OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Transmortale III – Neue Forschungen zum Tod - Tagungsbericht

 - Mai 2012
Ausgabe: 
Nr. 117, II, 2012

Die Transmortale fand dieses Jahr wegen des großen Interesses bereits zum dritten Mal statt und war wie stets offen für (junge) Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Nachwuchsforschung.

Jedes Mal werden aus unterschiedlichen Disziplinen und Ansätzen neue Forschungsperspektiven in Kurzreferaten vorgestellt und in einer größeren interdisziplinären Fachrunde diskutiert. Über den Workshop hinaus bietet die Transmortale außerdem eine Plattform für das Forschungsfeld Sterben, Tod und Trauer.

Das diesjährige Programm war in drei Blöcke untergliedert: Block I thematisierte die Kunst und das "Theatralische", Block II die unterschiedlichen Trauerkulturen und Block III die Archäologie, indische Kultur und medizinische Kommunikation.

Nach der Begrüßung und Einführung begann die Literaturwissenschaftlerin JOHANNA ZORN (München) mit ihrem Vortrag "Wie wir 'sterben lernen' – Christoph Schlingensiefs Diskursivierung der Todesangst". Schlingensiefs Spätwerk ist geprägt vom Angesicht des Todes. Der 2010 verstorbene Künstler bejahte durch das künstlerische Aufbegehren in seinen letzten Theaterprojekten das Leben – und fokussierte dabei die Angst des Menschen vor dem Sterben, so ZORN. Die Selbstaussage: "Ich habe Angst", hat dies noch konkretisiert. Es scheint, dass es zuvor noch keine derart inszenierte Subjektivierung und Materialisierung von Todesangst gab. Damit entspricht Schlingensief zwar der so häufig zitierten "neuen Öffentlichkeit des Todes" (bzw. "Neue Sichtbarkeit des Todes", Thomas Macho u.a.), verhält sich jedoch durch die medialen Inszenierungen des Sterbens paradoxerweise gegensätzlich. ZORN führte weiter aus, dass das eigene Leid Schlingensiefs nicht einfach ausgestellt wurde, sondern ihm vielmehr als Ausgangspunkt für einen diskursiven Umgang mit der fundamentalen Negativität des Todes diente. Schlingensiefs persönliche Angstbewältigung begreift ZORN als kommunikativen und performativen Akt. Sie setzt ihre Arbeit in Bezug zur These der "Neuen Sichtbarkeit des Todes" (Macho/Marek): Danach sind "die Toten zurückgekehrt", nicht nur als Thema spiritueller, psychologischer oder philosophischer Diskurse, sondern in konkreter, sinnlicher, materieller Gestalt. Diese Rückkehr ereignet sich in Kunst und Literatur, in Fotografien, Rauminstallationen, Ausstellungen und Filmen. ZORN versucht, die Arbeiten Schlingensiefs davon abzugrenzen. Ihre Untersuchung zeigt die ästhetisch-theatralen Möglichkeiten Schlingensiefs – und die Möglichkeiten von egozentrischer Fokussierung einerseits und Mitteilungsbedürfnis andererseits – und sie zeigt zudem, dass es eine neuartige ästhetische Diskursivierung des Sterbens gibt. Diese Diskursivierung verdeutlichte ZORN am Beispiel der beiden Inszenierungen "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" (2008) und "Mea Culpa" (2009), die das Theaterpublikum zu einer Gemeinschaft machen, in deren Zentrum das Sterben diskursiv verhandelt wird.

In der anschließenden Diskussion wurde die Frage nach dem Tröstenden für Schlingensief selbst gestellt, was durch TeilnehmerInnen, die Schlingensief persönlich kannten, bejaht werden konnte. Auch der Hilfeaspekt war für ihn zentral. Den "Kanal der Kunst" zu nutzen, war demnach für seine letzte Lebensphase außerordentlich wichtig.

Der zweite Vortrag zum Themenkomplex "Theater" schloss sich mit dem Beitrag der Theaterwissenschaftlerin FRIEDERIKE THIELMANN (Frankfurt a.M.) zu "Autopsie. Zum Verhältnis von Leiche und Selbstschau im anatomischen Theater" an. Sie beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der (De)Figuration von Leichen und damit mit dem Verhältnis von Theater und Tod in der Exposition toter Körper.

