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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Trauer einen Ort geben: Kreative Erinnerungsarbeit mit "Verwaisten Eltern"

Autor/in: Elke Heinen
Ausgabe Nr. 148, I, 2020 - Februar 2020

Die "Verwaisten Eltern und trauernden Geschwister Schleswig-Holstein e.V." begleiten Familien, die um ein Kind trauern, ganz unabhängig davon, wie alt das Kind wurde. Die Selbsthilfegruppen im Netzwerk werden alle von gut ausgebildeten TrauerbegleiterInnen angeleitet.

Die Trauerbegleitung ist Begleitung zur Selbsthilfe und nicht therapeutisch. Das schließt aber nicht aus, dass Trauernde mit unserer Anregung und Begleitung Schritte gehen können, die eine therapeutische also heilsame Wirkung haben.

Vorbemerkung

Eltern, die um ihr Kind trauern, werden oft von der Frage umgetrieben, wo ihr Kind hingegangen ist. An welchem Ort wollen oder können sie sich sein Dasein nun vorstellen? Das Kinderzimmer, die Grabstätte, vielleicht ein Sportplatz oder Urlaubsort können konkrete Erinnerungs-Orte sein, die oftmals sehr ambivalent erlebt werden. Aus den Begleitungen wissen wir, dass es für trauernde Eltern ein Schritt zur Heilung ist, wenn sie für ihren inneren Dialog mit dem toten Kind einen eigenen Ort finden, den sie mit ihren Erinnerungen und vielfältigen Emotionen füllen. Ein Ort, dem sie sich zuwenden können, wann immer sie das Bedürfnis haben; zu dem sie aber auch Abstand nehmen können, wenn sie eine Pause von der Trauer brauchen. Es kann ein Ort sein, den sie nicht mit anderen Familienmitgliedern teilen wollen oder können. Ein Ort, der aus der individuellen Beziehung von Trauerndem und Verstorbenen entsteht.

Das Ruferhaus Stauffenburg im Harz

Im folgenden Bericht geht es um ein Seminar der "Verwaisten Eltern Schleswig-Holstein e.V." im Ruferhaus Stauffenburg im Harz bei Seesen. Es fand im Oktober 2019 statt. Mit fünf Paaren, vier Müttern und vier TrauerbegleiterInnen, zwei davon betroffene Eltern, haben wir uns aus dem Norden auf den Weg in den Harz gemacht. Die weite Anreise für knapp drei Seminartage ist eine Herausforderung. Sie lohnt sich, weil die Stunden im Zug oder auf der Autobahn Abstand bringen zum Alltag mit all seinen Themen. Wer sich auf den Weg zum Elternseminar macht, möchte etwas anderes sehen und ist bereit, sich einzulassen.

Tagungsort und Tagesablauf

Das Ruferhaus Stauffenburg liegt abseits der Touristenwege zwischen Seesen und Osterode umgeben von Landwirtschaft und Wäldern. Ein riesiges mehr als 300 Jahre altes Fachwerkhaus, das viel Geschichte atmet und das wir in diesen Tagen als Gruppe alleine bewohnen dürfen. Vom Hausteam werden wir bekocht und verwöhnt. Es gibt keine Fragen oder gar mitleidsvolle Blicke; wir sind herzlich willkommen. Als Gruppe sind wir unter uns. Die Begegnungen im Schlafanzug auf dem Weg vom eigenen Zimmer zur Toilette oder Dusche schaffen vollends eine familiäre Atmosphäre.

Am Anreisetag gibt es erste Begegnungen mit der fremden Umgebung, den anderen Teilnehmenden und den Teamern. Es geht locker zu. Ernst und emotional wird es, als wir im Wohnzimmer den "Hausaltar" für die Kinder einrichten. Die Eltern haben Erinnerungsgegenstände, Symbole und Fotos mitgebracht. Wir hören die Namen der Kinder, wie alt sie wurden und warum sie nicht mehr leben. Wir nehmen die Kinder in unsere Mitte. Diese Kinder haben die Eltern zusammengeführt. Ihr Schicksal bringt Trauernde und BegleiterInnen an diesem Ort zusammen. Es ist schwer. Und es ist gut, nicht allein zu sein.

