OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Geschichte einer Skulptur - Der Gedenkplatz für nicht beerdigte Kinder auf dem Ohlsdorfer Friedhof

 - August 2001
Ausgabe: 
Nr. 74, III, 2001

Der folgende Beitrag bildet einen Auszug aus dem Buch "Ich trage dich in meinem Herzen", das die Autorin kürzlich publizierte.

Meine zweite Schwangerschaft endete Ostern 1997 nach zahlreichen Untersuchungen und mehreren Klinikaufenthalten mit der sogenannten stillen Geburt meiner Tochter Sunna Maria in der 26. Schwangerschaftswoche. Wir – mein Lebensgefährte und ich – entschieden uns gegen eine Bestattung, die nach der damaligen Rechtslage erst ab einem Körpergewicht von 1000 g obligatorisch gewesen wäre, und glaubten, unserem Kind auch ohne Friedhofsplatz nahe sein zu können. Den Worten des betreuenden Gynäkologen "Ihr Kind wird pietätvoll behandelt," vertraute ich damals und auch heute noch – trotz der bewegenden Medienberichte über "Verbleib und Entsorgung von Totgeburten" in den letzten Jahren! Erst Monate später merkte ich, wie hilfreich ein Ritual des In-die-Erde-Legens gewesen wäre, um den Abschied als endgültig zu begreifen. Zeit haben, um neben dem Schock wieder denken und fühlen zu können, das fehlte. Wir hatten die Frist einer Nacht bekommen, um unsere Entscheidung zu treffen... Auch eine begleitende Bemerkung "Wir akzeptieren Ihren Entschluss, es kann aber passieren, dass sie diesen später ändern wollen," hätte unterstützende Wirkung gehabt. Dann wäre die vorschnelle Zustimmung zu einer Obduktion unserer Tochter mit Sicherheit nicht gefallen.

Auf Empfehlung des Arztes hatte ich nach einigen Wochen die Selbsthilfegruppe der "Verwaisten Eltern" aufgesucht – eine seit 1984 existierende Organisation, die "im schützenden Raum kleiner Gruppen einfühlsames Zuhören und die Erlaubnis zum Ausdrücken der Gefühle" anbietet (Zitat aus dem Prospekt). Hier fand ich Menschen, die Tränen ertragen konnten und mein Erzählbedürfnis nicht durch fehlendes Nachfragen abblockten. Mich beeindruckte die Solidarität untereinander und die stete Unterstützung. Dieses Netz der Verbundenheit ist besonders in den ersten Monaten eine wertvolle Erfahrung gewesen, denn auch der eigene Freundeskreis sortiert sich häufig neu angesichts einer Lebenskrise.

Leider musste ich feststellen, dass ich damals innerhalb der Selbsthilfeorganisation mit meiner Situation völlig alleine dastand. In den vergangenen zehn Jahren habe sie kein einziges Elternpaar ohne eine Bestattung ihres Kindes angetroffen, so erklärte mir die Leiterin unserer Gruppe. Das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein, führte mich zurück in die Klinik, wo mir der leitende Gynäkologe mitteilte, dass es sehr viele nicht beerdigte Kinder gäbe. Die zugehörigen Mütter und Väter suchten vermutlich nicht das Gespräch in der Selbsthilfeeinrichtung. Meine Ahnung, dass viele Frauen und Männer Eltern geworden sind, ohne ihr Baby je sichtbar lebendig erlebt zu haben, und ebenso wie ich ein greifbares Zeichen (z.B. auf einem Friedhof) vermissen, war die Geburtsstunde des Gedenkplatzes für nicht beerdigte Kinder.

Mir ging und geht es um einen Platz des Gedenkens, des Andenkens, der Stille und der heilsamen Erinnerung, um einen Ort, an den ich meine Trauer trage, – eine Trauer, die vielfach nicht verstanden, nicht akzeptiert wird angesichts des verborgenen Lebens und Sterbens im Mutterleib. Ein Steinmetz und Bildhauer hatte mir einmal gesagt: "Eine Beziehung auszudrücken ist die größte Kunst in der Bildhauerei – und die zwischen Mutter und Kind stellt den Gipfel dar." Den Dingen ihre Zeit geben, das begleitete mich bei jedem Schritt. Es waren und sind weiterhin kleine Schritte – wie die Fußabdrücke meines kleinen Mädchens, die als einzig sichtbare Erinnerung zusammen mit der Geburtsstunde und dem Geburtsgewicht auf ihrem Namenskärtchen festgehalten sind. Die Teilnahme an einem Trauer-Umwandlungs-Seminar und an der Weiterbildung zur Lebens- und Trauerbegleiterin bei Jorgos Canacakis in den Schweizer Bergen fallen in diese Zeit.

