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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Vom Friedhof für Revolutionäre (Babaoshan) in Peking zum Friedhof Ohlsdorf in Hamburg

Autor/in: Inge Jahnke
Ausgabe Nr. 150, III, 2020 - August 2020

1 Der Eingang zum Babaoshan-Ehrenfriedhof für Revolutionäre

Am Karfreitag, 4. April 1980, rief mich ein mir unbekannter Mann an: "Ich komme gerade aus Peking und soll Ihnen sagen, Ihre Bekannte Lisa Niebank liegt in Peking im Krankenhaus. Sie liegt im Sterben. Kontaktieren Sie bitte die Deutsche Botschaft in Peking."

Meine Kniee wurden weich, ich musste mich setzen. Lisa Niebank, die Hamburger Lehrerin, die seit 15 Jahren in Peking lebte, mit 67 Jahren sterbenskrank? Nun wurde es hektisch: Ein Anruf bei der Botschaft bestätigte mir den Tod meiner Bekannten und Freundin meiner Mutter. Ich sollte so schnell wie möglich nach Peking fliegen, das Testament mitbringen und die Einwilligung zur Einäscherung erteilen. Und alles an den Ostertagen!

Ostermontag 18 Uhr Anruf aus Bad Godesberg (Chinesische Botschaft) "Sie sind in unserem Land herzlich willkommen. Wann fliegen Sie?" Am Mittwoch lande ich in Peking, nehme ein Taxi ins Freundschaftshotel, wo die ausländischen Lehr- und Fachkräfte wohnen. Hier hatte ich Lisa Niebank 1966 und 1974 besucht. Herr Tscheng vom Expertenbüro organisiert mir eine Wohnung auf dem Hotelgelände und berichtet, dass Lisa Niebank bewusstlos in ihrer Wohnung gefunden worden und im Krankenhaus nicht mehr aufgewacht sei. Hirnhautentzündung, so steht es in der Sterbeurkunde.

Am Freitagmorgen holt mich eine chinesische Deutschlehrerin und Kollegin meiner Freundin im Hotel ab. Wir fahren zur Trauerfeier auf dem Babaoshan-Ehrenfriedhof für Revolutionäre. Ehrenfriedhof? (Abb. 1).

1 Der Eingang zum Babaoshan-Ehrenfriedhof für Revolutionäre

Ich erinnere mich an ihren Abschied in Hamburg im Sommer 1965. Als damals 53jährige mit langer Erfahrung an den Schulen Stengelestraße und Beim Pachthof, als Humanistin und Sozialistin, sah sie in einer Zeit des zunehmenden Antikommunismus keinen Sinn mehr in ihrer Tätigkeit als Lehrerin (1968 – die Auflehnung der jungen Generation war noch nicht zu erkennen). Im Sommer 1964 hatte sie für 6 Wochen die VR China bereist und kehrte mit der Idee zurück: Dort werde ich gebraucht, dort kann ich Kindern und Jugendlichen die Deutsche Sprache vermitteln. Sie packte das Notwendigste ein und verließ Hamburg während der Schulferien. Ich wohnte in ihrer Wohnung am Habichtsplatz, ordnete und regulierte ihre Angelegenheiten, schickte ihr wöchentlich Pakete nach Peking: Schulmaterial, Lexika, Belletristik (u.a. Heinrich Böll), Kinderbücher, Lehrwerke, auch Kreide und Schreibblocks. An ihrem Lebensende waren 1.200 Bücher dort, die sie alle selbst bezahlt hatte, sowie ca. 600 weitere, die aus den Mitteln der Deutschen Botschaft angeschafft worden waren. Alle kamen in die „Lisa-Niebank-Bibliothek“ am Institut der Uni.
Am Friedhof stehen Schülerinnen und Schüler, Dozenten, Kolleginnen, Freundinnen und Freunde aus Japan, England, den USA, Kanada, der Schweiz etc. Alle in dunkler Kleidung, eine weiße Papierblume an der Jacke (Abb. 2).

