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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Exhumierungen und Identifizierungen von Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg (Teil 2)

Einer dieser unbekannten Soldaten (Ignoto) war Alberto R., da er weder Dokumente oder noch seine Erkennungsmarke bei sich hatte.

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Abb. 4, Soldatenfriedhof Bensberg, 1955. Foto: K. Püschel

Diese hatte sein Freund mit seinen anderen wenigen Habseligkeiten (u.a. Portemonnaie, Ausweispapiere, Briefe) aus seiner Jacke entfernt, um sie der Familie R. in Perugia zu übergeben, was er nach seiner Rückkehr nach Italien, kurz nach Kriegsende 1945, auch tat (Abb. 5).

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Abb. 5 Persönliche Gegenstände Albertos. Fotos: K. Püschel

Ab diesem Zeitpunkt versuchte zunächst Lidia, die Ehefrau von Alberto, später dann auch Albertos Sohn, Franco, Informationen über den Verbleib der sterblichen Überreste Albertos in Erfahrung zu bringen, um den Ehemann und Vater nach Hause zurück zu holen. Nachdem Lidia 1945 bei deutschen Stellen angefragt hatte, bekam sie 1946 die erste Auskunft durch die Caritas. Erst viele Jahre später erfuhr die Familie durch ein Schreiben des Vatikans, dass die Gebeine der unbekannt in Bensberg verstorbenen Soldaten 1958 zur italienischen Gedenkstätte auf den Friedhof Hamburg-Öjendorf überführt worden waren. Es sollte noch bis ins Jahr 2000 dauern, bis Franco R. die Auskunft vom italienischen Verteidigungsministerium erhielt, in welchen der fast 6.000 Gräber die zehn unbekannten Soldaten aus Bensberg bestattet waren.

Exhumierungen

Auf dem Parkfriedhof in Öjendorf befindet sich eine zentrale Gräberstätte für Tote mit italienischer Staatsangehörigkeit. Aus dem gesamten nordwestdeutschen Raum und dem Ruhrgebiet wurden in der Nachkriegszeit etwa 6.000 italienische Tote (Kriegsgefangene, Zivilinternierte, Opfer des KZ Neuengamme und seiner Außenlager und Zwangsarbeiter) auf diese 40.000 Quadratmeter große Ehrenanlage umgebettet. Der Bau der Kriegsgräberstätte (1957–1959) wurde durch das Kommissariat für die italienischen Kriegsgefallenen (Commissariato Generale Onoranze Caduti in Guerra) betreut. Die Nutzung ist im deutsch-italienischen Kriegsgräberabkommen vom Dezember 1955 geregelt.

Im November 2014 wurde der Auftrag zur Exhumierung durch das italienische Generalkonsulat erteilt. Es wurden zehn Gräber von unbekannten italienischen Militärinternierten, die Nummern 49 bis 57 und 66, geöffnet und die sterblichen Überreste exhumiert. Die Bestatteten befanden sich in Gebeinekisten in hellem, sandigem Boden, der bei der Anlage des Areals in den 1950er Jahren aufgeschüttet worden war.

Jedes Grab wurde einzeln freigelegt und die Knochen und möglichen Beigaben gesondert geborgen. Die Knochen befanden sich in gutem bis sehr gutem Erhaltungszustand ohne Weichteilanhaftungen (Abb. 6).

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Abb. 6 Erhaltungszustand der Knochen aus Grab Nr. 55 nach 70 Jahren Erdgrab und Umbettung. Foto: K. Püschel

Von den Gebeinekisten waren wenige vermoderte Reste geblieben. Zum Teil waren völlig zerschlissene Kleidungsfetzen vorhanden, denen keine stofflichen Eigenarten zuzuordnen sind. In den Gräbern fanden sich darüber hinaus wenige beigegebene Gegenstände. So beispielsweise im Grab Nr. 55 (später identifiziert als das von Alberto R.) u.a. zwei Löffel, ein Kamm, Essgeschirr, ein Füllfederhalter sowie Lederriemen/Schnallen (Abb. 7a, b, c, d).

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Abb. 7a, b, c, d Beigaben aus dem Grab Nr. 55. Zwei Löffel, ein Füllfederhalter, Essgeschirr, Lederriemen und Schnallen und ein Kammfragment. Fotos: K. Püschel

Begleitet wurde die Exhumierung von Oberleutnant di Maio vom italienischen Verteidigungsministerium, Frau Bergamaschi vom italienischen Generalkonsulat in Hannover, Herrn Leguttky, zwei Mitarbeitern des Friedhofs Öjendorf sowie dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Prof. Dr. Klaus Püschel. Außerdem waren Franco R. und dessen Sohn Roberto aus Italien angereist, um der Exhumierung beizuwohnen.

DNA-Untersuchungen

Im Auftrag des italienischen Generalkonsulates wurde eine DNA-Untersuchung durchgeführt. Von allen Knochenproben aus den zehn Gräbern wurden DNA-Profile angefertigt und mit dem von Franco R. verglichen. Hierbei zeigten die Proben aus Grab Nr. 55 besonders viele Übereinstimmungen.

