OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Digitale Trauerkultur und digitales Gedenken: Eindrücke aus der Praxis

 - August 2018
Ausgabe: 
Nr. 142, III, 2018

Akzidentielle Trauerkreiserweiterung

Im Zeitalter der allseitigen Digitalisierung und Durchdringung von Internetangeboten zu allen Themen dieser Welt nimmt es nicht Wunder, dass auch die Trauer zu begleiten digital in Angriff genommen wird. Aus den USA kennen wir den Trend, dass viele Menschen sich eine eigene digitale Gedenkseite schaffen, die die Erinnerung an den Verstorbenen wach halten soll. So sind viele Zehntausende von Seiten einer nicht gebündelten digitalen Gedenkstätte im Netz verankert. Je bekannter eine Persönlichkeit ist, desto mehr Aufrufe haben solche Gedenkseiten. In Deutschland gilt folgende Regel: Je jünger der Verstorbene war und je breitenwirksamer seine Bekanntheit war, desto größer seine Trauergemeinde, so dass so eine Gedenkseite auch über 1 Millionen Besucher aufweisen kann. Der Bestatter Fritz Roth hat sogar einen digitalen Friedhof geschaffen, der das Spiegelbild seines real existierenden Friedhofes bei Köln repräsentiert.

Bei einem Vortrag der Kulturanthropologin Sabine Schaper an der Universität Hamburg habe ich gelernt, dass auch die Breiten- und Streuwirkung von Facebook bei jungen Verstorbenen eine Ausweitung der akzidentiellen Trauergemeinde bewirkt, die bei Facebook gerne kondolieren, aber nicht zur Trauerfeier kommen würden. Facebook schafft Nähe in der Distanz (vgl. dazu den Beitrag von Sabine Schaper in dieser Zeitschrift).

Kondolenzportale digital

In einer gleichermaßen ähnlichen Richtung funktionieren die Kondolenz-Portale, die von deutschen Bestattern angeboten werden. Begründend und richtungsweisend ist das Angebot von ASPETOS aus Österreich, das Trauernden anfangs die kostenlose inzwischen aber nicht mehr kostenfreie Möglichkeit bietet virtuelle Kerzen anzuzünden und einen Kondolenztext in der digitalen Traueranzeige auf diesem Portal zu "posten" – zu hinterlegen. Der Sinn solcher elektronischen Trauerbegleitungsportale ist, dass diejenigen, die aus finanziellen oder sonstigen Gründen nicht zur Trauerfeier kommen können, trotzdem der Familie ihr Beileid aussprechen können. Ich glaube, dass viele sich durch diesen Prozess des Postens und Kerzenanzündens von dem Verstorbenen verabschieden möchten. Auf manchen Kondolenzportalen kann das auch kostenlos stattfinden. Durch die hochgeladenen Bilder von der Familie, oder durch den Bestatter entfaltet das Gedenkprofil eine besondere Erinnerungskraft. Es spricht auch nichts dagegen, dass Bilder hochgeladen werden, die das Leben der Verstorbenen charakterisieren. Dieser "Erinnerungsgarten" kann auch von fern wohnenden Verwandten über die Zeit mit Erinnerungsgedanken ergänzt werden. Solange diese Portale existieren, und die Hostinggebühren marginal bleiben, werden diese Profile viele Jahre online bleiben. Da diese unabhängigen Portale sich kaufmännisch entwickeln, werden sie oftmals von Werbeanzeigen begleitet.

In dem von ASPETOS online gestellten Portal arbeiten auch einige Psychologen und Trauerbegleiter mit. Trauernde haben sich über die Jahre zu 1300 Themen ausgetauscht und rund 63.000 Beiträge geschrieben: https://aspetos.com/. Die vielen Trauernden sollen sich gegenseitig Trost spenden und Kraft geben.

Alternative Angebote von Bestattern

Ob diese online-"Schwarmintelligenz" der online-Trauernden wahrhaftig und tiefgreifend zur Heilung und Fortentwicklung im Trauerprozess führen kann, möchte ich als Trauerbegleiter ausdrücklich dahingestellt sein lassen. Mein Petitum an Menschen, die schwer und lange trauern, wäre es sich echten Trauergruppen anzuschließen oder Trauereinzelsitzungen bei Fachleuten zu belegen, die allerdings bisher nicht von den Krankenkassen getragen werden. Bei schwerwiegenden Verwerfungen der Seele kann man selbstverständlich eine(n) Psychologen aufsuchen, der/die dann auch von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt wird. Qualitätsbestatter in Hamburg bieten ebenfalls Trauerbegleitung an, einige sogar kostenfrei.

Verschiedene Bestattungshäuser bieten Kondolenzportale an, die für den jeweiligen Bestatter von IT-Dienstleistern geschaffen worden sind. Der Vorteil besteht darin, dass keine Werbung die Trauer umkränzt. Auch hier können Kerzen kostenlos angezündet werden, was man auch als elektronisches Ritual titulieren könnte. Auch können eigene Texte gepostet werden. Es werden auch Texte den Trauernden als Hilfestellung angeboten.

Auf der einen Seite sollten wir als (Mit-)Trauernde selbst Worte finden, die nicht aus Zitatensammlungen stammen, also authentisch sind. Auf der anderen Seite macht der Schmerz der Trauer vielleicht manchmal so schweigsam, dass der Trauernde gerne auf die Zitatensammlung zurückgreift. Wenn ich als Trauerbegleiter bei einem Trauerprofil sehe, dass in einem Jahr 360 Kerzen von einer Person angezündet worden sind, weiß ich, dass es mit dem Kerzenanzünden nicht getan ist, um die Verwerfungen des Verlustes gut ins Leben zurückzusteuern.

Red. Hinweis: Der Autor arbeitet als Trauerbegleiter beim Groß-Hamburger Bestattungsinstitut (GBI)

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