Mein vorerst letzter Besuch in der Schweiz führte mich aus dem Haus einer Teilnehmerin der Weiterbildung in das Specksteinatelier des Bildhauerpaares Beatrice und Fred Charen. Eigentlich hatte ich die Werkstatt im Kanton Zürich lediglich in Erwartung wertvoller weiterführender Tips für meine eigenen Entwürfe betreten. Aber es sollte anders kommen: Ich bekam die Information "Speckstein eignet sich nicht für draußen" und nahm gleichzeitig eine ergreifende Marmorskulptur wahr. Das Symbol des Herzens und die gleichzeitig ausgedrückte Zuneigung zwischen Eltern und Kind war es, was ich darin sah und was mich in abstrakter Form gestaltet ansprach. Für mein Anliegen, das ich nun den beiden Bildhauern erläuterte, hatte ich mir eigentlich etwas größere Dimensionen vorgestellt. Das Thema allerdings schien besonders die Künstlerin anzurühren und gab den Impuls dazu, mir einen Einblick in ihre Werke und ihr Schaffen zu geben. Mit einigen Photos der Skulptur im Gepäck reiste ich zurück nach Deutschland.

Bereits erstes Zeigen der Abbildung bewegte meine Freunde und Bekannten sehr, und es war mein Lebensgefährte, der mir schließlich die Gewissheit gab: "Du brauchst nicht weiter zu suchen. Diese Skulptur drückt alles aus, was Dir am Herzen liegt." Zwischen diesen Worten und dem Tag der Einweihung des Gedenkplatzes lagen tatsächlich neun Monate – Monate, in denen ich zahlreichen Menschen begegnete, die meine Idee mittragen halfen. Beatrice Charen, erfreut über die Resonanz auf ihr Werk, sagte ihre Unterstützung durch die Berechnung eines guten Preises und die Mitgestaltung des Platzes zu. Die Mithilfe von Monika Warncke-Schmahl, damalige engagierte Mitarbeiterin des Hamburger Friedhofes Ohlsdorf, begleitete mich bei der Suche nach einem geeigneten Platz. Sie bestärkte meine Vermutung, dass ein Ort des Gedenkens der "Ganz Kleinen" hier auf dem größten Parkfriedhof der Welt in dieser geschützten, alltagsfernen Atmosphäre richtig sei. Lichtdurchflutet sollte er sein, Weite haben und möglichst keine Gräber in Sichtweite.

Mein Lebensgefährte und ich machten lange Spaziergänge über das mitten in Hamburg gelegene, weitläufige Gelände mit Waldgürteln, Ökowiesen und Rosengarten bei unterschiedlichem Wetter, Sonnenstand, Tages- und auch Jahreszeiten. Zeitgleich entstand die Zusammenarbeit mit Barbara Moorweßel, Leiterin der einzigen katholischen Frauen- und Familienbildungsstätte im protestantischen Hamburg. Sie war sofort berührt von meinem Vorhaben und stand mit Rat und Tat, besonders auch im Hinblick auf finanzielle Hilfe, mir zur Seite.

Bis heute empfinde ich die Verbindung zu dieser Institution als besonders stimmig. Jedes Kind macht ein Paar zu einer Familie. Werdende Eltern leben in der Regel auf diese nahe Zukunft hin. In den seltensten Fällen sind oder werden sie vorbereitet, dass jedes Leben auch die Möglichkeit des Todes in sich birgt. Guter Hoffnung sein heißt oft eher "Der Tod passiert mir nicht" statt: "Der Tod kann mir passieren, aber ich hoffe, dass alles gut geht!"

