OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der "Garten der Kinder" und der "Mini-Sarg". Ein Projektbericht aus Schleswig-Holstein

 - Februar 2015
Ausgabe: 
Nr. 128, I, 2015

In Schleswig – ganz im Norden der Bundesrepublik – gibt es für Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern, schon seit 1991 angeleitete Trauergruppen des evangelischen Kirchenkreises. Im Frühjahr 2004 haben Eltern, die solche Gruppen besucht haben, einen Verein gegründet, in dem sie ihre Erfahrungen und die neue Energie in Unterstützung für andere Betroffene fließen lassen wollen.

In dieser Arbeit gibt es immer wieder Situationen und Anfragen, auf die sich die Aktiven unerwartet einstellen müssen und manchmal entwickeln sich aus diesen Herausforderungen neue Ideen.

Als Beispiel erzähle ich Ihnen die Geschichte eines kleinen Jungen. Die Mutter des Kindes ist eine ganz junge Frau. Sie ist Italienerin verbringt im Sommer 2004 drei Monate bei Angehörigen in Schleswig. Sie will in Deutschland Eis verkaufen und Geld verdienen. Sie ist schwanger und ihr Kind soll im Herbst in Italien geboren werden. Doch es kommt anders: Der Knabe kommt viel zu früh auf die Welt. Eine plötzliche Geburt in der 18. Schwangerschaftswoche. Er ist ganz klein. Er hat winzige Händchen und Füßchen. Er hat ein kleines Gesicht, in dem schon eigene Charakterzüge zu erkennen sind. Er hat Haare. Es ist alles an ihm dran. Aber er ist wie ein Vögelchen zu früh aus dem Nest gefallen und noch nicht reif, in dieser Welt zu leben. Er wird tot geboren. Und obwohl der Junge schon so viel eigener Mensch ist, wurde damals sein kleiner Körper nicht als Leichnam anerkannt. Erst seit 2013 haben Eltern die Möglichkeit, ihrem sogenannten "Sternenkind" einen Namen zu geben, der beim Standesamt erfasst werden kann, und erst seitdem haben sie ein Recht darauf, ihr Kind zu beerdigen. Eine Pflicht dazu gibt es jedoch nicht.

In der Sprache der Klinik ist der kleine Körper "Sondermüll". Sie hat lediglich dafür zu sorgen, dass dieser Sondermüll ethisch einwandfrei entsorgt wird.

Im Sommer 2004 bekam ich einen Anruf der Klinikseelsorgerin aus dem damaligen Martin-Luther-Krankenhaus in Schleswig: "Wir haben hier eine junge Italienerin auf der Gynäkologie. Sie hatte eine Fehlgeburt. Sie spricht kein Deutsch, hat kein Geld, sie ist katholisch. Können Sie und Ihr Verein helfen, dass wir dieses Kind irgendwo beerdigen können?"

Eine konkrete Anfrage an unseren ganz jungen Verein. Wir ließen alle Kontakte spielen, telefonierten viel, fanden eine Grabstätte, trieben das Geld für einen Sarg und einen Bestatter auf. Das alles dauerte ein paar Tage. Als dann alles geregelt war und das Kind hätte beerdigt werden können, war die junge Frau nach Italien verschwunden. Und der kleine Junge ging in die übliche Entsorgung im Krankenhaus.

Dieses Kind sollte das letzte sein, das in Schleswig diesen Weg ging. Die Eltern im Verein haben eine Babygrabstätte begründet, die von ihnen liebevoll gepflegt wird. Der "Garten der Kinder" ist ein Ort der Trauer und des Trostes für Eltern, die ihre Babys dort beigesetzt haben. Der Garten ist aber auch zum Gedenkort geworden für Eltern, die keine Möglichkeit einer Beisetzung ihres Kindes hatten. Er wird sogar von älteren Menschen aufgesucht, die von ihren verstorbenen Kindern berichten, die sie nach Kriegsende auf der Flucht in den Westen irgendwo am Straßenrand zurücklassen mussten.
In den vergangenen neun Jahren haben ca. 80 Beisetzungen stattgefunden. Da es sich zum Teil um Gemeinschaftsbeisetzungen handelt, ist der Ort für weit mehr als hundert Familien zur Erinnerungsstätte geworden. Inzwischen durften wir in der Friedhofskapelle einen ungenutzten Aufbahrungsraum als Abschiedsraum freundlich umgestalten. Hier finden mit den Familien die kleinen Trauerfeiern für ihre Kinder statt.

Auf vielen Beisetzungen, die wir durchführten, stellten wir bald fest, dass diese winzigen Kinder bislang nicht im Augenmerk der Bestatter liegen. Es gibt im Bestatter-Großhandel keine wirklich schönen Särge in dieser Größe. Manche gleichen einem Schuhkarton oder sind wirklich aus Pappe. Wir hatten den Wunsch, den Eltern für ihre winzigen Kinder einen Sarg anbieten zu können, der nicht nur funktional ist. Es sollte gerne eine Art "Schatzkästchen" sein. So entwickelte sich die Idee, an das Berufs-Bildungs-Zentrum in Schleswig heranzutreten, in dem auch junge Tischler ausgebildet werden. Manche von ihnen stammen aus dem heimischen Tischlereibetrieb, der traditionell in der ländlichen Region auch Bestattungen durchführt. Im Rahmen einer Projektarbeit stellten die Auszubildenden im Winter 2007 für uns eine Serie von kleinen Särgen her.

Diese kleinen Kästchen waren so außergewöhnlich und schön, dass wir sie im Rahmen einer Ausstellung im Schleswiger Dom präsentiert haben. Die Landesgartenschau führte 2008 viele Gäste aus Deutschland nach Schleswig und auch zu unserer Ausstellung. Unter ihnen gab es auch Menschen, die sich in ihren Orten um die würdevolle Beisetzung der Sternenkinder bemühen. Wir wurden immer wieder gefragt, wo es die kleinen Särge zu kaufen gäbe, und so lassen wir inzwischen unsere Mini-Sarg-Entwürfe in den Schleswiger Werkstätten – dort arbeiten behinderte Menschen – herstellen. Die Särge können über einen Shop auf einer eigenen Homepage www.mini-sarg.de bestellt werden. Dort gibt es zudem gibt viele Informationen darüber, was nach dem Tod eines Babys von der Klinik bis zur Beisetzung geschieht. Wir verkaufen die Särge zum Selbstkostenpreis von 50,– Euro an Eltern, Initiativen und inzwischen auch an Bestatter, vorausgesetzt, diese geben den Sarg ohne Aufpreis an Betroffene weiter. Bestellungen kommen aus der ganzen Bundesrepublik. Eltern beschenken uns mit dankbaren Rückmeldungen.

Für unser Bundesland Schleswig-Holstein haben wir einen Weg gefunden, der es den Eltern ermöglicht, ihre Sternenkinder in Liebe und Würde beizusetzen – meist sogar ohne dass ihnen Kosten entstehen. Mit der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein gibt es eine Regelung, die den Eltern ermöglicht, ihre Kinder in unserem Mini-Sarg selbst von der Klinik zum Friedhof zu bringen. Es braucht einige Formulare, die auch auf der Homepage zu finden sind. So können Eltern mit ihrem Kind jenen Weg zu Ende gehen, der noch kaum angefangen hatte.

Alle diese winzigen Babys hinterlassen Spuren in dieser Welt.
Viele nur in den Herzen ihrer Mütter und Väter.
Manche Kinder hinterlassen uns eine Aufgabe,
so wie der kleine namenlose Italiener.

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