Die 14. transmortale fand im Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkulturin Kassel in Verbindung mit dem Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Hamburg und der Stiftung Deutsche Bestattungskulturstatt. Die transmortale ist eine Veranstaltung, die Nachwuchswissenschaftler*innen eine inter-und transdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex "Sterben, Tod und Trauer" ermöglicht.
Der erste Tag der 14. transmortale (21. März 2025) war dem Thema "Tod und Trauer in der Kinder-und Jugendliteratur" gewidmet. Der zweite Tag (22. März) war thematisch offener gestaltet und ermöglichte jungen Wissenschaftler*innen die Präsentation ihrer Forschungsprojekte zu den Themen Sterben, Tod und Trauern. Die Tagung fand in der Säulenhalle des Museums für Sepulkralkultur und somit zwischen den historischen Grabmälern statt. Damit war ein einzigartiger Rahmen für die Auseinandersetzung mit diesem Thema gegeben.
Den Auftakt der Veranstaltung bildete die Begrüßung der Teilnehmer*innen durch DIRK PÖRSCHMANN, den Direktor des Museums. Besonders freute er sich über die Kooperation mit den Universitäten Köln und Bielefeld und betonte die Rolle der Studierenden für den interdisziplinären Austausch. Außerdem konstatierte PÖRSCHMANN, dass das Museum für Sepulkralkultur in seiner Gestaltung viel mit Kinderbüchern gemein habe. Genau wie solch ein Buch sei auch das Museum durch die verschiedenen Kapitel geprägt. Eine weitere Gemeinsamkeit sei die Tatsache, dass Kinder-und Jugendbücher die thematische Auseinandersetzung mit einem Problem ermöglichten, das im Laufe des Lebens erscheinen würde. Eben diese Rolle erfülle auch das Museum für Sepulkralkultur. Die Vorbereitung auf etwas Abstraktes und Unvorstellbares -den Tod -motiviere sowohl Museum als auch entsprechende Literatur.
Daraufhin eröffneten LENA HOFFMANN (Bielefeld) und MAREN CONRAD (Köln) in ihrem Inputvortrag wichtige Perspektiven zum Thema "Tod und Sterben in der Kinder-und Jugendliteratur in historischer Perspektive und in der Gegenwart". Frau CONRAD begann den Vortrag mit dem Blick auf die Geschichte von Tod und Sterben in Kinder-& Jugendliteratur. Das Medium Kinderbuch forcierte zunächst die christlich-moralisierende Bildung der Kinder. Ein Beispiel für diese Entwicklung bietet Amos Comenius' bereits 1658 erschienenes Werk "Orbis Pictus", das in deutscher und lateinischer Sprache die Welt in Bild und Wort beschrieb. Hier wurden Todesreferenzen aber noch ausgeklammert. CONRAD zufolge ließe sich der Tod in der Kinder-& Jugendliteratur in drei Hauptmotive unterteilen. Erstens sei das Motiv der verstorbenen Eltern verbreitet (z.B. in den Märchen "Aschenputtel", "Schneewittchen", aber auch in neueren Publikationen "Pippi Langstrumpf" oder "Harry Potter"). Eine zweite Variante stelle der Scheintod dar, der beispielsweise in den Märchen "Schneewittchen" und "Dornröschen" in den Fokus rückt. Drittens nehme häufig der Tod des Bösen eine entscheidende Rolle ein-das sei unter anderem bei den Märchen "Hänsel und Gretel", "Schneewittchen", später aber auch in "Harry Potter", "Tintenherz" oder "Mio, mein Mio" zu beobachten. Eine weitere Dimension stelle die Bedrohung durch denTod als Erziehungsmaßnahme im Rahmen der sog. "schwarzen Pädagogik" dar (z.B. beim "Struwwelpeter"). Mit der emanzipierten Literatur, etwa bei Astrid Lindgren, begänne die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Tod/Sterben/Krankheit vor einem tröstlichen Hintergrund.
Den bemerkenswerten Abschluss des ersten Tages der transmortale bildete die Lesung mit der Comic-Künstlerin JOSEPHINE MARK zu "Murr" und "Trip mit Tropf", die sich mit Krankheit und Tod im Comic auseinandersetzte. Die aus Leipzig stammende Illustratorin berührte mit ihrem humorvollen und doch nachdenklichen Stil die Zuhörer*innen. Im Gespräch mit LENA HOFFMANN berichtete sie über die Bereicherungen, die insbesondere an Schulen durch die spielerische Lektüre von Comics entstehen. MARK zufolge könne gerade durch das Lesen von Comic-Büchern die Ablehnung gegenüber klassischer Lektüre auf Schüler*innen-Seite gut überwunden werden. Häufig stellt MARK ihre Werke an Schulen vor und zeichnet dabei auch mit den Kindern und Jugendlichen. Die Autorin erklärte, ihre eigene Angst vor dem Tod habe dazu geführt, dass sie diesen als Teil der Natur darstelle, ihn pragmatisch und menschlich werden ließe. Auf die Frage, ob sie ihre Bücher eher als Kinder-oder Erwachsenenliteratur betrachte, antwortete MARK, dass sie einfach versuche, gute Geschichten zu schreiben -nicht für den Buchmarkt, sondern für sich selbst. So entstünden oft Werke, die aus mehreren Perspektiven gelesen werden könnten. So nähmen jüngere Leser*innen häufig die humoristische Dimension ihrer Bücher wahr, Erwachsene hingegen den Subtext von Krankheit, Bedrohung, Tod und Flucht. Abschließend betonte die Comic-Künstlerin die Rolle von Comics für positive Lernerfahrungen im schulischen Umfeld.Nach diesem bereichernden ersten Tag wurde die zweite Hälfte der Tagung durch die breitgefächerten Vorträge junger Nachwuchswissenschaftler*innen zu ihren Forschungsprojekten bestimmt.
