftsförderung ebenso wie gezielter Besiedlungspolitik. Erreicht werden sollte dies durch in-und ausländische Neusiedler mit dringend benötigten Spezialkenntnissen, die bereit waren, ihre beruflichen Fähigkeiten, ihr Geld und ihren Unternehmergeist in den Dienst Kurbrandenburgs zu stellen.
Auf Grundlage des kurfürstlichen Edikts vom 21. Mai 1671 ließen sich fünfzig aus Wien vertriebene jüdische Familien zur Beförderung "von Handel und Wandel im ganzen Lande" nieder. Juden, denen es an finanzieller Selbstständigkeit und innovativer Schöpferkraft mangelte, waren jedoch unerwünscht. Genehmigt wurde ihnen der Aufenthalt für zwanzig Jahre unter der Bedingung, sich keine Synagogen zu bauen. Ihre Religion durften sie ausüben und einen Rabbiner beschäftigen.
Gegen Zahlung einer jährlichen Gebühr von acht Talern erhielten sie kurfürstliche Schutzbriefe. Und direkt vor der Stadtmauer der Residenzstadt Berlin erwarben die Gemeindegründer um Israel Aaron und Model Riess im Februar 1672 ein Grundstück, auf dem sie fortan ihre Glaubensgenossen beerdigten.
Die Juden blieben stets vom Wohlwollen des absolutistischen Herrschers abhängig und in einer Minderheitenposition, was ihre kulturelle und religiöse Andersartigkeit zementierte und die Integration in die Gesellschaft behinderte. Im europäischen Maßstab spielte Brandenburg hierbei keine Ausnahme.
Dennoch markiert das Edikt den Beginn einer kontinuierlichen Entwicklung jüdischen Lebens, die das kulturelle, geistige und ökonomische Leben auf regionaler und lokaler Ebene prägte -und den Weg zur rechtlichen Gleichstellung der Juden in ganz Preußen ebnete. Berlin nahm aufgrund seiner Funktion als Hauptstadt allerdings eine Sonderentwicklung, schied auch 1881 aus dem Provinzialverband Brandenburg aus. Die überall entstehenden jüdischen Gemeinden schufen sich eine eigene Infrastruktur, zu der von Anfang an Friedhöfe gehörten. Einige lösten sich aufgrund von Abwanderung Ende des 19./Anfang des 20. Jh. wieder auf. Was blieb, waren ihre Begräbnisorte.
NS-Herrschaft und Zweiter Weltkrieg zerstörten schließlich das Gewachsene: 1945 war die gesamte jüdische Gemeinschaft Brandenburgs, die seit dem ausgehenden 17. Jh. zum Weichbild der Region gehörte, gewaltsam ausgelöscht. Ihre Friedhöfe waren verwaist und zum Teil zerstört. Die Nachkriegsordnung brachte die Abtretung der östlich von Oder und Neiße gelegenen Gebiete an die junge Republik Polen mit sich.
In Westpolen zählten die Zeugnisse der jüdischen Erinnerungskultur von Anbeginn zum weitestgehend marginalisierten und nicht angeeigneten kulturellen Bestand. Diese Relikte definierte man häufig als deutsch und behandelte sie entsprechend: sie wurden geplündert und vielfach beseitigt. Vernachlässigung, Vandalismus und Diebstahl schädigten ihrematerielle Substanz nachhaltig und massiv.
Den Osten Deutschlands prägte mehrheitlich ein gespaltenes Verhältnis zu diesem ungewollten Erbe der von den Deutschen vertriebenen und ermordeten Juden. Es bedurfte dennoch einer dringenden Lösung im Umgang mit ihren sepulkralen Hinterlassenschaften. Es musste geklärt werden, wer in welchem Umfang für ihre Instandsetzung nach jahrelanger Verwahrlosung bzw. Beschädigung, für dauerhafte Pflege und Unterhaltung sowie künftig für ihren Schutz vor Schändungen sorgen sollte. Strittig war, ob sich mit der Bereitschaft zur Pflege auch ein Bekenntnis zur moralischen und historischen Verantwortung verknüpfte. Kompliziert war dies auch in Brandenburg, wo sich bis 1991 mit einer kurzzeitigen Ausnahme in Prenzlau keine neue Jüdische Gemeinde gründen sollte.
Die auf Bitte des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in der SBZ bzw. der DDR übernommene Pflege der Friedhöfe erwies sich für betroffene Kommunen immer wieder als Überforderung. Diese Orte in einem würdevollen Zustand zu halten, war trotz guten Willens eben doch kein "einfacher Akt der Wiedergutmachung". Denn ausreichend Arbeitskräfte, Material und Finanzmittel dafür bereitzustellen, blieb eine utopische Illusion. Auch fehlte es immer wieder an der Fähigkeit, für sich selbst die Schuldfrage zu stellen. Es fehlte an Interesse für jüdische Geschichte und an Sensibilität gegenüber der jüdischen Trauerkultur. Eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Shoa fand in der Öffentlichkeit ebenfalls nicht statt. -Diewenigen Juden der DDR sahen diese Entwicklung mit großer Sorge, die sich auch an Friedhofsschändungen offenbarte. Die Täter konnten in den seltensten Fällen ermittelt werden. Darüber hinaus wurden an etlichen Orten die Friedhöfe abgeräumt und überformt. Das betraf insbesondere kleine Begräbnisplätze, wie etwa Seelow oder Wusterhausen/Dosse.
