Verstorbene, noch nicht bestattete Menschen befinden sich auf einer Schwelle, die zwei Sphären voneinander trennt: sie sind in der diesseitigen Welt der Lebenden noch anwesend und zugleich schon auf dem Weg in die jenseitige Welt der Toten, sie sind 'schongestorben', aber 'noch nicht begraben'. Die Hinterbliebenen begegneten ihnen bis noch vor einigen Jahrzehnten in diesem 'Zugleich' und nahmen in von Generation zu Generation überlieferten Formen und Ritualen Abschied.
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts lässt sich ein tiefgreifender Wandel im Umgang mit Verstorbenen feststellen, dem ich in einer mikrohistorischen Studie am Institut für Soziologie der Universität Hannover nachgegangen bin. In diesem Rahmen entstanden Ende der 1990er-Jahre zwei Interviews mit Frau Behr, einer ehemaligen Bestatterin in einem niedersächsisch-ländlichen Dorf nordöstlich von Hannover. Sie berichtete darüber, wie sie gerade verstorbene Menschen versorgte und welche Veränderungen sie bis Anfang der 1990er-Jahre erlebte. Ihre Schilderungen lassen einen tiefgreifenden Umbruch erkennen, in dem die tätige Sorge für die Verstorbenen vollständig in eine unternehmerische Dienstleistung überführt wurde.
Diese Menschen sind, so meine These, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ein Niemandsland geraten, denn sie erhielten rechtlich, sprachlich, rituell und theologisch mehr und mehr den Status einer 'Sache', die nach der Unternehmenslogik eines Bestattungsinstituts entsorgt und unter die Erde gebracht werden müsse. Schließlich bliebfür die Angehörigen nichts anderes mehr übrig als eine "Auswahl in den Angeboten nach dem farbigen Leistungskatalog der Institution" zu treffen. Gleichzeitig lässt sich eine neue Form des Abschiednehmens beobachten: aus der Trauer als einem sozialen Geschehen in einem örtlichen, nachbarschaftlichen und persönlichen Zusammenhang wurde eine individualisierte Trauer, die - orientiert durch wirkmächtige psychologische Konzepte - durchlebt, bearbeitet und schließlich bewältigt werden soll. Dabei stütze ich mich neben dem Interview mit Frau Behr auf die Unterlagen des kirchengemeindlichen Archives, Äußerungen des Bestattungsgewerbes sowie kirchliche, juristische und theologische Stellungnahmen.
Um diese tiefgreifende Transformation plausibel zu machen, werde icherstens Frau Behr erzählen lassen, wie und mit welcher Haltung sie in einem Todesfall vorgegangen ist, zweitens den Umbruch von einer gemeinschaftlichen und praktisch tätigen Sorge in eine unternehmerische Dienstleistung skizzieren und abschließend die zurückbleibenden Angehörigen in den Blick nehmen. Brennglasartig wird deutlich, dass ohne diese wachsende körperliche, örtliche und persönliche Distanznahme von gerade Verstorbenen das heutige, illusionäre Erinnern und/oder Weiterleben der gestorbenen Nächsten im digitalen Raum nicht vorstellbar ist.
Nun aber zu Frau Behr. Als Frau des ortsansässigen Tischlers übernahm sie nach und nach die Aufgaben, die vormals in den Händen der letzten Totenfrau des Ortes in der südlichen Lüneburger Heide gelegen hatten. Sie wusch die Verstorbenen, kleidete sie an, machte sie eventuell ein wenig zurecht, regelte die notwendigen Formalitäten und organisierte die Trauerfeier. Wenn also jemand gestorben war, sagten die Menschen: "Ja, ruf' mal Erika Behr an, die zieht ja an." Aber erst, wenn der Arzt den Tod bescheinigt hatte, fuhr Frau Behr in das Sterbehaus. "Früher", so erzählte sie, "konnten die Menschen genauer feststellen, ob jemand verstorben war. [...] Viele trauen sich heute nicht zu sagen, ja, der ist tot." Und nie wusste sie, welche familiäre und räumliche Situation sie erwartete. Immer aber versuchte sie auf die Toten zu achten, weil "auch mit Verstorbenen so'n bisschen liebevoll umgegangen [werden muss] -die können [...] doch nichts mehr sagen" und es "das Letzte ist, was man für den Verstorbenen tut." (Belegstelle des Interviews: I, 5f) Sie schloss -wenn es noch nicht gemacht war -die Augen der Verstorbenen, verhängte "bei den Einheimischen" (I,21) vielleicht die Spiegel und hielt