OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Zur Geschichte von Kind und Tod

 - August 2001
Ausgabe: 
Nr. 74, III, 2001

In der heutigen Erwachsenenwelt wird ein Umbruch im Umgang mit dem Tod, mit dem Sterben und auch hinsichtlich einer "Trauerarbeit" festgestellt.

Dieser Umbruch erklärt sich durch die geschichtliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte (Industrialisierung/Entwicklung der Wissenschaften) und durch die heute angebotenen Alternativen. Als Alternativbeispiele seien hier die Hospizbewegung, das Einrichten von Palliativstationen, die zu berücksichtigenden Patientenverfügungen und die Vielfalt der Beerdigungszeremonien genannt. Es drängt sich die Frage auf, ob sich in der kindlichen Umgangsweise mit dem Tod ebenfalls ein Umbruch vollzogen hat? Oder - lässt heute die Gesellschaft eine dem Kind gerechte Umgangsweise mit dem Tod zu? Wie war das Verhältnis der Kinder zum Tod früher, in den letzten zwei Jahrhunderten?

Die Zeit vom späten Mittelalter bis zum 20. Jh. war geprägt durch rasch aufeinander folgende gesellschaftliche Veränderungen. Gemeint sind hier die Entstehung des Bürgertums und die beginnende industrielle Revolution sowie auch die Entwicklung der Wissenschaften. Folgen dieser Zeit waren eine zunehmende Verstädterung durch das Entstehen von Manufakturen und Fabriken, außerdem fand ein schnelles Voranschreiten des technischen Fortschritts, also auch des medizinisch-technischen statt. Einher mit diesen Entwicklungen veränderten sich die sozialen Rahmenbedingungen. Im Besonderen betraf dies die Familien- und Wohnstruktur, ferner auch die Altersstruktur (Alterspyramide). Die Familie verlor den Status einer Wirtschaftseinheit - der gemeinsam wirtschaftende Verband reduzierte sich also von der Großfamilie zur Kleinfamilie. Der zusammenhaltende Faktor, der das Familienleben strukturierte, nämlich die Arbeit, wurde verlagert in die neuen Produktionsstätten.1 Es trennte sich der Arbeitsbereich vom Wohnbereich. Für die Kleinfamilie bedeutete dies den wesentlichen Verlust an familiärer Unterstützung und an der Weitergabe von Lebenserfahrung.

In der Mitte des 19. Jh. gewannen Erziehung und Gesundheit an gesellschaftlicher Bedeutung. Bedingt durch einen Vernunfts- und Fortschrittsoptimismus wurden diese in die Lebenswelt der Menschen installiert. Krankenhäuser und Schulen wurden gebaut, neue medizinische Behandlungsmethoden eingeführt und Hygieneverordnungen erlassen. Dies bedeutete gleichzeitig, dass vorwiegend familiär besetzte Bereiche institutionalisiert wurden - öffentlich wurden.

Dem Einfluss der seit dem 18. Jh. sich vollziehenden Säkularisierung standen die Menschen eher zurückhaltend gegenüber. So war der Umgang mit dem Tod, bzw. mit dem Toten gebunden an kirchliche Bestimmungen. Den Überbleibseln der Klerikalisierung begegnet man letztlich bis heute. Besonders in ländlichen Gegenden begegnet man einer Mischung aus kirchlichen und weltlichen Trauergewohnheiten.

Erwähnenswert ist die extrem hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit des 19. Jh. Sie war ein Merkmal jener Zeit und keiner bestimmten Schicht zuzuordnen. In allen sozialen Gesellschaftsschichten wurde in den Familien der Tod von Säuglingen und Kleinkindern betrauert. Der Tod fand in unmittelbarer Nachbarschaft zur Alltagsroutine statt. Mutterschutz und Erziehungsurlaub sind erst Errungenschaften des 20. Jh., d. h. es gab weder Schutzvorschriften für Mütter noch für ihre Kinder. Kinder starben an Unterernährung, an den heute fast banalen Kinderkrankheiten, an den Folgen mangelnder hygienischer und medizinischer Versorgung, aufgrund von schwierigen Geburten und problematischen Schwangerschaften, aufgrund von Infektionen und Unfällen und auch durch manch völlig verzweifelte Handlung der Eltern - durch Kindesmord. Um 1875 sollen auf 1000 Lebendgeburten 244 Kinder vor Vollendung des ersten Lebensjahres gestorben sein.2