Doch reichten dieses Engagement und die damit verbundenen Einsichten bei Weitem nicht aus. Die Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung waren nicht zu übersehen: Der materielle Bestand der Friedhöfe hatte zum Zeitpunkt der politischen Wende 1989/90 deutlich Schaden genommen. Nur partiell ist zuvor restauriert und fotografisch dokumentiert worden. Trotz erster Initiativen wusste auch niemand, wieviel jüdische Friedhöfe es überhaupt gab.
1994 lag dann erstmals eine Gesamtübersicht für Ostdeutschland vor; Michael Brocke, Eckehart Ruthenberg und Kai Uwe Schulenburg zählten 58 Friedhöfe allein in Brandenburg. 2002 veröffentlichte Wolfgang Weißleder für das Bundesland einen Band mit weiteren Details, die er im Zuge seiner Forschungen in Restitutionsangelegenheiten ermittelt hatte. -Beide Publikationen sind die wichtigsten Grundlagen für die im Folgenden vorgestellte Bedeutung der Volldokumentation all dieser Orte.
Exkurs
Das aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen abgeleitete religiöse und ethische Gebot, die Würde der Toten zu ehren und für die dauerhafte Unversehrtheit der Gräber Sorge zu tragen, ist in der jüdischen Tradition fest verankert. Grundlegend ist hierbei der Glaube an die leibliche Auferstehung der Toten am Ende der Tage und die damit verbundene Lebenshoffnung. Die Ruhestätte des toten Körpers gilt als ewiges persönliches Eigentum des Toten; sie markiert die dauerhafte kulturelle und familiäre Zugehörigkeit des Begrabenen zur jüdischen Gemeinschaft. Aus diesen Gründen darf ein Friedhof auch nicht verkauft werden.
Der Umgang mit ihm unterliegt weiteren Vorschriften und Riten, die als Handlungsweisen in der Halacha, einem Kompendium von Regeln, Auslegungen und Bräuchen, versammelt sind. Orts-oder regionalspezifische, als Minhagim bezeichnete Bräuche traten hinzu. Angewendet auf die Aspekte Tod und Trauer prägen diese Sammlungen bis heute die jüdische Gedenkkultur, die auch von der Denkmalpflege und in der Bildungsarbeit zu berücksichtigen sind.
Nutzen
In erster Linie dient ein Grabstein der profanen Markierung des Grabes eines Verstorbenen. Er erzählt aus seinem Leben und bildet ab, welche Wertschätzung er genoss, wie die Hinterbliebenen mit dem realen Verlust dieses Menschenumgehen, wie sie erinnern.
So identifiziert das Grabmal auf einem jüdischen Friedhof den Begrabenen als Angehörigen des jüdischen Kulturkreises. Das Ensemble eines jüdischen Friedhofs erzählt demnach vom Lebenszyklus der jüdischen Bevölkerung inmitten ihrer christlichen Mehrheitsgesellschaft, macht Einflüsse und Veränderungen über Jahrhunderte hinweg lesbar. Darüber hinaus lassen sich genealogische, soziale und historische Zusammenhänge ebenso rekonstruieren wie Kontinuitäten und Brüche im alltäglichen Handeln. Jüdische Friedhöfe geben z.B. auch Hinweise, wie die seinerzeitige christliche Sepulkralkultur aussah. Unbestreitbar ist jedoch, dass jeder Friedhof -sofern er überhaupt erhalten ist -lediglich einen Teil des kollektiven und individuellen Gedenkens der Juden zum Ausdruck bringt.
Trotz dieser Einschränkung sind diese Orte heute vielfach das einzig sichtbare Zeugnis, das von einst blühenden jüdischen Gemeinden, ihrer Geschichte, ihrem Schicksal und das ihrer Mitglieder geblieben ist. Sie stellen aber eine oft ungenutzte Quelle zur Erschließung der jüdischen und der lokalen Geschichte dar. Ihr jeweiliger Zustand verweist zudem auf den Umgang mit diesem Erbe durch die zumeist nichtjüdischen Nachgeborenen.
Kulturerbe
Aufgrund all dieser Aspekte sollten die jüdischen Friedhöfe -wie andere Denkmäler auch -als kulturelles Erbe der Gesamtgesellschaft anerkannt, geschützt und gepflegt werden. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt die vielerorts nachlässig betriebene oder zum Teil vollständig fehlende Denkmalpflege. So verzeichnet z.B. die vom Brandenburgischen Landesdenkmalamt geführte Denkmalliste aktuell nur 37 jüdische Friedhöfe. Das provoziert die Frage, ob die nicht gelisteten Begräbnisplätze keine Besonderheit der Lokal-und Regionalgeschichte sind.