Auch wenn aufgrund der anthropologischen Konstante – "jeder muss sterben" – der Tod nicht darstellbar ist, wird im künstlerischen Bereich mit Visualisierungen und Darstellungen gearbeitet, die das Unvorstellbare dennoch veranschaulichen wollen. Dabei besitzt die Leiche einen ambivalenten Status – eine spezifische Anwesenheit der Abwesenheit. Im Rückgriff auf das Anatomische Theater der Renaissance und des Barock weist THIELEMANN auf entstandene anatomische Figuren, Präparate, anatomische Puppen und ihren Schaustellungen hin. In jüngerer Zeit haben ästhetische Positionen, zum Beispiel die Arbeiten der mexikanischen Künstlerin Teresa Margolles, die Diskussion über die Exposition von Leichen wieder angefacht.

In einem Filmausschnitt von der Aufführung von "Excavations. Anatomy Lessons" (Marjis Boulogne, 2007) wurde die Autopsie ("Autopsia" (griech.) = Selbstschau) einer Puppen-Leiche gezeigt. Diese Inszenierung einer "Leiche" steht in der Tradition spezifischer Inszenierung von Leichen in der Kunst. Es handelt sich hierbei um Objekttheater in Entsprechung des Anatomischen Theaters. Die Bildhaftigkeit der Leiche steht dabei im Mittelpunkt, so THIELEMANN. Da es sich um eine Puppe handelt, kann es auch kein Wissen aus der Sektion geben (in diesem Fall eine fiktive Totgeburt). Die Künstlerin führt in dieser Performance an einer von ihr in Handarbeit gestrickten, gehäkelten und gefilzten Puppe einer "Totgeburt" eine Autopsie durch. Sie dringt dabei mit einem Endoskop in die Puppe ein ("Authentizität" und "Künstlichkeit") – durch die Großbildübertragung des Videobildes ist der Zuschauer sozusagen live dabei: Der Eindruck von Gewebe, Muskeln und Blut entsteht – erzeugt durch Wolle und Garn. Dabei changiert diese Anatomiestunde zwischen der Emphase der Enträtselung des Todes und der Narration des ewigen Kreislaufs von Geburt und Sterben. In ihrem Beitrag ging THIELEMANN dem spezifischen Verhältnis von Trauerspiel und Puppenspiel nach und fragte nach dem spezifischen Verhältnis von Leiche und Autopsie im Anatomischen Theater.

In der anschließenden Diskussion ergab sich auch die Frage, was denn mit der Puppe nach der Sektion passiert. THIELEMANN berichtete, dass die Puppe wieder – nach der Reparatur – benutzt wird; auch deshalb, weil sie einen erheblichen materiellen Wert besitzt. Allerdings fand eine inszenierte Bestattung statt, die das Prozedere abschloss.

Der Block II begann mit dem Historiker MORITZ BUCHNER (Berlin) und seinem Referat zum Thema "Die Trauerkultur des italienischen Bürgertums (1870–1915)". Dass Tod und Trauer im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert in der Regel – im öffentlichen wie im privaten Raum – deutlich präsenter waren als heute hat die Forschung zur Sepulkralkultur immer wieder festgestellt. Dass dies nicht allein auf höhere Mortalitätsraten und eine niedrigere Lebenserwartung zurückzuführen war, belegt BUCHNER mit einer Deutung von Tomasi di Lampedusas epochalem Roman "Il Gattopardo".

