OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ambivalente Impressionen im Mausoleum Kretschmer – von Christusimpulsen, Frühgesängen und Vampir Graf Stanislaws letzter Ruhestätte

 - Juni 2014
Ausgabe: 
Nr. 125, II, 2014

Das Mausoleum Kretschmer, ehemals von Schröder, das mit knapp 300 qm überbauter Grundfläche größte bürgerliche Mausoleum Nordeuropas, ist aus dem Winterschlaf erwacht. Der Eigentümer des im Jahre 1906 errichteten Kuppelbaus, der gegenüber der Kapelle 7 auf dem Ohlsdorfer Friedhof steht, hat in der Zwischenzeit einige Baumaßnahmen vornehmen lassen.

Das historische Eichenportal, das teilweise durch Holzschädlinge zersetzt war und von daher nicht mehr funktionsfähig, hat ein neues Türfutter erhalten, die großen Portaltüren wurden neu positioniert, Vandalismus- und Einbruchschäden beseitigt. Das Mausoleum Kretschmer ist im Winter Angriffspunkt nicht nur von Vandalen, sondern auch von Metalldieben gewesen. Hierbei wurden die Entwässerungsrinnen des hinteren Teils herausgerissen, was zu Frostschäden führte. Der hierdurch verursachte Schaden liegt im fünfstelligen Bereich.

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Mausoleum Kretschmer, dekorierter Innenraum. Foto: S. Wallocha

Im Innenraum des achteckigen Mainsandsteinbaus wurde mithilfe einer Hubbühne die gesamte Oberfläche überprüft, lose Teile entfernt, ebenjene Frostschäden beseitigt sowie weitere vorbereitende Arbeiten zur anstehenden Kuppelsanierung durchgeführt. Zum Frühlingsanfang wurde zudem die Grünfläche um das Mausoleum herum umfassend gesäubert und von Wildwuchs befreit.

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Mausoleum Kretschmer während der Autoren-Lesung am 16. April 2014. Foto: S. Wallocha

In dem neuen, aufgeklarten Ambiente des Grabmonuments fand nun in der Nacht zu Ostersonntag erstmalig eine liturgische Performance zur Auferstehung Jesu statt, die von 0 Uhr bis Sonnenaufgang andauerte. InitiatorInnen dieser außergewöhnlichen Inszenierung waren die Prädikantin Petra Roedenbeck-Wachsmann und der Hochschulpastor Bernd Vogel. Neben biblischen und lyrischen Lesungen, Sologesang- und Tanzeinlagen wurden Videoanimationen – "Christusimpulse im Raum" – auf Grabplatten projiziert. Die Teilnehmenden durchschritten in alten und neuen Texten, Bildern und Liedvortrag Jesu Weg vom Himmel ins Totenreich bis hin zur Auferstehung. Die bis zum Sonnenaufgang Ausharrenden wurden mit dem wunderbaren Frühgesang der zahllosen Vögel des Friedhofes belohnt, die den österlichen Morgensegen vorweg zu nehmen schienen.

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Schauspieler Siegmund Tischendorf und Autorin Sylvia Madsack im Mausoleum Kretschmer. Foto: S. Wallocha

Bereits vier Tage zuvor, am 16. April, erwartete 50 geladene Gäste eine von der Agentur Hesse & Hallermann eindrucksvoll in Szene gesetzte Buchpräsentation der besonderen Art: Die Schweizer Autorin Sylvia Madsack stellte den dritten Band ihrer "Graf-Stanislaw-Saga", einer beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Vampirtrilogie vor. Der Altar im Inneren der opulenten Grabstätte diente als Pult für die von dem Schweizer Schauspieler Siegmund Tischendorf vorgetragene Lesung, eingerahmt von vier imposanten Kerzenleuchtern, die den Kuppelbau dezent illuminierten. In einigen der 24 in die rückwärtige Wand eingelassenen Gruftzellen flackerten zudem weiße und rote Kerzen, die die intime Illumination des achteckigen Zentralbaus und die ihn auszeichnenden christlichen Motive geheimnisvoll akzentuierten. Mit der Autorin habe ich ein Interview über Ihre Leidenschaft für die blutsaugenden Nachtgestalten geführt und darüber, was Vampire auf Friedhöfen verloren haben.
Vampire sind Verstorbene, die nachts unverwest dem Grab entsteigen, um Lebenden das Blut auszusaugen, heißt es in Meyers Lexikon. Sind Vampire also unsterblich?

Als Produkt unserer Fantasie ist der Mythos von den Vampiren, untoten Geschöpfen in menschlicher Gestalt mit übernatürlichen Kräften, tatsächlich unsterblich. Er eignet sich perfekt als Projektionsfläche für unsere Ängste, Sehnsüchte und Wünsche. Es gibt aber auch in der Realität Menschen, die sich wie Vampire von unserer Energie nähren und uns dadurch schaden können.

Für den dritten Roman Ihrer Vampirsaga über den Grafen Stanislaw von Lugosy sind Sie eigens nach Rumänien/Transsilvanien gereist, wo Sie die alte Heimat des Grafen verorten. Schauplatz des ersten Romans ist Ihre Heimatstadt Zürich, Schauplatz des zweiten Teils der von Ihnen favorisierte Urlaubsort Marbella im Süden Spaniens. Inwiefern hat der jeweilige Ort Ihr kreatives Schaffen beeinflusst?

Die Schauplätze meiner Romantrilogie haben mich wegen meiner inneren Beziehung zu ihnen besonders inspiriert, denn man sollte über das schreiben, was man gut kennt.

Warum haben Sie für die Präsentation des dritten Romans "Hymne an die Nacht" das Mausoleum Kretschmer auf dem Ohlsdorfer Friedhof gewählt und was zeichnet diesen Ort Ihrer Meinung nach aus?

Als ich vom Mausoleum Kretschmer erfuhr, wusste ich sofort, dass dies der ideale Platz für die Präsentation meines dritten Bandes sein würde. Dieser großartige Bau strahlt eine Magie aus, der man sich nicht entziehen kann, er hat etwas Geheimnisvolles und zugleich Erhabenes.

Reizt sie der Ohlsdorfer Friedhof – der größte Parkfriedhof der Welt – für eine weitere Fortsetzung?

Der Ohlsdorfer Friedhof ist wie eine verwunschene Landschaft und im eigentlichen Sinn ein Ort des Friedens. Falls es doch noch eine Fortsetzung nach Band III geben sollte, könnte vielleicht auch Graf Stanislaw dort seine letzte Ruhe finden, wer weiß?

Sylvia Madsack: Hymne an die Nacht, 320 Seiten, gebunden, Hamburg 2014 (Hoffmann und Campe-Verlag)

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