OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Kremation im internationalen Kontext und am Beispiel Frankreichs

 - November 2003
Ausgabe: 
Nr. 83, IV, 2003

Betrachtet man anlässlich des 125. Geburtstags der modernen Feuerbestattung die Entwicklung der Kremation in Deutschland und die Zahlen in Hamburg (2002 kamen bei den Hamburger Friedhöfen 14 559 Kremationen auf 8 214 Erdbestattungen), so kann man neugierig werden, wie es wohl in anderen Ländern Europas und in der Welt aussehen mag.

Seit wann gibt es dort Krematorien, wie wichtig bzw. umstritten sind Feuerbestattungen, wie verhalten sie sich prozentual im Vergleich zu herkömmlichen Erdbestattungen? Und welche Faktoren beeinflussen die unterschiedlichen Entwicklungen und Ergebnisse?

Kremation, im alten Testament erwähnt, war in der neolithischen Vorgeschichte (6000 bis 2000 v. Chr.) und auch in der Antike verbreitet. Mit dem Christentum verschwand sie in Europa, zunächst allmählich, dann, nach dem im Jahre 789 unter Strafandrohung ausgesprochenen Verbot der Feuerbestattung durch Karl den Großen, vollständig. Der Gedanke tauchte im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung wieder auf, und vermehrt nach der französischen Revolution, als im 19. Jahrhundert die technischen Fortschritte eine industrielle Abwicklung der Einäscherung erlaubten. Die Gegner formierten sich mehrheitlich in den kirchlichen Kreisen aller Konfessionen; die Anhänger führten vor allem hygienische, ökonomische und ästhetische Gründe gegen die bisherige Bestattungsart ins Feld. So war es zum Beispiel der Chirurg von Queen Victoria Sir Henry Thompson, der in England Pionier der Feuerbestattungs-Idee wurde; nachdem er die technische Einrichtung von Prof. Brunetti aus Padua bei der Wiener Ausstellung von 1873 gesehen hatte, gründete er 1874 "The Cremation Society of England". Im selben Jahr entstand in Zürich der erste Verein für Feuerbestattung in der Schweiz. Und das erste europäische Krematorium eröffnete seinen Betrieb 1876 in Mailand.

Nach einem Hygiene-Kongress in Turin im Jahre 1880 folgte Frankreich dem Beispiel der Nachbarländer Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz, indem es die "Société pour la propagation de la crémation" gründete. Bei der ersten Versammlung dieses Vereins am 10. Dezember 1881 war u.a. Alfred Nobel anwesend, der zu dieser Zeit in Paris wohnte und später den "anderen Weg" für sich selber wählte, wie auch viele bekannte Persönlichkeiten, Wissenschaftler wie Robert Koch, Albert Einstein, Henri Dunant; Schriftsteller wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir; Künstler wie Jean Gabin, Cary Grant, Maria Callas, Greta Garbo oder Ingrid Bergman.

Einige der wichtigsten Bedingungen zur Verbreitung des Kremations-Gedankens in Europa seien hier erwähnt. Notwendig war zuerst eine offizielle Gesetzgebung: In England wurde die Kremation erstmals 1884 in Cardiff gesetzlich erwähnt, 1902 folgte ein "Act of Parliament". Mit dem Erlass über Einäscherung vom 27. April 1889 wurde auch in Frankreich das erste Krematorium (Père Lachaise in Paris) in Betrieb genommen, andere Städte kamen dann nach und nach dazu: Rouen 1899, Marseille 1907, Lyon 1914, Strasbourg 1922. In Deutschland bedeutete das Feuerbestattungsgesetz von 1934 einen weiteren Durchbruch für die rechtliche Gleichstellung der beiden Bestattungsformen.

Ganz besonders entscheidend für die Akzeptanz der Feuerbestattung war in ihren Anfängen die Rolle der Kirchen. Während die evangelischen Kirchen insgesamt zögerlich aber toleranter eingestellt waren, verbot die katholische Kirche 1886 - unter Androhung der Exkommunizierung - ausdrücklich die Verbrennung der Toten, weil ihr diese mit dem Glauben an die Auferstehung der Toten unvereinbar schien. Erst 1963 wurde das Kremationsverbot aufgehoben, seit 1966 dürfen katholische Priester bei Kremationen die Trauerzeremonien durchführen.

