OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Tod auf Ibiza – spanischer Totenkult der besonderen Art

Autor:
 - Februar 2016
Ausgabe: 
Nr. 132, I, 2016

Wenn sie an Ibiza denken, so schwärmen viele von wunderschönen, feindsandigen Stränden und kleinen Buchten oder auch von legendären Partys.

Ibiza zeichnet aber noch viel mehr aus. Dort gibt es den spanischen Totenkult der besonderen Art – ein etwas anderer Friedhof, den man so in Mitteleuropa wohl nicht findet.

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Cementeri Puig de Missa (Haupteingang des Friedhofs). Foto: O. Diel

In Santa Eulària des Riu (spanisch Santa Eulalia del Río), einer zunehmend stärker besiedelten Stadt im Osten der Insel Ibiza liegt der Friedhof (cementeri) hoch oben auf einem 52 Meter hohen Kirchhügel, dem Puig de Missa. Laut Verordnung vom 4. August 1952 wurde er als malerischer Ort ausgezeichnet. Seitdem steht der Hügel als kulturell und historisch wertvolles Kulturerbe unter Schutz. Das gilt für die Kirche, den Wehrturm und den Hügel als Ganzes.

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Treppen, die zum 52 m hohen Kirchhügel und Friedhof führen. Foto: O. Diel
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Blick vom Friedhof aus über die Unterstadt und das Meer. Foto: O. Diel

Die Treppen, die zur Kirche beziehungsweise zum Friedhof gehen, führen an kalkweißen Häusern sowie Gärten mit Orangen- und Zitronenbäumen vorbei, man sieht Opuntien und Ginstersträucher. Oben am Ziel hat man einen eindrucksvollen Blick über Unterstadt und Meer, aber auch über das schöne hügelige Hinterland. Es gibt Hinweise auf eine alte Kapelle, die Vorhallen und Seitenkapellen sind im 17. Jahrhundert entstanden. Man vermutet, dass zur Zeit der Reconquista 1235 die Moschee durch eine erste Kirche ersetzt wurde. Der jetzige Bau trägt den Charakter einer Wehrkirche – hinter ihren dicken Mauern begaben sich die Bewohner bei Piratenangriffen in Sicherheit. Die Vorhalle mit ihren kalkweißen Arkaden und der Decke aus Sadebaumholz zählt zu den schönsten Elementen der Kirche.

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Panoramablick auf die Kirche mit der Sadebaumdecke. Foto: O. Diel
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Die Einbettung in Nischengräbern. Foto: O. Diel

Es gibt Unterschiede zwischen einer Beisetzung in Deutschland und einem Zeremoniell zum Gedenken an Verstorbene in Spanien. In Deutschland ist alles wesentlich stärker reglementiert. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern herrscht Friedhofszwang (mit Ausnahme der Seebestattung) und ein starres Bestattungsgesetz. In Spanien hingegen darf die Urne des Verstorbenen u.a. zu Hause abgestellt werden und sowohl im eigenen Garten als auch an anderen öffentlichen Orten vergraben werden. Allerdings findet die Aufbewahrung der Asche in Urnen oder das Verstreuen der Asche in der freien Natur keinen kirchlichen Segen. Feuerbestattungen (das erste Krematorium entstand vor rund 25 Jahren in Alicante) werden von der katholischen Kirche nicht gern gesehen. Sie entsprechen nicht dem Glauben an die Auferstehung der Toten und werden nur aus hygienischen Gründen oder unter besonderen Motiven befürwortet. Bis zum 2. Vatikanischen Konzil (1962–1965) war die Verbrennung in der katholischen Kirche absolut verboten.

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Platten auf den Böden mit Zugängen zu den Katakomben. Foto: O. Diel
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Platten auf den Böden mit Zugängen zu den Katakomben. Foto: O. Diel

Während in Mitteleuropa die Erdbestattung die traditionsreichste Form ist, gibt es auf Ibiza die etwas andere Form der Bestattung: die Einbettung in Nischengräbern. Auf dem Friedhof, der direkt an die Kirche angeschlossen ist, werden die Toten nicht unter der Erde, sondern über der Erde in verglasten Sargeinschubfächern bestattet, die bis zu fünf Stockwerke hoch sind. Bei den Grabinschriften kann man viele deutsche Namen lesen und auch Fotos anschauen, die die Toten zu Lebzeiten zeigen. Zur Zierde dienen Kunstblumen, Keramiktöpfe und kleine Christus- und Madonnenskulpturen.

Diese Nischengräber, in Spanien "ägyptische Initiation" genannt, stammen aus der antiken Tradition und sind mit kleinen Variationen im gesamten Mittelmeerraum vorzufinden. Die Ursachen für diese Art der Bestattung sind u.a. Platzmangel, aber auch klimatische Gründe: Das feucht-warme Klima am Mittelmeer würde das Verwesen des Leichnams unter der Erde verhindern. Das würde u.a. zu Seuchen und Epidemien führen. In den Nischengräbern, wo nur sehr selten Urnen aufbewahrt werden, findet mindestens ein kompletter Sarg (mit einbalsamiertem und in Grabtücher gehülltem Leichnam) Platz. Auch auf dem Puig de Missa werden nach einer gewissen Zeit die Nischengräber wieder geräumt. Dabei werden die Knochenreste wie Schädel, Becken- oder Beinknochen gesammelt und anschließend in den Katakomben (unter einer Platte im Boden) aufbewahrt. Neben den Nischengräbern gibt es aber auch als Mausoleum gestaltete Familiengrüfte, in denen Sarkophage und Urnen aufbewahrt werden.

Die Nischengräber beweisen, dass der Verlust eines Menschen auf Ibiza genauso schwer wiegt wie in Deutschland. Die Menschen machen sich Gedanken darüber, wie man Tote in feucht-warmen Räumen sinnvoll bestatten kann, ohne den Körper verbrennen zu müssen. Denn schließlich sind statistisch gesehen aktuell 94 Prozent der Menschen in Spanien katholisch und für die meisten von ihnen ist der Glaube an die Auferstehung des Körpers von zentraler Bedeutung. Der Verlust eines Mitmenschen bedeutet Schmerz, egal wo er eintritt, auch auf Ibiza, der berühmten Partyinsel.

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