Lampedusa lässt darin den alten Don Fabrizio der Gesellschaft seiner Zeit einen verbreiteten gusto cimiteriale ("Friedhofsgeschmack") attestieren. BUCHNER geht dieser scheinbaren Vorliebe für das Morbide im Rahmen seiner Untersuchung zeitgenössischer Trauerempfindungen und -praktiken im italienischen Bürgertum um 1900 nach. Ausgehend von der These, dass die mit dem Tod anderer Menschen verbundenen Gefühle und Praktiken maßgeblich durch den Kontext geprägt sind, in dem sie erfahren bzw. geäußert werden, möchte BUCHNER die Rolle zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie Familie und Religion, Recht, Staat und Wissenschaft für die Empfindungen und Praktiken der Trauer analysieren. Vier Aspekte sind dafür relevant: die Wissenschaftskultur der Zeit, die Realität des Todes, der medizinische Fortschritt und der Tod im Alter bzw. neue Altersbilder in dieser Zeit. Auch die Relevanz der Vorstellung vom "guten Tod" sowie die Bedeutung von Schriftlichkeit als Besonderheit bürgerlicher Kultur für den emotionalen Umgang mit Verlusten wird untersucht. Dabei spielt die romantische Beziehung von Ehepaaren ebenso eine wichtige Rolle wie der Aspekt "Kind" als Zukunftsfaktor einer Familie. BUCHNER wies in seinem Vortrag auch auf die starke Emotionalisierung des Verlustes durch gefühlsbetonte Beziehungsmuster hin. Für die Überwindung der Krise "Trauer" war die Religion wichtig – und Kirche als sakraler Ort kam dem italienischen Bürgertum entgegen, so BUCHNER. Insbesondere dadurch, dass Kirche eine weibliche Angelegenheit war – und Trauer als Gefühlsausdruck ebenso. Unterschiedliche Räume und Möglichkeiten für den Ausdruck von Gefühlen bei Mann und Frau spielten dabei eine wesentliche Rolle. Im gesellschaftlichen Bewusstsein galt die Frau generell als "schwaches Geschlecht" und äußerst anfällig für Emotionen wie Trauer, so BUCHNER. Die Differenzierung von Nord- und Süditalien ("nicht kontrollierte Trauer") soll in der Untersuchung berücksichtigt werden.

Als Untersuchungsmaterial werden dazu unter anderem Quellen aus relevanten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen, Verhaltensratgeber, Gedenkschriften und Selbstzeugnisse herangezogen. BUCHNER vermutet, dass vor dem Hintergrund des Modernisierungsprozesses des 19. Jahrhunderts einerseits eine zunehmende Rationalisierung der Trauerkultur zu beobachten ist. Dies lässt sich auch an der beginnenden Professionalisierung im Bestattungswesen ("Ratgeber für Grabredner" von 1897) und Auslagerung von Dienstleistungen ablesen. Ähnlichkeiten zum damaligen Deutschen Reich sind unverkennbar, so auch die Politisierung von Begräbnissen (Arbeiterbegräbnisse), die Objekte des Misstrauens waren und Verbote von politischen Symbolen auf Friedhöfen nach sich zogen. Zudem möchte BUCHNER mit seiner Studie zeigen, dass ein emotionales Phänomen wie das Trauern eine wichtige Funktion für die soziale Identität des Bürgertums hatte, indem es die Abgrenzung von anderen gesellschaftlichen Milieus betonte.

Anschließend berichtete die Historikerin HELÉNA TÓTH in ihrem Vortrag zu "Leben und Tod im Staatssozialismus. Rituale der Geburt und des Todes in Ungarn und der DDR".

Taufe oder Namensgebung? Religiöse Beerdigung oder weltliche Bestattung? Überall, wo die kommunistische Partei in Europa, im Osten wie im Westen, nach dem Zweiten Weltkrieg politischen Einfluss hatte, wurden diese Fragen des Gewissens und Glaubens gleichzeitig Fragen politischer Loyalität, so TÓTH. Denn es gab intensive Diskussionen darüber, wie Übergangsriten (dazu Arnold van Gennep, Übergangsriten: "Les rites de passage") gestaltet werden sollten.

TÓTH verdeutlichte das beschriebene Konfliktfeld in Giovanni Guareschis populären Romanen über den leidenschaftlichen, aber freundlichen Kleinkrieg zwischen dem Priester Don Camillo und dem Bürgermeister Giuseppe Potazzi alias Peppone in einer kleinen italienischen Stadt. Im so genannten Ostblock hingegen war das gleiche Konfliktfeld zwischen unterschiedlichen Konfessionen und dem Staat viel weniger ausgeglichen, denn beide Seiten hatten mehr zu verlieren als im Beispiel der idyllischen und idealisierten italienischen Kleinstadt. TÓTH betonte, dass es eine allzu grobe Vereinfachung wäre, das Alltagsleben im Ostblock ausschließlich auf eine Dichotomie zwischen der religiösen und sozialistischen Weltanschauung zu reduzieren. Doch es sei sinnvoll, so TÓTH, über konkurrierende, diskursive Felder nachzudenken, die überzeugende Angebote ausarbeiten wollten, um das Leben zu strukturieren. Am Beispiel der DDR wird deutlich, dass der Staat keine Erfahrungen mit Riten des Übergangs hatte – im Gegensatz zur Jahrhunderte langen, kirchlichen Begräbnis- und Friedhofsgeschichte.