Allein aufgrund der Kindersterblichkeit wurden Kinder (Geschwister) früher häufiger als heute mit dem Tod konfrontiert. Heute, nachdem der Tod sozusagen "ausgebürgert" wurde, d. h. beinah ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, ist die Nähe zum Tod, die "nackte Direktheit" nicht mehr vorhanden. Der Tod findet nicht mehr im unmittelbaren Umfeld der Familie statt; er verliert dadurch seine Präsenz und wird zum anonymen Ereignis. Der öffentliche einfache Tod gehört der Vergangenheit an und wird durch einen heimlichen Tod, nämlich den hinter verschlossenen Türen im Krankenhaus und anderen Institutionen, unter Ausschluß der Öffentlichkeit ersetzt. So hat der Tod und auch das Sterben aufgehört, als natürliche (eig. W.: und ich meine auch notwendige) Phänomene des Lebens zu wirken.3

Der von Ariès beschriebene öffentliche einfache Tod der letzten Jahrhunderte war den Menschen stets zugegen und der Umgang mit selbigem wurde durch das damalige Totenbrauchtum gepflegt. Durch dieses "Pflegen", ein Aufrechterhalten bestimmter Rituale, hatte der Tod nicht das Stigma des Abstoßendem oder Unerwartetem. Er war in das Leben der Menschen integriert - alle, auch die Kinder nahmen am Ableben eines Menschen teil. Die Kinder wurden vor dem Anblick eines Toten nicht verschont, teilweise waren sie auch bei der Totenwache zugegen. Es gab ein Sterbezimmer, in dem der Leichnam aufgebahrt wurde, umgeben von Kerzen und Blumen. Hier, am offenen Sarg nahmen die Erwachsenen, sowie die Kinder Abschied vom Verstorbenen, anschließend wurde der Sarg verschlossen. Es galt eine Trauerfeier zu zelebrieren, die für die Öffentlichkeit zugänglich war. An der Leichenschau und am Trauerzug nahmen oft auch für die Familie fremde Personen teil.4

Die Einstellung der Erwachsenen zum Tod, bzw. deren Verhalten einem "Trauerfall" gegenüber, prägt das Verhältnis der Kinder zum Tod. Sie lernen durch Beobachtung, durch Abschauen und Nachahmung. Die Orientierung am Verhalten der Erwachsenen beeinflusst die kindlichen Empfindungen, Einstellungen und Äußerungen. Kindern wurde allerdings bis in die zweite Hälfte des 20. Jh. ein individuelles Trauerverhalten versagt; dieses wurde sogar getadelt. Der Umgang mit dem Tod war zwar öffentlich und in das alltägliche Leben eingebunden, aber er war ritualisiert und reglementiert. Erwachsene und auch die Kinder hatten sich an die Regeln des Totenbrauchtums zu halten. Die Situation der Kinder war besonders schwierig, da sie in der Gesellschaft keine Position einnahmen. Kleine Kinder waren eigentlich keine menschlichen Persönlichkeiten, sie waren eine Art "Neutrum". Nur sehr zögerlich wurde dem Kind eine eigene spezifische Lebensphase zuerkannt, die Kindheitsphase. Eine Phase, die den Erwachsenen nicht bewusst war; sie behandelten Kinder wie "Kleine Erwachsene" oder sie beachteten sie erst gar nicht.5