Frauen bringen neues Leben hervor, sie erfahren es bereits in der Schwangerschaft leibhaftig. Männer scheinen häufig erst später, wenn das Kind für sie sichtbar geworden ist, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Deshalb bewegte auch meinen Lebensgefährten der Verlust unserer Wunschtochter wohl weniger unmittelbar, wie er sagte. Er zeigte eher Anteilnahme und Mitgefühl für meine Trauer – auf seine Weise.

Der schwerste, aber gleichzeitig entscheidende Schritt war nun der in die Öffentlichkeit. Ich hatte eine große Hamburger Tageszeitung ausgewählt, deren Wochenendredaktion von Renate Schneider geleitet wurde. Diese lernte ich als eine Frau kennen, die mit wachen Sinnen und einem offenen Herzen ihr Engagement für Projekte im öffentlichen Interesse einsetzt. Mein Anliegen benötigte Geld und den Austausch mit Betroffenen. Es ging jetzt darum, statt eines informativen Spendenaufrufes meine private Geschichte einer anonymen Leserschaft zu präsentieren. Für mich eine fast unüberwindbare Hürde! Denn jede Form von Öffentlichkeit hatte mich seit dem erlebten Tod meiner Tochter grenzenlos erschöpft. Menschenmengen, in meiner langjährigen Tätigkeit als Lehrerin und Abteilungsleiterin normaler Alltag, verließ ich oder mied sie ganz. Die täglichen Stunden am Klavier und am Tagebuch waren mir wertvolle Stützpfeiler geworden – lebensnotwendige Maßnahmen, um in dem Chaos der Gefühle wieder zur Besinnung zu kommen. Meine persönliche Trauer aus dem geschützten Rahmen von Selbsthilfegruppe, Trauerseminar und vertrauten Menschen in die Öffentlichkeit zu tragen, hieß für mich, die Schwelle aus zwei Jahren Zurückgezogenheit zu übertreten. Helge Adolphsen, Hauptpastor der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis, war von Frau Schneider um einen Kommentar gebeten worden, der gleichzeitig mit meinem Artikel abgedruckt wurde. Im nachfolgenden Kapitel sind seine einfühlsamen Worte zu finden. Die überwältigende Resonanz auf die Beiträge bestätigte mich in meinem Anliegen. Eine Flut von Anrufen erreichte mich in den kommenden Wochen und Monaten auch aus anderen Städten, beispielsweise Berlin. "Es ist, als hätten Sie meine Geschichte aufgeschrieben", solche Sätze hörte ich mehrfach. Und es tat gut zu erfahren, dass ich nicht allein dastand mit dem Wunsch nach einem Ort für meine Trauer.

Der Austausch mit Betroffenen wuchs täglich, und auch das Spendenkonto. Mittels eines eigenen Faltblattes, das auch im Friedhof ausliegt, warb ich weiter für mein Anliegen bei Stiftungen und Krankenhäusern. Ich hatte meinen alten Arbeitsplatz gekündigt, aber bewusst auf die Suche nach einem neuen verzichtet, um meine ganze Zeit und Energie verfügbar zu haben – ein Entschluss, der finanzielle Enge, nämlich den Status als Arbeitslose, bedeutete.

Getragen hat mich in dieser Phase immer meine Gewissheit, die richtige Spur zu gehen und die Erfahrung durch mein "Projekt" meine Kreativität und Lebendigkeit wiederzufinden. Ich spürte diese Kraft in den vielfältigen Begegnungen mit Seelsorgern, Ärzten und Hebammen und ganz besonders bei der Entdeckung des geeigneten Ortes.

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof gibt es einen besonders empfohlenen Spazierpfad, den sogenannten Stillen Weg. Er beginnt in der Dichterecke, einem kleinen Hügel, um den herum sich Gräber einiger Schriftsteller und Schauspieler, u.a. Wolfgang Borchert, Kurt Marek und Henry Vahl, befinden. Unweit dieser Anhöhe, in Nachbarschaft zu der Mutter-Kind-Skulptur auf dem Grab des Bildhauers Ulmer, fand ich den Platz, der meinen Vorstellungen entsprach. Ein weißblühender Frühlingsbaum und eine Brücke über ein leider ausgetrocknetes Bächlein, Symbole der Hoffnung und des Überganges, geben dem Platz einen Rahmen. Die relativ häufig in der Nähe vorbeifahrende Bahn kann als Zeichen "zurück ins Leben" gedeutet werden, wie einmal eine Mutter formulierte. Sonnenstrahlen können zu allen Tageszeiten durch die umgebenden Bäume hindurch Licht geben.