Auf der Basis von Fallstudien aus Ungarn und der DDR setzt sich das Forschungsprojekt "Leben und Tod im Kommunismus" das Ziel, kommunistische Übergangsrituale der Geburt und des Todes zu erforschen. TÓTH fragt darin, wie die Infrastruktur der weltlichen Rituale ausgebaut wurde und wie sich der Inhalt und die Form der weltlichen Rituale vom Ende der 50er Jahre bis zur Wende entwickelten. Und ferner: "Was verraten weltliche Rituale über die sozialistische politische Kultur und das Funktionieren des Staatssozialismus?"

Am Beispiel Ungarn erläuterte TÓTH, dass in Riten investiert wurde und "Eigensinn" für sie in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff sei. Anders als in der DDR waren hier die individuellen Freiheiten größer. In der DDR hat man die weltliche Trauerfeier als Fortsetzung der kirchlichen Rituale begriffen. So gab es beispielsweise in der DDR Filme für Schulungen ("Alles hat am Ende sich gelohnt", oder "Der Tag hat sich geneigt", Handreichungen für weltliche Trauerfeiern; Institut für Kommunalwirtschaft in Dresden), die von zentraler Stelle die jeweiligen Beauftragten unterrichten sollten.

TÓTHs Ausgangsthese für die Forschung ist, dass Übergangsrituale ein Teil eines umfassenden Diskurses über Biographie und über die Beziehung zwischen dem Individuum und dem Staat – insbesondere dem kommunistischen Staat – darstellen. Die Untersuchung von einem Ritual in sich selbst erschließt dabei einige Aspekte dieses Diskurses. Die Dynamik der Versuche des sozialistischen Staates, die Gesellschaft umzugestalten mit den darauf folgenden Reaktionen wird aber erst deutlich, wenn Rituale als Bestandteile eines größeren Systems studiert werden. Da Geburt und Tod zwei Ereignisse sind, die in jeder Biographie vorhanden sind, bieten sie sich als Ansatzpunkte für eine Analyse des Systems von Ritualen an, so TÓTH.

In der Untersuchung von Ritualen im Staatssozialismus sind die Überlegungen über Machtbeziehungen unentbehrlich. TÓTH wies darauf hin, dass diese äußerst komplex und vielschichtig waren und sich nicht auf eine einfache Hierarchie zwischen einem angeblich allmächtigen totalitären Staat und seinen Opfern reduzieren lassen, sondern als "surprisingly complex negotiations between rulers and ruled" konzipiert werden sollen. In diesem Sinne erörterte sie die "überraschend komplexen Verhandlungen" zwischen den Konfessionen und dem sozialistischen Staat bezüglich der Übergangsrituale. Das Verhältnis war von Adaptation und Aneignung genauso stark geprägt wie von Konkurrenz und Unterdrückung.
In der Forschung wird oft angenommen, dass Ungarn und die DDR sich an gegenüberstehenden Enden eines metaphorischen Spektrums von repressiven Regierungen in der sowjetischen Einflusszone befanden. Ihr Parallelstudium trägt dazu bei, allgemeine kulturpolitische Trends im Ostblock von regionalen Besonderheiten zu unterscheiden. Trotz aller historischen Betrachtung – so die Diskussion im Anschluss – wirkt die atheistische Erziehung bis heute nach, was sich besonders in den östlichen Bundesländern und Berlin mit der hohen Anzahl weltlicher Trauerfeiern und Feuerbestattungen zeigt.

Krankheitsbedingt musste der Vortrag von ALINA BOTHE: "beser faln vi freye kemfers. Es ging nur darum, die Art des Sterbens zu wählen. Sterben und Tod im Jüdischen Widerstand gegen die Vernichtung" leider entfallen.

Nach der Mittagspause wurde der Workshop mit dem Vortrag der Archäologin und Kulturwissenschaftlerin MELANIE AUGSTEIN (Leipzig) "Gräber als Orte der Kommunikation – eine archäologische Perspektive" fortgesetzt.

Gegenstand einer "Gräberarchäologie" ist die Analyse des Umgangs einer Gesellschaft mit dem Tod und mit Toten. Die Archäologie "lebt" letztendlich von den Hinterlassenschaften der Sepulkralkultur, um Lebens- und Todesumstände früherer Kulturen zu erforschen. Damit stellen Gräber eine der wichtigsten Quellengruppen der Archäologie dar. Dazu gehören die verschiedenen Modi der konkreten Behandlung des Verstorbenen und seines Körpers – etwa der Bestattungsritus (Körper- bzw. Brandbestattung) oder die Inszenierung des Leichnams –, aber auch die Form und der Ort des Grabes.

