OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Kindertrauerkoffer – Ein Interview

 - August 2017
Ausgabe: 
Nr. 138, III, 2017

Ein Interview von Olga Diel (OD) mit Holger Wende (HW), Marketingleiter, Pressesprecher des Großhamburger Bestattungsinstituts rV (GBI), Trauerbegleiter und verantwortlich für das Projekt „Kindertrauerkoffer“

Es gibt zwei wichtige Gründe, warum ich über den Kindertrauerkoffer in unserer Zeitschrift für Trauerkultur berichten möchte, 1. der Kindertrauerkoffer soll bekannter werden, 2. und genau deshalb, halte ich es für wichtig, mit Kindern über Themen der Trauer, Sterben und Tod zu sprechen. Es fängt bei kleinen Kindern im Kindergarten an, sei es wenn es um einen Verlust im Umfeld geht oder einfach so, weil es ein wichtiger Teil des Lebens ist. Nichts ist schlimmer als wenn jemand verstirbt und die Kinder nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dabei ist dann pädagogische Arbeit mit diesen Themen sehr wichtig, um auf ein mögliches Schicksal reagieren zu können und die Kinder aufzufangen. Über die Grundkonzeption des Kindertrauerkoffers kann man sich auf der Webseite des Sepulkralmuseums in Kassel informieren, der Koffer heißt dort Vergissmeinnicht: http://www.sepulkralmuseum.de/70/95/Museumskoffer.html

Kindertrauerkoffer
Holger Wende, Trauerbegleiter, und Janne Schwarz, Pädagogin und Botschafterin des Kindertrauerkoffers. Foto: O. Diel

OD: Was ist der Kindertrauerkoffer?

HW: Der Kindertrauerkoffer ist ein pädagogisches Instrument für Schulen und Kindergärten und den Konfirmandenunterricht, um zum Thema Verlust, Vergänglichkeit und Abschied mit Kindern arbeiten zu können. Der Kindertrauerkoffer wird an Lehrer und Erzieher ausgeliehen, wenn ein Kind in einer Gemeinschaft oder Gruppe verstirbt. Dazu sind diverse, vielfältige Gedankenkästen entwickelt worden, die die Kinder in spielerischer Weise an die Themen Sterben, Bestatten, Trauern und Gedenken heranführen. Das letzte Mal wurde der Koffer an eine Schule in Lohbrügge ausgeliehen. Dort verstarb ein Elternteil. Immer wieder erweist sich dieser pädagogische Wunderkasten als positiv wirkend im Dunkel-Umfeld. Genauso gut arbeitet der Koffer auch ohne konkreten Anlass.

OD: Was ist das Ziel des Kindertrauerkoffers?

HW: Das Ziel des Kindertrauerkoffers ist, Kindern zu zeigen, dass der Tod etwas Natürliches ist, und dass man gut damit umgehen kann, er ist tatsächlich ein Teil des Lebens. Gleichzeitig dient das Material als Hilfestellung für Lehrer und Erzieher, wenn sie gezwungen sind, über den Tod zu arbeiten. Und in letzter Konsequenz wollen wir natürlich als GBI auch zeigen, dass wir etwas für die Gesellschaft von Hamburg tun möchten.

OD: Wer hat den Kindertrauerkoffer entwickelt? Wie ist die Idee entstanden?

HW: Entwickelt wurde der Kindertrauerkoffer vom Sepulkralmuseum in Kassel in enger Zusammenarbeit mit Kaleidoskop e.V. Mitmachprojekte Frankfurt. Dank der finanziellen Hilfe durch den Bund deutscher Friedhofsgärtner im Zentralverband Gartenbau e.V., das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur e. V., den Bundesinnungsverband des Deutschen Steinmetz, Stein- und Holzbildhauerhandwerks und den Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands e. V. konnte das Projekt in die Tat umgesetzt werden. Im Sepulkralmuseum gibt es eine große museumspädagogische Abteilung, unter anderem gibt es auch dieses 80-seitige Script, das immer mit dem Kindertrauerkoffer zusammen ausgeliehen wird und viele Hilfestellungen gibt, wie man mit den Kästen arbeiten kann. Wir haben den Kindertrauerkoffer jetzt schon seit sieben Jahren.

OD: Gibt es denn solche Art Koffer auch woanders?

HW: Ja der Ursprung, also der Nukleus ist in Kassel gewesen, und da war er ständig ausgebucht oder ausgeliehen in Deutschland, und dann hat Herr Gerold Eppler in Deutschland gefragt, wer den Koffer als Nachbau haben möchte. Wir haben uns dann entschlossen, den Kindertrauerkoffer als Nachbau bei uns hinzustellen und hoffen, dass er möglichst viel ausgeliehen wird.

OD: Warum finden Sie das so wichtig, dass er ausgeliehen wird? Also warum finden Sie es wichtig, über Themen der Trauer, Sterben und Tod zu sprechen? Kann man es nicht einfach verdrängen, weil die Kinder es ja sowieso schon schwer haben, wenn jemand verstorben ist, da muss man ihnen jetzt nicht auch noch präsentieren, was der Tod ist, oder?

