OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Wie Phönix aus der Asche: Neue Nutzung für das Alte Krematorium Hamburg

 - August 2008
Ausgabe: 
Nr. 102, III, 2008

Unweit des Ohlsdorfer Friedhofes, in der Alsterdorfer Straße 532, steht seit nunmehr 118 Jahren ein imposantes Gebäude: Das "Alte Krematorium".

Ein achteckiger Backsteinbau mit einer 13 Meter hohen Kuppel, unterschiedlichen Dachformen und einem 25 m hohen minarettartigen Schornstein. Ein großer Garten umsäumt das Haus.

Dieser Erinnerungsort, an dem 1933 die letzte Einäscherung stattfand, dieses Krematorium, 1890/91 von dem Hamburger Architekten Ernst Paul Dorn errichtet, war es auch, das den Kulturinvestor Klaus-Martin Kretschmer (u .a. "Rote Flora") so faszinierte: "Als ich das Krematorium das erste Mal sah, wirkte es auf mich wie ein Märchenschloss", schwärmt er. Und bei dem verwunschenen Garten, früher der Urnenfriedhof, habe er sofort an Kinder gedacht.

Im letzten Jahr kaufte Kretschmer der vhw (Vereinigte Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft) das Ensemble ab und setzte sich mit Betreibern einer in freier Trägerschaft betriebenen Kindertagesstätte mit Grundschule und bilingualer-reformpädagogischer Ausrichtung in Verbindung. Die soll hier nun Raum greifen.

Dafür sind einige Baumaßnahmen notwendig. Dem ausführenden Architekten Ulrich Wehde geht es bei der Realisierung des Baus vor allem um die sichtbare Wahrung der historischen Substanz, gleichzeitig um die architektonische Homogenität von Kindertagesstätte, Schule und historischem Bau: "Der Neubau soll gleichsam in den Altbau hereinwachsen", so Wehde. In den ehemaligen Zweckräumen des Untergeschosses etwa entsteht ein Raum der Expression. Die Kinder haben hier die Möglichkeit, Angebote wie darstellendes Spiel und Tanz wahrzunehmen. Diese lebensbejahenden Ausdrucksweisen lösen die Räume aus ihren einstigen Funktionen, beleben sie neu und laden sie mit bewegender Energie auf.

Den beiden Betreibern Jörg Brettschneider und Ursula Smischliaew, die in Hamburg bereits erfolgreich sechzehn Kitas betreiben, ist es wichtig, den Kindern einen natürlichen, gesunden Umgang mit Themen des Alltags zu ermöglichen. Auch das Thema Tod gehört dazu.

"Leben und Tod gehören zusammen. Mit der neuen Nutzung dieses Ortes, bei der Kinder Leben erfahren lernen, schließt sich der Kreislauf", so Jörg Brettschneider. Über die Bedeutung des Ortes sagt Ursula Smischliaew: "Dieses Gebäude hat eine ästhetische Architektur. Die Qualität von Räumen spielt für das Erlernen ästhetischer Bildung, welches Teil unseres Konzeptes ist, eine große Rolle." Die Namensgebung für die Einrichtung ist nur konsequent: "Flachsland Zukunftsschule" wird das Bildungshaus heißen. Der Flachs ist eine der ältesten Kulturpflanzen, Heilpflanze und in seiner Verwendung für kommende Technologien Pflanze der Zukunft in Einem. Er ist ein Symbol für den Kreislauf des Lebens. Im Herbst diesen Jahres wird die Schule ihre Pforten öffnen.

Den im Jahre 1890/91 von dem Hamburger Architekten Ernst Paul Dorn errichteten und sowohl von byzantinischen und romanischen Kirchen, barocken Kapellen als auch von profanen Bauten Oberitaliens inspirierten Bau umweht eine bewegte Geschichte.

Ursprünglich war der Zentralbau im Auftrag des "Hamburg-Altonaer-Verein für Feuerbestattung", 1883 privat gegründet, als Krematorium erbaut worden. In der Jury des eigens zu diesem Zwecke ins Leben gerufenen Wettbewerbs saß auch der Architekt Martin Haller. Am 19. November 1892 fand die erste Feuerbestattung im Krematorium an der Ohlsdorfer Straße (heute Alsterdorfer Straße) statt, und das sollte für nahezu 40 Jahre so weitergehen.