Ein erster Fokus auf diesen spezifischen Lebensabschnitt - Kindheit - erfolgte durch die Biedermeierzeit. Es war die Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jh., Ausdruck bürgerlicher Wohn- und Lebenskultur. Die Teilnahme an der Entwicklung des Kindes zeigte sich durch die Einrichtung einer "Kinderstube" mit kindgerechtem Mobiliar. Desweiteren entstand eine Kindermode und es boomte der Spielzeugwarenmarkt als neuer Industriezweig.6

M. E. betraf diese Epoche nur die "Außenwelt" des Kindes. Erst mit der Entwicklung der Wissenschaften, wie der Psychoanalyse fand die "Innenwelt" der Kinder eine Berücksichtigung. Mit der Etablierung einer Kinderpsychologie konnte kindliches Verhalten näher erklärt und bestimmt werden (Entwicklungsphasen). Wie nun Kinder den Tod wahrnehmen, versucht die Forschung jüngerer Zeit , gemeint ist die zweite Hälfte des 20. Jh., darzustellen und aufzuklären (z. B. die Psychologin: Maria Nagy).7

Letztlich ist es den Kindern erst seit dem Wegfall der alten Normgebundenheit erlaubt, eine individuelle Trauerarbeit leisten zu dürfen. In dieser Zeit kannte der Tod keine soziale Ungleichheit - er war Gast in jeder gesellschaftlichen Schicht. Erlebt wurde er von den Menschen, insbesondere hier den Kindern, der verschiedenen Schichtenzugehörigkeit auf unterschiedliche Art und Weise. In den nächsten Abschnitten wird beschrieben wie Kinder aus drei verschiedenen Sozialschichten das Ereignis Tod erlebten. Dabei handelt es sich um Bauern-, um Bürger- und Arbeiterkinder.

Mit der Familie auf dem Land verband man eine eigenständige und familiär organisierte Wirtschaftseinheit. Der Familie zugehörig galten auch das sogenannte Gesinde - Knechte und Mägde. Wohnen und Arbeiten, Gebären und Sterben fand "unter einem Dach" statt. Alle dort lebenden Menschen waren am alltäglichen Geschehen involviert. Allerdings standen die Mitglieder dieser "Wirtschaftseinheit" nicht gleichberechtigt nebeneinander, sondern mussten sich einer strengen Hierarchie beugen. Der Vater war oberster Hausherr und hatte die Entscheidungsmacht über alle sozialen Bereiche, z. B. die Heiratsvorschriften. Die Magd war das unterste Glied in dieser hierarchisch angeordneten Kette. Kleinkinder und Alte, gemeint sind Mitglieder, die noch nicht oder nicht mehr an der Arbeit teilnahmen, galten als nutzlose Esser. Sie mussten geduldet werden, denn Kinder wuchsen zu zukünftigen Arbeitskräften heran; den Alten schuldete der Hausherr das Wohnrecht auf Lebenszeit. Charakteristisch für das Landleben war ein ausgeprägtes traditionsgebundenes Verhalten der dort lebenden Menschen. Dieses Verhalten war der Stabilisationsfaktor der "altbäuerlichen Ordnung".8

Armut, schlechte Ernährung, mangelnde Hygiene und die Überlastung der Mütter durch die harte Land- und Hausarbeit waren die ursprünglichen Ursachen für die bereits erwähnte hohe Kindersterblichkeit - und auch Müttersterblichkeit. Ein Beispiel für hygienische Unkenntnis der Mütter mit verheerenden Folgen für die Säuglinge war die Ruhighaltung der "Schreihälse" mit alkoholdurchtränkten Stoffschnullern. Die Folgen waren dann häufig tödlich verlaufende Erkrankungen an Infektionen und Diarrhö.9

