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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

"Es ist genug": Modell für einen "musikalischen" Grabstein

Der Schriftzug »Es ist genug« (altertümlich »genung«) bezieht sich auf eine Kantate von Johann Sebastian Bach (BWV 60).

Mit diesen Worten, gesungen auf die Töne a-h-cis-dis, beginnt der Schlusschoral, dessen Text vollständig lautet:

Es ist genug; Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus!
Mein Jesus kömmt; nun gute Nacht, o Welt! Ich fahr ins Himmelshaus,
ich fahre sicher hin mit Frieden; mein großer Jammer bleibt danieden.
Es ist genug, es ist genug.

Der Text ist von Franz Joachim Burmeister. Ob der Dichter auf das Elias-Wort in 1. Könige 19,4 (vgl. auch den Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy) anspielen wollte, ist nicht bekannt. Die Melodie des Chorals ist von Johann Rudolf Ahle, Bach hat sie eigenwillig harmonisiert.

Alban Berg hat diesen Choral in seinem Violinkonzert von 1935 zitiert. Der Text wird dort nicht gesungen oder gesprochen, steht aber unter den Noten in der Orchesterpartitur bzw. der Stimme der Solo-Violine. Das Violinkonzert ist atonal, deshalb fällt der Tonsatz Bachs besonders auf. Der Zufall wollte es, dass die ersten vier Töne des Bach-Chorals mit den letzten vier Tönen der Zwölftonreihe, auf die das Konzert komponiert wurde, übereinstimmen.

Musikalischer Grabstein

Wichtiger ist indessen die thematische Nähe von Konzert und Kantate. Berg schrieb das Werk unter dem Eindruck des Todes von Manon Gropius, der Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius, die im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung starb. Als Widmung notierte er in der Partitur »Dem Andenken eines Engels«. Da das Violinkonzert insgesamt als ein Trauergesang über das Leben der jungen Frau verstanden werden kann, lassen sich die Worte »Es ist genug« auch auf das Erdulden der Schmerzen, die Manon ein ganzes Jahr lang quälten, beziehen.

Auch eine weitere Textzeile hatte für Alban Berg Bedeutung: »Herr, wenn es dir gefällt, so spanne mich doch aus.« Die Metapher »Ausspannen« für »Sterben« hat Berg in anderen Werken in Musik übertragen, wo das Herabstimmen der Saiten eines Instruments (Skordatur), das eine Art des Ausspannens ist, den Tod eines Menschen symbolisiert. Dies lässt sich in Bergs Oper »Wozzeck« und in seiner »Lyrischen Suite« nachvollziehen.
Bei der Konzeption des Grabsteins »Es ist genug« wurde die Handschrift eines Kopisten J. S. Bachs verwendet; Bachs eigene Handschrift ist verschollen. Zu Anfang des Fünfliniensystems steht auf der untersten Linie ein stilisierter C-Schlüssel (B), dann folgen die Kreuze für fis, cis und gis, und schließlich das c für den 4/4-Takt sowie die vier Noten mit dem Text. Die Lebensdaten von Manon Gropius und Alban Berg, die exemplarisch in den Modellgrabstein einmontiert wurden, wären bei Übernahme des Grabsteinmodells durch die Lebensdaten anderer Verstorbener zu ersetzen.

Ein Modell-Exemplar befindet sich im Friedhof Hamburg-Ohlsdorf, Grabstelle BV60-274/75, nördlicher Fußgängereingang Hoheneichen, durch das Tor 100 Schritte, dann 50 Schritte nach rechts, dort steht linkerhand der Grabstein.

Peter Petersen ist Musikwissenschaftler und emeritierter Professor der Universität Hamburg

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Begräbnisplätze in Schleswig-Holstein (November 2020).
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