Nennenswert sind natürlich die politisch gewollten geringeren Kosten der modernen Feuerbestattungen; besonders innerhalb der Arbeiterbewegungen - und dies vermehrt nach dem ersten Weltkrieg - fanden die Krematisten zahlreiche Anhänger. Gleichfalls von Bedeutung für die historische Entwicklung der Feuerbestattung ist die Entstehung von Vereinen gewesen: So in der Schweiz, wo viele im Besitz privater Organisationen befindliche Krematorien sich im 1916 gegründeten Schweizer Verband für Feuerbestattung zusammenschlossen. In Frankreich blieb der erste Verein 50 Jahre lang kaum wirksam, bis er 1930 mit zwei anderen eine "Fédération Nationale des Sociétés Françaises de Crémation" gründete; diese wurde 1972 in die "Fédération Française de Crémation" umbenannt und zählt heute 170 einzelne Vereine mit 100 000 Mitgliedern. Erst mit der offensiven Tätigkeit dieser Föderation (im Mai 2003 fand ihr 39. Kongress in Le Mans statt) ist die rasche und stetige Entwicklung der Feuerbestattung in Frankreich viel deutlicher geworden.

Die Auswirkungen dieser verschiedenen Faktoren lesen sich beispielhaft an den nationalen Statistiken der "Cremation Society of Great Britain" für den Zeitraum 1885 bis 2001: Die Zahl der britischen Krematorien - bis 1930 gab es weniger als 20, 1956 um die 100 - erlebte den größten Aufschwung in den 60er-Jahren: Damals kletterte die Anzahl von 148 (1960) auf 206 (1970) und lag 2001 bei 243. Der Prozentsatz der Kremationen wuchs entsprechend von 34,7% im Jahre 1960 auf 55,4% (1970) und liegt 2000 bei etwa 70,9%.

Ein Blick auf die internationalen Statistiken, die durch die gleiche britische Quelle im Internet zu finden sind, zeigt noch einige interessante Merkmale, auch wenn viele Länder bei diesen "International Cremation Statistics 2000" aus unterschiedlichen Gründen fehlen. So fehlen zum Beispiel Angaben zu den meisten Ostblockländern oder anderen Ländern, in denen solche Statistiken nicht vorhanden bzw. ermittelt sind, auch weil einige Religionen - vor allem die Moslems, aber auch die griechischen, jüdischen und russischen Orthodoxen, die Parsen und die Anhänger des Zoroastrianismus - die Feuerbestattung verbieten.

Die meisten Krematorien befinden sich in Japan (1 625), den USA (1 468) und China (1 380). Den höchsten Prozentsatz an Kremationen (95 bis 99% aller Bestattungen je nach Quelle) weist ebenfalls Japan auf, was sich sowohl durch die hohe Bevölkerungsdichte als auch durch die Hauptreligionen Buddhismus und Shintoismus erklärt, die beide von der Mehrheit gleichzeitig praktiziert werden. Hongkong folgt - aus Platzgründen - mit 79,76% nach; China dagegen kommt erst mit Abstand hinterher (46%), die USA weit danach (etwa 26%).

Aus den vorher erwähnten historischen Gründen liegen die Länder, die neben den bereits genannten den höchsten Prozentsatz erzielen, hauptsächlich im nördlichen Europa (bzw. östlichen, wie Tschechien mit 75,94% aller Bestattungen): so die Schweiz (72,17%), Dänemark (71,78%), Großbritannien (70,93%) und Schweden (69,54%). Entsprechend sinken die Anteile an Kremationen in der geographisch entgegengesetzten Richtung, d.h., je südlicher die Länder liegen bzw. je mehr sie vom Katholizismus geprägt sind - und das, obwohl in fast allen Ländern Europas die Tendenz der letzten Jahre insgesamt ansteigend ist.

So zählt Österreich nur 21,99% Feuerbestattungen, Frankreich 17,43%, Portugal 16,43%, Spanien 13,69%, Irland 5,50% oder Italien 5,28%. Verständlicherweise liegen Länder mit unterschiedlichen Glaubens- und Traditionsmehrheiten und starkem Nord-Süd-Gefälle dazwischen: In Deutschland kann die Angabe über 40,10% im Jahre 1999 nur eine Durchschnittszahl sein; genauso vorsichtig muss man mit den britischen Ergebnissen umgehen, die 2000 in England und Wales mit 74,37% höher als in Schottland (59,80%) oder Nord-Irland (15%) sind.