Ich erwähne die Kindersterblichkeit in diesem Abschnitt nochmals, da sie meistens die erste Konfrontation mit dem Tod für Kinder - Geschwisterkinder war. Kinder waren für das Weiterbestehen der Wirtschaftseinheit Großfamilie notwendig. Da es damals weder eine Geburtenregelung noch die sogenannte Familienplanung im heutigen Sinne gab, war es keine Seltenheit, wenn eine Frau in ihrem Leben 10 und mehr Kinder gebar. Kinder dienten sozusagen als spätere "Altersversorgung". Die männliche Nachkommenschaft wurde stärker beachtet als die weibliche, denn sie führten das Anwesen weiter und sicherten den Fortbestand des Namens (die "Stammhalter"). Der Tod weiblicher Kinder wurde daher fast gleichgültig hingenommen und so bekam das nächst geborene Mädchen meistens den Namen des Gestorbenen. Allerdings sollte das damals herrschende religiöse Weltbild nicht außer Acht gelassen werden, dass sich im Glauben an ein Weiterleben in der Ewigkeit manifestierte. Leisteten doch gerade die toten Kinder "Fürbitte" für die Lebenden und vermehrten die "himmlischen Engelsscharen".10

Für den Umgang mit dem Tod im 19. Jh. waren zwei Merkmale wesentlich. Dabei handelt es sich einmal um die Einfachheit des rituellen Todes und dessen Öffentlichkeit. Die Aufbahrung eines Verstorbenen im offenen Sarg in einem dafür hergerichteten Sterbezimmer im eigenen Haus war für die Kinder etwas Selbstverständliches; es war ihnen nicht fremd. Sie wuchsen mit einem normierten Umgang mit dem Tod auf. Dabei handelte es sich um ein zelebriertes Totenbrauchtum, das für eine gewisse Vertrautheit mit dem Tod sorgte, zugleich aber durch die Einhaltung der Rituale eine Distanz zum Tod aufrechterhielt. Diese anerzogene Distanz bildete die Grundlage für einen fast sachlichen oder sogar gleichgültigen Umgang der Kinder mit dem Tod. So bot z. B. eine Beerdigung Schulkindern die Möglichkeit etwas Geld zu verdienen. Sie wurden "angestellt", bei einer Hausandacht für den Toten und während des Leichenkondukts zum Friedhof zu singen. Dafür bekamen sie von der Familie des Verstorbenen 9 - 40 Pfennige, was abhängig war vom Wohlstand und der Freigebigkeit der Hinterbliebenen. Gingen die Kinder zu einem entlegeneren Ort zur Trauerveranstaltung, bekamen sie auch etwas Gutes zu essen.11

Desweiteren wurden Kinder beim Trauerfall in der eigenen Familie neu eingekleidet. Es war üblich, dass sie wie die Erwachsenen schwarze Trauerkleidung trugen. Der Tod eines Verwandten brachte somit die Gelegenheit zu "neuen" richtig passenden und nicht verschlissenen Anziehsachen. Das Ereignis des Todes, obwohl unmittelbar gegenwärtig, stand bei den Kindern nicht im Vordergrund. Man lebte mit ihm, aber andere Dinge waren wichtiger, um das Leben zu regeln.

Die Eltern der Bürgerkinder versuchten diese vom Anblick eines toten Geschwisterkindes fernzuhalten. Beim Eintritt eines Todesfalles herrschte im ganzen Haus großes Schweigen. Die Kinder wurden von der Beteiligung an den Trauerfestlichkeiten meistens ausgeschlossen. Die Bürgerfamilie, erlebte wie die Bauernfamilie auch die Trennung des Arbeitsbereiches vom Wohnbereich. Es entwickelte sich die gutbürgerliche Kleinfamilie des 19. Jh. Die Lebenswelt der Bürgersfrau beschränkte sich nun auf die sogenannten drei K's: Kirche - Küche - Kinder. Der Mann orientierte sich beruflich und politisch. Zitat: "...das 19. Jahrhundert-Leitbild der Bürgerfamilie als gutsituierte Kleinfamilie, in welcher der Vater die gesellschaftliche Stellung bestimmte, die Mutter die Häuslichkeit gestaltete, beide verbunden in ehelicher Liebe (was immer das auch sein mochte), verbunden im Interesse an der Aufzucht wohlgeratener und wohlerzogener Kinder, die sich bei Berufs- und Gattenwahl nach den Wünschen der Eltern zu richten hatten."12

Die Biedermeierzeit passte sich dem damaligen Zeitgeist gut an und unterstützte die Bürgersfrau in der Ausgestaltung der familiären Innenwelt. Das "artige Kind" erfuhr seine Erziehung in einer eigens dafür kindgerecht eingerichteten Kinderstube.