Zum Start widmete sich HANNAHRABEA WAGNER (Detmold) der (Un-)Möglichkeit, Trauer auszustellen -einer Herausforderung, die im Museum für Sepulkralkultur natürlich von tagtäglicher Relevanz ist. Die Referentin postulierte, dass das menschliche Verhalten in Reaktion auf den Tod nicht angeboren, sondern erlernt sei. Ein Museum, das sich mit den Themen Sterben, Tod und Trauer befasst, müsse als sicherer Raum verstanden werden, der den Besucher*innen ermögliche sich mit eigenen Verlusten auseinanderzusetzen und der Bedrohung durch den Tod zu begegnen. Objekte, insbesondere Kunstwerke, könnten dabei einen wertvollen Zugang zur intensiven Auseinandersetzung mit Trauer und Endlichkeit eröffnen.
Ähnlich persönlich berührend war der Beitrag von NATALIIA CHUB (Berlin), die sich der Verlustbewältigungdurch die Errichtung von Kenotaphen widmete. Die Archäologin zeigte historische Beispiele und setzte diese in Relation zu Bewältigungsstrategien in der Gegenwart. Dabei beschrieb sie auch aktuelle Fälle aus der Ukraine, bei denen trauernde Personen nach dem Verlust des Körpers einer verstorbenen Person Anlaufstellen für das persönliche Gedenken errichteten, z.B. durch die symbolische Bestattung von Gegenständen. Die Verbindung der historischen und der aktuellen Perspektive wurde dabei als sehr bereichernd empfunden.
Ein auf ganz andere Weise aktuelles und viel diskutiertes Thema steht im Fokus des Promotionsprojekts von KAREN KLOTZ (Esslingen), die am Forschungsprojekt "Attention" der Universität Esslingen beteiligt ist. Die dortigen Wissenschaftler*innenwidmen sich den Anfragen nach Suizidassistenz bei älteren Menschen in der stationären und ambulanten Langzeitpflege. Da solche Anfragen nach Hilfe beim Sterben häufig Überforderungs-und Stressreaktionen auf Seiten des Pflegepersonals hervorriefen, sollenim Rahmen des Forschungsprojekts Leitlinien für das professionelle Handeln in Reaktion auf diese Anfragen entwickelt werden. Das moralische Belastungserleben bei Pflegefachpersonal sei jedoch besonders in Deutschland in diesem Kontext noch nicht gut erforscht.
Belastungssituationen waren auch Gegenstand des Beitrags von ISABELL MESKE (Hannover), die als Gymnasiallehrerin tätig ist. Sie berichtete über ihre Erfahrungen mit Schulklassen im Umgang mit dem Themenkomplex "Tod, Trauer und Sterben" und plädiertedafür, Literatur als Angebot für den Dialog mit Schüler*innen über vermeintlich schwere Themen zu verstehen. Der praxisbezogene Erfahrungsbericht aus dem Schulalltag wurde von den anderen Teilnehmer*innen als sehr wertvoll empfunden.
Auch LAURA LEWALD-ROMAHN (Oldenburg) gab Einblicke in den Schulunterricht. Aufgrund von Erfahrungen im persönlichen Umfeld liegt ihr insbesondere das Thema "Koma" am Herzen. Als literarisches Sujet in der Kinder-und Jugendliteratur sei "Koma" dabei vor allem als Zeichen für den körperlichen Verfall und den baldigen Tod zu begreifen. "Literatur ist nicht immer eitel Sonnenschein", stellte die Vortragende fest. Literatur könne gerade in der Auseinandersetzung mit schweren Themen sinnvoll und bereichernd für den Schulunterricht sein und Schüler*innen niedrigschwellige, konkrete Zugänge bieten.
Der letzte Vortrag des Tages kam von ELENA GUßMANN (Berlin), die einen philosophischen Blick auf das "doing death" von Gesellschaften eröffnete. Als Philosophin erdachte sie in ihrer Promotionsarbeit den Begriff der "Thanatosophie". GUßMANN fasste es kurz: "Sag mir, wie du zum Tod stehst, und ich sag dir, wie du tickst". Die Referentin vertrat die These, dass der Tod durch kulturelle Prozesse alltäglich produziert und reproduziert werde. In all unseren Handlungen manifestierten sich Todesvorstellungen: wie man trauere, altere, sterbe, bete, lebe und erinnere. Deshalb müsse man prüfen, in welcher Funktion der Tod in verschiedenen Narrativen präsentiert werde, um unseren Weg als Gesellschaft zuverorten. In der anschließenden Diskussion stellte GUßMANN ihre Forschungsarbeit in den zusätzlichen Kontext ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Sterbebegleiterin.
Besonders bemerkenswert war der praxisorientierte Austausch, der Theorie und reale Erfahrungen miteinander verband und die Tagung für alle Beteiligten zu einer wertvollen Plattform für Wissenstransfer, neue Impulse und Vernetzung machte. Die transmortale XIV zeigte auf, wie eines der grundlegendsten Themen der menschlichen Existenz in Literatur, Kunst, Wissenschaft und Vermittlung auf unterschiedlichste Weise bearbeitet und interdisziplinär verknüpft werden kann.
Veranstalter: Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e. V., Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur, Kassel, in Kooperation mit Universität Hamburg, Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Stiftung Deutsche Bestattungskultur, Düsseldorf