OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Islamische Bestattungskultur zwischen Tradition und Anpassung

 - Mai 2003
Ausgabe: 
Nr. 81, II, 2003

Islamische Friedhöfe sind noch nicht sehr verbreitet in Europa. Wieso eigentlich, wenn seit Jahrzehnten und Generationen doch sehr viele Muslime unter uns leben?

So hält Frankreich den ersten Platz mit fünf Millionen von 57 Millionen Einwohnern, überwiegend aus Nordafrika, und auch in Deutschland gibt es rund drei Millionen Muslime, davon etwa zwei Millionen Türken (der Islam ist die dritte Religion in diesem Lande).

Zwar haben die Muslime in beiden Ländern unterschiedliche Vorgeschichten. Die Kolonialmacht Frankreich holte Arbeitskräfte aus dem Maghreb schon Anfang des 20. Jahrhunderts, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, während in Deutschland die willkommenen "Gastarbeiter" aus der Türkei erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den 60er Jahren kamen. Die französischen Muslime haben sich seitdem weitgehend ihrem verweltlichten Adoptivland angepasst und sich wie die Franzosen dem religiösen Einfluss entzogen; lediglich 10 % von ihnen gehen in die Moschee - die erste wurde 1929 in Paris gebaut. In Frankreich zählt man heute rund 1.600 Moscheen und Gebetsräume, meistens kleiner als 30 m2; im Vergleich dazu sind es in Deutschland 2.000 - darunter 100 allein in der Stadt Köln, die mit 70.000 Muslimen die höchste Konzentration aufweist, während Berlin die größte türkische Stadt außerhalb der Türkei ist.

In einem Punkt gehen die beiden Nachbarländer jedoch d'accord: Trotz der Integrationsversuche in Frankreich und der Tatsache, dass Muslime seit Generationen dort wohnen, lassen sich immer noch viele in ihre alte Heimat überführen, weil sie nur dort ihrer Bestattungskultur gerecht werden können. Und diesen Wunsch teilen sie mit ihren Religionsbrüdern aus Deutschland, die - im Gegensatz zu Frankreich - eher toleriert als integriert werden und z.B. oft ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit in der dritten Generation behalten haben. Auch in Deutschland wird derzeit noch die überwältigende Mehrheit aller Türken, die hier sterben, unter großen finanziellen Belastungen (und entgegen der Vorschrift einer umgehenden Bestattung) in die Heimat ausgeflogen - obgleich oft niemand mehr dort ist, der die Gräber noch pflegen oder besuchen würde; und obwohl sie oft lieber hier bei uns beerdigt werden möchten, wo ihre Kinder und Enkel sind, wo sie vielleicht 30 Jahre gelebt und auch eine Heimat gefunden haben.

Mittlerweile setzt sich sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche dafür ein, dass den Muslimen eigene Friedhöfe oder besondere Grabfelder zur Verfügung gestellt werden. Und seit einigen Jahren findet man in Deutschland immer mehr Friedhöfe mit islamischen Grabfeldern. Einige Beispiele seien hier genannt: In Berlin der älteste türkische Friedhof von 1866 am Neuköllner Columbiadamm und seit 1988 der Landschaftsfriedhof Gatow (wo mehr als die Hälfte der hier Begrabenen Kinder sind); in Marburg die Abteilung für Muslime auf dem städtischen Friedhof und in Karlsruhe das muslimische Gräberfeld auf dem Hauptfriedhof; außerdem in den Städten Paderborn, Saarbrücken, Kiel und Lübeck (in Planung). Im Nachbarland Österreich errichtet Wien in diesem Jahr einen islamischen Friedhof für 2.800 Gräber in Liesing (mit 105.000 Mitgliedern ist hier der Islam nach der katholischen Kirche die zweitgrößte rechtlich anerkannte Glaubensgemeinschaft). Selbstverständlich gibt es dort islamische Bestattungsinstitute - wie auch in Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Essen (2), Frankfurt am Main (6), Paderborn/Bielefeld, Köln und Hamburg. So zählt zum Beispiel einer der beiden wichtigsten Bestatter der Hansestadt im Durchschnitt 5 bis 15 Überführungen und 5 bis 10 Beisetzungen monatlich. Jährlich finden aus Hamburg rund 200 Überführungen in die Türkei statt, dazu etwa 50 in den Iran, etwa eben so viele nach Nordafrika und nur 1% nach Afghanistan, wohin es kaum Flugmöglichkeiten gibt; eine Überführung nach Istanbul kostet um die 1.500 bis 2.500 €, eine Beisetzung hier 2.000 bis 3.000 €.

Das älteste Grabfeld der iranisch-islamischen Gemeinde in Hamburg stammt von 1941 und befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof, der bis 1999 eine Belegung von etwa 100 Gräbern nachweist (allerdings wurden hier nur wenige Bestattungen durchgeführt, da lange kein Raum für rituelle Waschungen zur Verfügung stand). Der Öjendorfer Friedhof hat 1978 als erster Friedhof in der Hansestadt die Möglichkeiten verbessert, Bestattungen entsprechend den islamischen Riten vornehmen zu können. Bis Ende 2002 sind dort über 1.000 muslimische Beisetzungen vorgenommen worden, in Ohlsdorf waren es 250; auch auf dem Bergedorfer Friedhof werden bald solche Beisetzungen möglich sein.

