OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Engel auf dem Ohlsdorfer Friedhof - Ein Spaziergang

 - März 2008
Ausgabe: 
Nr. 100/101, I+II, 2008

Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten für Hamburg-Besucher zählt schon seit jeher außer Hafen, Michel und Rathaus auch der Ohlsdorfer Friedhof, der größte Parkfriedhof der Welt.

Schon am 1.12.1901 konnte man in einer in Berlin erscheinenden Zeitung lesen: "Den Hamburger Hafen mit seinem villenreichen rechten Elbufer und das Alsterbassin mit dem nahegelegenen neuen Hamburger Rathaus lernt jeder Fremde in Hamburg kennen. Und doch besitzt die alte Hansastadt noch eine dritte Sehenswürdigkeit, die es verdient, von Fremden aufgesucht und studirt zu werden: es ist der Hamburger Central-Friedhof in Ohlsdorf." Auf dem Ohlsdorfer Friedhof selbst wird heute von Touristen entweder als erstes nach den Prominentengrabstätten oder nach den Skulpturen von Friedhofsengeln gefragt, die es hier noch in vergleichsweise großer Anzahl gibt.

Route
Die Route des Engel-Spaziergangs auf dem Ohlsdorfer Friedhof.
(Abb.: Hamburger Friedhöfe -AöR-)

Für einen ersten Eindruck von den Ohlsdorfer Friedhofsengeln hatte die Friedhofsverwaltung vor einigen Jahren einen speziellen Farbprospekt drucken lassen mit dem Titel "Ohlsdorfer Engel / Ein Spaziergang". Da dieser Prospekt zur Zeit nicht mehr erhältlich ist, hat die Redaktion im Folgenden den damals vorgeschlagen Rundgang zu einer Auswahl von insgesamt nur zwölf Engelsfiguren mit freundlicher Genehmigung der Friedhofsverwaltung mit einigen, wegen aktueller Veränderungen notwendiger Korrekturen nachgedruckt. Die abgebildeten und beschriebenen Friedhofsengel stehen alle in der Nähe des Haupteingangs und sind zu Fuß leicht zu erreichen. Leider ist bei vielen der galvanoplastisch hergestellten Figuren Korrosion und Verfall bereits sehr weit fortgeschritten. Bei einigen Engelsfiguren fehlen z.B. Hände oder Flügel.

Gall
Gall Foto: Peter Schulze

(1) Gall (von 1906): Die Technik der Galvanoplastik ist an diesem Engel besonders gut erkennbar: Er hat seinen linken Flügel verloren und die Wunde gibt den Blick frei auf das Innenmaterial. Es handelt sich um Gips, der in eine vorgefertigte Form gegossen und anschließend galvanisch mit einem millimeterdünnen Überzug aus Bronze versehen wurde. Gut zu sehen sind auch die Eisenarmierungen, die das Gewicht des Flügels stützten.

Mit einer Klopfprobe kann man Galvanoplastiken von in Bronze gegossenen Figuren leicht unterscheiden. Ein dumpfer Ton lässt die mit Gips gefüllte Galvanoplastik erkennen, während ein innen hohler Bronzeguss einen metallisch hellen Klang ergibt.

Pluntke
Pluntke, Foto: Peter Schulze

(2) Pluntke vormals Weinrebe (von 1905): Wie fast alle Engel auf dem Ohlsdorfer Friedhof, stammt auch dieser aus der Galvanoplastischen Kunstanstalt Geislingen. Er hat ein wenig unter der Zeit gelitten: die rechte Hand ist etwas beschädigt. Der Engel, der sich ans Herz greift, soll das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen zum Ausdruck bringen. Alle Engel sind aber auch mit Attributen ausgestattet, die ein Gegensymbol zur Trauer darstellen. Hier ist es das Blumengebinde zu Füßen der Gestalt. Die Rosen sind ein Zeichen der Liebe, die den Tod überwindet.

Kremer
Kremer/Quinckhardt, Foto: Peter Schulze

(3) Kremer/Quinckhardt (von 1906): Man findet diesen Engel zwischen den großen, auf einer Rasenfläche freistehenden Grabstätten Bäumer und der Bathurst-Opfer auf der rechten Seite. Der Engel, seine Flügel weit abgespreizt, sieht aus, als wolle er sich gleich erheben. Damit unterstreicht er die Vorstellung, dass Engel Wesen sind, die sich frei zwischen himmlischen Sphären und Menschenwelt bewegen können, um uns die göttlichen Botschaften zu predigen. Seine rechte Hand, die heute bereits fehlt, hielt er früher segnend erhoben. Als Zeichen des Friedens trägt er den Palmwedel in seiner Linken.

Wahl
Wahl, Foto: Peter Schulze

(4) Wahl (von 1927): Dieser Friedhofsengel zeigt mit seiner Linken in die Höhe, der Seele den Weg gen Himmel weisend. Das Kreuz kombiniert mit dem Palmwedel, das er früher als Sinnbilder des Glaubens und des Friedens in der Rechten hielt, ist nicht mehr vorhanden.