AUGSTEIN differenziert dabei zwischen Zeitraum (Anzahl der Toten pro Bestattungsplatz), Sekundärbestattung, Ossuar (mind. zwei Tote), Kenotaph ("Scheingrab", ohne Leichnam) und dem Zeitpunkt. Weiterhin umfasst eine "Gräberarchäologie" die mit dem Tod – und der Bestattung – assoziierten Handlungen. Diese Handlungen lassen sich für vergangene Gemeinschaften eben nur aus dem materiellen Erbe menschlichen Handelns erschließen, so AUGSTEIN weiter. Dann konzentrierte sie sich auf ausgewählte Beispiele insbesondere der Hallstattzeit (ca. 780–450 v.Chr.) Süd- und Südwestdeutschlands. Sie beschäftigte sich dabei mit den Möglichkeiten und Grenzen einer archäologischen Perspektive, die sich dem Umgang des Menschen mit Tod und Trauer widmet, sowie dem Nutzen einer interdisziplinären Herangehensweise.

Als Beispiel benennt AUGSTEIN die Schwierigkeit, Verwandtschaftsverhältnisse nachzuweisen bzw. das biologische Geschlecht (weiblich/eher weiblich/nicht definiert/eher männlich, männlich) festzustellen. Der Prähistoriker Ulrich Veit hat dafür den Begriff einer "Archäologie des Todes" formuliert. Die Referentin wies darauf hin, dass die Erforschung performativer und kommunikativer Abläufe bzw. ihre Bedeutung für die Konstitution sozialer Verhältnisse als eine der zentralen Aufgaben der Kulturwissenschaften gelten kann. Und dies gilt damit auch in einer kulturwissenschaftlich orientierten Ur- und Frühgeschichtswissenschaft. Gräber als die zentrale Quellengruppe einer Prähistorischen Archäologie können als "Resultat" performativer Akte verstanden werden, deren einzelne Bestandteile ein Bild der Vergangenheit vermitteln können. Für die archäologische Arbeit ist es wichtig, dass die Erkennung einer Gruppe auch durch ihr materielles Verhalten möglich wird. So lässt sich in einem heterogenen Bestattungsverhalten auch eine Nekropolenstruktur erkennen, die Erd- und Brandbestattungen parallel zuließen. Weiter führte sie aus, dass über Handlungen im Kontext einer Bestattung eine Gemeinschaft ihr Selbstverständnis vor ihren Mitgliedern vermitteln kann. Somit spielen Performanz und Visualisierung für den – den Begräbnisritualen inhärenten – Aspekt der symbolischen Kommunikation und der Memorierung von Inhalten als zentrale Bestandteile kultureller Praxis eine bedeutende Rolle.

Das größte Problem der prähistorischen Archäologie ist quellenbedingt: Man hat es mit einem stark reduzierten Informationsgehalt zu tun – und dem Problem der Deutung der überlieferten Strukturen. AUGSTEIN erörterte, dass Hinweise auf kultische bzw. rituelle Bestattungshandlungen am Grab, aber auch die Nekropolenstruktur selbst mit ihrer je spezifischen Lage und Beigabensitte dennoch Rückschlüsse auf die im Bestattungskontext verortete Kommunikation über Status und soziale Identität der Bestatteten zulassen.

Nachfolgend referierte die Ethnologin und Religionswissenschaftlerin Sophia Siebert (Berlin) über das "Leben am Verbrennungsplatz: Die Verbrennungsmeister in Shivas heiliger Stadt".

Indien ist ein eigener, besonderer Kosmos – insbesondere wegen der komplexen religiös-kulturellen Strukturen. SIEBERT untersuchte in ihrer abgeschlossenen Forschungsarbeit unter Rückgriff auf Theorien aus der Sozial- und Medizinanthropologie das Beziehungsgeflecht von Tod und Macht in der Millionenstadt Varanasi. Varanasi (auch unter den Namen "Benares" und "Kashi" bekannt) ist eine Stadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh und liegt am (heiligen) Fluss Ganges. Varanasi ist eine der ältesten Städte Indiens und gilt als heiligste Stadt des Hinduismus, so SIEBERT.

