Nebelschwaden ziehen über die Gräber, knorrige Bäume und schiefe Grabkreuze getaucht in ein diffuses Licht lassen den in Nacht gewandeten Friedhof sphärisch wirken. Das Knarren alter Gruft-Türen durchbricht die gespenstische Stille. Kleine Menschengruppen huschen leise flüsternd über die dunkeln Wege.
Was sich anhört wie der Beginn eines Gruselromans bildet den Rahmen einer Veranstaltungsreihe, die jährlich im Nebelmonat November in Norddeutschland auf ausgewählten Friedhöfen oder in Sakralbauten stattfindet. Die Herbstmondnacht versteht sich als eine Art "Nacht der offenen Gruft".
Unter dem Motto "Eine Reise durch die Endlichkeit" steht die Grabkultur vom Barock bis zum beginnenden 20. Jahrhundert im Fokus dieser Veranstaltung, die seit 2013 von der Kunsthistorikerin Dr. Anja Kretschmer-Rodenbröker organisiert wird.
An diesem Abend stehen sonst verschlossene Grablegen zur Besichtigung offen und gewähren einen Einblick in die Bestattungskultur vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Der Aufbau derartig prachtvoller Grabstätten sowie die unterschiedliche Gestaltung der Särge geben Aufschlüsse über die Jenseitsauffassungen unserer Vorfahren. Oder anders gesagt: An diesem Abend öffnen sich die Pforten zwischen den Welten, um die Blicke der Jetztzeit auf die Schätze der Vergangenheit zu lenken. Schlummernde Zeugnisse vergangener Jahrhunderte schenken einzigartige Einblicke in sich wandelnde Todesauffassungen und Bestattungsriten.
Der Friedhof sowie die geöffneten Mausoleen erstrahlen akzentuiert in Lichtilluminationen, laden zum Träumen und Verweilen ein. Es ist eine Stimmung, die man selbst erlebt haben muss. Musikalische Darbietungen, Erzählungen, Lesungen und Vorträge runden diesen besonderen Herbstabend ab, an dem die vergessenen Toten in unsere Mitte geholt werden.
Mausoleen, Grabkapellen und Kirchengrüfte sind umgeben von einer geheimnisvollen Aura. Nicht nur, dass diese Form der Bestattung uns mittlerweile fremd geworden ist, auch die Neugier über den Aufbau und die innere Gestaltung eines solches Totenhauses erfüllt so manchen Betrachter. An diesem Abend wird das Geheimnis gelüftet.
Des Weiteren wird dabei offensichtlich, welche beeindruckende und schützenswerte Kultur sich im Inneren verbirgt. In Anlehnung an den darauffolgenden Volkstrauer- und Totensonntag versteht sich diese Veranstaltung als sepulkrale Kultur- und Gedenkreise.
Bislang fand die Herbstmondnacht im Greifswalder und Lübecker Dom statt, in der Rostocker Marienkirche, der Stralsunder Marienkirche, dem Münster Bad Doberan, auf dem Alten Friedhof Greifswald sowie dem Alten Friedhof Parchim, dem Ostfriedhof Wismar und dem Friedhof in Boizenburg/Elbe.
Die Veranstaltung macht bewusst, wie fragil die Bestattungskultur ist, die so bedeutsame, berührende und kostbare Denkmäler hervorgebracht hat. Ganze Kirchhöfe wurden ihrer Denkmale und somit ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. Hinsichtlich der privaten Gruftgebäude sind allein auf städtischem Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns, wo einst über 200 Mausoleen standen, 75 Prozent abgerissen worden. Der Alte Friedhof in Rostock, der jetzige Lindenpark, besaß einst - wie kaum einer weiß und sich überhaupt vorzustellen vermag - über 70 Mausoleen, wovon ein einziges erhalten geblieben ist.
Dabei ist die Bestattung unserer Vorfahren seit Anbeginn der Menschheit ein Bedürfnis, um einerseits dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und andererseits einen Ort der persönlichen Trauer und des Gedenkens zu besitzen. Der Friedhof ist dabei weitaus mehr als der Ort, auf dem man seine Ahnen beerdigt und irgendwann selbst zur letzten Ruhe gebettet wird. Er veranschaulicht und vereint auf einzigartige Weise die sepulkrale Volks- und Baustilkunde, regionalspezifische Bautraditionen sowie rituelle aber auch ökologische Funktionen. Außerdem fungiert er als Archiv der Genealogie und Stadtgeschichte.
"Aber ein guter Nahme bleibet ewiglich" diese Inschrift befindet sich auf einem der barocken Prunksarkophage. Unsere Vorfahren haben sich eine derartige Grabstätte einerseits aus Prestigegründen errichtet, andererseits um damit auf ewige Zeiten in Erinnerung zu bleiben.
Mit dieser Veranstaltung möchte die Kunsthistorikerin ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Kultur, Denkmalpflege und Sepulkralkultur für unsere eigene Identität von primärer Bedeutung sind.