"Hausaltar" für Kinder

Vier Mahlzeiten geben den Ablauf der Tage vor. Hinzu kommt das offene Angebot einer christlichen Morgen- oder Abendliturgie seitens des Hauses. Die Zeit und die Zahl der Einheiten, in denen wir mit der Gruppe arbeiten können, sind begrenzt. Als Team nehmen wir die Gruppe an die Hand und gehen thematisch und methodisch Schritt für Schritt voran. In jeder Einheit machen wir neue Angebote. Ob und wie die Eltern mitgehen, bleibt ihnen überlassen.

Kreatives Arbeiten im Ruferhaus

Hat jemand das Gefühl, der Vorschlag, den wir machen, passe nun so gar nicht zu ihm oder ihr, ist das okay. Eine Bitte haben wir aber, fast eine Regel: Wenn sich jemand ausklinkt, möchten wir als Team - oder eine/r von uns - Bescheid haben. Keine Erklärung oder Entschuldigung, aber eine Information. Die Situation ist hochemotional, wir kennen uns nicht; auch als Team brauchen wir Sicherheit in der Kommunikation.

Der kreative Prozess

Wir wollen die Eltern bewegen, ihre eigene Trauer mit ungewohnten Mitteln wahrzunehmen, sie zu spüren, anschaulich zu machen, sie zu formen, zu verändern. Das Ereignis ist den Menschen widerfahren, oft unerwartet über sie hereingebrochen. Die Trauer ist hingegen ein Teil der Person selber, ist ganz ihr eigenes Erleben. Sie muss jedoch nicht nur erlitten werden. Die Eltern haben die Möglichkeit ihre Trauer aktiv zu gestalten. Dazu laden wir ein und leiten wir an.

Wir bieten den Eltern Holztabletts in unterschiedlichen Formen an. Die Aufgabe lautet: Das Tablett soll zum „Ort für mein Kind“ werden. Gestalte diesen Ort so, wie Du denkst und fühlst. Was hat dein Kind ausgemacht? Was ist das Besondere zwischen dir und deinem Kind? Was würde ihm gefallen? Was bewegt dich, wenn du an deinen Sohn, an deine Tochter denkst?

Der feste Boden und der Rand des Tabletts können tragen und halten. Es kann frei stehen, anlehnen oder an der Wand hängen. Sein Platz ist begrenzt und durch seinen Rand klar definiert, rund oder rechteckig, groß oder klein. Es kann immer wieder neu platziert werden.

Entschlossen greifen die Eltern nach einem Tablett aus dem großen Stapel. Manche drehen und wenden, klopfen und befühlen es. Was soll ich damit anfangen? Wie wird dieses Ding zu meinem werden, zum "Ort für mein Kind"? Ihre Gedanken beginnen zu arbeiten. Die Energie im Raum ist zu spüren. Wir gehen erst mal mit der ganzen Gruppe nach draußen.

Der Weg in den Wald führt uns an einem kleinen Steinbruch vorbei. Das Baumaterial für die ursprüngliche Stauffenburg wurde hier gebrochen. Schuttkegel und Verwitterungsgestein werden von der Natur überwachsen. Manche Eltern lassen sich motivieren, ihren Frust und Zorn mit Steinen hinauszuwerfen. Andere sammeln Bruchstücke. Oder sie legen aus Steinen, Gräsern und Blumen ein Mandala. Die Eltern sammeln in der Natur für die Gestaltung ihrer Tabletts. Ein einzelnes Blatt oder üppige Flora, ein leeres Schneckenhaus, Hölzer, Dornen, Pilze, Steine, Efeuranken. Alles Dinge, die in ihnen Erinnerungen wecken und durch ihre Bildsprache für etwas stehen, das sich nicht in Worte kleiden lässt.

Ein Raum ist vorbereitet, Tische sind abgeklebt, Farben, Pinsel, Kleber, Stifte, Heißkleber bereitgestellt. Wir bitten darum, dass die Tabletts im Werkbereich bleiben und nicht mit auf die Zimmer genommen werden. Bevor wir zu einem neuen methodischen Schritt einladen, rufen wir immer wieder ein Stimmungsbild ab: Wie geht es dir jetzt gerade? Was bewegt dich? - Ja, es ist gut. Meine Gedanken kreisen. Ich habe Kopfweh. Es ist so anstrengend. Die Gemeinschaft tut gut. Ich weiß nicht, wie es mir geht…, ob ich das hier durchhalte.