Basierend auf der Vereinbarung von Bund, Ländern und Kommunen vom 21. Juni 1957 gibt es zwar mit dem Staatsvertrag vom 11. Januar 2005 zwischen dem Land Brandenburg und dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden Land Brandenburg die Verpflichtung,"eine Mitverantwortung für die Unterhaltung und Pflege verwaister jüdischer Friedhöfe, die zu keiner Gemeinde mehr gehören" zu übernehmen. Die Höhe der Pflegepauschale stagniert bundesweit aber seit Jahren und ist so gering, dass keine ausreichende Betreuung gewährleistet ist.

Hinzu kommen Beschädigungen am Bestand durch Schändungen und Vandalismus.
Was für Potsdam beschrieben, betrifft auch alle anderen Friedhöfe: Durch Umwelteinflüsse und Menschenhand verändert sich nicht nur das Gesamtbild der Friedhöfe in erheblichem Maße. Auch müssen entstandene Schäden aufwendig behoben werden. Trockenheit und Ungezieferbefall führen dazu, dass Bäume gefällt werden und Rhododendron-Sträucher absterben. Steinmetze restaurieren Grabmale, können aber filigrane Gestaltungen oder Inschriften nicht immer retten.
Es sind jedoch vor allem die Inschriften, die bei Unleserlichkeit oder Verlust des Grabmals dazu führen, dass die oft einzige Quelle zu einer Person zerstört ist. Ihr Grab kann dann nur identifiziert werden, wenn dieses zuvor dokumentiert, beschrieben und in einem Lageplan markiert wurde.
2009 verwies Nathanael Riemer darum auf die Dringlichkeit, sämtliche Grabmale undFriedhofsstrukturen zeitnah und vollständig zu dokumentieren -und diese Zeugnisse als Beitrag für die europäische Kulturgeschichte anzuerkennen. Hierzu bedarf es ohne Zweifel der engen Kooperation von Politik, Wissenschaft, Denkmalpflege, Zivilgesellschaft, Stiftungen und Jüdischen Gemeinden.
Um die Geschichte der jüdischen Friedhöfe und ihre Bedeutung zu kennen, müssen die Erkenntnisse aber auch weitergegeben werden. Es muss gelingen, Multiplikatoren zu gewinnen, die die Vielschichtigkeit gesellschaftlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen auch aus historischer Perspektive vermitteln und damit Perspektiven für die Zukunft eröffnen.
Ehrenamtlichen, Heimatforschern sowie Pädagogen, Künstlern und vielen anderen Akteuren geht es darum, dass diese Friedhöfe als Teil der deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte und als spannender Aspekt der eigenen Lokal-und Regionalgeschichte begreif-und erfahrbar werden. Über verschiedene Formate -Führungen, Workshops, Seminare, Lesungen, Ausstellungen, soziale Medien -vermitteln sie Jugendlichen und Erwachsenen aber nicht nur Wissen über die jeweiligen Orte. Sie wollen über selbstständiges Weiterdenken und reflexive Erinnerungsarbeit erreichen, dass jüdische Friedhöfe nicht länger als Teil einer "fremden Kultur" wahrgenommen werden, sondern auch als verletzbare Orte, die den besonderen Schutz und die Mitverantwortung der Gesellschaft brauchen.
Online
Damit all diese Ergebnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sind, die Suche nach Personen, Orten oder Grabsteinen leichter wird, entstanden im deutschsprachigen Raum neben Buchformaten auch Online-Datenbanken. Die Nutzung dieser Ressourcen hat den Vorteil, dass Inhalte stetig erweitert und mit weiteren Informationen verknüpft werden können -vorausgesetzt, dassauch hier Finanzierung, Trägerschaft und Betreuung nachhaltig gesichert und eingespeiste Daten und Forschungsergebnisse dauerhaft konserviert sind.
Den Initiatoren der Datenbank "Jüdische Friedhöfe in Brandenburg" an der Universität Potsdam, Brigitte Heidenhain und Nathanael Riemer, ging es auf Grundlage der Erschließung des Friedhofs in Wriezen darum, nicht nur einzelne Grabsteine mit ihren Inschriften, materiellen Eigenschaften und Bezügen zu anderen Personen zu dokumentieren, sondern in die jüdische Geschichte des jeweiligen Ortes und seines Friedhofs einzuführen sowie eine aktuelle Zustandsbeschreibung zu geben.
Seit 2009 wuchs diese Datenbankanwendung kontinuierlich auf ehrenamtlicher Basis. Von 2019 bis 2021 förderte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ein Projekt am Lehrstuhl für Denkmalkunde der Viadrina in Frankfurt(O.) zur Erschließung der Friedhöfe in Westpolen. Seit August 2024 finanzieren die Universität Potsdam und das brandenburgische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur eine 2/3 Stelle am Lehrstuhl für Deutsch-Jüdische Geschichte der Universität Potsdam. Die Projektstelle ist zudem Teil des bundesweiten Kompetenz-Netzwerkes "Net Olam".
Es ist zu wünschen, dass es 2026 eine Anschlussförderung gibt, da die Erschließung der jüdischen Friedhöfe Brandenburgs längst noch nicht abgeschlossen ist.