Bis zur Eröffnung des Burgtor-Friedhofes fanden die Lübecker Toten ihre letzte Ruhestätte in der Regel innerhalb der Stadtmauern an oder in den Kirchen. Diese enge örtliche Verbindung von Friedhof und Kirche war ursprünglich theologisch begründet, denn die Nähe zum Altar und zu den im Kirchenraum aufbewahrten Reliquien wirkte dem katholisch-mittelalterlichen Glauben nach segensreich für die Seelen der Verstorbenen.
Mit der Einführung der Reformation war dieser Toten-und Jenseitsglaube in Lübeck zwar aufgegeben worden, doch setzte sich ein Begräbnis außerhalb der Stadt - wie es vom Protestantismus befürwortet und in einigen Städte auch frühzeitig umgesetzt wurde - nicht durch.
Es war vor allem Johann Friedrich Brandes, der durch eine Druckschrift und mehrere Vorträge in der "Gemeinnützigen" die Debatte um die Verlegung der Friedhöfe im Sinne der Aufklärung auslöste und vorantrieb. Brandes war Theologe und trat 1792 in die "Gemeinnützige" ein. Er plädierte in seiner 1798 erschienenen Druckschrift "Über den ländlichen Gottesacker" für eine neue Lage und Ästhetik der Friedhöfe, die abseits der wachsenden Städte angelegt werden sollten. Als Vorbild diente ihm der rasch bekannt gewordene Dessauer Neue Begräbnisplatz von 1787.
Zwar blieb Brandes' Vision für Lübeck zunächst unerfüllt. Immerhin sorgten solche Überlegungen dafür, dass die vor den Toren der Hansestadt gelegenen Begräbnisplätze in den Fokus aufklärerischen Interesses gerieten: vor allem der vor dem Holstentor gelegene St. Lorenz-Friedhof (weniger der St. Jürgen-Friedhof vor dem Mühlentor). So konnte Johann Friedrich Brandes 1798 berichten, dass mehrere Leichen aus Lübecker Bürgerfamilien auf dem St. Lorenz-Friedhof beigesetzt worden seien. Er wertete dies als Beleg, dass der Wunsch nach neuen, "ländlichen" Begräbnisplätzen in der Lübecker Bürgerschaft Fuß fasste. In den Folgejahren kam es zu weiteren, vereinzelten Initiativen, mit denen Lübecker Familien ein Zeichen für eine neue Bestattungskultur setzten. Bemerkenswert ist dabei, dass der außerstädtische St. Lorenz-Friedhof zuvor als Armenfriedhof gegolten hatte. Er war nämlich ursprünglich auf Anordnung des Rates als Pestfriedhof -noch heute steht dort ein Pestkreuz - ohne eigene Kirche auf dem Knochenhauerwall vor dem Holstentor angelegt worden. Schon bei seiner Gründung war er aber nicht nur für Pestopfer gedacht, sondern auch zum Armenfriedhof bestimmt worden. Auch Kinderleichen wurden hier bestattet sowie jene, die unter ungeklärten Umständen verstorben warenund auf den innerstädtischen Friedhöfen nicht geduldet wurden - zum Beispiel 1792 ein Ertrunkener.
Aber bereits 1786 kaufte sich die angesehene Lübecker Familie Wickede eine Grabstätte auf dem St. Lorenz-Friedhof. 1797 folgte die Familie des späteren Lübecker Bürgermeisters Christian Adolph Overbeck. Dieser war -wie der im Vorjahr beigesetzte, im Alter von nur 27 Jahren an Blutstürzen verstorbene Schriftsteller Karl Rechlin -Mitglied der "Gemeinnützigen". Bei diesen Bestattungen auf St. Lorenz fand sich in den Akten gelegentlich der Vermerk "auß der Stadt". Dieser deutet auf das Ungewöhnliche einer Beisetzung außerhalb der Stadtmauern hin. Die Grabmäler der bürgerlichen Familien auf dem St. Lorenz-Friedhof spiegeln die Ära des Klassizismus (Grabmal Rechlin) ebenso wider wie die neue Auffassung eines "sanften Todes" und -bei den Inschriften -die Bedeutung einer erfolgreichen bürgerlichen Biografie. Den "sanften Tod" verkörpert beispielsweise die Trauerfigur auf der Grabstätte Meder aus dem Jahr 1798 -frühes Vorspiel der dann vor allem im Verlauf des 19. Jahrhunderts immer beliebter werdenden Grabfigur der "Trauernden". Zur Nachahmung eines geglückten, erfolgreichen Lebens fordert die Inschrift auf dem Grabdenkmal für Friedrich Daniel Behn auf. Friedrich Daniel Behn (1734-1804) war ein bekannter Vertreter der Aufklärung in Lübeck, beruflich wirkte er als Pädagoge und Rektor des Katharineums (Lübecker Gelehrtenschule und späteres Gymnasium). Inschriften und symbolischer Schmuck kommemorieren das Leben und Wirken des Verstorbenen. Biografische Daten, Berufsbezeichnung und Hauptfelder der Betätigung zeichnen das irdische Leben nach, symbolische Darstellungen zeugen im Weiteren von der Hoffnung auf ein ewiges Leben: so der Ouroboros, also die sich in den Schwanz beißende Schlange.