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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Neuzeitliche Gruftanlagen - Ein Kolloquiumsbericht

Gruftanlagen in Kirchen, Klöstern und Friedhöfen werden in der Regel wenig oder nicht beachtet, sofern es sich nicht um die Grablegen historischer Persönlichkeiten bzw. Adelsgrüfte handelt oder die Räume bauliche Probleme verursachen.

Wirft man einen Blick in die Gruftkammern, bietet sich oft ein unwürdiger Anblick der Bestattungen. Am 13.10.2007 fand im Kloster Lüne in Lüneburg ein Kolloquium statt, das sich diesem Thema widmete. Den Auftakt bildeten drei Vorträge über die Untersuchung in der Äbtissinnengruft. Jens-Uwe Brinkmann, Lüneburg, führte alle Teilnehmer in die restaurierte Barbarakapelle und berichtete dort über die neuesten Erkenntnisse zum Bau der Gruft, die im späten 16. Jahrhundert auf Initiative der Domina Dorothea von Meding angelegt wurde. Eine lateinische Inschrift auf ihrem Grabstein, der sich im Fußboden vor dem Altar der Kapelle befindet, weist auf den Bau der Gruft hin. Deutlich zeigt sich auch in der Kapelle in den Wappen der Dorothea von Meding und des Klosters, den Inschriften sowie in der malerischen Dekoration der Gewölbekappen der hohe Anspruch, der hinter dieser Baumaßnahme stand: Hier konstituierte sich eine neue Selbstsicht der Domina in ihrer würdigen Funktion, verbunden mit dem Bewusstsein, von einer bedeutenden und alten Familie abzustammen – die von Meding finden sich bereits im hohen Mittelalter unter den Ministerialen der welfischen Herzöge. Dies gilt darüber hinaus allgemein für den Wandel des Selbstverständnisses der geistlichen Frauengemeinschaft im Kloster, die sich überwiegend aus dem landsässigen Adel rekrutierte.

Lüneburg
Äbtissinnengruft des Klosters Lüne in Lüneburg:
Bemalte Särge aus dem 17. Jahrhundert. Foto: Dana Vick

Andreas Ströbl, Göttingen, und Dana Vick, Hamburg, stellten die Ergebnisse der archäologischen, kunsthistorischen und anthropologischen Untersuchungen in der Äbtissinnengruft vor. Die Gruft wurde von 1634 bis 1838 als Grablege für die Äbtissinnen des Klosters Lüne genutzt. Insgesamt befinden sich dort 11 Särge. Die Särge sind ein einzigartiges Beispiel barocker bis biedermeierzeitlicher Sepulkralkultur. Die älteren Särge aus dem 17. Jahrhundert sind mit weißen Kruzifixen und farbigen Familienwappen bemalt. Außerdem sind sie mit weißer Farbe beschriftet. Neben der Nennung von Namen und den Lebensdaten der Bestatteten finden sich auch geistliche Inschriften auf den Särgen. Die Särge des 18. Jahrhunderts dagegen tragen keine Bemalungen mehr. Sie sind mit aufwendig gearbeiteten und vielfältigen Beschlägen und Wappenblechen sowie plastisch gestalteten Metallkruzifixen verziert. Bei dem einzigen Sarg aus dem 19. Jahrhundert ist die Beschlagzier deutlich reduziert. Bei diesem Sarg wurde auf Holzsichtigkeit gearbeitet und der Sargdeckel mit lebhaften Profilierungen versehen. Das Inventar der Gruft wurde durch die wissenschaftliche Untersuchung und Zuordnung einzelner Teile sowie die restauratorischen Sicherungsmaßnahmen wieder in einen würdigen Zustand gebracht.

Julian Wiethold, Metz, stellte die Ergebnisse der Analyse der botanischen Proben aus den Polsterungen von zwei Särgen aus der Äbtissinnengruft aus dem 17. Jahrhundert vor. Die Proben enthielten vor allem Stengelfragmente und Blätter der weiblichen Blüten- bzw. Fruchtzapfen des Hopfens. Daneben konnten wenige Reste Roggen, Saathafer, Sandhafer und Gerste nachgewiesen werden, die höchstwahrscheinlich zufällig in die Polsterung gelangten. Die Fruchtdolden des Hopfens dagegen verströmen einen leicht aromatischen Duft und wirken schlaffördernd. So erfüllte die Polsterung als saugfähiges und geruchsdämpfendes Material nicht nur einen praktischen Zweck, sondern sollte möglicherweise auch den Übergang vom Leben zum ewigen Schlaf symbolisieren.

