Friedhöfe in einer Großstadt sind kostbare Orte. Hier ruhen die Toten. Es ist so ruhig, dass man Dinge hört, die im Großstadtlärm unerhört bleiben. Das Rascheln des Herbstlaubs, das Gurren der Tauben, den Flügelschlag der Wildgänse, das Flüstern eines Engels. Hier ruhen die Toten hinter alten Mauern und schmiedeeisernen Toren. Unter alten Bäumen und vermoosten Grabplatten. Zeit berührt Ewigkeit. Die Schritte verlangsamen sich. Der Atem wird ruhiger. Zwischen den Toten und den Engeln aus Stein, die ihre Flügel ausbreiten, um die Trauernden zu trösten und die Verstorbenen zu behüten.
Friedhöfe erinnern die Lebenden an das Vergängliche des Lebens. Alles Leben, das wächst und herrlich blüht, verwelkt und vergeht. Manchmal viel zu früh. Manchmal auf grausame Weise. Manchmal friedlich und lebenssatt. Manchmal ersehnt nach langem Leiden. Jeder Mensch verlässt die Welt auf eine eigene unvorhersehbare Weise und geht denen voraus, die zwischen den Gräbern spazieren.
Friedhöfe erinnern die Lebenden, wie flüchtig Erfolg und Reichtum sind und wie unwichtig im Tod alle Unterschiede werden, die das Leben so prägen. Erde zu Erde. Asche zu Asche. Was bleibt, ist die Liebe - und nur die Liebe.
Viele Friedhöfe erinnern daran, wie grauenhaft Kriege sind: Reihenweise strahlendes, junges Leben, vernichtet. Frauen, Kinder, Männer, Alte unter Hauswänden begraben, erstickt, verbrannt. Damals in unserer Stadt. Heute an viel zu vielen Orten dieser unfriedlichen Welt.
Friedhöfe sind die Orte des Widerstands gegen eine Welt, die vergisst, dass alles endlich ist: Unser Leben, das Leben unserer Liebsten, die Schätze unserer Welt. Sie erinnern daran, wie kostbar das Leben ist, jedes einzelne an jedem einzelnen Tag.
Friedhöfe sind heilsam. Hier liegen die Toten und die Lebenden können klug aus ihnen werden.
Friedhöfe sind vom Aussterben bedroht. Weil der Tod offenbar immer weniger ins Leben passt und auf anonyme Wiesen, auf die See oder in den Wald verdrängt wird.
Friedhöfe sind kostbare Orte, ihre Pflege und ihr Erhalt sind die gemeinsame Aufgabe einer Stadtgesellschaft, die den Tod als Teil des Lebens in Ehren hält. Denn hier ruhen die Toten. Hier können auch die Lebenden zur Ruhe kommen, weinen und nachdenken, beten und dann fröhlich das Leben genießen, das Gott ihnen schenkt.
Anmerkung der Redaktion: Der folgende Text wurde am 23.11.2024 im Hamburger Abendblatt veröffentlicht. Der Vorstand hat gebeten, ihn hier unseren Lesern und Freunden zur Verfügung zu stellen. Wir danken der Bischofskanzlei und dem Abendblatt für die Erlaubnis zum Wiederabdruck.