die Uhren an, bevor sie begann, die Verstorbenen zu entkleiden, zu waschen und anzuziehen. Halfen früher die Nachbarn den Angehörigen beim Zurechtmachen eines Verstorbenen, weil sie es waren, die, so Frau Behr, "genau damit umzugehen wissen, das ist immer so gewesen, sie haben es von den Eltern so übernommen oder von den Großeltern, sie haben es so weitergegeben. Und das ist ja dann schon Tradition ..." (II,36) Dann aber wurde diese Hilfe immer weniger und Frau Behr begann, die Angehörigen zu beteiligen: "Sie möchten ja auch gerne mit anfassen, aber die trau'n sich nicht, solange nicht jemand da ist." (I,4)Zu Frau Behrs Aufgaben gehörte es auch, alle notwendigen Formalitäten mit den Angehörigen zu besprechen und zu regeln. "Früher", so sagte sie, "früher ist das ja so gewesen, [...] an Formalitäten brauchte man nur die Sterbeurkunde -viel mehr ja nicht." (I,1) In der Zunahme der Formalitäten sah sie eine der auffälligsten Veränderungen: das Standesamt benötigt für die Beerdigung entsprechende Urkunden und das Friedhofsamt Unterlagen, damit die Grabstelle vergeben werden kann. Die Angehörigen müssen die Bestattungsform wählen, den Sarg oder die Urne aussuchen, den Sargschmuck bestellen und die Grabpflege regeln. Die Trauerfeier muss organisiert werden, dazu gehören die Absprachen zur musikalischen Gestaltung und die Absprachen mit den PastorInnen oder TrauerrednerInnen. War früher ein Todesfall durch das Erzählen im Dorf, das sog. 'Ansagen' bekanntgemacht worden, wurde es nun zu einer Aufgabe von Frau Behr, gemeinsam mit den Angehörigen eine Traueranzeige für die örtliche Presse und eine Trauerkarte für Verwandte, Nachbarn und Freunde zu entwerfen und in Auftrag zu geben.
Zu Beginn der Tätigkeit von Frau Behr in den 1960er Jahren gab es noch übliche Orte, um wichtige Unterlagen aufzubewahren oder Wünsche für die eigene Bestattung festzuhalten: "Ältere Menschen haben immer eine kleine schwarze Tasche, da finden Sie es, garantiert!" (I,13) Und weiter erzählte sie, "ja, durch die besagten Gesangbücher oder Gebetsbücher oder die Hausbibeln. Das, was angestrichen war oder eingeschrieben oder genau die Lieder aufgeschrieben. Dass Oma oder Mutter gesagt hat: 'Hier, ich schreib' die Lieder auf, das möchte ich was gesungen wird." (II,27) Diese Orte verloren mehr und mehr ihre Bedeutung, als die Menschen begannen, in Form von sog. Vorsorgeverträgen ihre eigene Bestattung zu regeln.
All diese organisatorischen Tätigkeiten füllten seit den 1960er-Jahren mehr und mehr die Zeit vom Versterben bis zur Bestattung aus. "Früher", so Frau Behr, "ist das ja so gewesen, dass [der Fuhrunternehmer des Ortes] mit dem Leichenwagen kam und den Toten abgeholt hat, eigentlich erst am Tage der Beerdigung. Zu Hause wurde aufgebahrt, die Nachbarn haben noch mit angezogen und geholfen." (I,6) Es war die Zeit, in der nahestehende Freunde, Nachbarn und Familienangehörige sich selbst von dem Verstorbenen verabschieden und den Hinterbliebenen ihr Beileid aussprechen konnten. Eindrücklich erzählte Frau Behr, dass es oft unmöglich gewesen war, "jemanden abzuholen, [...] wenn der im Haus stirbt." (II,23) Früher, "wenn einer aus dem Haus ging" (I,1), gehörte eine kurze Andacht vor dem Verschließen und Hinaustragen des Sarges selbstverständlich dazu. Der Pastor kam ins Haus, um ein letztes Gebet, einen Segen zu sprechen.
Aber dann verloren die Aufbahrungen im Trauerhaus ihre Selbstverständlichkeit, man brachte die Verstorbenen in die neue Kapelle, die nach dem Krieg gebaut worden war. Damit "war ja dann ein Raum da, wo sie [die Verstorbenen] untergestellt werden konnten" (I,1). Und als dann Anfang der 1960er-Jahre in Niedersachsen ein neues Bestattungsgesetz in Kraft trat, das den Verbleib der Toten im Sterbehaus rechtlich regelte, bemerkte Frau Behr selbstkritisch: "Da haben auch die Bestatter den Fehler gemacht, dass sie das Gesetz wörtlich genommen [haben]: also, ist eine Kapelle am Ort, muss auch dorthin überführt werden." (II,35) Damit wurde die Zeit für die Aussegnungen knapp, der letzte Besuch der Verstorbenen wurde in die Kapelle verlegt.
