Anmerkung der Redaktion: Verf. hat den folgenden Text der "Zeitschrift für Trauerkultur" dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Er ist erstmals in der Zeitschrift "Friedhofskultur", Ausgabe 5/2025 erschienen.
Vor fünf Jahren hat die Kultusministerkonferenz auf Empfehlung der Deutschen UNESCO Kommission die Friedhofskultur in Deutschland zum Immateriellen Kulturerbe ernannt. Seitdem ist diese bedeutende Auszeichnung nicht mehr aus der deutschen Friedhofslandschaft wegzudenken.
Das ist unbestritten: Unsere Welt wir immer vielfältiger, bunter und komplexer -und damit leider zugleich auch unübersichtlicher. Nehmen wir zum Beispiel die Produktvielfalt: In der Flut von Angeboten fällt es uns vor allem in Bereichen, in denen wir uns nicht auskennen, schwer, das Richtige zu finden und auszuwählen. Dann sind wir dankbar, wenn es Tests oder Sterne-Bewertungen gibt, an denen wir uns orientieren können. Und es erklärt, warum ein Produkt, das von einer anerkannten, bedeutenden Institution zum "Testsieger", "Preis-Leistungssieger" oder "5-Sterne-Produkt" gekrönt wurde, sehr erfolgreich ist.
Und genau darum geht es mit der UNESCO-Ernennung der Friedhofskultur zum Immateriellen Kulturerbe: "Der Titel schafft Orientierung, bedeutet Aufmerksamkeit und erhöht Akzeptanz. Es gibt weltweit keine "höhere" Auszeichnung für ein Kulturgut und dementsprechend verbinden sehr viele Menschen den Erbe-Titel mit höchster Bedeutsamkeit und Wertigkeit," erklärt Martin Struck, Vorsitzender des Kuratoriums Immaterielles Erbe Friedhofskultur. Die gemeinnützige Fachorganisation ist Partner der Deutschen UNESCO-Kommission für dieses Kulturgut. Auch die Welt rund um das Thema Bestattung ist vielfältiger und damit auch unüberschaubarer geworden, vor allem für all diejenigen, die kaum Vorerfahrungen oder Vorwissen darüber besitzen -und das sind sehr viele Menschen. Genau deshalb ist der Kulturerbe-Titel für alle Friedhöfe so wertvoll. "Er zeigt -jenseits von Tod und Trauer -auf, was Friedhöfe für faszinierende Orte sind, wie wichtig sie für die Menschen sind und welchen großen kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Wert sie besitzen", betont Struck. Und der Titel helfe wirksam, sich gegen laute, gewinnorientierte Konkurrenten wie die Waldbestatter zu behaupten.
"Die Auszeichnung macht nur Sinn, wenn man die Menschen auch darauf aufmerksam macht," stellt Uwe Brinkmann klar. "Wenn man als Friedhof mit unter dem Dach eines so bedeutenden Titels steht, dann sollte man das unbedingt auch kommunizieren, am besten dranschreiben", sagt das Kuratoriums-Mitglied, das zugleich Stellvertretender Bundesvorstand des Verbands der Friedhofsverwalter ist. Er zieht den Vergleich zu einem ausgezeichneten Wein: Der Winzer wisse, was für einen guten Wein er da habe, und die Fachwelt auch, der Verbraucher aber noch lange nicht. Und deshalb stünde auf jeder Weinflasche, die eine Sternebewertung oder einen Preis bekommen hat, das auch deutlich sichtbar drauf.
Seit der Ernennung zum Kulturerbe vor fünf Jahren haben bereits mehrere hundert Städte und Gemeinden den Titel entsprechend genutzt. An weit über 1000 Friedhöfen machen mittlerweile Schilder und Banner auf den Kulturerbe-Status aufmerksam. Sehr viele Verwaltungen haben Flyer und Prospekte ausliegen oder informieren auf Ihren Kommunikationskanälen, allen voran auf ihren Webseiten, über den Kulturraum Friedhof als UNESCO-Erbe. "Diese sichtbar breite, deutschlandweite Akzeptanz des Titels im Friedhofswesen macht deutlich, welches Potenzial in der Auszeichnung steckt", sagt Martin Struck. Zugleich betont er, dass hier immer noch viel zu tun ist. "Natürlich ist es wünschenswert, dass möglichst alle Verwaltungen den Titel für ihre Friedhöfe nutzen -hier werden wir auch weiterhin unsere Kraft investieren".
"Die UNESCO-Auszeichnung hat aber nicht nur eine enorme Bedeutung für die Außenwahrnehmung, sondern auch eine große Strahlkraft nach Innen in die Systeme", ergänzt Kuratoriums-Mitglied Andreas Mäsing, zugleich Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur (VFFK). "Endlich haben wir z.B. ein unwiderlegbares Argument gegenüber der Lokalpolitik, dass Friedhöfe wichtige Kulturorte sind. Damit können wir begründet mehr Ressourcen und Investitionen in die Zukunft der Friedhofskultur fordern und eine Gleichstellung mit der Förderung anderer Kulturorte wie Theater oder Museen anstreben." Seiner Meinung nach könne diese Argumentation noch weitaus intensiver genutzt werden, um die nach wie vor vorhandene, strukturelle Benachteiligung der Friedhofskultur zu beseitigen.
