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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Von Engeln, Schmetterlingen und dem Übergang ins Jenseits

Nach dem Tod eines Menschen beginnt für dessen Seele – so lehren Mythologie, Volksglaube und Religion – eine beschwerliche Reise.

In der antiken Mythologie war es eine Reise mit vielen Stationen. Sie diente der Reinigung, Bestrafung oder Belohnung, kurz: der Vorbereitung auf ein neues Dasein. Dem setzte die christliche Religion den zielgerichteten Glauben an das abschließend urteilende Weltgericht entgegen. Auf ihrer gefahrvollen "Himmelfahrt" benötigte die Seele schützende Begleiter: die Engel. Dass die Seele fliegt, dokumentiert der Blick in die christliche Ikonographie. Die Seele wurde auf ihrem Flug zumeist als kleiner Mensch mit Flügeln dargestellt und von Engeln getragen.

In den monotheistischen Religionen sind Engel also Mittlerwesen zwischen Gott und den Menschen. Sie sind Boten, Wächter oder Schutzengel. Das "Lexikon der Christlichen Ikonographie" beschreibt sie als "von Gott geschaffene Wesen in nicht leibgebundener Geistigkeit". In der Bildenden Kunst erschienen sie bereits in frühchristlicher Zeit, zunächst flügellos und männlich. Später wurden sie mit Flügeln und als meist jugendliche Wesen dargestellt. In der Renaissance wurde der antike Putto – kleiner Knabe – zur engelhaften Figur und tauchte in den folgenden Jahrhunderten mit Flügeln, häufig nackt oder nur leicht bekleidet, als "Kinderengel" auf Grabmälern auf. Engel und Putten bildeten eine sepulkrale Tradition, die ihre Attraktivität auch in den folgenden Jahrhunderten, vom Barock bis ins bürgerliche Zeitalter hinein, nicht verlor.

Allerdings änderte sich in der Neuzeit das Umfeld. In der altgläubig-mittelalterlichen, also katholischen Lebenswelt, war der Tod noch nicht als unerbittliche, unabänderliche Grenze zwischen Diesseits und Jenseits erschienen. Dies hatte posthume Fürsorge von den Lebenden für die Verstorbenen erlaubt und eine reiche Symbolik des Weges ins Jenseits hervorgebracht. Der Protestantismus hingegen verneinte die tröstliche Vorstellung eines im Nachhinein erreichbaren Seelenfriedens – und schuf damit eine Art Vakuum. Für die sich dann im bürgerlichen Zeitalter entfaltende sepulkrale Symbolik war es von großer Bedeutung, dass sich Ende des 18. Jahrhunderts ein neues Bild vom Tod seine Bahn brach. Es war das sublimierte Bild eines "sanften" Todes. Es zeigte den Tod als verlöschendes Leben, sanftes Entschlummern und Hinübergleiten. Zu einem der typischen Symbole für Seelenflug und Weg ins Jenseits wurde nun – neben den Engeln – der Schmetterling. In der Antike ein Sinnbild für die den körperlichen Tod überlebende Seele (griechisch "psyche" = Seele), hatte er bis in die Neuzeit als Zeichen für Auferstehung und Unsterblichkeit überdauert.

Verden
Schmetterling auf Grabstätte von Maydel, 1790, Domfriedhof Verden (Foto: Norbert Fischer)

Der Klassizismus um 1800 griff auf diese antike Tradition zurück, der Schmetterling wurde zu einem populären Symbol der Grabmalkunst. Einige Zeugnisse dieses individuellen, "sanften" Hinübergleitens in eine andere Welt gerieten zu vielfach besuchten und bestaunten Attraktionen in der Welt des gebildeten Bürgertum. Ein berühmtes Beispiel ist das von Landolin Ohnmacht entworfene Marmorrelief für die früh verstorbene Hamburger Kaufmannsgattin Catharina Engelbach, auf dem ein Schmetterling über dem Haupt der schönen jungen Frau in die Höhe entschwindet (Kirchhof Hamburg-Hamm, 1795). Daneben verkörperten nach wie vor die in zahlreichen Varianten auftauchenden Engel das Hinübergleiten in eine andere Welt. In der Zeit um 1800 zeigten sie sich auf den Grabmälern als Todesboten und Wegbegleiter – auch sie repräsentierten nun das Bild vom sanften Tod. Nicht selten scheinen sie die Verstorbenen gut behütet in eine andere Welt zu tragen.