Das Bürgertum war geprägt durch die Einhaltung von Normen und Etikette. Eltern wurden von ihren Kindern mit dem "Sie" angesprochen. Bei einem Todesfall in der Familie spürten die Kinder eine Andersartigkeit im Haus. Es herrschte Schweigen, man sprach leise und gedämpft und es dominierte die Farbe Schwarz - die Farbe der Trauer. Gefühle wurden von den Erwachsenen nicht gezeigt und auch die Kinder wurden in ihren individuellen Regungen zurückgewiesen. Erwartet wurde das "artige", das wohlerzogene Kind.13 Diese Kinder hatten ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihren Eltern. Die tatsächliche Erziehung und Betreuung erhielten sie durch Erzieherinnen und Kinderfrauen, denen sie sich mit ihren Problemen anvertrauen konnten. Die Eltern sah man meistens nur zu den Mahlzeiten. Durch die Verwehrung einer eigenen Gefühlssprache blieb nur noch die Flucht in einen ablenkenden Aktionismus. Durch den Tod eines Elternteils erlebte i. d. R. das älteste Kind eine Aufwertung seiner Selbst, denn es sollte nun der Mutter oder dem Vater eine gute "Stütze" sein.14

Die Lebens- und Wohnverhältnisse der Arbeiter waren verheerend. Es mangelte an den finanziellen Mitteln, die einen materiellen Mangel an Allem nach sich zogen. Die Bedürftigkeit der Menschen war extrem groß und kaum zu beschreiben. In diesem Elend war der Tod allgegenwärtig. Der Begriff vom "Kindersegen" konnte nur als Fluch empfunden werden. Zitat: "Wenn wir sie kriegen, weint Mutter, und wenn sie sterben, weint Mutter auch."15

Kennzeichnend für diese soziale Epoche war, dass die Familie eine Fabrikarbeiterfamilie war. Die gesamte Familie passte sich den industriellen Arbeitsverhältnissen an, d. h. ein Arbeitstag von 12 - 14 Stunden für die Männer und 10 - 12 Stunden für Frauen und Kinder, an 6 Tagen die Woche waren normal. Lange Zeit wurden die Lebenserfordernisse eines sich bildenden Proletariats, wie Kinderbetreuung für die Kleinsten, Schutzmaßnahmen, Gesundheitsversorgung, die Bereitstellung von genügend Wohnraum und öffentliche Verkehrsmittel nicht berücksichtigt.16

Die Arbeiterkinder hatten im Gegensatz zu den Kindern anderer Schichten, ein sehr nahes "aktives" Erlebnis mit dem Tod. Waren sie doch beim Tod von Geschwisterkindern oder eines Elternteiles mit anwesend. Häufig fehlte das Geld für den Sarg und die Beerdigung. So wurden die hinterbliebenen Kinder mit dem Auftrag betraut, das tote, in Tüchern gewickelte Geschwisterkind in ein Haus zu tragen, wo es ebenfalls einen Verstorbenen gab. Im Einverständnis mit dessen Verwandten, konnte das Geschwisterchen dem Verstorbenem im Sarg beigelegt werden. Gab es die Möglichkeit der Beilegung nicht, blieb nur der Ausweg in die Anatomie. Es mag verwundern, dass Kinder mit den Bestattungsangelegenheiten beauftragt wurden, wie die Bestellung des Sargs beim Schreinermeister (wenn dafür Geld vorhanden war), aber die "arbeitsfähigen" Familienmitglieder mussten in die Fabrik, um die Existenz zu sichern. Unter dem Gewicht des Elends schwanden jegliche Normen und Gefühle. Die Kinder wurden mit den ihnen übertragenen Aufgaben (Sargbestellung, Leichenwaschung, Forttragen der Säuglingsleichen) psychisch und physisch überfordert. Sie waren mit dem Tod vertraut - mit ihren Gefühlen jedoch absolut alleingelassen. Ein Netz der Geborgenheit durch die Großeltern, anderen Verwandten oder auch durch Betreuungspersonal kannte das in der Stadt lebende Arbeiterkind nicht.17