Von daher ist dieser Ort prädestiniert für eine Untersuchung über die so genannten Verbrennungsmeister (Doms). Denn dort sind die Verbrennungsmeister auch 60 Jahre nach der offiziellen Abschaffung des Kastensystems sozial stark benachteiligt. Sie leben am Rande der Gesellschaft, gelten als Ausgestoßene (seit 1950 besteht de facto ein Diskriminierungsverbot in Indien!), obgleich sie den Toten einen immens wichtigen Dienst erweisen. Die Verbrennungsmeister der Pilgerstadt Varanasi gehören zur Kaste der "Doms" und gehören somit zu den "Dienstleistern" der Stadt. Sie verbringen nicht nur ihre Arbeitszeit, sondern auch große Teile ihrer Freizeit am Verbrennungsplatz. Bereits diese Merkmale machen sie zu einer Außenseitergruppe der Gesellschaft.

SIEBERT thematisierte in ihrem Vortrag den Umgang mit dieser Position und mit der damit einhergehenden Stigmatisierung anhand von Erving Goffmans Theorie der "Imagepflege". Laut der Referentin haben die Doms drei Techniken dieser Imagepflege entwickelt: 1) "Sauberkeit": Die Doms pflegen ihr Viertel. Sie halten die Straßen sauber – ein positiver Ausnahmezustand im Stadtbild und damit ein Zeichen gegen die Stigmatisierung. 2) "Schmutziger Humor": Der schmutzige Humor soll das Stigma kontrollierbar machen und gehört "zum guten Ton". So wird das Kochen von Speisen mit dem Kremationsholz parodiert und es werden Witze über das eigene unreine Verhalten gemacht. 3) "Respektlosigkeit als negative Imagepflege": Der tote Körper ist wichtig, weil er Ort der Seele ist. Die Doms missachten jedoch das Opferritual u.a. durch die Aneignung persönlicher Gegenstände (Halsketten) der Verstorbenen – und eignen sich damit Eigentum einer fremden (höher stehenden) Kaste an.

Weiter führte sie aus, wie die Doms den kurzen und einzigen Moment ihrer Macht gestalten. Der für die Doms zentrale Moment der Machtverkehrung endet schlagartig mit dem rituellen Todesmoment. SIEBERT weist abschließend auf die spezifische Nachtod-Idee ("Hölle") der Doms hin, die sie frei konstruieren und mit der mythologisch begründeten Erlösungstheorie kombinieren. Das Interesse der Forscherin gilt dabei der Klärung der Essenz hinduistischer Mythologie in Bezug auf Körper und Seele, Tod, Wiedergeburt und Erlösung. Sie gleicht diese in der Tradition der Alltagsforschung mit den realen Vorstellungen religiöser Laien und Spezialisten ab.

In der anschließenden Diskussion wurde auch die Frage erörtert, weshalb das neue, von staatlicher Seite errichtete Krematorium in Varanasi nicht genutzt wird. Ein wesentlicher Grund scheint das fehlende Ritual im räumlichen und technischen Umgang zu sein. Wer es sich irgend leisten kann, wird den Scheiterhaufen am Ufer des Ganges vorziehen.

SIEBERTs Forschungsarbeit ist bereits als Buch im Tectum Verlag erschienen: "Kaste, Karma, Kremation. Die soziale und kulturelle Dimension des Todes in Nordindien".

Abschließend präsentierte die Medizinerin KIRSTEN BRUKAMP (Aachen) ihren Vortrag "Das Übermitteln der Todesnachricht – eine Herausforderung für die medizinische Kommunikation im Krankenhaus".

Aufgrund der Tatsache, dass über 80% der deutschen Bevölkerung in Institutionen (Krankenhaus, Pflegeeinrichtung) versterben, ergibt sich für die beruflichen Akteure dieser Einrichtungen die Notwendigkeit, Todesnachrichten an Angehörige zu überbringen, wobei die Übermittlung einer Todesnachricht laut BRUKAMP grundsätzlich eine besondere kommunikative Herausforderung für bestimmte Berufsgruppen wie Ärzte, Polizisten, Rettungsdiensthelfer und Seelsorger darstellt. Besonders klinisch tätige Ärzte sind häufig mit dieser Aufgabe konfrontiert – beispielsweise in der Intensivmedizin. Daher ist es verwunderlich, dass entgegen der Bedeutung des Themas eine relative Vernachlässigung desselben in Forschung und Lehre festzustellen ist. Bis heute existieren nur wenige Empfehlungen von Fachgesellschaften zur Praxis der Überbringung von Todesnachrichten. Auch im Studium der Medizin wird das Thema oft gar nicht oder nur unsystematisch angesprochen.

