Zur Person: Hedda Scherres macht ebenso wie Lutz Rehkopf Veranstaltungen und kulturelle Initiativen auf dem Ohlsdorfer und dem Öjendorfer Friedhof einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und fördert den Dialog zwischen Kulturen. Hervorzuheben ist ihre Rolle beim mexikanischen Totenfest auf dem Ohlsdorfer Friedhof, das unter ihrer Mitwirkung zu einem jährlichen Höhepunkt geworden ist.
Damit verbindet Scherres bedeutende Traditionen mit einem modernen Ansatz und positioniert den Friedhof als lebendigen Ort der Erinnerung und kulturellen Begegnung in der Stadtgesellschaft. Der Ohlsdorfer Friedhof, als einer der größten Parkfriedhöfe Europas, hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einem Ort entwickelt, an dem einerseits Trauer und Gedenken im Vordergrund stehen, andererseits aber auch kulturelle und künstlerische Veranstaltungen immer mehr Bedeutung gewinnen. Im Fokus dieses Gesprächs steht das mexikanische Totenfest (Día de los Muertos), ein kulturelles Fest, das auf diesem Friedhof gefeiert wird.
Bereits 2021 schrieb ich einen Artikel über das faszinierende mexikanische Totenfest, unterstützt von meiner Freundin Romina Kopec, die in Mexiko lebt (siehe Ohlsdorf-Zeitschrift Nr. 155,IV,2021). Heute spreche ich mit Frau Scherres über diese beeindruckende Kultur. Doch es wird noch spannender: Ich stelle mir vor, diese lebendige Feier auf dem historischen Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg zu erleben – als kulturelles Highlight, das neue Perspektiven auf das Gedenken eröffnet. Was macht diese Verbindung so reizvoll, und wie könnte ein solches Fest die Erinnerungskultur bereichern? Lassen Sie sich von dieser einzigartigen Idee inspirieren, wie ein Funken mexikanischer Lebensfreude auf einem der größten Friedhöfe der Welt entzündet wird.
Liebe Frau Scherres, bevor wir über die Bedeutung des mexikanischen Totenfestes auf dem Ohlsdorfer Friedhof sprechen, möchte ich zunächst mehr über Ihre persönliche Verbindung zu diesem Thema erfahren. Was bedeutet der Día de los Muertos für Sie ganz persönlich oder vielleicht sogar für Ihre Familie? Haben Sie eigene Erfahrungen mit diesem besonderen Fest gemacht, die Sie mit uns teilen können?
Für mich persönlich hat der Día de los Muertos eine besondere Bedeutung, sowohl beruflich als auch privat. Mein Interesse an diesem Fest begann bereits während meines Studiums, als ich altamerikanische Sprachen und Kulturen und Ethnologie studierte. Für meine Dissertation verbrachte ich ein Jahr in einem kleinen Dorf in Mexiko, wo ich Rituale erforschte. Der Día de los Muertos ist dort das wichtigste Fest des Jahres, und man begegnet ihm unweigerlich, wenn man sich intensiv mit Mexiko und seiner Kultur beschäftigt. Diese Zeit hat mein Verständnis für den Umgang mit Tod und Vergänglichkeit tief geprägt.
Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt der Traditionen, die von Region zu Region unterschiedlich sind. Während meiner Forschung, die 1995 und 1996 stattfand, erlebte ich viele dieser Bräuche aus nächster Nähe. Auch Ausstellungen in Museen, die die unterschiedlichen Traditionen beleuchten, haben mich inspiriert. Seitdem hat sich dieses Fest enorm entwickelt – gerade auch durch den Einfluss der Popkultur, wie etwa den James-Bond-Film, der die spektakulären Umzüge in Mexiko-Stadt ins Rampenlicht rückte.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete ich zunächst in anderen Berufsfeldern, bevor ich eine Stelle bei den Hamburger Friedhöfen antrat. Hier konnte ich zum ersten Mal in einer Bewerbung mein Fachwissen über die Jenseitsvorstellungen der Azteken erwähnen – ein Thema, das bis dahin in meinem Berufsleben keine Rolle gespielt hatte. Es war eine glückliche Fügung, diese Stelle zu bekommen, denn sie bot mir die Möglichkeit, mein Wissen und meine Erfahrungen einzubringen.
