OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Digitale Trauer: Die Gedenkstätten des World Wide Web

 - Februar 2002
Ausgabe: 
Nr. 76, I, 2002

(Der folgende Text ist ein Auszug aus dem im Sutton-Verlag, Erfurt, erschienenen Buch "Geschichte des Todes in der Neuzeit"; d. Red.)
Das digitale Zeitalter kennt auch digitale Orte von Tod und Trauer - die Gedenkstätten des World Wide Web.

"Hall of Memory", "World Wide Cemetery", "Garden of Remembrance" oder "Virtual Memorial Garden" lauten die Namen dieser virtuellen "Friedhöfe". Eigentlich ist - im bisherigen Verständnis - der Begriff "Friedhof" unangemessen, schließlich finden keine Beisetzungen statt. Statt an Friedhöfe erinnern diese virtuellen Gedenkseiten eher an die Epitaphien mittelalterlicher Kirchen, die jenseits des eigentlichen Bestattungsortes den Verstorbenen gedenken. Manche dieser virtuellen Grabmäler umfassen seitenlange (Lebens-) Geschichten, persönliche Dokumente wie Tagebuchaufzeichnungen, Fotos, Videos, Musik, Erinnerungsobjekte. Die Möglichkeit, elektronische Botschaften zu hinterlassen, erinnert an die Kieselsteine, mit denen die Besucher jüdischer Friedhöfe den Toten ihre Reverenz erweisen. In ihrer Gesamtheit wurden die Gedenkseiten mit einer riesigen labyrinthischen Erinnerungsstätte verglichen, in deren bisweilen mehreren tausend Einträgen man beliebig "spazieren" kann.1 Jenseits dieser privaten Gedenkseiten gibt es auch solche für berühmte Persönlichkeiten oder kollektive Erinnerungsseiten, zum Beispiel für Gefallene.2

Zu den wichtigsten kommerziellen Anbietern in Deutschland gehört die im Jahr 1998 eingerichtete "Hall of Memory", auf deren Eingangsseite es heißt: "In lebendiger Form gestaltet, bleiben alle wichtigen Informationen über den Verstorbenen hier 30 Jahre lang der Nachwelt erhalten. Sei es als Memorial-Gedenkstätte, als Nachruf mit Bildern und Sprache, als Kurzbiographie mit Filmen oder als individuell gestaltete künstlerische Büste." Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, den Eintrag zu entwerfen. Für die Standard-Gedenkstätte stehen 18 verschiedene Motive zur Verfügung, aber man kann auch ein Relief des Verstorbenen zeichnen und das Lieblingsgemälde oder die Lieblingsmusik einspielen lassen. Umgekehrt kann jeder Besucher, wie im Internet üblich, interaktiv handeln. Er kann per elektronischer Post Kondolenzkarten versenden oder virtuelle Blumengebinde hinterlegen. Über das private Totengedenken hinaus öffnet die "Hall of Memory" den Weg für neue Vermarktungsmechanismen und Formen der Kommerzialisierung. So sind die Anschriften verschiedener fachspezifischer Unternehmen abrufbar - von Bestattern bis zu Trauerseminaren.

Die Internet-Gedenkstätten zeigen, dass sich die Rituale und die Orte von Trauer und Erinnerung verändern: "Virtuelle Friedhöfe als Teil eines globalen kommunikativen Netzes setzen die private und die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Tod in eine neue Beziehung zueinander und stellen daher einen soziokulturellen Indikator gegenwärtiger Erinnerungs- und Trauerkultur dar." 3

Wie eine Untersuchung zeigte, sind es sozial gesehen vor allem Angehörige der Bildungselite, die das Angebot der "Hall of Memory" nutzen. So verweisen die Gründe für die Einrichtung und Nutzung virtueller Gedenkseiten - wie bereits bei der Rasenbestattung - auf die Lebenswelten der postindustriell-mobilen Gesellschaft zusammen, zum Beispiel die weite Distanz zwischen Wohnort und Grabstätte. Die Funktion bleibt erhalten, aber das Medium ändert sich: "Der virtuelle Friedhof als Ersatzraum simuliert so die Funktionen des realen Friedhofs als legitimen Ort der Trauer und des sozialen Austauschs; er löst diese Funktionen allerdings aus den mit ihnen verbundenen sinnlichen Erfahrungen und verlagert sie auf die kommunikative Ebene." 4

Unter einem anderen Aspekt erweisen sich die virtuellen Gedenkstätten allerdings als überraschend konservativ. Analog zum bürgerlichen Grabmalkult des 19. Jahrhunderts versuchen sie, den Tod zu überwinden, indem sie ihn in der Feier der diesseitigen Erfolge und der dauerhaften Erinnerung verewigen. Bei allem Wandel der Erinnerungskultur: Offenbar erweist sich das gesellschaftliche Bedürfnis, dem Tod etwas Dauerhaftes entgegenzusetzen, stärker als die immer zahlreicheren anonymen Urnenhaine vermuten lassen.