Zu Behrs Anfangsjahren holte der örtliche Fuhrunternehmer die Verstorbenen mit seiner Kutsche am Tage der Beerdigung ab und brachte sie auf den sog. 'Totenwegen' zum Friedhof. Die Totenfrau und die gesamte Trauergesellschaft begleiteten den Sarg zu Fuß, heute dagegen legen die Toten ihren letzten Weg im Leichenwagen des Bestatters allein zurück.
Ich komme zu meinem zweiten Punkt. In den Erzählungen von Frau Behr zeigt sich, dass sie von vielen Menschen berichtete, die alle daran beteiligt waren, die Toten zu versorgen: Nachbarn, Freunde und Angehörige, die im Ort für die Bekanntgabe zuständig waren, die halfen, die Verstorbenen zu waschen und anzukleiden, der Tischler, der den Sarg zimmerte, der Fuhrunternehmer, der die Verstorbenen zum Friedhof brachte und der Pfarrer, der mit der Aussegnung und der Trauerfeier die Verstorbenen zu ihrer letzten Ruhestätte begleiteten. Nachdem Frau Behr in den 1960er-Jahren die Arbeit übernommen hatte, strukturierte sie die anfallenden Tätigkeiten nach und nach völlig neu. Ihr Ziel war es, die Arbeit so zu organisieren, dass sie ein möglichst umfassendes Angebot für die gesamte Abwicklung einer Bestattung vorhalten konnte. So schaffte sie z.B. einen eigenen Leichenwagen an, so dass der Fuhrunternehmer nicht mehr benötigt wurde. Auf diese Weise übernahm sie nach und nach einen nun "ausgesonderten Wissensbestand, der dem Nicht-Experten [...] nicht [ohne weiteres] zugänglich ist, der von diesem aber nachgefragt wird." Sie wurde im Ort zu der Expertin, die man rief, wenn jemand gestorben war. Schließlich war es kaum mehr vorstellbar,dass es möglich sein könnte, ohne ein Bestattungsunternehmen diesen letzten Weg mit den Verstorbenen zu gehen.
Frau Behr begann in den 1970er-Jahren, die Lehrgänge und Seminare des Bundesverbandes des deutschen Bestattungsgewerbes zu besuchen und lernte, dass Sitten, Bräuche und Gewohnheiten dazu dienen, die Bestattung "in der versachlichten Welt [...] menschlich, organisatorisch und dekorativ einwandfrei zu gestalten", wie es in dem Lehrbuch des Bestattungswesens beschrieben wurde. Elemente des tradierten, einen Sinnzusammenhang herstellenden gemeinsamen Handelns gingen ein in das Register der Angebote des Bestattungsinstitutes und wurden zu Garanten einer 'würdigen' Bestattung. Handlungsleitend wurde die Zufriedenheit der Angehörigen, aus ihnen wurden Kunden und Konsumenten einer Dienstleistung. Ihnen blieb die Aufgabe, im Katalog des Unternehmens die Elemente des für sie angemessen erscheinenden Ablaufes und die nötigen Accessoires zu wählen, oder anders formuliert: An die Stelle eines Handelns, das Frau Behr mit den Worten "Dad war so und dad blivt so" (II,28) beschrieb, trat das Angebot und damit der Zwang, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu müssen. In dem Lehrbuch des Bestattungswesens hieß es deshalb folgerichtig: "Bei Hausbesuchen verwendet der Bestatter eine Mustermappe mit Formularen, Preislisten und Katalogen von Verkaufsartikeln. In der Ausstellung im Unternehmen wählt der Hinterbliebene direkt aus."
Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Angehörigen vom Wissen über das, was für die Verstorbenen das Richtige ist, enteignet wurden und sich in einem Rahmen wiederfanden, in dem sie nun eine Beratung bei der warenförmigen Konsumierung der Einzelteile einer Bestattung benötigen. Frau Behr brachte diesen Zusammenhang in einem kurzen Satz aufden Punkt: "Das darf nie so sein, dass ein Sarg verkauft wird. [...] Das muss eine Beratung sein." (I,8) Die Zurückstellung der finanziellen Seite war ihre beste Werbung und zugleich Teil der betriebswirtschaftlichen Kalkulation. Damit konnte ehemals aufeinander bezogenes und an feste Orte und Zeiten gebundenes Tun in eine Reihe von einzelnen Posten hinein entfaltet, isoliert und bürokratisiert, zur Wahl gestellt und entsprechend monetarisiert werden.