In der Zeit der Romantik wurde der Tod stark gefühlsbetont und als Möglichkeit einer höherstehenden, "wahren" Existenz verherrlicht – auch dies bedeutsam für die Bilder vom Weg ins Jenseits. Der Dichter Novalis bezeichnet den Tod in seinem 1802 erschienenen "Heinrich von Ofterdingen", einem der klassischen Werke der Frühromantik, als "höhere Offenbarung des Lebens". Überhaupt wurde der Tod im bürgerlichen Zeitalter des 19. Jahrhunderts als individuelle Grenzsituation zu höherer Weihe erhoben.

Wie kaum etwas anderes verkörperte die Kunst der Romantik diese Sehnsucht nach neuen mythologischen Erfahrungen. Ihre Bilder und Symbole offenbarten immer wieder Vorstellungen vom Unendlichen. Caspar David Friedrich schuf mit seinem unvollendet gebliebenen "Friedhofseingang" (um 1825) eine solche Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. Das Gemälde zeigt den Ort eines noch religiös gestimmten Naturerlebnisses und einer landschaftlichen Gotteserfahrung. "Der christliche Glaube von Tod, Erlösung, Auferstehung und Paradies ist nun eingebettet in eine Naturstimmung, die beseelt ist von einem organisch-progressiven Denken", schreibt Jörg Gehler in seiner Studie zu Caspar David Friedrichs Gemälde, die unter dem programmatischen Titel "Ein Blick in die Natur – Aussicht in die Ewigkeit" erschien.

Nun war der Übergang vom Diesseits ins Jenseits nicht mehr allein an christliche Vorstellungen gebunden. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hieß es in dem als Ur-Brockhaus bekannt gewordenen "Conversations-Lexikon" von 1809/11 unter dem Stichwort "Seelenwanderung": " … der Glaube, daß die Seele theils vor ihrer Verbindung mit dem menschlichen Körper in menschlichen oder thierischen Körpern gewesen sei, theils nach dem Tode des Menschen in ähnliche Körper kommen werde, hat von jeher außerordentlich viel Anhänger gefunden. Denn die eben angeführte Idee ist dem rohen Menschen sowohl als dem schon etwas gebildeten sehr natürlich, indem er sich auf der einen Seite überzeugt glaubt, daß ein geistiges Wesen seinen Körper belebe, auf der andern aber nicht begreifen kann, wie die menschliche Seele so viele und mannichfaltige Fähigkeiten bloß in der kurzen Zeit, als sie den gegenwärtigen Körper bewohnt, erlangt und zur Vollkommenheit gebracht haben könne. Zugleich dringt sich ihm aber der Wunsch, ewig fortzudauern, und mithin auch der Glaube an Unsterblichkeit des Geistes fast unwillkührlich auf: er wagt es, den Zustand desselben nach dem Tode zu erklären; und was ist nun wohl natürlicher, als daß er die Seele wieder in mancherlei Geschöpfe wandern läßt, zumahl da er nicht zu enträthseln vermag, wie die Seele nach dem Tode des unvollkommenen Körpers sogleich zu ihrer seligen Bestimmung gelangen könne." Übrigens war der Begriff "Jenseits" in seiner substantivierten Form damals noch gar nicht geläufig. Erst das Grimmsche Wörterbuch notierte den Begriff Mitte des 19. Jahrhunderts und verwies dabei als Beleg auf Todesanzeigen: "Unser guter vater ist zu einem bessern jenseits abgerufen."

Im späten 19. Jahrhundert schuf der Schweizer Maler Arnold Böcklin mit seinem berühmten Gemälde "Toteninsel" eine neue, ungemein populäre Bildformel für den Übergang zwischen Diesseits und Jenseits. Das Jenseits wird mit dem Verschwinden des Fluchtpunkts in einem unendlich tiefem Felsspalt angedeutet – und erscheint damit als dunkles Nichts. Keine christliche Jenseitshoffnung erscheint hier. Stattdessen zeigt sich die Übergangs- und Jenseits-Thematik in Form von weltlich-mythisch gestalteter Landschaft. Der Weg ins Jenseits ist eingebettet in die Kulisse arkadischer Gefilde, die als erhabene Landschaften im bürgerlichen Zeitalter zum Religionsersatz geworden waren und tröstende Emotionen boten.