Galt die Feuerbestattung in der vorchristlichen Zeit im Gegensatz zur Erdbestattung noch als die vornehmere Bestattungsform, hatte die Ausbreitung des Christentums mit seiner Lehre von der körperlichen Auferstehung der Toten die Verdrängung der Einäscherungen zur Folge. Im 8. Jh. n. Chr. stellte Karl der Große die Praktizierung von Leichenverbrennungen sogar unter Todesstrafe. Erst im Zuge der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts erlebte die Feuerbestattung ihre Renaissance: Mediziner plädierten für die Einäscherung als die hygienischere, ökonomischere und vor allem platzsparendere Bestattungsform. Durch die Industrialisierung und das damit einhergehende Bevölkerungswachstum war es auf den Friedhöfen zu Platzmangel und hygienischen Problemen gekommen. Doch bis zur Realisierung waren noch einige Probleme zu lösen: Auf der einen Seite stand der Verein für Feuerbestattung, der für die Einäscherung und den Bau von Krematorien plädierte, auf der anderen Seite vor allem die katholische Kirche und Teile des konservativen Bürgertums, die die Feuerbestattung als pietätlose und heidnische Praxis strikt ablehnten. Trotzdem fand, nachdem 1876 in Mailand das erste europäische, 1878 in Gotha und 1891 in Heidelberg die ersten deutschen Krematorien in Betrieb genommen worden waren, im November 1892 im Hamburger Krematorium die erste Einäscherung statt. Die schwere Choleraepidemie vom August 1892, bei der mehr als 8500 Menschen ihr Leben verloren, wirkte als zusätzlicher Katalysator für diese Form der Beisetzung. Wurden bis zum ersten großen Weltkrieg nur 3% der Verstorbenen eingeäschert, so hat sich das Verhältnis heute fast umgekehrt: Zur Zeit werden bundesweit mehr als 43% der Verstorbenen eingeäschert beigesetzt.

In dem imposanten Zentralraum des Krematoriums, gleich unter der stuckverzierten Kuppel, fanden die Trauerfeiern statt. Der Trauerraum fasste etwa hundert Personen. In der Vorhalle befand sich eine auf einer höheren Ebene gelegen Empore mit einem Harmonium. Kein Geringerer als der Komponist Gustav Mahler bespielte das Instrument anlässlich des letzten Geleits für den 1894 verstorbenen und im Krematorium eingeäscherten Dirigenten und Pianisten Hans von Bülow. Über einen hydraulischen Aufzug gelangten die Särge nach Beendigung der Trauerfeier in das Untergeschoss, wo die Einäscherungen stattfanden. Die besondere architektonische Formsprache der Mehrstöckigkeit dieses Krematoriums resultierte aus der von Dorn vorgenommen Trennung von repräsentativen Räumen im Erdgeschoss und Zweckräumen im Untergeschoss. Visuell getrennt, waren die Räume doch miteinander verbunden: Durch die Absenkung des Sarges konnte eine Erdbestattung emotional nachempfunden werden. Funktional aber wurden die Särge den Öfen zugeführt. Zu beiden Seiten der zentralen Trauerhalle waren die Urnen in so genannten Kolumbarien (lat. Taubenschlag) untergebracht. Jede Wand fasste je 37 Urnen. Die wachsende Anzahl von Bestattungen und das damit einhergehende rasche Aufeinanderfolgen von Trauerfeiern machte einen im Jahr 1911 vollzogenen Anbau mit zwei Warteräumen für Trauergäste und einem so genannten "Raum des Geistlichen" notwendig. Mit der Erweiterung des Krematoriums ging eine Veränderung der ursprünglich symmetrischen Form des Gebäudes einher: Die ursprüngliche Form eines Zentralbaus war fortan nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar. Da auch der Platz für Urnen bald nicht mehr ausreichte, wurde rund um das Krematorium ein Urnenhain angelegt. Er entstand zwischen 1901 und 1904, seine Gestaltung oblag dem damaligen Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes, dessen landschaftliche Planungsprinzipien hier ihren Ausdruck fanden. In dem im historistischen Stil angelegten Urnenhain mit Rosarium fand u. a. die 1933 verstorbene Malerin der Hamburgischen Sezession Anita Rée ihre letzte Ruhestätte. Fanden in dem Ensemble bis 1949 noch Trauerfeiern statt, wurde der Urnenfriedhof 1979 aufgehoben. Heute erinnert nur noch der Garten mit seinem 50 Jahre alten Baumbestand an seine ursprüngliche Friedhofsnutzung.