2 Eintragung in das Kondolenzbuch

Ich trage mich mit Tusche und Pinsel ins Kondolenzbuch ein und werde in den Trauerraum geführt. Topfpflanzen und Kränze aus Papierblumen umrahmen ein großes Foto der Verstorbenen. Ca. 100 Trauergäste stehen hinter mir, neben mir der Deutsche Botschafter mit seiner Frau, auch der Institutsleiter und die Leiterin der Deutsch-Abteilung. Kurze Reden, u.a. von einer etwa 12jährigen Schülerin in Deutsch und Chinesisch, vom Botschafter eine kühle Allgemeinrede in Deutsch, vom Institutsleiter herzliche Worte auf Englisch. Nach ca. 30 Minuten knarrt Musik aus dem Lautsprecher.

Langsam gehen wir im Nachbarraum um die aufgebahrte Tote herum, verbeugen uns. Ich nehme Abschied von einer Frau, die als Schülerin an der Reformschule Telemannstraße geprägt wurde und mit einer kleinen Gruppe während der Nazizeit illegal Flugblätter verteilte, die Fliehende mit Kleidung und Essen versorgte.

Lisa Niebank verstand sich als Kosmopolitin, reiste viel, lebte die Völkerverständigung, suchte die Versöhnung mit Israel – und blieb dem Friedensgedanken treu. Sie sah große Hoffnung in der revolutionären Veränderung in China, verehrte Mao Tse-tung und führte moderne Lehrmethoden ohne Frontalunterricht und Rohrstock ein.

Ich verbeuge mich noch einmal.

Alle gehen an ihr vorbei: erst die chinesische, dann die deutsche Prominenz, dann die anderen Trauernden. Ich muss viele Hände schütteln, die Frauen weinen, die Männer nicht. Dann – in der schönen warmen Luft draußen – geben wir die weißen Papiernelken wieder ab. Als nach einem längeren Spaziergang über den Ehrenfriedhof weißer Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums steigt, meint meine chinesische Begleiterin: "Weißer Rauch – die Geister sind ihr gut gewogen". Am folgenden Dienstag ist die Urnenbeisetzung (Abb. 3).

3 Schüler mit Urne, 1980

Lisa Niebanks Lieblingsschüler übergibt mir auf dem Friedhof einen hübschen Holzkasten – die Urne. Drei Sträuße mit frischen Blumen tragen andere Schüler. Ich gehe in Begleitung von Frau Dr. Theodor von der Deutschen Botschaft, Herrn Dschou (Vizedirektor), Frau Tseng (Parteisekretärin) durch zwei Höfe zum eigentlichen Tempel. "Achtung, heben Sie gut die Füße hoch, damit Sie nicht stolpern", raunt mir Frau Dr. Theodor zu – die Tore haben unten Schwellen, damit die bösen Geister stolpern und nicht in den Tempel kommen! Auf einem kleinen Podest stelle ich nun die Urne ab, verbeuge mich dreimal und trage die Urne dann in das für sie bestimmte Fach in einer langen, offenen Tempelwand. Dort wird sie 10 Jahre stehen. 1991 wurde ich gebeten, nach Peking zu kommen, um sie in eine stabile Mauerwand "umzustellen". Dou, mein chinesischer Bekannter, legte ein paar Münzen mit ins Fach "damit sie etwas für die Reise hat" - "Warte", sagte ich und legte ein 50 Pfennigstück dazu, "Vielleicht braucht sie auch deutsches Geld!" Dann wurde das Fach mit einer schwarzen Marmorplatte verschlossen.

2020 läuft die Mietfrist aus. Lisa, du gehörst nach Hamburg, sagte ich mir, und weil du keine Angehörigen hast, nimm zur letzten Ruhe im Grab meiner Familie Jahnke auf dem Ohlsdorfer Friedhof Platz. Ein kleines Stück Weg an der U-Bahn Legienstraße wurde nach dir benannt, an deinen ehemaligen Schulen hängen Gedenkplatten, wir haben dich auch hier in Hamburg, deiner Geburtsstadt, in guter Erinnerung! (Abb. 4).

4 Inge Jahnke und Frau He vor dem Kolumbarium, 2019

Also holte ich im Dezember 2019 die Urne mit der Asche von Peking nach Hamburg. Die kleine Beisetzungsfeier fand am 30. März 2020 statt, die Marmorplatte kommt aufs Grab, die holzgeschnitzte Urne übernimmt der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. Eine lange Reise hat dann ihr Ende gefunden.
Fotos: Inge Jahnke

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Tod um 1800 (August 2020).
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