Gleichwohl bleiben die Unterschiede zwischen den Internet-Gedenkstätten und den traditionellen Orten von Tod und Trauer grundlegend. Auf den Friedhöfen und ihren Grabstätten ist der Tod nach wie vor etwas Reales, denn der Leichnam befindet sich eben hier (und sei es in eingeäscherter Form). Bei den Internet-Gedenkstätten hingegen spielt der tote Körper keinerlei Rolle - es bleibt ohne Bedeutung, wo die eigentliche Bestattung geschah. Das Internet ist somit ein "entkörperlichter" Ort von Trauer und Gedächtnis. Zugleich ist dieser virtuelle Gedächtnisort stets veränderbar. Im Gegensatz zu den steinernen Grabmäler der Friedhöfe kann er den wechselnden Stadien von Trauer, Verlustbewältigung und Erinnerung immer wieder neu angepasst werden.5 Eingangs dieses Abschnitts war vom Flüchtigen und Vergänglichen die Rede, welches alles Dauerhafte überformt: "Die Digitalisierung des Biologischen lehrt uns auf neue Art, dass unser Leben flüchtig ist. Der Mensch des 21. Jahrhunderts unterwirft sich auch physisch dieser fortwährenden Mobilität. Ein individuell fixierbarer Standort ist auch nach dem Leben nicht mehr fassbar." 6

Denkbar wäre künftig folgendes, der postindustriell-mobilen Gesellschaft als angemessen erscheinendes Szenario: Eine kostengünstige Rasenbestattung ohne Grabmal auf einem städtischen Friedhof, gleichzeitig eine aufwändig gestaltete Gedenkseite im Internet, die von allen Orten zugänglich ist. Das Totengedächtnis hätte sich damit endgültig von den klassischen Orten der Trauer, von den Friedhöfen und Grabstätten, gelöst: "Sollte dieses Szenerio Realität werden, haben Friedhöfe wirklich nur noch die Funktion einer Parkanlage, auf der namenlos sterbliche Überreste 'entsorgt' werden." 7

Aber auch im Internet lebt die Tradition der Friedhöfe und Grabmäler fort. Häufig sind die Gedenkseiten wie Grabmäler gestaltet. Und in ihrer offenen, Leben und Tod miteinander verknüpfenden Form erinnern die Einträge auch an jene Fotografien, die häufig auf katholischen Grabstätten zu finden sind. Es ist - im Gegensatz zu den sonst üblichen, sprach- und symbolarmen Grabsteinen und erst recht im Gegensatz zur zeichenlosen Bestattung - eine Erinnerung an den Toten als Lebenden. Aber, so gibt der Kunsthistoriker Hans Belting zu bedenken: "Die Schnappschüsse, mit denen wir nur den unaufhaltsamen Fluss der Zeit auf einen Augenblick unterbrechen, sind auswechselbare Spiegelbilder des flüchtigen Ich. Die Selbsterinnerung ist nur eine Vorübung, aber keine Bewältigung des Todes." 8

1 Gudrun Schwibbe/Ira Spieker: Virtuelle Friedhöfe. In: Zeitschrift für Volkskunde, 95. Jg., Band II/1999, S. 220-245, hier S. 221.
2 Gudrun Schwibbe/Ira Spieker: Virtuelle Friedhöfe. In: Zeitschrift für Volkskunde, 95. Jg., Band II/1999, S. 220-245, hier S. 225.
3 Gudrun Schwibbe/Ira Spieker: Virtuelle Friedhöfe. In: Zeitschrift für Volkskunde, 95. Jg., Band II/1999, S. 220-245, hier S. 220.
4 Martin Venne: Anonym Bestatten - Digital Gedenken. In: Friedhof und Denkmal, 44. Jg., Heft 1/1999, S. 17-24, hier S. 18; Gudrun Schwibbe/Ira Spieker: Virtuelle Friedhöfe. In: Zeitschrift für Volkskunde, 95. Jg., Band II/1999, S. 220-245, hier S. 236.
5 Gudrun Schwibbe/Ira Spieker: Virtuelle Friedhöfe. In: Zeitschrift für Volkskunde, 95. Jg., Band II/1999, S. 220-245, hier S. 239-240.
6 Fritz Franz Vogel: Deadline. Vom Umgang mit dem Tod und den Toten. In: Werk, Bauen + Wohnen, 87. Jg., Nr. 10/2000: Themenheft "Nekropolis", S. 46-49, hier S. 49.
7 Martin Venne: Anonym Bestatten - Digital Gedenken. In: Friedhof und Denkmal, 44. Jg., Heft 1/1999, S. 17-24, hier S. 21.
8 Hans Belting: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. München 2001, S. 187-188.

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