Das 20. Jh. beeinflusste die Loslösung von alttradierten und normierten Lebensmodellen. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, entwickelte sich in diesem Jahrhundert die Kinderpsychologie - es war das Jahrhundert des Kindes. Gestand diese Epoche den Kindern ein individuelles Trauerverhalten zu? Erlebten sie den Tod wie in der vorherigen Zeit in unmittelbarer Nähe oder entfernte er sich aus ihrem Blickwinkel - war nicht wirklich präsent?

Die erste Hälfte des 20. Jahrhundert wurde durch den ersten und zweiten Weltkrieg geprägt. Die Kinder, deren Väter und großen Brüder im Ersten Weltkrieg starben, erhielten die Todesnachricht per Telegramm. Ganz eindeutig waren die Nachrichten nicht, denn der Soldat war ja nur "gefallen" - dies passiert einem Kind recht häufig, ein etwas schmerzliches, aber kein tragisches Geschehen. Außerdem erfuhren die Kleinen, dass ein Gefallener zum Held ernannt wurde. Welches Kind war da nicht stolz einen (toten) Bruder als Helden zu haben. Der Tod wurde m. E. für die Kinder ein nebulöses Ereignis - unklar. Unvorbereitet, ohne vorausgegangener Krankheit waren Menschen nicht mehr da, waren ganz einfach tot.18

Im Zweiten Weltkrieg wurde den Kindern eine bedenkliche Bereitschaft zu Opfermut und Tod vermittelt. Die Staatsorganisationen HJ (Hitlerjugend) und BDM (Bund Deutscher Mädchen) unterstützten und förderten dieses Gefühl der Bereitschaft für das "Große Deutsche Reich" zu sterben. Mitgefühl galt als Schwäche und war bei den Heranwachsenden "nicht angesagt".19
Dieser, durch den Krieg, bedingte Gefühlsverlust der Jugend sollte zu einem späteren Problem vieler Erwachsener werden. Es war nicht nur der eigene Opfermut, sondern das Erleben des sinnlosen und geplanten Tötens, dass eine Verarbeitung der Kriegserlebnisse kaum ermöglichte.

Das 20. Jahrhundert war auch gezeichnet vom Glauben an die Technisierbarkeit und Organisierbarkeit. Der Fortschrittsglaube verdrängte die alltagsbestimmende Funktion der Kirche; es entstand ein durch Zeit bestimmter Lebensrhythmus im Zeitalter der Hochindustrialisierung. Der Tod wurde zunehmend von der Gesellschaft negiert. Sterben, Tod und Trauer gehörten als morbide Phänomene der Vergangenheit an.20 Seit dem Einsetzen einer zunehmenden Medikalisierung in den 50er Jahren, wurde der Tod verlagert in die Institution Krankenhaus. Den Umgang mit den Toten regelten nun andere Menschen, nicht mehr die Hinterbliebenen: "Der Tod im Krankenhaus ist sowohl eine Konsequenz des Fortschritts der ärztlichen Techniken der Leidensminderung als auch der materiellen Unmöglichkeit, sie unter den heute üblichen Bedingungen zu Hause anzuwenden."21 Der Tod wurde aus dem Alltag verbannt, somit verlor der Umgang mit diesem Phänomen auch für die Kinder seine Vertrautheit.