Untersuchungsmethoden

Die Extraktion der DNA aus der Vergleichsspeichelprobe von Franco und aus den Knochenproben der Leichen wurde mittels kommerzieller Extraktions-Kits nach Herstellervorgaben durchgeführt. Die Typisierung der DNA erfolgte mittels PCR-Amplifikationen (Vervielfachung der DNA mit Hilfe der Polymerase-Ketten-Reaktion) in diversen Short-Tandem-Repeat (STR)-Systemen (verwendete Multiplex-Kits: PowerPlex ESI/ESX17, Investigator Triplex AFS und PowerPlex Y23). Die Darstellung der Merkmale erfolgte mittels eines automatischen Sequencers (ABI 3130).

Probenmaterial

Durch die lange Lagerung im Erdboden ist die DNA im Probenmaterial degradiert, wodurch es zu Ausfällen einzelner Allele oder ganzer Systeme gekommen ist. Diese Problematik konnte allerdings durch mehrfache Wiederholung der Analyse in den meisten Fällen kompensiert werden. Es wurden die gängigen STR-Systeme untersucht (autosomale DNA-Merkmale und Y-chromosomale DNA-Merkmale). Einige Y-Systeme waren aber dennoch nicht zu bestimmen (DYS438, DYS437, DYS392, DYS643, YGATAH4).

Bewertung der Untersuchungsergebnisse

Der unbekannte Tote aus Grab Nr. 55 wies in allen untersuchten DNA-STR-Systemen jeweils mindestens ein gemeinsames Merkmal mit Franco R. auf (D3S1358, D19S433, D2S1338, D22S1045, D16S539, D18S51, D1S1656, D10S1248, D2S441, TH01, vWA, D21S11, D12S391, D8S1179, FGA, SE33). Daraufhin wurde eine Vaterschaftswahrscheinlichkeitsberechnung mit dem Biostatistikprogramm "Statistefix" (Weirich/LKA Mecklenburg-Vorpommern) durchgeführt. Die Berechnung führte zu einer Wahrscheinlichkeit von 99,99994%, dass der unbekannte Tote der Vater von Franco R. ist. Die Ergebnisse der Y-chromosomalen Analyse stützen diese Annahme zusätzlich. In allen Y-Systemen, bei denen ein reproduzierbares Ergebnis erhalten werden konnte, stimmten die Allele des unbekannten Toten vollständig mit denen des Franco R. überein (DYS576, DYS389-I, DYS448, DYS389-II, DYS19, DYS391, DYS481, DYS549, DYS533, DYS570, DYS635, DYS390, DYS439, DYS393, DYS458, DYS385, DYS456). Dies bedeutet, dass Franco und der unbekannte Tote aus der gleichen männlichen Erblinie stammen. Ein genauer Verwandtschaftsgrad kann auf diese Weise nicht bestimmt werden.

Die Gebeine Albertos wurden im Mai 2015 nach Perugia, in seine Heimat, zurückgeführt. Das Hamburger Untersucher-Team folgte der Einladung der Familie und nahm an der Gedenkzeremonie in der Kathedrale San Lorenzo in Perugia teil, an der außerdem diverse Veteranen und Vertreter von Organisationen, der Bürgermeister und weitere Würdenträger der Stadt unter großer Anteilnahme der Bevölkerung von Perugia und der italienischen Medien teilnahmen. Anschließend wurde Alberto neben dem Sarg seiner 1986 verstorbenen Ehefrau Lidia auf dem Friedhof in Perugia beigesetzt (Abb. 8).

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Abb. 8 Auf dem Friedhof in Perugia. Foto: K. Püschel

Beurteilung

Der hier vorgestellte Fall von Exhumierungen zur nachfolgenden Identifizierung unbekannter Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg hat insbesondere gezeigt, dass eine sorgfältige Freilegung und Bergung der Überreste eine zwingende Voraussetzung für den Erfolg der sich anschließenden Untersuchung darstellt.

Nicht nur die Herausforderungen, die eine Bergung von fragilen Knochen nach längeren Liegezeiten mit sich bringen, sondern vor allem auch die vielfach vorhandenen Streufunde aus älteren, vorangegangenen Bestattungen in den Bereichen der Gräber erfordern eine systematisch anthropologisch-archäologische Vorgehensweise.
Die Anzahl der noch erhaltenen Skelettelemente war unterschiedlich, obgleich die Skelette der zehn in Hamburg bestatteten Italiener alle fast vollständig erhalten waren. Der makroskopische Erhaltungszustand der Knochen war gut bis sehr gut.

Es zeigte sich, dass heutige molekularbiologische Methoden geeignet sind, bei sorgfältiger Bergung der Knochen diese auch nach längerer Liegezeit erfolgreich zu analysieren. Zwar ist es nicht in jedem Fall möglich, ein vollständiges, reproduzierbares DNA-Profil zu erhalten, aber die Verwendung von 16 autosomalen Systemen ermöglicht hinreichend genaue Ergebnisse auch dann, wenn einige Systeme nicht nachweisbar sind.

Fazit

Die Identifizierung von Toten aus länger zurückliegenden Zeiten, z.B. Opfern von Krieg, Vertreibung, Auslandseinsatz und Flugzeugabstürzen, ist für die Angehörigen von großer Bedeutung. Die Rekonstruktion des Geschehens, die Identifizierung der Grablege und ggf. die Rückführung in eine heimatliche letzte Ruhestätte ist in ethischer, humanitärer und gesellschaftlicher Hinsicht ein wichtiger Beitrag zur Konfliktbewältigung und Friedensfindung.

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