OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die neue Masche: Baum und Asche

 - Februar 2004
Ausgabe: 
Nr. 84, I, 2004

Stimmungsvoll, das vom Fernsehen begleitete Meeting im Wald: Ein Streichquartett spielt Mozart, unter einem Baldachin aus weißer Kunststofffolie warten erlesene Häppchen und kühle Getränke darauf, ihrer Bestimmung zugeführt zu werden. Etwa 20 Personen in gehobener Garderobe lauschen den Klängen, vereinzelt sind Taschentücher in den Gesichtern zu sehen.

Schwenk der Kamera auf ein etwa knietiefes Erdloch, mit Blumen geschmückt. Darin wird ein Gefäß, eine Urne sichtbar. Abseits des Geschehens wartet ein Förster mit Spaten in der Hand. Er wird das Loch zu verfüllen haben.

Ort und Anlass des Films: Eine Beisetzung im Friedwald im hessischen Michelstadt. Die Asche wird dem Willen des Verstorbenen oder seiner Angehörigen gemäß am Fuße eines mächtigen Baumes beigesetzt. Die Urne soll sich in kurzer Frist im Erdreich auflösen, ihr Inhalt im Baum auf- und eingehen und damit ein Symbol für eine wie auch immer erwartete Existenz nach dem Tode werden. Für 99 Jahre, so die garantierte Ruhezeit dieses Baumgrabes.

Das aber ist mehr als fraglich. Denn auch Bäume sind Lebewesen mit Daseinsbegrenzung. Auch sie können, was ja nicht selten ist, an Gesundheit einbüßen und dann eine Gefahr für Besucher des gesetzlich und grundsätzlich frei zugänglichen Waldes werden, gleichgültig, ob Privat-, Kommunal- oder Staatsforst. Dessen Hüter, Heger und Pfleger werden möglicherweise also weit vor Ablauf der garantierten Ruhefrist zur Säge greifen müssen. Und niemand kann auf derart lange Frist eine Garantie dafür geben, dass Naturereignisse wie Stürme oder Orkane sich nicht die hochragenden Baumkronen als Opfer suchen, so dass von dem stolzen Gewächs nur noch ein Fragment bleibt.

Auch stellt sich die Frage, wer von den möglichen Nachkommen im Laufe nahezu eines Jahrhunderts überhaupt noch die Stätte dieses Grabes wird finden können. Das fiele, Umfragen unter den Teilnehmern des Waldbegräbnisses zufolge, einigen Trauergästen schon derzeit schwer.

Und überhaupt: Ein Friedhof ist ein eingefriedetes, überschaubares, behütetes und betreutes Areal. Was aber ist dann ein Friedwald?

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