Trotz der Öffnung des Bestattungsrechts in Deutschland erfolgt diese Annäherung der unterschiedlichen Kulturen jedoch nicht ohne Einbußen der Tradition. Anders als bei Geburt und Hochzeit liefert nämlich das islamische Gesetz zahlreiche Vorschriften für die ordnungsgemäße Abwicklung im Todesfall, so dass die Variationsbreite der Bräuche bei der Behandlung des Toten nicht sonderlich groß ist (wohl aber bei jenen Zeremonien, die den Trauernden den Abschied vom Toten, den Verlust eines Mitglieds und den Schrecken des Todes zu ertragen helfen).

So sind nur Erdbestattungen erlaubt, und dies nur auf einem Grabfeld unter anderen Muslimen. Zu den Vorschriften und religiösen Pflichten gehören die rituellen Waschungen, in der Regel von den nächsten Verwandten (eine Frau wäscht eine Frau, ein Mann einen Mann); das Einhüllen in die vorgeschriebenen Leichentücher, weiße Leinen- oder Baumwolltücher, als Symbol dafür, dass die Toten ganz Gott gehören; die Verrichtung des rituellen Totengebets; die Ausrichtung der Grabanlage nach Südosten gen Mekka; die Bestattung des Leichnams liegend auf der rechten Körperseite, Kopf nach Westen, Füße nach Osten, das Gesicht in Richtung Kaaba; die Absolvierung der Bestattung eines Toten so schnell wie möglich, in einem Zeitraum von 24 Stunden, spätestens 48 bis 96 Stunden; sowie, auch eines der Hauptprobleme, die Gewährleistung des ewigen Ruherechts.

Das Gebot der ewigen Totenruhe stößt auf kommunalen Friedhöfen schon auf Grund des Flächenbedarfs an Grenzen. In der Regel wird sie nicht gewährt, üblich ist eine Totenruhe von einem Jahrzehnt. In Karlsruhe und Berlin sind es 20 Jahre, 25 in Hamburg, bei Wahlgräbern oft noch mehrmalig verlängerbar. Aber in Saarbrücken zum Beispiel wird das ewige Ruherecht nicht gewährt, da das Nutzungsrecht für ein Reihengrab 20 Jahre und für ein Kindergrab 15 Jahre beträgt und nicht verlängerbar ist.

Die sarglose Bestattung ist in Aachen und Essen erlaubt, in Hamburg verabschiedete der Senat eine Änderung der Bestattungsverordnung auch in diesem Sinne, in Berlin jedoch werden die in Tücher gewickelten Toten zusätzlich in schlichte Särge aus unbehandeltem Leichtholz gelegt. Tatsächlich aber stellt man fest, dass diese Vorschrift nicht mehr so wichtig genommen wird. Von den in Hamburg rund 350 muslimischen Beisetzungen, die seit Aufhebung der Sargpflicht (Februar 1998) auf dem Öjendorfer Friedhof stattgefunden haben, wurden rund 40 ohne Sarg bestattet; nur etwa jede zehnte muslimische Beisetzung nimmt das Angebot wahr und erfolgt im Tuch. Auf dem Öjendorfer Friedhof ist der Raum für die rituellen Waschungen im Krematorium angesiedelt, in Ohlsdorf gibt es seit einigen Jahren einen speziellen Raum dafür in der Kapelle 11, der schätzungsweise nur vor jeder zweiten muslimischen Bestattung genutzt wird: Ob die Totenwaschung woanders stattfindet oder auch an Bedeutung verliert?

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"Tuareg-Gräber bei Honadi / Süd-Sahara in Algerien" (Foto: Behrens)

Von großer Schlichtheit sind die meisten Friedhöfe in den arabischen Ländern, wo der Islam entstanden ist - die aber heute nur noch 20 % der islamischen Welt (1,2 Milliarde Muslime, hauptsächlich in Indonesien und Südostasien) ausmachen.

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"Gräberfeld im Wadi Rum / Jordanien" (Foto: Behrens)

Manfred Gerner stellt unter anderem in seinem Buch "Friedhofskultur" den Friedhof des Fahnenträgers des Propheten am Goldenen Horn in Istanbul Eyüp vor, der durch seine Geschichte, seine Gräber und die Größe der Grabfelder außergewöhnlich ist, und schreibt dazu:

"Ginge es nach Mohammed, so gäbe es so feudale Friedhöfe wie in Eyüp nicht. Der Prophet hat weder den Bau von Moscheen gefordert, noch den Bau von Gräbern und Mausoleen. Grabmäler hat er zwar nicht verboten, aber allenfalls geduldet. Das beste Grab ist das Grab, das man nicht sieht, soll er geäußert haben. Die kaum sichtbaren Grabhügel ohne Steine oder nur mit einem kleinem Feldstein markieren viele arabische Friedhöfe - hier wäre das Wort Leichenacker besser angebracht - und zeigen, dass man zum Teil streng auf Mohammeds Äußerungen hält. In vielen Ländern, wie der Türkei und Persien, überging man aber schon vor Jahrhunderten Mohammeds Gesetze und Verbote, und die Nachkommen setzten ihren Toten Denkmäler. Bedeutende Grabtürben, Mausoleen und große Anlagen, wie die von Eyüp, in der gesamten muselmanischen Welt bezeugen dies."