Im Frühsommer reiste ich noch einmal in die Schweiz, um zusammen mit Beatrice Charen vor Ort das Aufstellen der Skulptur, die auch noch einen Sockel brauchte, zu planen. Auch die Begegnung mit der Bildhauerin intensivierte sich in bewegender Weise, denn es trat zutage, dass ihre Hände bei der Gestaltung dieses Gesteins in Carrara vor zwei Jahren wohl ebenfalls "geführt" worden waren. Sie hatte vor dreißig Jahren selbst ihr damals zweites Kind verloren. So wurde die Planung zu einer gemeinsamen Suche nach dem geeigneten Ort für unsere Trauer. Eine fruchtbare Erfahrung war die Auseinandersetzung über die Wahl des Sockels. Während Beatrice Charen mit ihren Künstleraugen eine dunkle Holzbohle als Kontrast zur hellen Skulptur bevorzugte, ging mein Blick eher mit denen der Betroffenen, die eine solche Ausführung, trotz des warmen Materials, zu hart empfinden könnten. Gemeinsam fanden wir ein Stück Marmor in einer vermittelnden Farbe. Diese Art wird "Portugiesische Rose" genannt. Wieder in Hamburg gingen die Vorbereitungen weiter, die katholische Frauen- und Familienbildungsstätte hatte mir den Erlös ihres Jubiläums und eine weitere Spendenaktion zugesichert. Ich organisierte die nötigen Erdarbeiten auf dem Friedhof und nahm Kontakt zu den verantwortlichen Steinmetzen auf. Sie hoben in meinem Beisein das Loch für das Fundament des Sockels aus. Ich hatte den in verschiedenen Kulturen üblichen Brauch, die Toten mit dem Blick nach Osten zu bestatten, aufgegriffen und die Ausrichtung der Skulptur entsprechend bestimmt. Dieser Platz ist gemeint für Kinder, die nicht beerdigt wurden, und gewissermaßen symbolhaft habe ich das In-die-Erde-Legen des Fundamentes empfunden. Ich gebe ihm diese Bedeutung, die sich auch auf den Sockel übertragen lässt. So wurden selbst diese einfachen Handwerksarbeiten zu bewegenden Momenten. Organisation, Anlieferung und Aufstellen der Marmorsäule, die ein Betrachten der Skulptur in der Größe eines Babys auf Augenhöhe ermöglichen sollte, brachte weitere neue Begegnungen und Eindrücke.

Die letzten Wochen vor der Einweihung waren ausgefüllt mit dem Knüpfen weiterer Kontakte, mit Gesprächen, dem Schreiben von Artikeln und Pressemitteilungen und den Vorbereitungen für die Einweihungsfeier: Festlegung und Reservierung der Feierhalle, Absprache mit den Mitwirkenden, Gestaltung der Einladung und meiner eigenen Rede. Die Teilnahme an der Jubiläumsfeier der katholischen Frauen- und Familienbildungsstätte gab mir die Gelegenheit, fast wie in einer Generalprobe mein Anliegen einer großen Zuhörerschaft zu präsentieren.

Der Tag vor der Einweihung galt ganz dem Aufbau der Skulptur. Beatrice Charen war mit der kostbaren, schweren Fracht im Gepäck von Zürich nach Hamburg "gezügelt", samt Werkzeug und Schutzbrille. Das Wetter meinte es gut mit uns, so dass wir günstige Arbeitsbedingungen auf dem Friedhof hatten – nicht zuletzt auch durch die Unterstützung einiger Mitarbeiter, die an diesem Freitagmittag aushalfen, wenn Geräte fehlten.