BRUKAMP macht dies auch an einer möglichen Tabuisierung und Unsicherheit zum Thema "Tod" bei diesen Berufsgruppen fest. Zudem hatte sie auch Schwierigkeiten, empirische Daten in diesem Bereich zu erheben. BRUKAMP sprach im Folgenden sowohl theoretische Überlegungen als auch praktisch-empirische Projekte an, um das Thema des Überbringens der Todesnachricht im Gesundheitswesen nach und nach einer professionellen Auseinandersetzung zugänglich zu machen.

Sie erläuterte dann die gängigen Empfehlungen von Fachgesellschaften zum Übermitteln der Todesnachricht. Zum einen sollte dies immer persönlich erfolgen, zum anderen werden teilweise konkrete Vorschläge für den Gesprächsablauf gemacht (der Überbringer stellt sich vor, Gesprächsangebot machen, ruhiges Gesprächssetting herstellen, Gesprächspartner vorbereiten, Todesnachricht überbringen, Zeit lassen, Fragen beantworten, gegebenenfalls Gelegenheit zum Sehen des Verstorbenen geben bzw. vermitteln, Kontaktmöglichkeiten hinterlassen). Dabei gelten Eltern verstorbener Kinder (verwaiste Eltern), Alleinstehende, Kinder und Personen mit Migrationshintergrund als besondere Risikogruppen.
Bezüglich eines Pilotprojekts an einer medizinischen Fakultät wurden audiovisuelle Lehrmaterialien für den eigenen Unterricht entwickelt, um das Thema praktisch besser vermitteln zu können. Hierfür wurden verschiedene Gesprächssituationen zwischen Arzt und Patient durch Schauspieler dargestellt, die positive und negative Aspekte im Kontext demonstrierten.

BRUKAMP betonte, dass dem Thema "Übermitteln der Todesnachricht" in vielfacher Hinsicht zukünftig eine größere Beachtung geschenkt werden sollte; zum einen durch die Untersuchung der Einflussfaktoren auf die jeweilige Kommunikationssituation; zum anderen durch vermehrte Datenerhebungen und durch die Umsetzung eines systematischen Unterrichts und die Erstellung von spezifischen Lehrmaterialien. Wobei die Kommunikation mit anderen Kulturen, sowie eigene Handreichungen von Krankenhäusern für Angehörige, die präventiv den Tod eines Patienten thematisieren, Desiderata darstellen.

Zum Abschluss übernahmen NORBERT FISCHER (Hamburg) und RAINER SÖRRIES (Kassel), mit Unterstützung von DIRK PREUß (Frankfurt/M.), die Aufgabe des Abschlusskommentars.

Neben einer kurzen Zusammenfassung der Beiträge betonte FISCHER die existenzielle Sichtweise der Transmortale III, die in diesem Jahr im Vordergrund stand. Man sei, anders als bei der Transmortale II, zum "Kern" der Thematik vorgedrungen, so FISCHER weiter. Denn dort waren es im Wesentlichen historische Forschungsprojekte, die vorgestellt wurden. PREUß wies auf die Vielgestaltigkeit der präsentierten Projekte hin, die eine überaus vielseitige Diskussion ermöglichte. SÖRRIES fasste zusammen, dass immer mehr Fragestellungen die Wissenschaft erreichten, die früher nicht im Fokus standen. Dadurch, so SÖRRIES, würden die Schnelllebigkeit sowie der Wandel der Sepulkralkultur zunehmend deutlich. Immer mehr Wissenschaftler widmen sich Fragen zu Sterben, Tod und Trauer und wollen dem Thema auf die Spur kommen. Doch zugleich problematisierte SÖRRIES einen offenbaren Zwang, heute alles richtig machen zu wollen bzw. zu müssen. Dies spiegle sich in den verschiedensten Professionen und dem Bestreben weiterer Professionalisierung im Kontext Sterben, Tod und Trauer wider. Daher ist der regelmäßige wissenschaftliche Austausch, vermittels einer Institution wie der Transmortale, essentiell.

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