Dass sich die Engel trotz aller Verweltlichung im 19. Jahrhundert als zählebig erwiesen, beweist ein Blick auf die Friedhöfe der Kaiserreich-Epoche. Wie Claudia Bei der Wieden in ihrem Buch "Erinnerungszeichen" feststellt, gab es eine regelrechte Renaissance der Engel auf den Friedhöfen. Wörtlich schreibt sie: "Im 19. Jahrhundert erleben Engeltypen wie die frühchristlichen weißgewandeten Männerengel ohne Flügel eine Wiedergeburt; auf den Friedhöfen dominieren europaweit vermenschlichte Engel, natürlich mit dekorativen Flügeln. Daß namentlich Kindergräber Grabengel aufweisen, geht wesentlich auf den damals verbreiteten Schutzengelglauben zurück. Außerdem tröstete die Angehörigen die Vorstellung, das tote Kind werde zu einem Engel. … Es ist ganz eindeutig, daß die Himmelswesen während des 19. Jahrhunderts am häufigsten die Friedhöfe bevölkerten. Ihre Scharen – reliefiert oder skulptiert – lassen sich folgendermaßen gruppieren: Erstens in Engel mit Posaunen, die dem Jüngsten Gericht assistieren; zweitens solche mit Palmwedel und/oder Kreuz; drittens in Anbetung versunkene; viertens theatralisch zum Himmel weisende und damit trostspendende; fünftens Schutzengel." Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg bilden die Engel – neben der "Trauernden" – die mit Abstand größte Gruppe unter den figürlichen Grabmälern.

Auch die Ende des 19. Jahrhunderts erscheinende 14. Auflage von Brockhaus’ Enzyklopädie enthielt einen relativ ausführlichen Eintrag über "Engel". Sie beschrieb den Wandel, der sich in den Vorstellungen von den Engeln im Laufe der Neuzeit vollzogen hatte: "Während die Reformation nur die Engelverehrung als abgöttisch wieder beseitigt hatte, ist das moderne Bewußtsein mit der Vorstellung endlicher und doch rein geistiger höherer Wesen immer tiefer zerfallen." Die Theologie jener Epoche sah demnach die Engel nurmehr als "poetische Personifikation der im natürlichen wie im geistigen Leben wirksamen schöpferischen Kräfte, die in ihrer Vereinzelung aufgefaßten Erscheinungsformen der das All durchwaltenden göttlichen Geistesmacht".

Dresden
Galvano-Engel von 1910, Dresden, Trinitatis-Friedhof (Foto: Norbert Fischer)

Die Engel waren im späten 19. Jahrhundert ihres engeren biblischen Bezuges längst entkleidet und zur Verkörperung des Reinen und Schönen geworden. Sie stellten einen Kontrast dar zur als "schmutzig" empfundenen Welt der Industrialisierung und Urbanisierung. Neben Marmor, Bronze und anderen "vornehmen" Materialien wurden die Engel nicht zuletzt als so genannte Galvanoplastiken industriell produziert – zumeist von der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF). Diese relativ preiswerten Galvano-Engel, die insbesondere den bürgerlichen Mittelschichten und dem Kleinbürgertum einen repräsentativ-figürlichen Grabschmuck ermöglichten, bevölkerten die städtischen Friedhöfe in der Zeit um 1900 fast überall.

Im frühen 20. Jahrhundert dann verloren sich diese stimmungsgetönten, sanften Übergänge ins Jenseits, wie sie die Engelsfiguren verkörperten. Mag sein, dass der Erste Weltkrieg mit seinem Massensterben allen romantischen Vorstellungen und Sehnsüchten vom Jenseits die Grundlage entzog. In den Schützengräben starben nicht nur Millionen von Menschen, sondern auch die Bilderwelten des bürgerlichen Zeitalters. Rainer Maria Rilke konnte 1922 lakonisch vermerken: "Welcher Wahnsinn, uns nach einem Jenseits abzulenken … … Wird der Tod wirklich durchsichtiger durch die hinter ihn verschleppten Lichtquellen?"

Heutzutage stoßen die Engel als tröstende Beschützer und Begleiter wieder auf großes Interesse. Sogar die einst von der Friedhofs- und Grabmalreform als "Kitsch" verschmähten Galvanoplastiken werden wieder sorgfältig restauriert und museal aufgestellt. Als historische Zeugnisse finden sie die Aufmerksamkeit jener Menschen, die sich die alten städtischen Friedhöfe als riesige Freilichtmuseen vergangener Epochen erobern. Vielleicht ist dies nicht zuletzt ein Zeichen, dass man immer noch nach der Antwort auf die Frage sucht, was eigentlich nach dem Tode kommt…

Erstveröffentlichung in "Ewig - Zeitschrift für Gedenkkultur", Heft 3/2005

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