Joachim Reinig, Hamburg, sprach über die Sanierungsarbeiten an der Hamburger St. Michaeliskirche, dem "Michel". Nachdem die erste St. Michaeliskirche 1750 abbrannte, wurde von 1750 bis 1786 die zweite große St. Michaeliskirche erbaut. Im Zuge dieses Neuaufbaus wurde unter der Kirche ein begehbares Gruftgewölbe eingerichtet. In diesen Kammern wurden von 1762 bis 1817 wohlhabende Hamburger Familien beigesetzt. Aber auch Mitglieder verschiedener Bruderschaften und Ämter fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Die aus Steinmauern gebildeten 268 Grabkammern reichen zwischen drei und vier Metern in das Erdreich unter dem Michel. Sie sind mit Grabplatten abgedeckt, die gleichzeitig den Fußboden des Gruftgewölbes bilden. Im Rahmen der Umbauten im Gewölbe, das für Veranstaltungen genutzt werden soll, müssen einige Kammern geöffnet werden, um stützende Sicherungseinbauten anzubringen. Bei dieser Gelegenheit werden die Inventare der betreffenden Kammern dokumentiert. Die Kammern enthalten teilweise komplette Särge mit gut erhaltenen Bestattungen, das heißt mehr oder weniger skelettierte Leichname in sehr gut konservierter Gewandung und Sargausstattung.

Alexandra Rainer, Wien, stellte die Wiener Michaelergruft mit ihren 213 Holzsärgen, 33 Metallsärgen und 23 Mumien sowie die Bemühungen um deren Erhalt vor. Die Gruft wurde seit der Mitte des 16. Jahrhunderts ausgebaut und bis 1784 genutzt. Wegen ihrer Nähe zur Hofburg ließen sich hier vor allem Adelige beisetzen. Die Särge und Mumien in der Gruft sind akut vom Zerfall bedroht. Durch die extrem hohe Luftfeuchtigkeit hat sich holzzersetzender Pilz gebildet, Schädlinge wie Diebskäfer und Staubläuse zerfressen Holzsärge, Mumien und barocke Textilien. Am gefährlichsten ist der 2005 entdeckte Rüsselkäfer "Pentarthrum huttoni", der in raschen Tempo Holzsärge zerfrißt. Mit Hilfe von Wärmetauschern wird die Gruft seit Oktober 2005 auf zehn Grad gekühlt, was die Aktivität des Rüsselkäfers hemmt, aber nicht verhindert. Dies ist durch frische Spuren von Bohrmehl deutlich belegt. Eine Restaurierung von 50 Särgen wird überlegt, ist allerdings ohne Bekämpfung des Holzschädlings sinnlos.

Dirk Jonkanski, Kiel, berichtete über die Wiederherstellungsmaßnahmen auf dem Lundener Geschlechterfriedhof, der als Denkmal der freien Dithmarscher Bauerngeschlechter gilt. Auf diesem Friedhof wurden die Angehörigen dieser einflussreichen Familien in gemauerten Grüften beigesetzt, die über einen Treppenschacht begehbar sind. Im Rahmen eines mit EU-Mitteln geförderten Projektes werden das ursprüngliche Wegenetz auf dem Friedhof wiederhergestellt, die Umfassungsmauer saniert und die wertvollen Grabsteine konserviert. Auf 13 erhaltene Gruftgewölbe deuten mit Gras bewachsende Aufschüttungen hin. Verborgene Gruftanlagen wurden mit geomagne-tischen Messungen aufgespürt. Um die Sanierungsmöglichkeiten abzuschätzen, wurde eine der Kammern geöffnet.

Heike Karg, Greiz, zeigte in ihrem Vortrag eine mögliche Neubewertung des Funus des Heinrich Posthumus von Reuß von 1635/1636 auf. Dessen Besonderheiten zeigten sich bisher vor allem im Sarkophag des Heinrich Posthumus Reuß, der offenbar der erste Sarkophag dieser Art in Beschriftung, Form und Material ist, und durch die eigens für diese Trauerfeier von Heinrich Schütz komponierte Musik, den "Musikalischen Exequien". Der Funus erscheint in allen seinen Aspekten als durchkomponiertes Ganzes, von der Gestaltung des Sarges mit seinem Inschriftenprogramm bis zum beigegebenem Degen, von der Liturgie der Trauerfeier bis zur Wahl des Bestattungsortes. Die kulturwissenschaftliche Analyse verbindet sepulkral-volkskundliche Befunde mit den zum Funus lange bekannten besonderen Artefakten und den historischen Abläufen. Anhand dieser Bestattung entsteht ein neues Bild von Spiritualität und Symbolik innerhalb neuzeitlicher Kultur. Daraus folgt eine kulturwissenschaftliche Neubewertung der historischen Persönlichkeit Heinrich Posthumus von Reuß.