HW: Also das berührt natürlich ein Grundthema, ob der Tod ein natürlicher Teil des Lebens ist oder nicht, und ich hab ja rein zufällig eine Ausgabe der Zeitschrift für Friedhofskultur und Kunst und Gewerbe von 1929 auf dem Tisch, und der Titel damals war "Empfinden wir den Tod noch tragisch?" Also vor knapp 100 Jahren hat man sich auch schon Gedanken gemacht, ob der Tod nicht was Normales ist und ich würde sagen, der Tod ist immer noch ein Unaussprechliches. Vielleicht, weil die Menschen Angst vor dem Tod haben!

OD: Okay, also finden Sie die Herangehensweise in Ordnung, den Kindern dann erst recht zu zeigen, dass der Tod natürlich ist?

HW: Genau, deswegen, genau aus dem Grund haben wir den Kindertrauerkoffer angeschafft und wir sind ein bisschen betrübt darüber, dass er so wenig ausgeliehen wird.

OD: Können Sie sich denn erklären, warum der Kindertrauerkoffer so wenig ausgeliehen wird? In meinem Umfeld zum Beispiel kennt diesen Kindertrauerkoffer leider auch niemand.

HW: Ich glaube, es gibt in der Schule immer noch eine Grund-Irritation, dass der Tod etwas ist, das nicht an die Schule gehört. Wir haben uns schon bemüht, die letzten Jahre immer mal wieder Workshops für Lehrer anzubieten. Im April 2016 hat das GBI den ersten Workshop für Lehrerinnen und Lehrer, Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, und Trauerbegleiterinnen angeboten. 15 Gäste fanden den Weg zur GBI Zentrale. Jetzt vor zwei Wochen hatten wir immerhin sieben Teilnehmer. Wenn man bedenkt, dass ich alle Schulen von Hamburg angeschrieben habe, ist das immer noch kein richtig gutes Ergebnis. Unsere neue Strategie ist jetzt, diese Fortbildungen beim Lehrerfortbildungsinstitut einzustellen und hoffen, dass dann mehr Lehrer und Lehrerinnen den Koffer bei uns ausleihen.

OD: Für welches Alter ist dieser Kindertrauerkoffer konzipiert?

HW: Also wenn man dem Script hier glauben darf, dann ist er schon für Kindergarten-Kinder konzipiert, also hier steht von 5 bis 12 Jahren, ich hab ihn sowohl schon an Kindergärten ausgeliehen, als auch schon mitgenommen für Vorstellungen bei den Konfirmanden, die auch so um die 12 Jahre alt sind. Wenn man sich die Bücher anguckt, dann sind das ganz oft Kinderbücher mit großen Bildern. Aber der Koffer hat auch viele Dimensionen, die für Kinder geeignet sind, die in den Anfangsklassen des Gymnasiums sind.

OD: Kann man sich auch jemanden zur Hilfe holen, sagen wir mal jetzt, wenn ein Erzieher selber überfordert ist mit der Situation, dass man jetzt sagen könnte, ok wir bräuchten jetzt jemanden, der uns da unterstützt und Hilfestellungen gibt, z.B. ein Trauerbegleiter, der zur Schule kommt und mit den Erziehern zusammenarbeitet?

HW: Ja also einmal bin ich ja selbst Trauerbegleiter mit der großen Trauerbegleiter-Ausbildung von ITA (Institut für Trauerarbeit) und zum zweiten haben wir noch eine Botschafterin, Janne Schwarz, die ist Pädagogin und die würde auch den Pädagogen helfen, Konzepte zu erarbeiten.

OD: Welche Dinge enthält so ein Kindertrauerkoffer? Was sind für Sie die drei wichtigsten Dinge?

HW: Also das Script hat vier große Bereiche, die sozusagen gedanklich durchschritten werden, das eine Thema heißt Sterben und Tod, das andere Thema ist Bestatten, das dritte Thema heißt Trauern und das vierte Thema ist Erinnern. Meine Lieblingskiste ist die, wo der Unterschied gezeigt wird zwischen Leben und Nichtleben, dies wäre ein Blutdruckmessgerät und ein großer schwarzen Vogel. Vor Kindern führe ich sehr gerne vor, wie dem großen Stoffvogel der Blutdruck gemessen wird, und wir hoffen jedes Mal neu, dass das Gerät nichts anzeigt.

OD: Wie haben die Kinder auf diesen Kindertrauerkoffer reagiert?

HW: Also regelmäßig machen wir mal Tag der offenen Tür mit der WDR-Maus, dort führe ich dann den Kindertrauerkoffer vor. Dort sehe ich, wie positiv die Kinder auf dieses neue Spielzeug reagieren. Der Tag findet immer am 3. Oktober statt. Auf der Internetseite sind alle Möglichkeiten zu finden.

OD: Was sollte man eigentlich Ihrer Meinung nach machen, wenn ein Kind im Umfeld einer Schule verstirbt?

HW: Also als erstes würde ich einen Bestatter anrufen, vielleicht das GBI, und dann darum bitten, so einen Traueraltar in der Schule aufzubauen. Ich habe das vor einem halben Jahr in einer Schule in Eimsbüttel gemacht. Der Schüler war 11 Jahre alt und war plötzlich verstorben. Es gab keine Trauerfeier in Hamburg, weil er in seinem Heimatland beigesetzt wurde, und die Schule hat einen Extra-Raum dafür zur Verfügung gestellt. Kondolenzbuch, Kerzen und so weiter haben wir dann vom GBI hingestellt, damit haben wir sozusagen einen Anlaufpunkt für die Trauer geschaffen.

OD: Herr Wende, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

HW: Sehr gerne, ich danke auch!

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