Der 25. September 1999 war einer jener Tage, die noch die Wärme des Spätsommers haben und mit ihrem goldenen Licht eine Ahnung des nahenden Herbstes geben. So war der Regenschutz, den wir der Skulptur vorsorglich "angezogen" hatten, nicht mehr nötig. Ich hatte als Treffpunkt für diesen Samstagnachmittag eine der Feierhallen des ursprünglichen Krematoriums gewählt und den unübersehbaren Katafalk mit einem Meer von Sonnenblumen umgeben. Zur Einstimmung waren neben meiner Begrüßungsrede Wortbeiträge Betroffener und Interessierter, eingerahmt von Musik, vorgesehen. Diese Feier war kein Gottesdienst, aber ich hätte sie mir ohne die Mitwirkung zweier Seelsorgerinnen nicht vorstellen können. Barbara Viehoff als Vertreterin der katholischen und Fanny Dethloff-Schimmer als Vertreterin der evangelischen Kirche waren beide kurzfristig bereit gewesen, die Einweihung durch ihren Segen mitzugestalten. Beim Verlassen der Feierhalle konnten alle eine Sonnenblume entgegennehmen und damit nach draußen in das Sonnenlicht treten. In der sich daran anschließenden stillen Prozession war Gelegenheit, die wenigen Minuten Fußweg noch einmal in Gedanken mit dem jeweils verstorbenen Kind zu gehen. Ich habe dieses Gehen im Schweigen als besonders wohltuend und innig erlebt.

Am Gedenkplatz hatte Beatrice Charen zwanzig Blumenvasen so angeordnet, dass sie in Form einer Spirale die verhüllte Skulptur umkreisten. Die feierliche Enthüllung durch die Künstlerin war für alle Anwesenden ein ergreifender Moment der Stille. Als heilsame Geste empfand ich die im katholischen Brauch beheimatete symbolische Handlung mit Weihwasser, die in Verbindung mit Gebeten dem Ort seinen Segen verlieh. Nun war Zeit und Raum, die mitgebrachten Sonnenblumen in die Vasen zu stellen, eine Geste der Erinnerung und des Abschieds! Tief bewegt hat mich besonders die große Anzahl der anwesenden älteren Frauen, ein Hinweis darauf, dass besonders Mütter die Trauer durch ihr ganzes Leben tragen. Sprachlosigkeit, Schweigen und einsame Tränen konnten sich hier an diesem Platz vielleicht wandeln und dadurch inneren Frieden bringen.

Für die Gelegenheit zu einem kleinen Imbiss und Gesprächen nach dem gemeinsamen Schlusslied hatte ich in einer nahegelegenen Kapelle Vorbereitungen getroffen. Ebenso wie im traditionellen Brauch des Leichenschmauses ging es mir dabei um den Schritt zurück ins Leben, den jedes Erinnern auch braucht. Viele Gäste nahmen dieses Angebot wahr. Ich selbst war durch Gespräche und ein Interview noch längere Zeit am Gedenkplatz selbst zurückgehalten, so dass ich dem leiblichen Wohlergehen nur kurzfristig beiwohnen konnte.

Kommentar einer Bekannten: "Dein Platz war wohl dort." Es sollte noch ein weiteres halbes Jahr dauern, bis ich im Frühjahr 2000 die Bodenplatte aus einfachem grauen Beton mit der eingravierten Inschrift "Ich trage Dich in meinem Herzen" vor der Skulptur in die Erde legen lassen konnte. Die geeignete Form für einen erläuternden Text zu finden, hatte Zeit gebraucht. Eine an der Säule angebrachte Tafel wäre in jedem Fall zu klein geworden. Die Plazierung einer größeren Platte im Boden ist für mich außerdem ein weiteres Symbol zum Gedenken der nicht beerdigten Kinder. Das schlichte, karge Material stellt kein Provisorium dar, wie manchmal vermutet wird. Zusammen mit dem Hamburger Steinmetz und Bildhauer Ulrich Beppler war die Überzeugung gereift, dass die Einfachheit eben auch an die dunklen Aspekte dieses Platzes erinnern soll. Gestiftet wurde die Bodenplatte durch Peter Spiza, Generalvikar der katholischen Kirche. Mit großer Freude konnte ich zur Jahresfeier 2000 eine von der Firma Aeterna gestiftete Grableuchte aufstellen. Der uralte Brauch, durch das Symbol des Lichtes der Seelen unserer Verstorbenen zu gedenken, war mir aus meiner katholischen Tradition und meiner Studentenzeit in Süddeutschland vertraut.

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