Dirk Preuß, Jena, sprach über die Forschung an und Ausstellung von menschlichen Überresten im Kontext von Gruftanlagen aus moralphilosophischer Sicht. Die beiden Aspekte sind keineswegs unumstritten. Kritische Stimmen sehen dies als einen Verstoß gegen Pietät, Menschenwürde oder den "letzten Willen" der Verstorbenen. Wird das "rechte Verhalten" gegenüber menschlichen Überresten beschrieben, rekurriert die Alltagsmoral in der Regel auf einen "pietät-" bzw. "würdevollen" Umgang. Diese Wertvorstellungen wurden auf ihren Gehalt, ihre Begründbarkeit und ihre Konsistenz geprüft, um auf diese Weise Kriterien zu gewinnen, ob und wie Forschung an und Ausstellung von menschlichen Überresten – hier im Kontext neuzeitlicher Gruftanlagen – verantwortlich umgesetzt werden kann.

Volkmar Schneider, Berlin, thematisierte in seinem Beitrag über mumifizierte Leichname den Prozess der natürlichen Mumifikation, dargestellt an einigen ausgewählten rechtsmedizinischen Fällen. Dieses Phänomen zählt zu den späten Leichenveränderungen. In einem trockenen, luftigen Milieu kann es zu einer Austrocknung und damit schließlich zur Mumifikation kommen. Aber auch Konstitution des Verstorbenen und Lage der Leiche spielen bei diesem Prozess eine Rolle. Als kürzester Zeitraum für eine Austrocknung werden 17 Tage angegeben. Allerdings können auch Jahre vergehen, bis eine Mumifikation eingetreten ist. Die schichtweise Präparation mumifizierter Leichen ist aufgrund der eingetrockneten Gewebe nicht möglich, so dass Aussagen zum Beispiel zur Todesart erschwert werden.

Bettina Jungklaus, Berlin, berichtete über die anthropologischen Untersuchungen an mumifizierten Toten in der neuzeitlichen Gruftanlage in der Berliner Parochialkirche. Diese Gruftanlage stellt mit 110 Särgen und 95 Mumien aus dem 18./19. Jh. ein einmaliges Ensemble hochbarocker bis historistischer Bestattungskultur dar und repräsentiert die reichen Bürger Berlins der Zeit ab der preußischen Staatsgründung. 87 Individuen wurden im Oberflächenbefund anthropologisch untersucht. Sofern möglich wurden Alter und Geschlecht ermittelt. Der Großteil der untersuchten Individuen konnte ins Erwachsenenalter eingeordnet werden. Kinder sind nur wenige vorhanden, davon am häufigsten Kleinkinder unter 6 Jahren. Krankheiten ließen sich nur punktuell nachweisen. Die Bestattungen in der Gruft der Parochialkirche sind in Anzahl der Särge und erhaltenen Mumien ohne Vergleich in der Region. Aufgrund des reichen Bestandes konnten neue wichtige Ergebnisse zur Bestattungskultur und Mumifizierung erhoben werden.

Birgit Großkopf, Göttingen, stellte den anthropologischen Befund eines Skelettes vor, das 2002 bei Bauarbeiten in einer Gruft in der Göttinger Paulinerkirche entdeckt wurde. Das Skelett des jungen Mannes wies eine ausgeprägte Skoliose, also eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule, auf. Dadurch wurde sowohl seine Körperhöhe als auch das Volumen seines Brustkorbes reduziert. Ferner hat der Mann zu Lebzeiten unter starken motorischen Einschränkungen gelitten. Verheilte Verletzungsspuren an einigen Wirbelkörpern und Rippen deuten darauf hin, dass wohl eine Art von orthopädischer Behandlung durchgeführt worden war, um die Fehlhaltung zu korrigieren. Die mit Gewalteinwirkung einhergegangene Behandlung führte zu den beobachteten Verletzungsspuren am Skelett.

Sabine Wehking, Göttingen, zeichnete die Entwicklung von Grabinschriften und Grabdenkmälern nach und gab einen Eindruck von der Vielfalt der auf Grabdenkmälern stehenden Texttypen. Für die Grabinschriften und die Grabschriften gleichermaßen gilt, dass sich im Laufe der Jahrhunderte eine immer größer werdende Variationsbreite entwickelte, die in Wechselwirkung mit der Ausbildung verschiedener Typen von Grabdenkmälern wie Sarkophagen, Grabplatten, Epitaphen, Grabstelen, Särgen oder Totenschilden steht. Die mittelalterlichen Grabinschriften, zunächst ausschließlich in Latein abgefasst, orientieren sich an Vorbildern der Antike. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es daneben auch deutsche Grabinschriften, die weitgehend das lateinische Formular übernehmen. Seit der Renaissance tritt eine größere Vielfalt der Grabdenkmäler und ihrer Gestaltung auf, die sich auch in der Vielfalt der auf ihnen angebrachten Texte widerspiegelt. Das Lateinische wird in den Grabinschriften seit dem 17. Jahrhundert zunehmend von der deutschen Sprache abgelöst.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Engel Engel Engel (März 2008).
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