Die zunehmend wachsende Bedeutung der Einäscherungen als der immer beliebter werdenden Bestattungsform, vor allem aber die Senkung der Einäscherungsgebühren, führten zu einem erheblichen Anstieg der Feuerbestattungszahlen in Hamburg. Diese Tatsache, einhergehend mit den nunmehr begrenzten Kapazitäten des alten Krematoriums, machten den Bau eines neuen Krematoriums notwendig. Im Jahre 1933 wurde der Einäscherungsbetrieb an der Alsterdorfer Straße eingestellt. Die Einäscherungen fanden fortan in dem bereits 1930-32 nach Entwürfen des Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher errichteten neuen Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. Das "neue Krematorium" ist der letzte Bau Fritz Schumachers, bevor dieser 1933 von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben wurde. Bereits Schumachers erster Bau, 1909-11 in Dresden-Tolkewitz errichtet, war ein Krematorium. Somit markieren sakrale Bauten Anfang und Ende Schumachers architektonischen Schaffens.

Seit 1915 in ihrem Besitz, erteilte die Stadt Hamburg 1962 eine Genehmigung zum Abbruch des nunmehr "alten Krematoriums". Diesem Vorhaben widersetzten sich engagierte Bürger sowie das Denkmalschutzamt Hamburg: Seit 1981 stehen das heute ca. 800 qm große Gebäude samt dem etwa 7000 qm großen Grundstück unter Denkmalschutz und bescheinigen dem Ensemble den Status eines bedeutenden kulturhistorischen Dokumentes. Weil die Gefahr des Abbruches des immer stärker verfallenden Gebäudes noch nicht gebannt war, wurde 1983 der Verein "Rettet das Alte Krematorium e.V." gegründet.

Nach über 50-jährigem Leerstand (1933-96) und seinem allmählichen Verfall wurde das alte Krematorium zusammen mit dem begehrten Nachbargrundstück (heute Seniorenwohneinrichtungen) schließlich an die Vereinigte Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft (vhw) verkauft.

Unter der Regie des Architekten Uwe Rybin wurde das Objekt saniert und restauriert, war an dem Gebäude jahrzehntelang doch nichts mehr verrichtet worden. Ein Parkplatz sowie zwei Terrassen wurden errichtet, wobei die historische Mainsandstein-Ballustrade am Haupteingang erhalten blieb. Auf der Rückseite des Gebäudes, mit Ausrichtung auf die Alster (Rathenaustraße), entstand ein so genannter "Wintergarten". Eine neu konzipierte große Stahltreppe verbindet die drei Ebenen miteinander.

Beste Voraussetzungen also für den künftigen Nutzer des Gebäudes, einen Betreiber aus Hamburgs Gastronomieszene (u. a. "Chili Club", "East"). Im August 1998 eröffnete das Restaurant seine Pforten. Das so genannte "Alsterpalais" bot Gästen fortan alle Vorzüge eines Club-Restaurants. Eine imposante Cocktailbar empfing die Besucher in dem Kuppelsaal, der einst als Trauerhalle fungiert hatte, ein halbes Geschoss tiefer befanden sich Bistro und der Wintergarten und im Souterrain Restaurant und Küche. Es gab zudem einen Gesellschaftsraum für Geschäftsessen, Tagungen und Feierlichkeiten, sowie ein Cigarrenzimmer. Schnell wurden dann auch Stimmen laut, die es als pietätlos empfanden, an einem Ort zu speisen und zu feiern, an dem einst Leichen verbrannt wurden. Vier Jahre war das Alsterpalais Treffpunkt für die lokale Szene sowie Gäste aus umliegenden Stadtteilen gewesen. Ende Juli 2002 musste das Alsterpalais, mittlerweile umbenannt in das "Scala Nova", seine Pforten schließen.

Das Ensemble fiel in einen erneuten Dornröschenschlaf. Dieses Mal nur für fünf Jahre. Jetzt ist das Krematorium wieder erwacht, und die "Flachsland Zukunftsschule" zieht ein. Kretschmer ist von der Umnutzung des Ortes überzeugt: "Jetzt werden Kinder hier ins Leben begleitet. Kinder sind Belebung und Überwindung des Todes. Das Krematorium steigt wie Phönix aus der Asche auf."

Literatur: Norbert Fischer u. a.: Tod und Technik: 100 Jahre Feuerbestattung in Hamburg. Hamburg 1992 (Schriftenreihe des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e. V., Band 4)

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