In diesem Sinne ist auch die "CHARTA Friedhofskultur" zu verstehen, die auf Anregung des Kuratoriums alle bedeutenden Verbände und Institutionen des Friedhofswesens gemeinsam formuliert haben. Alle Städte und Gemeinden in Deutschland sind aufgefordert, diesem kulturpolitischen Manifest beizutreten, das die Wertstellung der Friedhöfe vor allem für die Menschen vor Ort unterstreicht. "Weit über 100 Städte und Gemeinden sind der CHARTA bereits beigetreten", sagt Struck. "Es geht darum, sich zum Wert der Friedhöfe zu bekennen und dabei alle einmal in die Sonne zu stellen: die Friedhöfe, die Städte und Gemeinden, sowie die Friedhofstätigen".
Uwe Brinkmann macht zudem auf eine weitere Seite der Ernennungs-Medaille aufmerksam: "Alle Friedhofstätigen können auf diese Auszeichnung stolz sein. Und das hat sehr viele in ihrer Arbeit gestärkt, Verwaltungen genauso wie Gewerke oder ehrenamtlich Engagierte". Man könne schon davon sprechen, dass vielerorts die Ernennung auch zu einem neuen Selbstbewusstsein der Friedhöfe beigetragen habe.
In diesem Sinne sei auch die enorme Presseresonanz zu werten, betont Mäsing. Mehrere Tausend Zeitungs-und Zeitschriftenartikel, Radio-und Fernsehbeiträge, Blogs und Internetmeldungen haben sich bereits auf das Immaterielle Erbe Friedhofskultur bezogen. "Das hat sicherlich nicht nur bereits heute einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Friedhöfe in der Zukunft geleistet, sondern insgesamt die Friedhofskultur in ein neues Licht gerückt", stellt Mäsing fest.
Der sicht-und spürbare Erfolg der Kulturerbe-Auszeichnung ist untrennbar mit der strategisch durchdachten Arbeit des Kuratoriums verbunden. Die zehn Mitglieder, die allesamt ehrenamtlich für das Kulturerbe arbeiten, sprechen eine gemeinsame Sprache, wie Struck erklärt. "Der Titel "Kulturerbe" ist rundum positiv besetzt: Er unterstreicht allein das Gute und Richtige. Es geht nicht darum, zu problematisieren, zu jammern oder zu nörgeln -das tut diese Welt schon genug. Dementsprechend konzentrieren wir uns bewusst auf eine positive Kommunikation: Alle Aktionen und Impulse dienen dazu, die Friedhofskultur positiv zeitgerecht weiterzuentwickeln und an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen zu orientieren.
"Wie das gelingen kann, verdeutlichen die vielfältigen Unterstützungsangebote des Kuratoriums für die praktische Arbeit der Friedhöfe. So sind in den letzten Jahren zum Beispiel Materialien für eine freundliche Willkommenskultur, eine attraktive Kulturvermittlung oder den wertvollen Umwelt-und Naturschutz (siehe Kasten) entstanden. "Wir bieten ein breites Spektrum an öffentlichkeitswirksamen, positiven Aktionen an, und das sehr günstig", sagt Martin Struck. "Die Friedhöfe bekommen umfassende Unterstützungs-Pakete, die geringstmögliche Arbeit machen, sie müssen sich nur bedienen." In diesem Zusammenhang sind auch die preiswerten Praxis-Workshops zu erwähnen, die das Kuratorium als anerkannte Bildungseinrichtung digital ausrichtet.
"Sofern uns das möglich ist, bieten wir vieles auch gratis an, wie z.B. Poster und Webangebote zum Download", ergänzt Mäsing. Dazu zählen auch die kostenlosen digitalen Salon-Veranstaltungen, die in der Regel einmal monatlich spannende, aktuelle Themen in den Fokus rücken. Wichtig, so Mäsing, seien zudem auch die Pressematerialien, die jeder Friedhof für sich ummünzen und nutzen könne. Unterm Strich sei die Arbeit des Kuratoriums aber nur möglich, wenn auch die kostenpflichtigen Angebote genutzt werden. "Mit jeder Bestellung wird unsere Arbeit finanziell erst ermöglicht. Unsere Angebote wahrzunehmen, macht also gleich doppelt Sinn: für die eigene Friedhofsarbeit genauso wir für das Kulturerbe allgemein."
Für die nahe Zukunft möchte das Kuratorium die zeitgerechte Weiterentwicklung der Friedhofskultur in den Fokus rücken. "Es gibt so viele gute Ansätze, die nachahmenswert sind", sagt Struck. "Es geht darum, voneinander zu lernen und so Weiterentwicklung zu vereinfachen. Wir werden deshalb vermehrt Leuchtturm-Projekte in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen." Ein gutes Beispiel dafür sei die monatliche Rubrik "Best Practice Naturschutz" in der Fachzeitschrift "Friedhofskultur", die von den Botschafterinnen und Botschaftern der Friedhofskultur vorgestellt werden. Dieses Netzwerk, dem jeder Friedhofskultur-Engagierte beitreten kann, setzt sich für das Immaterielle Erbe vor Ort ein und bringt die Kuratoriumsimpulse dort zum Leben.
Aber welche Botschaft ist dem Kuratorium nun besonders wichtig?
"Mach mit, es lohnt sich!", forderndie Kuratoriumsmitglieder übereinstimmend.
Über alle Aktivitäten und Angebote informiert das Kuratorium unter www.kulturerbe-friedhof.de. Empfehlenswert ist auch der dort zu abonnierende monatliche Newsletter.