Ein Teil unseres vielfältigen Aufgabenspektrums ist es, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren. Als 2011 das Forum Ohlsdorf eröffnet wurde, stellte ich eine kleine Ausstellung zum mexikanischen Totentag zusammen. Im Rahmen des Begleitprogramms entstanden Kontakte zu in Hamburg lebenden Mexikanerinnen und Mexikanern, insbesondere zum Verein Hamburg-Mexiko e.V. Es war der Wunsch der Vereinsmitglieder, den Día de los Muertos in Hamburg zu feiern. Und der Ohlsdorfer Friedhof ist der passende und perfekte Ort dafür! Anfangs fanden die Veranstaltungen im Forum statt, dann in verschiedenen Kapellen und Hallen, und inzwischen haben wir in der Kapelle 10 einen festen Ort gefunden.
Für mich persönlich hat der Día de los Muertos eine besondere Bedeutung, weil ich in Mexiko gelebt und diesen lebensbejahenden Umgang mit dem Tod aus erster Hand erfahren habe. Diese positive Perspektive hat meine Sicht auf das Leben nachhaltig beeinflusst.
Die mexikanische Art, mit dem Thema Tod umzugehen, ist alles andere als düster. Für mich persönlich geht es bei diesen Traditionen weniger um Trauer, sondern mehr um die sinnlichen Erfahrungen. Es geht darum, die Verstorbenen wieder in unser Leben zu holen – durch die Dinge, die sie geliebt haben. Gemeinsames Essen, die Blumen, die wir an ihrem Grab niederlegen, all das sind tiefe, sinnliche Verbindungen, die den Verlust nicht betrauern, sondern das Verbindende feiern. Ich erinnere mich an einen besonderen Moment, als ich meinem Vater, der auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet ist, etwas zu essen mit ins Grab legte. Es ist eine Geste, die tief berührt – es war fast, als würde man wieder gemeinsam am Tisch sitzen. Es ist, als ob die Verstorbenen in der Nacht zurückkehren, und man fühlt sich ihnen durch diese kleinen Handlungen wieder sehr nahe. Ich erinnere mich noch genau an meine erste Gabe ins Grab. Es ist eine Verbindung, die weit über den Tod hinausgeht.
Es ist faszinierend, wie der Día de los Muertos in den letzten Jahren zu einem regelrechten Trend geworden ist – mit T-Shirts, Schmuck und Accessoires, die mit Totenschädeln verziert sind. Als ich Ende der 90er Jahre in Mexiko unterwegs war, war dieser Hype noch nicht in vollem Gange. Damals war das Fest vor allem in den ländlichen Regionen tief verwurzelt, wo die Verbindung zu den Verstorbenen besonders intensiv und sinnlich gefeiert wird.
Das erste Mal, dass das mexikanische Totenfest auf dem Parkfriedhof Ohlsdorf stattfand, war vor sieben Jahren. Die Veranstaltung wuchs kontinuierlich und bekam mit der Zeit immer mehr Aufmerksamkeit. Was früher ein Insider-Event war, hat sich inzwischen zu einem kulturellen Highlight für viele Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen entwickelt. Zu Beginn war es vor allem die mexikanische Gemeinde, die sich über Social Media, vor allem Facebook und Instagram, über das Fest informierte und so immer mehr Menschen anlockte. Besonders in den letzten Jahren habe ich bemerkt, dass immer mehr Hamburger und Menschen ohne direkten mexikanischen Hintergrund teilgenommen haben. Viele kommen zunächst, um zu sehen, „wie das so ist“, und zeigen dann große Ehrfurcht vor dem aufgebauten Altar. Einige bleiben stehen, machen Fotos, und an den Essensständen, die draußen vor der Kapelle aufgebaut sind, bilden sich kleine Grüppchen. Dabei kommen viele zum ersten Mal in Kontakt mit typisch mexikanischen Speisen wie Tacos und lassen sich auf neue kulinarische Erlebnisse ein. Diese positive Neugierde auf die Kultur und das Fest sorgt jedes Jahr für ein lebendiges, bereicherndes Erlebnis.
Besucher können sich auf eine Vielzahl von kulturellen Angeboten freuen, die das Fest lebendig und authentisch gestalten. Ein Höhepunkt sind die traditionellen Tänze und das vielfältige Bühnenprogramm, die jedes Jahr zahlreiche Zuschauer begeistern. Tanzgruppen in prachtvollen Trachten aus verschiedenen Regionen Mexikos präsentieren die Vielfalt und Farbenpracht der mexikanischen Tanztraditionen – ein Anblick, der besonders bei den Hamburgern großen Anklang findet.
Besonders bemerkenswert ist die enge Zusammenarbeit mit Künstlern, die in Deutschland leben und mit Mexiko in Verbindung stehen. Diese Künstler wenden sich oft an den mexikanischen Verein und fragen, ob sie beim Fest auftreten dürfen. Diese Kooperation ermöglicht es, dass Künstler aus verschiedenen Bereichen ihre Kultur auf der Bühne präsentieren können. Der Verein organisiert die kulturellen Beiträge, während die Veranstalter die Kapelle und die Stände bereitstellen – eine perfekte Zusammenarbeit, die in den letzten Jahren immer weiter gewachsen ist.