In der heutigen modernen Welt, in der Vieles machbar geworden ist, hängt dem Tod etwas "Unglaubliches" und "Unmögliches" an. Gerade den Kindern ist er kein "sinnliches Erlebnis" mehr. Die Nachkriegszeit, die Ära des Wirtschaftswunders und der Reformen, bot die Möglichkeit bestehende Tabuzonen zu brechen. Normen wurden aufgehoben, z. B., die, dass auch die Kinder "schwarz" zur Beerdigung tragen mussten. Einen Anstoß für ein neues Nachdenken über den aktuellen Umgang mit dem Sterben und dem Tod, gab Elisabeth Kübler-Ross durch ihre Sterbestudien. Nun fingen auch Eltern an, über das Trauerverhalten ihrer Kinder zu reflektieren, sich dessen überhaupt bewusst zu werden. In Ansätzen lernten sie das Verhalten ihrer Kinder zu akzeptieren und nicht, aufgrund der eigenen Ohnmacht, zu sanktionieren. In der eigenen Trauer versunken, sind Eltern bis heute oft unfähig, den Kindern Erklärungen und Hilfen zu geben.

In einer bereits fünf Jahrzehnte zurückliegenden Studie untersuchte der Wissenschaftler Gorer, wie Eltern ihren Kindern einen Todesfall in der Familie erklären. Als Resultat kam er zu der Behauptung: "..., die Behandlung des Todes als nicht-kommunizierbares Thema für weite Kreise der Bevölkerung anzunehmen." Der Tod löst eine Kommunikationshemmung aus, wovon auch Ärzte betroffen sind, wenn sie einen Patienten über seine unheilbare, also tödliche Krankheit aufklären sollen. Ebenso fühlen sich Eltern, die selbst durch den Tod eines Angehörigen Betroffene sind, häufig nicht in der Lage, ihren Kindern Wissen über den Tod zu vermitteln. Frage ist, wie kommt der Einzelne zum Wissen vom Tode?23 Haben Kinder ein Sterblichkeitswissen, kennen sie Todesangst und wie erfahren sie ein Wissen vom Tod, von der Endgültigkeit des Lebens? Viele empirische Untersuchungen erklären die Fähigkeit der Kinder, wie sie den Tod wahrnehmen durch ein nach Altersklassen geordnetes Phasenmodell. Die kindliche Reaktion auf das Ereignis des Todes wird also kognitiv festgehalten. Im dritten Lebensjahr hat das Kind keine Vorstellung von der Bedeutung des Todes. Der Gegensatz zwischen lebendig und tot ist ihm noch fremd. Ab dem vierten/fünften Lebensjahr ist der Tod bereits negativ besetzt, aber es gibt noch keine Vorstellung von dessen Finalität. Der Tod hat noch nichts mit Vernichtung zu tun. Jemand, der tot ist, befindet sich auf einer Reise. Diese Annahme meint eher eine Distanzierung und Entfernung - das Kind ist verärgert über den Spielgefährten und wünscht diesem den Tod; der Freund soll ganz einfach weggehen. Ab dem fünften Lebensjahr entsteht ein Verdacht von der Endgültigkeit, z. B. wenn man alt ist, stirbt man. Im sechsten/siebten Lebensjahr begreift das Kind den Tod als eine Bedrohung. Der Tod ist mit Angst besetzt. Diese Vorstellungen beziehen sich meist auf den gewaltsamen Tod. In der Phantasiewelt des Kindes wird er personifiziert durch Monster, Geister und Ungeheuer. Das Kind wird sich bewusst, dass es sterben könnte und entwickelt ein Gefühl des Endgültigen. Dies wird allerdings durch die Erwachsenen und durch die Religion untergraben (z. B.: die Oma ist eingeschlafen, sie schaut vom Himmel zu uns runter oder es gibt ein Weiterleben nach dem Tod). Ab dem siebten Lebensjahr stellt das Kind fest, dass alle Menschen sterblich sind, die Personen im sozialen Umfeld und es selbst. Im neunten Lebensjahr ist dem Kind auch bewusst, dass der Tod eine Endgültigkeit besitzt - Tote können nicht mehr leben. Vom zehnten bis zwölften Lebensjahr kommen zum Wissen von der Universalität und der Endgültigkeit des Todes weitere Überlegungen des Kindes hinzu. Es fragt sich: wie stirbt man, gibt es ein Leben nach dem Tod; sind tote Verwandte bei Gott oder in der Obhut von verstorbenen Familienangehörigen? Jugendliche haben ein Verständnis von der Abstraktheit des Todes; sie haben ein Wissen über Ursachen, Folgen, Verwesung und Verfall. In ihrer geistigen Auseinandersetzung mit dem Tod zeigen sie Ängste hinsichtlich der Zukunft (Atomkrieg oder aktuell: BSE und Castor-Transporte).24 Sie suchen Erklärungen in den Medien und in Diskussionen mit Gleichaltrigen. Der Erziehungswissenschaftler Fuchs stellt drei Todesbilder verschiedenen Inhalts dar. Die religiös gefärbten konventionellen Bilder (Leben nach dem Tod, Himmel, Engel etc.), dann die aufklärerisch gefärbten realistischen Informationen (Prozess des Sterbens und anschließende Folgen) und als Drittes die magisch gefärbten Inhalte (Aberglauben).25 Andere Untersuchungen behaupten allerdings, dass Kinder bereits früher über ein Todesverständnis verfügen; dies bezieht sich jedoch auf eine emotionale Wahrnehmung. Frage wäre: Können Kinder nur trauern, wenn sie ein realistisches Todesverständnis besitzen? Dies ist kaum anzunehmen. Ist nicht auch das Todesverständnis der Erwachsenen unstrukturiert und unscharf? Haben sie nicht auch wie die Kinder unklare Kognitionen, da es schwerfällt den Tod anzuerkennen?

