OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Emily Ruete alias Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar (1844 - 1924) - ein Lebensschicksal aus der Kolonialzeit

 - Februar 2001
Ausgabe: 
Nr. 72, I, 2001

Vor einem guten Jahr fragte mich eine Freundin, ob ich je von der Prinzessin von Sansibar und ihrer ungewöhnlichen "Love Story" gehört hätte und ob sie vielleicht auf dem Ohlsdorfer Friedhof liege...

Ich musste passen, fand aber schnell die Antworten im treffenden Artikel von Angelika F. Pfalz (S. 205-208) in dem hervorragenden Buch "Stadt der toten Frauen - Frauenportraits und Lebensbilder vom Friedhof Hamburg Ohlsdorf" von Rita Bake und Brita Reimers, 1997 im Verlag Dölling und Galitz erschienen. Gleich darauf besuchte ich das etwas versteckte Grab (Lage U 27, 78-89, an der Kapellenstraße gegenüber vom Freilichtmuseum) - eine schlichte, schwarze Grabplatte beim zwölfstelligen Familiengrab ihrer Schwiegerfamilie, mit der folgenden Inschrift:

Emily Ruete
Witwe des Rudolph Heinrich Ruete
geb. 30. Aug. 1844 in Zansibar,
gest. 29. Febr. 1924 in Jena.
Der ist in tiefster Seele treu,
Wer die Heimat liebt wie du.

Das goldene arabische Schriftzeichen (es heißt: Salme, Prinzessin von Oman und Sansibar) am Kopf der Grabplatte und die Worte Fontanes sagen wenig über das abenteuerliche Leben einer außergewöhnlichen und mutigen Frau, die eigentlich nur fünf Jahre (1867-72) Hamburgerin war und erst nach ihrem Tod 52 Jahre später zurück nach Hamburg kam und neben ihrem Mann beigesetzt wurde.

Geboren als Tochter von Sejjid Said, dem Imam von Mesket und Sultan von Oman und Sansibar, und einer seiner 75 Nebenfrauen, einer tscherkessischen Sklavin, wächst Salme in einem am Meer gelegenen Palast unweit der Stadt Sansibar zusammen mit ihrer Mutter Dschilsidan, einem Teil ihrer 36 Halbgeschwister und deren Mütter auf. Dort lernt sie mit fünf Jahren reiten, später fechten und schießen und auch lesen; da aber das Schreiben ausschließlich den Jungen vorbehalten ist, bringt sie es sich - selbstverständlich im Geheimen - auf eigene Faust bei, worüber sie sich später sehr freut (und wir damit auch!), wie wir es aus ihren Memoiren erfahren - der ersten Autobiographie aus Sansibar und zudem von einer Frau aus der muslimischen Welt.

Mit sieben Jahren darf sie den Frauenbereich kaum noch verlassen, nur noch tief verschleiert in der morgendlichen Dämmerung oder abends nach Einbruch der Dunkelheit. Mit knapp zwölf Jahren verliert sie 1856 ihren Vater, wird für mündig erklärt und erhält ihr Erbteil - die Hälfte dessen, was die Prinzen erben. Als auch ihre Mutter drei Jahre später stirbt, lässt sich Salme in Thronfolgestreitereien ihrer beiden ältesten Brüder verwickeln und beteiligt sich in Sansibar an einer Palastrevolution.

Aus diesem Grund von Verwandten und Freunden gemieden, zieht sie sich zurück. Da ihre drei Plantagen im Landesinneren liegen, vermisst sie das Meer und mietet bald einen Landsitz in dessen unmittelbarer Nähe: Hier lernt sie ihren späteren Mann kennen, den Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete, der in Sansibar als Agent der Firma Hansing & Co Geschäfte mit Nelken und Gewürzen macht. Aus der Freundschaft entwickelt sich eine innige Liebe zu dem Fremden. Salme erfährt so schlimme Repressalien durch ihre Familie, dass sie sich entschließt, ihre Heimat zu verlassen. Beim zweiten Versuch im Herbst 1866 gelingt es ihr: Auf einem englischen Kriegsschiff erreicht sie Aden, wo sie bei Freunden auf ihren Verlobten wartet, der nachkommen soll. Dort erhält Salme christlichen Religionsunterricht, wird dann auf den Namen Emily getauft und am gleichen Tag mit Heinrich Ruete getraut. Über Marseille reisen die beiden 1867 nach Hamburg, wo drei Kinder geboren werden - Antonie (1868, die als einzige bei ihren Eltern auf dem Ohlsdorfer Friedhof liegt), Rudolph (1869) und Rosalie (1870). Ein Pferdebahnunfall beendet jäh das kurze Eheglück, Emily bleibt als ziemlich mittellose Witwe mit ihren drei kleinen Kindern zurück.

Salme, die in ihrer Heimat eine eigene Plantage und einen Haushalt mit vielen Sklaven geleitet hatte, wird aufgrund der (damaligen!) gültigen Ehegesetze quasi für unmündig erklärt. Noch zwei Jahre bleibt sie in Hamburg, wo sie einen beträchtlichen Teil ihres Erbes durch fremde Schuld verliert, bevor sie - meistens bei Freunden wohnend - nach Dresden, Darmstadt, Rudolstadt, Berlin, Köln und schließlich Jena übersiedelt. Da mit ihrem Übertritt zum Christentum nach muslimischem Recht alle ihre Ansprüche auf ihre einheimische Erbschaft erloschen sind und Emily von der Familie Ruete wenig Unterstützung erfährt, versucht sie, mit Arabischunterricht Geld zu verdienen, später dann mit der Veröffentlichung (1886) ihrer auf deutsch verfassten Memoiren, die auch ins Englische, Französische und Arabische übersetzt werden (schon 1871 erschien ihre dramatisierte und ausgeschmückte Geschichte als Klatschstory unter dem Titel "Am Familientische - Eine afrikanisch-europäische Liebesgeschichte" in der Zeitschrift "Daheim - ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen"). Nachdem sie vergeblich eine finanzielle Unterstützung von der englischen Regierung erhofft hat, erhält Emily schließlich von Bismarck eine Leibrente. In ihren nimmermüden Bemühungen, ihre Heimat wiederzusehen (was sie doch zweimal schafft, 1885 nach 19 Jahren mit ihren drei Kindern und nochmals 1888) und sich endlich mit ihrer Familie zu versöhnen, bleibt die Prinzessin nur eine Schachfigur der Kolonialpolitik, der englischen, dann der deutschen. Erst ihrem Sohn Rudolph, Bankkaufmann und Schriftsteller, gelingt zehn Jahre nach ihrem Tod die Anerkennung durch die Familie seiner Mutter, als er vom Sultan Khalifa den Titel Sejjid - wie sein Großvater - bekommt, fast 70 Jahre nach der skandalösen Flucht seiner Mutter.

Dem Gefühl der Heimatlosigkeit versucht sie zu begegnen, indem sie ihre Erinnerungen aufschreibt - und so denkt man auch an die Worte Fontanes auf ihrem Grab, wenn man die Zeilen liest:

"Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin, und was bin ich heute? Eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche"...

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