OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die ehemalige Feierhalle C und ihre Glasfenster

 - November 2011
Ausgabe: 
Nr. 115, IV, 2011

Das neue Bestattungsforum, dessen Bauten sich jetzt um das denkmalgeschützte Krematorium von Fritz Schumacher ziehen, lässt schon heute vergessen, dass hier vorher andere Gebäude standen, die im Jahr 2010 für sie abgerissen wurden.

Darunter war mit der ehemaligen Feierhalle C auch eine qualitativ hochwertige, baukünstlerische Schöpfung der 1950er Jahre. Diese Feierhalle war ein schlichter Rechteckbau, der in seinen Abmessungen bei weitem nicht an die große Halle des Krematoriums heranreichte. Von außen war der rote Backsteinbau in seiner einfachen Rechteckform zwar dem Krematorium so angeglichen, dass man den Eindruck hatte, beide Bauwerke seien zur selben Zeit entstanden, tatsächlich entstand die Halle C hinter der friedhofsseitigen Fassade aber erst 1952 und zwar zusammen mit der dahinter liegenden Leichenhalle.

Letztere war als Ersatz für die alten Leichenhallen an der Jungiusstraße und an der Jarrestraße in Hamburg-Barmbek notwendig, welche von Fritz Schuhmacher in den Jahren 1914-15 erbaut und im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Die Halle Jungiusstraße – heute St. Petersburger Straße – stand dort, wo sich einst die ehemaligen, in den 1920er Jahren geräumten, alten Friedhöfe Hamburgs befanden, und wurde wegen des Ausbaus der Internationalen Gartenbauausstellung 1953 abgerissen. Von einem Wiederaufbau des Schumacherbaus in Barmbek hatte man Abstand genommen.

Halle C
Feierhalle C mit Fenstern nach Entwürfen von Professor Alfred Mahlau.
Foto: P. Schulze

Gegenüber dem monumentalen Innenraum des Krematoriums, der eine gewisse düstere Schwere ausstrahlte, empfing die Feierhalle C die Trauernden mit einem ganz anderen Raumeindruck, der durch die farbigen Glasfenster geprägt war, die der Künstler und Grafiker Alfred Mahlau eigens für diesen Ort entworfen hatte: Auf jeder Längsseite des Raumes waren relativ weit oben vier Fensteröffnungen angebracht, deren Fenster den Raum in farbiges Licht tauchten. Vorn aber erhob sich über wenigen Stufen bühnenartig die Fläche für die Aufbahrung des Sarges, vom Versammlungsraum sowohl durch drei Stufen und einen Bodenbelag aus grauem polierten Stein wie durch den Katafalk abgehoben, der nicht nur zur Aufbahrung, sondern auch als Versenkungsanlage für den Sarg konstruiert war. Zusätzlich trennte an den Seiten und oben ein schmaler Mauerstreifen diesen Bereich von der Versammlung der Trauernden. Diese "Bühne" erhielt ebenfalls von beiden Seiten Licht und zwar durch jeweils ein dreiteiliges, farbiges Glasfenster desselben Künstlers, das vom Boden fast bis zur Decke reichte.

A. Mahlau
Alfred Mahlau um 1953. Foto: wikipedia

Alfred Mahlau war in Hamburg kein Unbekannter. Am 21. Juni 1894 in Berlin geboren, besuchte er die Oberrealschule in Lübeck und danach – kurz vor dem Ersten Weltkrieg – die Staatliche Kunstschule in Berlin. Den Weltkrieg erlebte er als Freiwilliger und Feldartillerist. Danach arbeitete er in Berlin, München und auf Sylt als freischaffender Maler und Graphiker. Der junge Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise begann ihn zu fördern, so dass Mahlau als Gebrauchsgraphiker ein gutes Auskommen fand. Noch heute wird das Marzipan der Lübecker Firma Niederegger in der von Mahlau entworfenen Verpackung verkauft. Er arbeitete außerdem für viele andere Firmen in dieser Region, entwarf Plakate für die Lübecker Stadtwerbung und zeichnete das Notgeld der Hansestadt, das sogenannte Eiergeld, das während der Inflation Anfang der 20er Jahre in Gebrauch war. Während des Dritten Reichs arbeitete er als Grafiker für die Nordische Gesellschaft, die seit 1921 in Lübeck ansässig war und sich um wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen im Ostseeraum und die "Pflege des nordischen Gedankens" bemühte. Auch die Briefmarke zum 800. Stadtjubiläum Lübecks 1943 entwarf er und schuf allein von 1934 bis 1939 über 70 Bildteppichentwürfe für die Weberin Alen Müller-Hellwig. Auch Intarsien, Glasmalereien, Keramiken und vor allem Bühnenbilder, sowie Aquarelle und Landschaftsbilder gehören zu seinem Œuvre. Obwohl er im August 1944 noch in die Gottbegnadeten-Liste – das war eine vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und Adolf Hitler zusammengestellte Liste, in der die wichtigsten Künstler des NS-Regimes aufgeführt waren – aufgenommen wurde und damit vor dem Kriegseinsatz geschützt war, erhielt er schon 1946 an der Hamburger Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld eine Professur.

Bis 1959 leitete er dort die Klasse "Freie Grafik, Illustration und Entwurf" und unterrichtete u.a. Horst Janssen und Vicco von Bülow (alias Loriot). Als Alfred Mahlau am 22. Januar 1967 in Hamburg starb, schrieb Carl Georg Heise, der zwischen 1945 und 1959 Leiter der Hamburger Kunsthalle war, in seinem Nachruf, dass Mahlau "die letzten Jahre seines Lebens in selbst gewählter Zurückgezogenheit verbracht" habe und "unter körperlicher Schwäche und schweren seelischen Depressionen" litt, weil seine Schaffenskraft nachgelassen hatte.