Commentz
Commentz, Foto: Peter Schulze

(5) Auf der Grabstätte Commentz (von 1902) steht ein Engel mit erhobener Hand. Ein weiterer thront ihm gegenüber, auf dem Familiengrab Feindt/Kock(Lage L 7).

Feindt
Feindt/Kock, Foto: Peter Schulze

(6) Feindt/Kock (von 1909): Die Zeichen der Trauer, der geneigte Kopf und die Hand auf dem Herzen, finden ihr Gegengewicht in den Zeichen des Glaubens und des Friedens, Kreuz und Palmwedel. Im Vergleich wird deutlich, dass der spätere Engel zusätzlich mit zwei Schnecken und Vasen versehen wurde, etwas höher steht und etwas größer ist – Grabstätten dieser Art dienten den Familien stets auch der Repräsentation.

Prophet
Prophet und Genius, Foto: Peter Schulze

(7) Prophet und Genius (von 1961): Eine eher untypische Engelsdarstellung ist diese Bronzeplastik des Berliner Bildhauers Gerhard Marcks. Ein Jüngling, der als Engel gestaltet ist, geleitet einen blinden Propheten behutsam und liebevoll ins Jenseits: Marcks greift hier die Vorstellung des Engels als Seelengeleiter auf. Er tut dies in einer Zeit, in der viele klassische Friedhofsengel von ihren Sockeln entfernt wurden. Sie wurden damals als unmodern angesehen. Heute jedoch erfreuen sie sich wieder großer Beliebtheit.

Der Weg führt über die Cordesallee eine halbrechts liegende Treppe aus rotem Sandstein hinauf. Links an den Rhododendronbüschen vorbei und rechts hinter dem kleinen Hügel findet man Trittsteine, die auf einen Weg oberhalb der Böschung führt. Wenige Schritte rechts liegt das Grabmal Wichmann.

Wichmann
Wichmann (Lage P 7) Foto: Peter Schulze

(8) Wichmann (Lage P 7, von 1907): Eine der interessantesten Reliefdarstellungen eines Todesgenius befindet sich auf dem Dreiecksgiebel dieses Grabes. Der Engel trägt einen germanischen Flügelhelm und ist in seiner Form einzigartig auf dem Friedhof. Beachtenswert ist auch die übrige Grabsymbolik: Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, trägt er wie einen Heiligenschein um das Haupt. Sie ist Hoffnungszeichen für die Wiederkehr des Lebens und seinen unendlichen Kreislauf. Die Sanduhr verweist auf das Verrinnen der Lebenszeit und mahnt, diese gut zu nutzen. Als Symbol für Todesschlaf und Wiedererwachen findet sich die Mohnkapsel auf diesem großzügigen Familiengrab.

Waldbauer
Waldbauer, Foto: Peter Schulze

(9) Waldbauer vormals Wehrhahn (von 1898) Diese Galvanoplastik ist die erste ihrer Art auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Trotz ihres Alters ist sie erstaunlich gut erhalten. Mit Anmut und Grazie segnet der Engel das Grab von seinem hohen Podest herab. Der Besucher ist dadurch gezwungen, zu ihm aufzublicken. Ursprünglich hielt die Hand eine Rose als Zeichen der Liebe.

Becken
Becken (Lage P 8) Foto: Lutz Rehkopf

Gleich gegenüber dieser großen Galvanoplastik ist übrigens ein erst vor wenigen Jahren aufgestellter lieblicher Engel aus weißem Gussmarmor auf der Grabstätte Becken (Lage P 8, 84-87) zu sehen.

Schrader
Schrader/Prediger, Foto: Peter Schulze

(10) Schrader/Prediger (von 1899): Viele Engel stammen von der Firma WMF, so auch dieser. WMF brachte einen Katalog heraus, in dem ihre Kunden den entsprechenden Friedhofsengel aussuchen konnten. Die Entwürfe gehen auf historische Vorbilder in der Malerei zurück. Man war allerdings bemüht, auf kleineren Friedhof nur ein einziges Exemplar von jeder Figur aufstellen zu lassen, um den Anschein der Individualität dieser industriell gefertigten Engel zu wahren. Leider hat der Engel auf dem Grabmal Schrader/Prediger inzwischen beide Flügel verloren.

Jonsson
Jonsson, Foto: Peter Schulze

(11) Jonsson, vormals Wieg (von 1915): Der etwas kleinere Engel segnet das Grab. Da er frei steht, fügt er sich in die Parklandschaft besonders gut ein. Die Inschrift "Auf Friedhofsdauer" entspricht allerdings nicht mehr den heutigen Gegebenheiten. Schon seit 1948 gibt es keine Nutzungsrechte mehr auf Friedhofsdauer.

Sans
Sans/Morini (Lage R 7) Foto: Peter Schulze

(12) Sans/Morini (Lage R 7, von 1935): Die Flügel dieses als Relief gebildeten Engels sind in das Kreuz eingepasst. Er schwebt herab und hält eine blühende Rose in der Hand. Seine strenge Form ist eine späte Erscheinung, denn die Kultur der Engelsgestalten auf den Friedhöfen neigt sich zur Zeit seiner Entstehung bereits dem Ende entgegen.

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