Der Día de los Muertos ist ein Fest voller Symbole und Traditionen, die eine besondere Verbindung zwischen den Lebenden und den Verstorbenen schaffen. Eines der eindrucksvollsten Symbole dieses Festes ist die mexikanische Studentenblume, auch bekannt als Cempasúchil. Mit ihren leuchtend gelben und orangefarbenen Blüten säumt sie den Weg zum Altar und spielt eine zentrale Rolle in den Ritualen des Totenfestes. Die Blütenblätter, die die Angehörigen verstreuen, sollen den Verstorbenen den Weg zurück zu ihren Liebsten weisen. Der markante Duft dieser Blumen bleibt oft unvergessen, da er untrennbar mit Erinnerungen an vergangene Zeiten verknüpft ist. Interessanterweise wird die Cempasúchil inzwischen auch in Deutschland angebaut – ein Zeichen dafür, wie populär das mexikanische Totenfest geworden ist. In Hamburg gibt es sogar spezielle Felder, auf denen diese Blumen gezielt für das Fest kultiviert werden. So verbinden sich Tradition und Moderne auf besondere Weise.
Ein weiteres zentrales Element des Día de los Muertos ist der Altar, der oft in mehreren Stufen aufgebaut wird. Diese Stufen symbolisieren die Verbindung zwischen verschiedenen Ebenen des Seins – von der Welt der Lebenden bis zu der der Verstorbenen. Doch in der Praxis wird der Altar oft ganz funktional gestaltet, ohne feste Regeln. Manchmal wird viel in die Anzahl der Stufen hineininterpretiert, aber meist geht es einfach darum, einen praktischen und würdevollen Ort der Erinnerung zu schaffen. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof gibt es sogar einen gemeinschaftlichen Altar, der den Besuchern die Möglichkeit bietet, ihre eigenen Fotos und Erinnerungsstücke beizusteuern. Diese Geste schafft eine zutiefst persönliche Verbindung und verwandelt den Altar in einen lebendigen Ort des Gedenkens, an dem Vergangenheit und Gegenwart auf einzigartige Weise verschmelzen.
Wenn ich ein Gericht empfehlen dürfte, würde ich auf jeden Fall "Tacos al Pastor" nennen. Dieses köstliche Gericht aus mariniertem Schweinefleisch, serviert mit frischem Koriander und Zwiebeln, ist ein wahrer Klassiker und darf auf keinem Fest fehlen. Es ist nicht nur unglaublich beliebt, sondern auch eine wunderbare Möglichkeit, die mexikanische Küche kennen zu lernen. Ein weiteres Muss sind Tamales, die traditionellen, in Maisblätter gewickelten, gedämpften Maisgerichte - ob herzhaft oder süß, sie gehören einfach zu jedem mexikanischen Fest und wärmen die Seele.
Das klingt nicht nur köstlich, sondern auch nach einem Fest der Sinne, das Herz und Seele berührt. Wenn wir nun einen Schritt in die Zukunft wagen: Wie sehen Sie das mexikanische Totenfest auf dem Ohlsdorfer Friedhof in zehn Jahren? Glauben Sie, dass es sich weiter verbreiten und vielleicht noch mehr Menschen für diese besondere Tradition begeistern wird?
Ob das mexikanische Totenfest nur ein vorübergehender Trend bleibt oder sich dauerhaft in unserer Kultur verankert, lässt sich schwer vorhersagen. Doch eines ist sicher: Es wird nachhaltige Spuren in unserer Erinnerungskultur hinterlassen. Immer mehr Menschen, auch hier in Hamburg, beschäftigen sich mit diesem lebendigen Fest. Ich hoffe, dass es eine breitere Offenheit gegenüber dem Tod und der Trauer fördert. Der Día de los Muertos zeigt uns, wie wir die Trauer nicht verdrängen, sondern mit ihr umgehen können, indem wir uns auf die positiven Erinnerungen konzentrieren. Es geht darum, das Leben der Verstorbenen zu feiern und eine sinnliche, liebevolle Erinnerungskultur zu schaffen. Diese Perspektive, die das Positive und das Gemeinsame in den Mittelpunkt stellt, wäre eine wertvolle Bereicherung für unsere Gesellschaft.
In Deutschland ist der Umgang mit Tod und Trauer oft von einer gewissen Schwere und Zurückhaltung geprägt. Nach den traumatischen Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs und der schwierigen Wiederaufbauzeit wurde der Tod lange Zeit tabuisiert. Doch in den letzten Jahren lässt sich ein bemerkenswerter Wandel beobachten. Immer mehr Menschen öffnen sich für neue Perspektiven, und Veranstaltungen wie der Día de los Muertos tragen aktiv dazu bei.