Der Schritt ins kreative Tun kommt im richtigen Moment. Wir haben viel erzählt, die Geschichten der Kinder der anderen Eltern aufgenommen, sind an den eigenen Schmerz herangegangen, dass Worte sich erschöpft haben. Jede/r bekommt ein Stück Modelliermasse, um sich mit den Händen darin auszudrücken. Ein Material, das ein wenig Kraft fordert und Ausdauer, bis es die Form annehmen wird, die ich ihm gebe. Die Eltern spüren, dass die Gedanken aus dem Kopf in ihre Hände fließen. Der Ton liegt in meiner Hand. Ich bestimme hier und jetzt was passiert. Ich habe die Kraft und Ausdauer dazu. Ich entscheide. Es entstehen kleine Figuren, eine Brücke, ein schwarzes Loch, ein Flügel, ein Mond, ein Herz.

Das Tablett, das Material aus dem Wald, das Gebilde aus Ton finden zueinander. Farben werden aufgetragen, Blätter und Steine geklebt, Zweige geschnitten und fixiert, weitere Symbole werden gesucht. Die Eltern arbeiten intensiv, reden nicht viel, assistieren sich manchmal gegenseitig.

Manche wissen genau, was sie zeigen wollen. Bunt soll es werden. Andere hadern mit sich und ihrem Werk, nehmen erst mal Abstand, machen später weiter, setzen noch mal neu an. Bei einigen stehen zunächst noch mehr Fragen im Raum als vorher. Soll ich die Katastrophe bildlich darstellen und damit verewigen? Wird mein Schmerz dadurch auch statisch? Es gibt keinen Trost: das grüne Blatt, das ich heute montiere wird morgen welk sein... . Aber genau das ist mein Gefühl: ich kann nicht glauben, dass es je besser wird.

Die Eltern sind mit ihren verstorbenen Kindern in Begegnung und Bewegung. Sie sind traurig, zornig, sehnsuchtsvoll, dankbar, verzweifelt, stolz und beschenkt, verwüstet, erschöpft. Sie geben ihrer Trauer auf dem Tablett einen Ort. Sie arbeiten weiter. Immer wieder werkeln sie an ihren „Orten“. Im Programm machen wir derweil andere Angebote: Männergesprächsrunde! Und Sinneserfahrungen für Frauen: Was kann ich mir Gutes tun?

Die Abende klingen am Kaminfeuer aus. Der alte Weinkeller mit Getränken ist in Reichweite. Ein UNO-Kartenspiel auch. Da werden dann auch mal Tränen gelacht. Eine Wiederentdeckung: Leben will leben. Die Kinder im Herzen sind immer dabei. Vielleicht sitzen sie auch zusammen und freuen sich über das Lachen ihrer Eltern.

Zum Ende: Auf blauen Papierbögen liegen alle Werke nebeneinander. Ein Ehepaar hat aus zwei Bildern eines gemacht. Das schwarze Loch des unbeschreibbaren Schmerzes hat weiche Ränder bekommen. Andere Paare sehen an ihren Bildern, dass ihre Wege der Trauer verschiedener nicht sein könnten. Sie lassen es so, wie es ist.

Der gemeinsame Hausaltar wird aufgelöst. Fotos und Erinnerungsstücke gehen wieder zurück in die Familien. Bleibt die Frage, wo das Kunstwerk zuhause seinen Platz bekommen soll. Hier gilt: Ich werde das entscheiden. Ich bin der Trauer nicht ohnmächtig ausgeliefert. Ich gebe ihr einen Platz in meinem Leben. Ich kann selber bestimmen, wie viel Zeit und Raum ich ihr gebe. Ich bestimme, ob sie im Zentrum des Familienlebens stehen bleibt. Oder ob sie auch mal Platz für anderes machen darf.

Was nehme ich mit aus diesen Tagen? Was lasse ich hier? Die Eltern haben kleine Zettel geschrieben. Das, was hierbleiben soll, wird dem Feuer übergeben. Kleine Rauchwölkchen steigen auf. Die Eltern geben ihre Gedanken frei. Die kleine Zeremonie zeigt, dass ihre Trauer in Bewegung ist.

Elke Heinen ist Referentin für Trauerbegleitung bei den Verwaisten Eltern Schleswig-Holstein e.V.

Fotos: E. Heinen

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Mensch-Haustier-Bestattungen (Februar 2020).
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