Die Glasfenster der Halle C aber stammen noch aus einer Periode ungebrochener Schaffenskraft Alfred Mahlaus, denn fast gleichzeitig entstanden auch seine beiden Glasfenster in der Totentanzkapelle der Lübecker Marienkirche, welche die Motive und Gestalten des dort 1942 verbrannten Lübecker Totentanzes aufnehmen. Im Gegensatz zu diesen Glasgemälden, die in fast realistischer Weise die Gestalten des mittelalterlichen Totentanzes wiedergeben, sind die Ohlsdorfer Fenster fast abstrakt gehalten. Doch mit ihrer leuchtenden Farbigkeit brachten sie nicht nur hellbuntes Licht – Mahlau bevorzugte hier die Farben Weiß, Rot und Blau –, sondern damit verbunden auch einen Widerschein von Licht und Lebendigkeit in die Feierhalle, die doch eigentlich der Düsternis von Trauer und Abschied geweiht war.

Halle C links
Fenster in Halle C, linke Seite. Foto: P. Schulze

Die Fenster an den Seitenwänden zeigten abstrakte Motive, die von jedem Betrachter mit eigenem Inhalt gefüllt werden konnten: Auf der rechten Seite sah man jeweils auf lichtem Grund eine vielfarbige sechseckige Raute; drei rote und je einen blauen und lilafarbenen Tropfen; farbige Wellenlinien; bunte Sterne vor hellem Grund, die zwischen einer blauen Halbkugel am unteren und einer roten am oberen Rand stehen. Auf der linken Seite korrespondierten damit, ebenfalls vor hellem Grund: eine viereckige Raute, deren Seiten von vier Spitzen durchschnitten sind; ein blauer über einem roten Kreis; vier Reihen mit jeweils drei Blütenkelchen – die beiden oberen in rot und nach oben weisend, die beiden unteren in Blautönen und nach unten weisend; ein rot-blaues Kreuz mit drei Querbalken.

Halle C rechts
Fenster in Halle C, rechte Seite. Foto: P. Schulze

Die Bildmotive der großen dreiteiligen Seitenfenster sind zwar auch abstrakt gehalten, doch lässt sich ihre klare Formensprache so interpretieren, dass bestimmte zeichenartige Aussagen erkennbar wurden. Auf der linken Wandseite sah man zuerst links eine rote und eine blaue Ranke aufsteigen; die Blätter der roten Ranke rollen sich abwechselnd nach unten ein bzw. weisen offen nach oben, während die Blätter der blauen Ranken im Wechsel in dreiblättrigen Blüten und als Spitzen endend nach unten zeigen. Das Mittelfeld zeigt in der Höhe eine helle Kreisform, aus deren Mitte ein kürzerer blauroter Strahl gen Himmel weist, während ein langer roter Strahl nach unten fällt; das rechte Feld besteht aus abstrakten und bunt gemischten, roten, weißen und blauen Flammenzungen, die zum Himmel steigen. In einfarbigen Reihen übereinander werden dieselben Flammenzungen auf der direkt gegenüberliegenden Fensterseite wiederholt. Dort spiegelt auch das Mittelfeld die Kreisform des gegenüberliegenden mittleren Fensterabschnitts wieder, doch weisen die Strahlen bunt gemischt aus dem Zentrum nach oben und unten. Rechts davon überstrahlt dann ein großer rot-blauer Stern viele Reihen kleinerer blauer und roter Sterne.

Halle C Fenster 4
Dreiteiliges Seitenfenster in Halle C. Foto: P. Schulze
Halle C Fenster 1
Fenster (1) in Halle C. Foto: P. Schulze

Die schmalen Streifen der Bodenfenster lassen sich wohl als eine Abfolge von Aussagen über die Elemente und Kräfte der Welt interpretieren: Aus der Erde wächst das Leben und vergeht, während gegenüber die Sterne das ewige Himmelslicht leuchten lassen. Die Mitte beider Fensterseiten ist dem Tag, der Sonne, dem Strahlen des Lichtes hier auf Erden gewidmet, während die beiden Fenster, die vom Betrachter aus am Ende dieser Abfolge stehen, das Feuer in geordneten und ungeordneten Flammen zeichenhaft vor Augen führen; das Feuer, das ja auch einen zentralen Platz in der Abschiedsfeier vor der Kremation einnimmt.

Halle C Fenster 2
Fenster (2) in Halle C. Foto: P. Schulze

Zwar besteht der Raum, für den diese Fenster entworfen worden waren, nun nicht mehr, immerhin aber konnte der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof den Innenraum der Halle C kurz vor dem Abriss noch in einfacher Form fotografisch dokumentieren. Die Dokumentation der Buntglasfenster wird hier erstmals veröffentlicht. Die Glasfenster, sowie weitere erhaltenswerten Einbauten sind von der Friedhofsverwaltung eingelagert worden. Von einer alsbaldigen Verwendung der Fenster im Bereich des neuen Bestattungsforums oder an anderer Stelle ist bisher nur soviel bekannt, dass einige wenige Fenster von Mahlau den Warteraum der Abschiedshalle und das Kolumbarium schmücken werden. Es wäre ein großer Verlust, wenn diese Kunstwerke der 1950er Jahre durch den Abriss der Feierhalle C ganz in Vergessenheit geraten würden.

Halle C Fenster 3
Fenster (3) in Halle C. Foto: P. Schulze

Kontakt zu Autorin und Autor: barbara.leisner@web.de; h.schoenfeld@hamburg.de

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