Auch Bestattungsinstitute übernehmen heute eine immer wichtigere Rolle, indem sie den Menschen vielfältige Möglichkeiten bieten, Trauerfeiern individuell und bedeutungsvoll zu gestalten. Es ist wirklich bereichernd zu sehen, wie oft mittlerweile versucht wird, den Verstorbenen gerecht zu werden, indem man Elemente in die Zeremonie einfließen lässt, die ihnen besonders am Herzen lagen. Ob eine maritime Dekoration für einen leidenschaftlichen Liebhaber der See oder andere persönliche Elemente - solche kreativen Ansätze machen die Trauerfeier zu etwas Besonderem und rücken die positiven Erinnerungen an die Verstorbenen ins Licht.
Das ist berührend und vermittelt nicht nur einen anderen Blick auf den Verlust, sondern auch auf das Leben selbst. In diesem Zusammenhang, Frau Scherres, welche Botschaft möchten Sie denjenigen mit auf den Weg geben, die vielleicht noch wenig über dieses Fest wissen, aber neugierig auf die Bedeutung und Kraft dieses Rituals sind?
Der Día de los Muertos bietet uns eine wunderbare Gelegenheit, den Tod als einen natürlichen Teil des Lebens zu akzeptieren und ihm einen Platz in unserem Leben zu geben. Es geht nicht darum, den Abschied als Ende zu sehen, sondern als einen Übergang - einen Moment, in dem wir uns auf die schönen Erinnerungen konzentrieren können. Diese Erinnerungen an die Liebe und all die kostbaren gemeinsamen Erlebnisse mit den Verstorbenen spenden uns Trost und Kraft. Wenn wir gemeinsam feiern und uns auf das Positive fokussieren, wird der Schmerz ein Stückchen kleiner.
Dieser Gedanke erinnert mich an einen Spruch: "Erinnerungen sind kleine Sterne, die tröstend in das Dunkel unserer Trauer leuchten." Dieser tiefgründige Satz spiegelt auch das lebensbejahende Wesen der mexikanischen Kultur wider. Obwohl meine nächste Frage vielleicht nicht direkt mit dem mexikanischen Totenfest auf dem Ohlsdorfer Friedhof zu tun hat, möchte ich sie dennoch stellen. Sie liegt mir persönlich am Herzen, und ich bin überzeugt, dass auch unsere Leser einen weiteren, bereichernden Einblick in diese faszinierende Kultur erhalten werden. Würden Sie es empfehlen, in Mexiko zu leben? Was macht dieses Land aus Ihrer Sicht so besonders?
Es ist wirklich eine wunderbare Erfahrung, die Positivität und Lebensfreude der Menschen hautnah zu erleben. Die Menschen in Mexiko strahlen eine Ruhe und Lebensbejahung aus, die einfach ansteckend ist. Diese Art von Gelassenheit und Lebensfreude tut uns allen gut. In Hamburg gibt es glücklicherweise viele lateinamerikanische Veranstaltungen, bei denen man dieser besonderen Atmosphäre begegnen kann. Hier trifft man Menschen, die diese Lebensart mitbringen und einen Teil davon spüren lassen. Natürlich kann man auch eine organisierte Reise nach Mexiko machen, aber manchmal reicht es schon, die Sprache ein wenig zu sprechen, sich auf das Erlebnis einzulassen und die Menschen zu genießen - sei es hier in Hamburg oder direkt vor Ort.
Zum Abschluss möchte ich mich herzlich für dieses Gespräch bedanken. Ihre Eindrücke und tiefgehenden Einblicke in das mexikanische Totenfest und dessen Bedeutung auf dem Ohlsdorfer Friedhof bereichern nicht nur das Verständnis für dieses besondere Fest, sondern vertiefen auch den Blick auf das Leben und den Umgang mit Trauer und Erinnerung.
Meiner Meinung nach trägt eine Veranstaltung wie diese maßgeblich dazu bei, das Verständnis für andere Kulturen zu fördern und gleichzeitig die Erinnerung an unsere Verstorbenen lebendig zu halten. Der Día de los Muertos ist ein wertvoller Beitrag zu einer offenen und einladenden Erinnerungskultur. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Fest auch in Zukunft nicht nur auf dem Ohlsdorfer Friedhof, sondern in ganz Deutschland weitere Herzen berührt und uns immer wieder daran erinnert, dass die Verbindung zu unseren Liebsten über den Tod hinausgeht.