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"Islamischer Friedhof von Salé nördlich von Rabat / Marokko" (Foto: Behrens)

Gute Beispiele für schlichte Anlagen findet man bei den Wüstenfriedhöfen Nordafrikas (aus Steinen und vorhandenem Material, d.h. eventuell Scherben, Keramik, Konservendosen) am Rande der Sahara sowie in der Hadramaut im Jemen (Lehm), oder am Wadi Rum in Jordanien (Beton-Klötze). Eine für uns fremde Einstellung zu den Toten zeigt vielleicht ganz gut der Friedhof von Salé (Marokko) nördlich von Rabat, der als Spielplatz und Treffpunkt dient. Ob trotz allem Respekt zu den Toten diese Gelassenheit auch eine Erklärung für die bewohnten Friedhöfe von Kairo sein könnte? Die mit vielleicht 16 (?) Millionen Einwohnern größte Stadt Nordafrikas und Metropole der arabischen Welt leidet so sehr an Wohnungsnot, dass sich von den insgesamt fünf Squattersiedlungen mit schätzungsweise zwei Millionen Menschen zwei an Friedhöfen und jeweils zwei in Nilnähe und eine östlich von Kairo in der Wüste angesiedelt haben. Schon 1980 berichtete ein Merian-Heft "Ägypten" über die Not der Obdachlosen, die "größer als die Furcht vor den Geistern" ist und von deren Wohngruften in der Totenstadt, die sie illegal an das städtische Wasser- und Stromnetz angeschlossen haben - mit Kühlschränken, Waschmaschinen und Fernsehantennen. Eine ganz besondere Weise der Anpassung!

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"Islamische Grabstätte in Ohlsdorf (Bo 72)" (Foto: Behrens)

Zurück aber zu den islamischen Friedhöfen in Europa. Bedeutsam bleibt auch noch für viele Muslime die schlichte Anlage der Grabstätte. Ein Muslim aus Jordanien erklärte, dass die Seele eigentlich durch nichts beschwert werden sollte, damit sie zu Gott finden kann; er selber aber hatte nach 13 Jahren in Deutschland für seine innig geliebte Mutter in Amman eine große Platte aus schwarzem Marmor besorgt. Auch bei uns findet man, wenn die Familie es sich leisten kann, manche prunkvollen Gräber und Grabanlagen mit kunstvollen Steinen und vielen Blumen, eventuell noch eine Bank dazu, wie z. B. in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof bei der iranisch-islamischen Gemeinde (Grablage Bo 72). Es macht aber schon einen Unterschied, ob der Begrabene ein persischer Teppich-Händler oder ein Flüchtling aus Bosnien oder Afghanistan gewesen ist und ob die Vorschriften streng gehalten wurden oder nicht: So sieht man oft in Ohlsdorf (Bn 72) und Öjendorf, besonders auf den gemeinde-ungebundenen Grabfeldern, große Anlagen neben schlichten Grabhügeln mit einfachen Brettern.

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"Islamische Grabstätte in Öjendorf" (Foto: Behrens)

Was die äußere Gestaltung der Gräber angeht, ist das Anpassungsvermögen der Einwanderer an die Gastgeberländer erwähnenswert: Auch bei Bordeaux auf dem neuen, 1978 angelegten Parkfriedhof von Artigues, gibt es seit kurzem islamische Grabfelder und - wie es in Frankreich üblich ist - sehr viele Erinnerungstafeln auf den schlicht gehaltenen Grabhügeln.

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"Muslimisches Grab mit Erinnerungstafeln in Bordeaux-Artigues" (Foto: Behrens)

Quellen :
Annegret NIPPA: Ein Muslim stirbt, in: Der Islam, München, Beck, 1995
Lucas DELATTRE: L'Islam en Allemagne, plus toléré qu'intégré, Le Monde, 18.2.1997
Manfred GERNER: Friedhofskultur, Hohenheim Verlag, Stuttgart. Leipzig, 2001, 168 S.
Lars LANGENAU: Im Tiefschlaf - Auf Mekka blickend dem Jüngsten Tag entgegen - ein Besuch auf den muslimischen Friedhöfen der Hauptstadt, Süddeutsche Zeitung Nr. 271 vom 24./25. November 2001, S. 11

Außerdem einige Interviews und viele Internet-Auskünfte wie:
www.muslim-markt.de/friedhof/muslim-friedhof.htm

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