Abschließend möchte ich mich den Hinterbliebenen widmen und die Folgen dieser Entwicklung für sie diskutieren. Frau Behr erzählte viel von den zurückbleibenden Angehörigen und überlegte, was nötig ist, damit sie "hinterher zufrieden" (I,15) sind. Von dem Schmerz und der Trauer der Angehörigen berichtete sie kaum, denn, so ihre Beobachtung am Ende des 20. Jahrhunderts, "merken tut man sowieso erst alles [...] hinterher." (II,34) Hier zeigt sich ein großer Kontrast zu den Zeiten, in denen der Abschied noch in den Händen derjenigen lag, die mit den Verstorbenen waren oder ihnen ein letztes Mal einen Besuch 'zuhause' abstatteten. "Zuhause wurde aufgebahrt, die Nachbarn haben noch mit angezogen und geholfen" (I,1) Dieser Abschied bestand im konkreten körperlichen Tun aller Beteiligten mit und an dem Toten. Sie konnten sehen, fühlen und sicherlich auch oft riechen, dass der Menschen gestorben war. Das Trauerhaus war der Ort, an dem geweint, vielleicht auch geklagt und begonnen wurde, den Verstorbenen über die Erzählungen über sein Leben in die Erinnerungen der Lebenden aufzunehmen. Der Abschied war gleichermaßen auf den Verstorbenen und die Hinterbliebenen gerichtet.
Mit dem zügigen Abholen der Verstorbenen aus den Sterbehäusern entstand eine Leerstelle, über die Frau Behr Bescheid wissen musste. Wiederum in Seminaren lernte sie etwas über die Vorstellungen von sog. 'Trauerarbeit' und den 'Trauerprozess', wie sie z.B. von der Psychologin Verena Kast in ihren einflussreichen Arbeiten entwickelt wurden. Hier offenbart sich ein epochaler Umbruch im kollektiven Verständnis der Trauer: der soziale Charakter des Abschieds wurde durch die Vorstellung einer Trauer ersetzt, die individuell zu bearbeiten ist. An die Stelle des aktiven Handelns an und mit den Verstorbenen rückte die Vorstellung der Trauer eines innerpsychischen Prozesses und die Fähigkeit, sich tätig zu verabschieden, wurde den Hinterbliebenen so buchstäblich aus den Händen genommen. Um dies noch einmal zu verdeutlichen: die Verstorbenen waren in der Regel im Sterbehaus anwesend, bis sie zur Bestattung abgeholt wurden, ihnen galt die Sorge jedes Handgriffs. Die Gesten, das Versorgen und Empfinden fielen zusammen. Im Waschen, Ankleiden, Aufbahren, bei jedem erneuten Besuch der Nachbarn und Freunde und beim Begleiten der Verstorbenen auf ihrem letzten Weg zum Friedhof erhielten sowohl die Trauer als auch die Hinwendung zu einem Leben ohne die Verstorbenen eine konkrete, reale Form. Wird die Trauer dieses sozialen Zusammenhanges beraubt, bleiben die Menschen in ihrem Schmerz allein. Eine Trauer ohne die Verstorbenen hat ihren sinnhaften, räumlichen und zeitlichen Halt verloren, so dass es heute beinahe unmöglich erscheint, den Tod eines nahstehenden Menschen ohne professionelle Hilfe bewältigen zu können. Oder zugespitzt formuliert: hier zeigten sich die ersten Umrisse einer Welt, in der selbst der Verlust eines Nächsten zu einer Lebenssituation wird, die nur durch die richtige Wahl einer der vielfach angebotenen Trauerbewältigungskonzepte 'bearbeitet' werden kann.
Der Blick in die Gespräche mit Frau Behr lässt dagegen noch ein Wissen um die Verstorbenen als Personen aufschimmern, das inzwischen beinahe gänzlich aus der herrschenden Praxis getilgt ist. Ihre Erzählungen aus den vergangenen Zeiten ermöglicht eine Distanz zum heutigen, seltsam leeren Handeln um die Toten im Rahmen von Dienstleistungen. Mit ihrem Umgang wurde Frau Behr eben auch ein wenig zur 'Anwältin' der Toten, denn, nochmals in ihren Worten: "Es muss auch mit Verstorbenen so'n bisschen liebevoll umgegangen [werden] -[...] die können doch nichts mehr sagen."(I,5)