Literaturverzeichnis

Ariès, Philippe: Geschichte des Todes, München 1997 (8. Aufl.).

Baßler, Margit, Schins, Marie-Thérèse: Warum gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister, Erfahrungen, Berichte, Hilfen; Reinbek 1992.

Fuchs, Werner: Todesbilder in der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1969.

Pleticha, Heinrich (Hrsg.): Deutsche Geschichte. Von der Restauration bis zur Reichsgründung, Band 9, Gütersloh 1983.

Weber-Kellermann, Ingeborg: Die deutsche Familie, Frankfurt/M. 1996.

Weber-Kellermann, Ingeborg: Die helle und die dunkle Schwelle. Wie Kinder Geburt und Tod erleben. München 1994.

1 Weber-Kellermann: Die deutsche Familie, S. 73.
2 Weber-Kellermann: Die helle und die dunkle Schwelle, S. 20.
3 Ariès, S. 30
4 Weber-Kellermann: Die helle und die dunkle Schwelle, S. 26
5 ebenda, S. 28.
6 Pleticha, S. 80.
7 Fuchs, S. 117.
8 Weber-Kellermann: Die deutsche Familie, S. 82ff.
9 Weber-Kellermann: Die helle und die dunkle Schwelle, S. 48.
10 ebenda, S. 18.
11 ebenda, S. 42.
12 Weber-Kellermann: Die deutsche Familie, S. 107.
13 Weber-Kellermann: Die helle und die dunkle Schwelle, S. 92.
14 Ebenda, S. 59.
15 Ebenda, S. 93.
16 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg. a. a. O., S.: 128
17 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg. Die helle und die dunkle Schwelle, a. a. O., S.: 96-98
18 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg. ebenda, S.: 100
19 vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg. ebenda, S.: 100
20 vgl. Ariès, Philippe. a. a. O., S.: 743
21 Ariès, Philippe. a. a. O., S.: 748
22 Fuchs, Werner. a. a. O., S.: 110
23 vgl. Fuchs, Werner; a. a. O., S.: 114
24 vgl. Fuchs, Werner; a. a. O., S.: 119-122
25 vgl. Fuchs, Werner; a. a. O., S.: 124

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