Nicht zu vernachlässigen sind dabei die großen Unterschiede zwischen den Gewohnheiten und Weltanschauungen von Stadt- und Landbevölkerung, die, ausgehend von nationalen Durchschnittsangaben, nur schwer zurückzuverfolgen sind. In der Schweiz zum Beispiel nahm im 20. Jahrhundert der Anteil an Kremationen in den Bestattungen kontinuierlich zu; um 1980 überschritt er im ganzen Land 50%, in den großen Städten lag er am Ende der 1990er-Jahre bei 90%. Die Aufhebung des Kremationsverbots von 1963 durch die katholische Kirche hat wesentlich dazu beigetragen, ein weiterer Grund liegt darin, dass auf den meisten Friedhöfen in einem Einzelgrab kein zweiter Sarg, wohl aber weitere Urnen beigesetzt werden dürfen.

Ein Beispiel aus England, wo die Kremation seit den 60er-Jahren enorm zugenommen hat, zeigt dagegen wie wenig Akzeptanz sie noch bei der Landbevölkerung findet. Eine Stunde nordöstlich von London liegt in kleines 300-Seelen-Dorf namens Arkesden (Essex) mit seiner Kirche aus dem 14. Jahrhundert; dicht an der Außenmauer - in dem Kirchhof mit Grabsteinen aus verschiedenen Zeiten - gibt es neuerdings eine kleine Fläche von ca. 6 m2 mit einem Dutzend flacher, tief im Gras liegender Täfelchen; dieser "Garden of Remembrance for Cremation Remains" ist allerdings nur ein Erinnerungsgarten mit Namen, doch ohne Aschen.

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Garden of Remembrance for Cremation Remains in Arkesden / Essex (Foto: Behrens)

Auch der mit knapp 60% hohe Anteil an Feuerbestattungen in Hamburg (über 70% in Ohlsdorf) lässt sich durch eine solche Mischung mehrerer Faktoren erklären: Auch hier gibt es historische Gründe (ein erstes Krematorium wurde nach der Choleraepidemie von 1892 errichtet), geographische (Bedingungen einer Hafenstadt bzw. einer Stadt in Norddeutschland), religiöse (eher protestantische Bevölkerung) sowie psychologische und dazu zählt sicherlich die Mentalität freier und hanseatischer Bürger.

Der Blick auf diese unterschiedlichen Faktoren lässt auch besser verstehen, warum sich die Feuerbestattung in Frankreich im Vergleich zu Deutschland erst viel später entwickelt hat und weshalb der Anteil auch heute noch weniger als die Hälfte der Bestattungen ausmacht und das, obwohl die historische Entwicklung beider Länder diesbezüglich, von wenigen Verzögerungen abgesehen, anfangs in etwa vergleichbar war. Am Entscheidendsten war sicherlich in einem Land mit katholischer Mehrheit das päpstliche Kremationsverbot von 1886. Nicht unwesentlich aber ist nach dem zweiten Weltkrieg auch der lange anhaltende negative Ruf der Krematorien, die aufgrund trauriger Erfahrungen allzu leicht mit der Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus verknüpft wurden. Diese beiden Hauptfaktoren können erklären, warum die Statistiken der Fédération Française de Crémation erst seit 25 Jahren bewertet werden und praktisch bei Null anfangen: 1979 noch unter 5 000 Kremationen pro Jahr, 1983 über 10 000, 2001 das zehnfache, und 2002 schließlich 109 467.

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Entwicklung der Feuerbestattung in Frankreich von 1979 bis 2002 (Graphik: www.cremation-France-ffc.com)

Im Juli 2003 zählte die Föderation in Frankreich 104 Krematorien in Betrieb (die meisten erst seit den 90er-Jahren, 26 seit 2000) und noch dazu 36 im Bau bzw. in Planung. Heute wählt ein Fünftel der Franzosen die Feuerbestattung, jeder zweite denkt darüber nach. Der "Boom" der letzten Jahre in Sachen Kremation erklärt sich auch dadurch, dass in Frankreich wie in Europa die meisten städtischen Friedhöfe überfüllt sind und neue Lösungen gesucht werden müssen. Das Motto der französischen Föderation heißt nicht zufällig: "La Terre aux Vivants" (Die Erde den Lebenden).

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Kolumbarium in Bordeaux-Mérignac (Foto: Behrens)

