OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Erinnerungen an die Anfänge

 - September 1999
Ausgabe: 
Nr. 66 / 67, III / IV, 1999

Vor zehn Jahren hat sich der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V. gegründet, um einen Beitrag zur Erhaltung der Friedhofs-und Grabmalkultur in Hamburg zu leisten.

Bemühungen um eine solche Erhaltung hatte es auch in den Jahrzehnten davor manchmal gegeben. Schon zu Zeiten des ersten Friedhofsdirektors Wilhelm Cordes stand die Erhaltung von Grabmalen älterer Hamburger Friedhöfe mit auf dem Programm: Bei der Aufhebung der Steintorfriedhöfe, die um 1900 dem neuen Hauptbahnhof weichen mußten, wurden erste Gräber und Grabmale nach Ohlsdorf verlegt, um sie für die Nachwelt zu bewahren. Auch die Kriterien, nach denen ausgewählt wurde, was erhalten werden sollte, waren ähnlich wie heute; die Bedeutung der begrabenen Persönlichkeiten spielte ebenso eine Rolle wie der künstlerische und kulturelle Wert der Grabmale.

Die neue Denkmalpflege der 20er Jahre lenkte dann den Blick auch auf die künstlerisch unbedeutenden Grabmale der Reihengräber, die als kulturhistorische Quellen von dem Aufkommen einer neuen Massenkultur des persönlichen Gedenkens berichteten. Dafür wurde sogar auf dem Friedhof ein längst vergessener Denkmalbereich entlang der Talstraße eingerichtet. Zugleich aber begann die ebenfalls neue Grabmal-Genehmigungs- und Beratungsstelle mit einer Liste besonderer Grabmale, die zu erhalten waren.

Auch die Nationalsozialisten leisteten ihren - in sich allerdings außerordentlich widersprüchlichen - Beitrag zur Friedhofsdenkmalpflege. Sie ließen einen großen Teil der Dammtorfriedhöfe mit ihren unwiederbringlichen Grabmalen einebnen und zum Aufmarschplatz umgestalten und richteten zugleich in einer Propagandaaktion zum Tag des Heimatschutzes ein Freilichtmuseum mit erhaltenswerten Steinen in Ohlsdorf her.

Wenn der Förderkreis jetzt anläßlich seines zehnjährigen Bestehens einen neuen musealen Bereich mit Grabsteinen einweiht, so reiht er sich also in eine lange Tradition ein. Allerdings war diese Tradition durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und die nachfolgende Neuerungswut der 50er und 60er Jahre lange in Vergessenheit geraten. Erst das Denkmalschutzjahr 1975 und das hundertjährige Bestehen des Friedhofs 1977 brachten den Verantwortlichen in Erinnerung, daß die großen Grabmale der Jahrhundertwende, die bis dahin als schrecklich kitschig angesehen und munter abgeräumt wurden, vielleicht doch zu dem kulturellen Erbe der Stadt Hamburg zählen könnten und zum mindesten inventarisiert werden sollten.

Die VW-Stiftung und die Hamburger Kulturbehörde ermöglichten ein entsprechendes Forschungsprojekt, das allerdings ohne die zielstrebige Tätigkeit von Prof. Dr. Hermann Hipp - damals Mitarbeiter des Denkmalschutzamtes - wohl kaum zustande gekommen wäre. Von 1981 bis 1986 war dann die Autorin dieser Zeilen bei dem Projekt tätig und lernte in stundenlangen Friedhofsbegehungen die Vielfalt der Ohlsdorfer Grabmalkultur kennen und schätzen. Die Ergebnisse des Projektes können in der entsprechenden Literatur nachgelesen werden. Doch als die Arbeit zu Ende war, war auch das Engagement der zuständigen Stellen aufgebraucht. Der Motor des Projektes hatte zudem das Denkmalschutzamt verlassen, so daß keine Aussicht auf eine aktive Umsetzung der Erhaltensaussagen durch den praktischen Denkmalschutz zu erwarten war. Tatsächlich zog sich das Denkmalschutzamt bis heute fast ganz aus der Aufgabe der Erhaltung von Friedhofs- und Grabmalkultur zurück.

Allerdings hatte inzwischen Helmut Schoenfeld, der in der damaligen Friedhofsverwaltung tätig war, sein Interesse an der Friedhofsgeschichte entdeckt. Damit wuchs der Grabmalerhaltung ein neuer Fürsprecher zu, der in der Folgezeit durch seine Arbeit aktiv für die Umsetzung der Erhaltensaussagen stritt. Trotzdem gab es traurige Überlegungen über das absehbare Sterben einer Reihe wichtiger Impulse und Ideen. In dieser Zeit fügte es sich, daß Prof. Dr. Dr. Wenzel Lohff die Arbeit des Forschungsprojektes kennenlernte. Er unterstützte die losen Übelegungen zur Fortführung der Arbeit und ihrer Verknüpfung mit den grundsätzlichen Fragen zum öffentlichen Umgang mit dem Thema Sterben und Tod und machte den Beteiligten Mut, die Gründung eines Vereins zu wagen und damit ihre Arbeit unter anderen Vorzeichen fortzuführen.

Zehn lange Jahre sind seitdem vergangen. Das Wirken des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V. ist an anderer Stelle in dieser Zeitschrift zusammengefaßt. Mir scheint es eine imponierende Bilanz unseres - ehrenamtlichen und freiwilligen - Engagements zu sein. Ich glaube, die vielen Menschen, die sich im Förderkreis zusammengeschlossen haben und aktiv für die Erhaltung der Friedhofskultur und damit auch für einen anderen Umgang mit dem Tod gestritten haben, können zufrieden sein. Das Wichtigste haben wir erreicht: Der Ohlsdorfer Friedhof wird nicht mehr nur als Ort wahrgenommen, wo bestattet wird, sondern er ist fest im Bewußtsein der Öffentlichkeit als ein Teil des Kulturerbes der ganzen Stadt verankert, ein Kulturerbe, das sich immer wieder zu besuchen lohnt. Dafür haben wir uns in unzähligen Führungen, mit Broschüren, Vorträgen und Ausstellungen und nicht zuletzt seit einigen Jahren mit der Betreuung des Friedhofsmuseums eingesetzt.

Allerdings: "Was du ererbt hast von den Vätern, erwirb es, um es zu besitzen" heißt es bei Goethe. Erreichtes muß leider immer wieder von Neuem erkämpft werden, da es sonst wieder verloren geht. So können auch wir uns heute nicht auf unserer Arbeit ausruhen - auch wenn wir das Feiern nicht vergessen - sondern brauchen jeden Freund des Friedhofes, um uns weiter für seine Erhaltung und für die Auseinandersetzung mit jenem Thema einzusetzen, das jeden Menschen etwas angeht: dem Tod.

Heft-Rubrik: 

Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.
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Telefon: 040 / 50 05 33 87 | E-Mail: info@fof-ohlsdorf.de
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