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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Erstes Empfehlungsschreiben zur Aufnahme der "Friedhofskultur in Deutschland" in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes

Prof. Dr. Reiner Sörries war bis 2015 Direktor des Zentralinstitutes/Museums für Sepulkralkultur und Geschäftsführer der AG Friedhof und Denkmal e.V. in Kassel.

Die Aufnahme der "Friedhofskultur in Deutschland" in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland ist zu empfehlen,
- weil im Kernland der Reformation die Ideen der Aufklärung zur Neugestaltung des Friedhofswesens in organisatorischer wie gestalterischer Hinsicht auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sind,
- weil es im Zuge der Friedhofsreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelungen ist, die Ideale von "Religion, Heimat und Handwerk" gesamtgesellschaftlich zur Handlungsmaxime in der Friedhofsgestaltung werden zu lassen,
- weil es gelungen ist, durch die Integration europäischer, insbesondere skandinavischer Einflüsse die kontinuierliche Fortentwicklung der Friedhofsgestaltung in den Jahrzehnten nach 1960 zu ermöglichen, und
- weil nach der Jahrtausendwende der Respekt vor der multikulturellen Vielfalt hierzulande zu einer harmonischen Integration fremder Bestattungsvorstellungen in das bestehende Friedhofswesen geführt hat.

St. Matthäus-Kirchhof in Berlin. Foto: Norbert Fischer

Dazu noch einige Erläuterungen. Wer in Deutschland auf einen Friedhof geht, wird ihn in aller Regel auch als deutschen Friedhof erkennen können, weil sich in einer durchaus bemerkenswerten Einheitlichkeit der allgemeine Gesamteindruck und die individuelle Grabgestaltung gegenseitig ergänzen. Was ein deutscher Friedhofsgärtner in den 1970er Jahren formuliert hat, ist zum Leitbild der deutschen Friedhofskultur geworden: Der grüne, blühende Friedhof. Und dieses Bild fußt auf den Vorstellungen der Friedhofsreformer vom Beginn des 20. Jahrhunderts, als man die „Steinwüsten“ einer ausschließlich materialisierten Gedenkkultur durch die Einbettung individueller, handwerklicher Grabmale in einen gestalteten Naturraum reformierte. Das Fanal dieser Entwicklung war der von Stadtbaumeister Hans Grässel konzipierte und 1907 eröffnete Waldfriedhof in München.

Grässel war es gelungen, die säkularen Ideen der Aufklärung mit den christlichen Vorstellungen von der Gleichheit aller Menschen im Tod in Einklang zu bringen. Mussten diese Ideale zunächst durch in Europa einmalige Friedhofssatzungen verordnet und durchgesetzt werden, so wurden sie in der Folgezeit zu einem gesellschaftlich anerkannten Prinzip der Erinnerungskultur: In den naturnah gestalteten Friedhof sind die Grabstätten als individuelle Grabgärten integriert. Ihre Pflege durch die Angehörigen und Familien blieb über Jahrzehnte beispielhaft.

Das Prinzip des naturnahen Friedhofs erwies sich als stark genug, um gesellschaftliche Veränderungen hinsichtlich Demographie, Familienstruktur und Mobilität unbeschadet zu überstehen. Anleihen bei den skandinavischen Rasenfriedhöfen ermöglichten Innovationen auf dem Friedhof, ohne dessen Gesamteindruck nachhaltig stören zu können. Anonyme Wiesengräber ersetzen die herkömmliche Grabkultur nicht, sondern bieten eine pflegefreie Alternative inmitten weiterhin bestehender Strukturen.

Friedhöfe erwiesen sich weiterhin als stark genug, um auch andere religiöse und gestalterische Vorstellungen der seit den 1960er Jahren zuziehenden Migranten zu integrieren. Es waren zunächst Muslime, deren Grabfelder unbeschadet in die kommunalen (ggf. auch kirchlichen) Friedhöfe eingebettet werden konnten. Mittlerweile sind yezidische, chinesische, buddhistische und hinduistische Grabfelder dazugekommen.

Die Pflege und ständige Weiterentwicklung der Friedhofskultur und Grabgestaltung erfolgt u.a. durch beispielhafte Mustergrabanlagen auf den Bundes- und Landesgartenschauen, die von Friedhofsplanern, Steinmetzen und Friedhofsgärtnern verantwortet werden. Im "Erinnerungsgarten der Kulturen" wurde auf der Gartenschau in Mühlacker 2015 unter dem Leitbild "Miteinander leben – miteinander gedenken" erstmals der Entwurf eines interkulturellen Grabfeldes vorgestellt. Die Spuren sind gelegt, um das geltende Friedhofsideal zukunftsfähig zu machen.

Freilich darf nicht übersehen werden, dass die sich beschleunigenden gesellschaftlichen Veränderungen für die Friedhofskultur ein Gefährdungspotenzial darstellen. Es wird nicht die Aufgabe der Einzelnen sein, bestehende Strukturen des Gedenkens zu bewahren, sondern es bedarf gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen, die stellvertretend von den Kommunen (bzw. Kirchengemeinden) als Friedhofsträgern geleistet werden müssen.
Kassel, 29. September 2015

Foto: Norbert Fischer

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Friedhof als "Immaterielles Kulturerbe" (Mai 2020).
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