Dies soll jetzt am Beispiel Aquitaniens in Süd-West-Frankreich konkreter werden, wo 1982 in Mérignac bei Bordeaux das erste Krematorium in Betrieb genommen wurde. Inzwischen gibt es sechs in der gesamten Region, zwei kommen bald hinzu, die Zahl der Kremationen nimmt rasant zu. Diese späte Entwicklung hat hier etwas Merkwürdiges: Zur Römerzeit war die Feuerbestattung so verbreitet, dass eine im Nord-Westen des damaligen Burdigala gelegene Nekropole (die mit ca. 13 Hektar größte der damaligen fünf der Stadt) sogar den Namen "Terre Nègre" - die durch Aschen geschwärzte Erde - erhielt. Die enorme Zahl an ausgegrabenen Aschenurnen aus dieser Zeit (1.-2. Jh.) beweist, dass die Feuerbestattung damals viel bedeutender als die Erdbestattung gewesen ist. Heute besitzt die Kommune von Bordeaux drei Nekropolen ohne jede Expansionsmöglichkeit inmitten eines dichtbesiedelten Gebiets. Nachdem die Stadt sich 1968 mit ihren Vororten in eine "Communauté Urbaine de Bordeaux" zusammengeschlossen hat (die "CUB" ist mit 27 Kommunen und 660 000 Einwohnern die sechstgrößte Metropole Frankreichs), wurden außerhalb des Zentrums 1977 in Artigues und 1982 in Mérignac zwei neue interkommunale Park-Friedhöfe gegründet, um der Überfüllung der kommunalen Friedhöfe entgegenzuwirken. Die Statistiken der Kremationen im "Parc cimetière Crématorium" von Bordeaux-Mérignac (seine 64 Hektar erstrecken sich eigentlich über zwei Kommunen, Mérignac und Pessac) sollen bei 20 bis 25% liegen.

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Kolumbarium in Bordeaus-Artigues (Foto: Behrens)

Außerhalb der Großstadt, in den Dörfern und auf dem Lande beobachtet man allerdings dieselbe Diskrepanz wie oben bereits erwähnt: Die Erdbestattung bleibt die übliche Bestattungsform. Aber Kolumbarien sind tatsächlich auf dem Vormarsch. An der Bucht von Arcachon besitzt der neue Friedhof von Andernos-les-Bains vier kleine Einheiten à je zehn Urnen.

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Kolumbarium auf dem Friedhof von Andernos-les-Bains (Foto: Behrens)

Und auf halbem Wege zur Halbinsel Cap Ferret, liegt, im Kiefernwald verloren, ein kleiner Friedhof (Les Jacquets), dessen Fläche gerade verdoppelt wurde; neue geteerte Hauptachsen auf Dünensand mit wilden Immortellen überqueren die noch leere Hälfte - aber das Kolumbarium steht schon mit 24 teilweise besetzten Plätzen.

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Kolumbarium auf dem Friedhof Les Jacquets (Foto: Behrens)

Beim Thema "Urne im Wohnzimmer?" (Ohlsdorf - Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 81) und nach den vielen Diskussionen der letzten Monate in Deutschland (wie im Hamburger Abendblatt vom 26.8.2003, S. 5, "Darf die Urne bald ins Bücherregal") mag ein Blick auf das Bestattungsgesetz in Frankreich überraschen.

In Bordeaux-Mérignac beispielsweise wird die Aschenurne nach der Kremation grundsätzlich an die Familie übergeben, die dann mehrere Möglichkeiten zur Auswahl hat: Die Asche kann am Ort verstreut, begraben oder ins Kolumbarium gegeben werden. Sie darf aber auch zu einem anderen Friedhof, zu einem privaten Grundstück oder anderswohin mitgenommen werden, um dort begraben bzw. aufgestellt zu werden. Auch darf die Asche außerhalb des Park-Friedhofs verstreut werden (innerhalb des Parks sind dafür bestimmte Zonen vorgesehen). Vom Gesetz verboten ist lediglich eine Verstreuung auf öffentlichen Wegen.

Verblüffend sind in diesem Sinne die Statistiken für ganz Frankreich: Nur 2% der Aschen werden begraben, nur 7% kommen in ein Kolumbarium, 20% werden verstreut, und der Rest - 71% - bleibt bei den Familien.

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Statistik über den Verbleib der Kremations-Aschen in Frankreich (Graphik: www.cremation-France-ffc.com)

So kann es durchaus geschehen, dass eine Witwe die Urne ihres Mannes im Kleiderschrank aufbewahrt, um diese erst nach ihrem Tod, gemeinsam mit ihrer eigenen Asche, im fast überfüllten Familiengrab bestatten zu lassen. Nun, hier mag man den französischen Ausspruch gelten lassen, der da besagt: Chacun à sa façon!

Quellen:
Hamburg Lexikon, Zeiseverlag, 1998
Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur, Thalacker Medien, 2002
B. Prevot, M. Lasserre, Chants des Morts, Guide des Cimetières de Bordeaux (o. A.)
www.wikipedia.org/wiki/Cremation
www.srgw.demon.co.uk
www.snl.ch
www.bordeaux-metropole.com
www.cremation-France-ffc.com

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